Aktuell

Eine neue Hose

Auf dem Weg ins Bekleidungsgeschäft spürte ich meine ganze Verzweiflung. Es brauchte nicht lange, bis ich meiner Mutter erklärte, ich hätte keine Lust mehr, die richtige Hose zu finden und sie bat, das Geschäft zu verlassen. Als ich vor dem Lift wartete, spürte ich die Schwäche, die Lustlosigkeit, die Verzweiflung am stärksten, ich wollte nachhause und nur aufschreiben, was ich durchlitt, um durch das Schreiben mir meine Verzweiflung zu nehmen, vielleicht einen neuen, heilenden Blick auf alles zu finden.
Als ich vor drei Tagen um den Büchertisch meines Lieblingsbuchladens ging, um noch kurz vor Geschäftsschluss ein Buch für meine Abendunterhaltung zu erwerben, blieb ich vor einem weißen Taschenbuch mit schwarzer Schrift stehen. Ein Psychothriller, wie ich las. Eigentlich nicht die Art Unterhaltung, die ich mag, auch der Klappentext war unverständlich. Da ich aber meiner Intuition folgen wollte, kaufte ich es und begann sofort nach meiner Rückkehr im Garten mit dem Lesen. Nachdem es seit zwei Tagen regnet, ist das schöne Wetter schon fast vergessen und an seine Rückkehr nur schwer zu glauben. Das Buch hat mir gefallen, auch wenn die Schwere der dissoziativen Identitätsstörung der Rechtsmedizinerin für den von ihr geliebten Hauptkommissar fast seinen Tod zur Folge gehabt hätte. Die Kraft der Liebe, die in der Beziehung dieser beiden Menschen erwuchs, hat mir gefallen, die Risiken und Gefahren, die in einer liebenden Beziehung möglich werden, haben mich beängstigt. So, dass ich mir sage, nie wieder in einer abhängigen Zweierbeziehung zu leben. Ich will nie wieder bleiben müssen, obwohl ich lieber gehen möchte. Und ich möchte nie wieder verlassen werden, mit kalter, unmenschlicher Gleichgültigkeit abgelehnt werden. Und ich will endlich dieses abhängige Leiden verlieren, mit dieser Frau, deren Nähe ich mir wünsche.
Jede Krankheit hat einen Grund, manchmal ist sie die letzte Möglichkeit der Einheit von Körper, Geist und Seele auf eine lebensnotwendige Veränderung hinzuweisen, hinzuwirken.
Und welchen Zweck hat mein Leiden, dass nach einer kurzen Begegnung mit ihr so weh tut, die Lebenslust so attackiert, dass sie darliegt, am Boden liegt, es schwer fällt, wieder aufzustehen?
Ich werde jetzt aufstehen, mein basische Fußbad verlassen, um mein Obst und Gemüse einzukaufen, auch einen Duschschlauch,zu lange schon ertrage ich diesen Mangel, der mit geringem finanziellen Und fachlichen Aufwand so leicht zu beheben ist. Vielleicht begegne ich ihr, lieber aber noch der Frau, die alles leidige Denken zum Stillstand, zum Ende bringt. He, was habe ich gerade noch gesagt? Keine Abhängigkeit mehr. Mir selbst genügen. Das Gute und die Liebe finden in den Dingen und Zuständen, die allein mit meinem Tun und Denken möglich sind. Der Himmel ist wieder blau.

Mütter

Ich muss es mir aus der Seele kotzen. Sie hat noch immer Einfluss auf mich. Äußerlich war ich vielleicht entspannt, innerlich war Unruhe, es wühlte. Ein Jahr Arbeit mit mir, und noch immer keine Befreiung. „Na, Herr Ridder!“, waren ihre Worte an mich, als ich neben ihr stand und sie, vertieft inn ein Gespräch, mich erst jetzt wahrnahm. Warum wühlte es noch immer in mir? In dem Augenblick, als ich die Frau mit der weißen Bluse in den blauen Jeans  sah, war sie ungefähr 50 Meter von mir entfernt. Ich hatte sie wieder nicht gleich erkannt. Erst auf den letzten Metern wurde mir klar, daß sie es ist. Ich hörte ihr zu und natürlich wusste auch meine Mutter ihren Anteil am Gespräch beizubringen. Ich schwieg. Als wir weitergingen, fragte mich meine Mutter, ob sie die Frau schon mal gesehen hätte, sie meinte sich zu erinnern. Nein, sie hat sie noch nie gesehen, nur wenn sie in mein Herz hätte schauen können, eine Fähigkeit über die Mütter manchmal verfügen.

Leute aus besseren Kreisen

Am Ende meines Lebens würde ich nicht meine Fehler sondern das, was ich nie versucht habe, bereuen. Wie oft habe ich diesen Satz schon gelesen, und wie oft habe ich ihm zugestimmt, auch heute, auf dem heutigen Kalenderblatt. Während ich diesen Satz schreibe, im Liegestuhl mit den Füßen im Basenbad, betritt mein Nachbar sein Grundstück, erschöpft, mit einer Golftasche, die er bis zum Gartenhäuschen schultert und dort abstellt. Ich könnte diesen Zufall als Hinweis, vielleicht so gar als Aufforderung an mich verstehen, in naher Zukunft mit Golftasche und Golfmontur das Golfen zu lernen. Gut, dass kein Fallschirmspringer auf den Nachbargrundstück gelandet ist. Über diesen Hinweis hätte ich hinwegsehen müssen, allein die Vorstellung, im Flugzeug zu sitzen und aus der kleinen Öffnung ins Nichts zu springen, verursacht größeres Unbehagen in mir. Heißt es aber nicht, man solle dort ansetzen, wo die Angst am größten ist? Nein, die Einführung ins Golf-Spiel reicht völlig als Herausforderung. Warum aber ist das Golf-Spiel eine Herausforderung für mich? Ich könnte jetzt erneut beklagen, dass ich aufgrund meiner Herkunft, meiner Armut, meines Gescheitertseins und meines mangelnden Selbstwertes nichts unter Leuten aus besseren Kreisen zu suchen habe.Suchen. Könnte ich denn überhaupt Spaß am Golfspiel haben? OK, ich werde es herausfinden. Frist:1 Woche. Das ist ein machbares, erreichbares Ziel, ob es auch ein lohnendes Ziel ist? Der Weg ist das Ziel.

Langeweile

Die Frau, die heute Morgen vor mir in der Reihe der wartenden Bäckereikunden stand, war schon etwas älter, vielleicht so alt wie ich. Was fiel mir zuerst an ihr auf, das gut geschnittene Gesicht mit der dazu passenden rotblonden Kurzhaarfrisur, das weiße Baumwollhemd mit den vielen Falten, die jedoch das Hemd verschönten, die dunkelgraue Hose, die unterhalb des Gesäßes einen Hohlraum bildete, oder ihre Füße, die in dunklen Flipflops steckten und an denen nur der große und der vierte Zehnagel rot lackiert waren. Zumindest hatte es diesen Anschein, denn die anderen Zehnägel waren aus meiner Perspektive nicht zu sehen. Perfekt gekleidet. Ob ich sie an der Bluse wiedererkennen würde?  Ich habe keine Lust mehr am Suchen. Ein Gefühl, dass sich auch körperlich bestätigt, denn mein Sehkraft wird stetig schlechter. Habe ich noch Lust am Leben. Ein schönes Buch könnte mir jetzt gefallen. Hunger habe ich keinen, Durst auch nicht. Auf Sport, Yoga oder Fitness habe ich auch keine Lust. Hätte ich einen Fernseher, würde ich fernsehen, durchzappen, weil nichts gefällt. Ich könnte ins Kino gehen, kurz in eine andere Welt eintauchen. Wie trostlos. So war ich aber schon immer. Gelangweilt. Ich kann mich noch gut an die Frage erinnern, die ich meiner Mutter als Kind stellte: „Was soll ich mal tun?“ Was könnte mich jetzt aus der abendlichen Langeweile herausholen? Gut, dass ich keinen Fernseher habe, sonst würde ich ihn jetzt eingeschaltet haben und er würde mein Leben bis zum Einschlafen bestimmen. So habe ich gekocht, gegessen, gespült und schreibe bei einer Tasse Tee jetzt diesen Text. Die Müdigkeit, die sich allmählich einstellt, wird mich in wohl einer Stunde ins Bett führen. Ich könnte noch einen Abendspaziergang machen, wenn es nicht regnen würde, ich könnte jemanden anrufen, aber ich habe nichts zu erzählen. Wen sollte ich auch anrufen? Wen wollte ich jetzt anrufen? Wären meine Kinder nicht, der Pfarrer wäre der einzige Gast bei meiner Beerdigung. Ich bin allein. Doch leide ich nicht am Alleinsein. Es ist halt nur langweilig. Mein Leben ist langweilig. Auch als Kind habe ich schon nicht gewusst, wie ich dieser Langeweile entkommen konnte. Meist habe ich mich aufs Rad gesetzt und bin durch den Ort gefahren oder saß hilflos am Klavier und klimperte ewig Gleiches.

Scham

Ich bin stolz auf mich, auch wenn immer noch eine kleine Restmenge an lebensbeschränkender Scham in mir ist. Auch davon werde ich mich freischreiben. Es hat mir gefallen, den Tag mit der aufgehenden Sonne im Liegestuhl zu beginnen, neben mir eine ungesüßte Tasse Kaffee, ein, zwei Kekse, und zu wissen, ich könnte hier liegen, bis die Sonne wieder untergeht, gelegentlich würde ich den Liegestuhl neu zur Sonne ausrichten, wenn ich Hunger verspürte, ginge ich in die Küche, vielleicht Obst, einen Salat oder geschmortes Gemüse. Ich werde diese Art meiner Ernährung beibehalten, auch wenn meine Friseurin mir gestern empfahl, mehr zu essen. Ich musste alt werden, um erstmals das Gefühl zu haben, mit einem guten Haarschnitt einen Friseursalon zu verlassen. Liebe I., ich danke dir für deine Haarschneidekunst und für die Gespräche, die wir führten und führen werden. Die letzten drei Wörter habe ich ergänzt, der Satz hatte sonst keine Zukunft. Auch wenn das Alter meiner Mutter und die damit einhergehende Notwendigkeit meiner Nähe und meines Beistands mein neues Leben beenden könnten, will ich den Glauben an ein eigenes, weiterhin selbstbestimmtes Leben noch nicht begraben. Und während ich hier lag, ließ ich meine Worte, die ich sprach, auf mich wirken und hörte meine Musik. Jedes Lied ist mit einem Moment verknüpft, jedes Lied erinnert mich an diesen einen Moment. Es ist fantastisch, was die Trennung vom Ehepartner möglich macht. Fünfzig Lieder, zwei Bücher und den Verlust von Ehe, Familie, Haus und Arbeit. Ich hatte auch in dieser Nacht wieder von ihr geträumt. Sie saß erhöht in der Mitte eines Raumes und ich klagte sie an, warum sie mir die Antworten verweigere. Ich spüre, dass der Traum sehr viel komplexer war und vielleicht eine inhaltlich andere Zusammenfassung verdiente. Doch beschreibt er meine stete Traurigkeit, meinen Ärger, mein Unverständnis sehr gut. Warum lebte ich von meinem sechzehnten bis zu meinem  zweiundfünfzigsten Lebensjahr mit  einer Frau zusammen, die ich nicht liebte, die mich nicht faszinierte, die mir keinen Antrieb, keine Freude und keine Lust am Leben gab. Wann haben wir das Leben gefeiert? Ich musste erst ohnmächtig werden um mir meinen Wunsch nach Veränderung zu genehmigen. Und selbst als ich mich davon überzeugt hatte, dass ich mich trennen musste, gab ich den Entschluss auf. Hätte meine Frau sich nicht für einen anderen Mann entschieden, ich würde weiterhin mein altes Leben leben. Habe ich mich schon bei dir entschuldigt für dieses trostlos Leben, das ich dir zumutete? Ich habe so viel nachzuholen. Ziele setzen: im Winter werde ich neue Lieder aufnehmen, Lieder, die dann auch mir genügen. Ich bin gespannt, was mir gelingt, ich freue mich auf diesen schöpferischen Prozess. Und heute sollte ich mir das schönste Ziel setzen. Ich werde mich verlieben, aber nur für heute, eine zweite Trennung würde mir nicht guttun. Nur für heute den Tag feiern. Die Natur bietet heute so viel unbeschreibliche Schönheit, die der Liebe einen wunderbaren Rahmen gäbe. Nur für heute. Es ist Zeit für dieses Gefühl, dass ich so wohl noch nicht erlebte, ein Feuerwerk roter Rosen, die vom Himmel fallen. Es ist Zeit für dieses Gefühl, das ich wohl noch nie erlebt habe, von dem mein Innerstes aber unerschütterlich fordert: Lass es wahr werden, lebe die Liebe, liebe das Leben. Leicht geschrieben, lieber Jörg. Das letzte Mal als ich die Kraft der Liebe in mir spürte, die mich bestärkte, das mir sonst Unmögliche zu tun, ist schon ein paar Jahre her. Und heute, innerhalb nur weniger Stunden soll das Wunder der Liebe Wirklichkeit werden? Dann sollte ich mich doch jetzt aus dem Liegestuhl entfernen und nach Dusche und Ankleiden den Garten verlassen und mich auf den Weg machen. Ich werde Wegweisern begegnen, Westerland, Braderup, Munkmarsch, aber auf keinem Schild wird „Jörgs Liebe“ stehen. Ich könnte den einen Weg wählen, der mich zu der Frau führt, zu der es mich zieht, mein Verstand und zuallererst meine Scham aber fordern: Lass es!“
Wie blöd, blödfisch sozusagen, dabei erfüllt sie doch die wichtigste Voraussetzung, die mein Verstand an die Liebe stellt: Ich wollte, sie wäre Mutter unseres Kindes.

Logik
Ich hatte ihr Bild geöffnet. Ich wusste, was mich erwarten würde, der geöffnete, lachende Mund mit den großen Zähnen, Lippen, die ich nie küssen wollte, in der Mitte des Gesichts die große Nase, ihre Augen, erdrückt von hängenden Augenlidern und breiten Augen-Brauen, um die sich Falten kräuselten. Zehn Jahre galt mein tägliches Denken dieser Frau. Ich wusste sehr wohl während dieser langen Zeit, den besten Jahren im Leben eines Mannes, die Zeit zwischen dem 35. und 45. Lebensjahr, dass es keinen verständlichen Grund für mein dauerhaftes, stetes Denken gab. Der einzige Grund, der mein anhaltendes Denken hätte erklären können, war der, dass ich krank war. Krank im Denken und krank im Fühlen. Ich bin ihr das erste Mal auf einer Veranstaltung begegnet, da saß sie neben mir. Ob der himmlische Vater sie neben mir platzierte, um mich aus der von mir nicht gewollten Ehe zu locken? Bei unserer zweiten Begegnung stand sie neben mir an der Kuchentheke des Bäckers, ich spürte ihr Interesse, vielleicht Gefallen. Nach zwei Jahren sagte ich ihrem Mann, ich hätte mich in sie verliebt. In den Jahren bis zur Trennung von meiner Frau wollte ich jeden Gedanken, den ich mit dieser Frau verband und jedes Gefühl der Schwäche, das den Gedanken zeitgleich folgte, nur loswerden. Erst durch die Trennung von meiner Frau hatte dieses Denken und Fühlen ein sofortiges Ende. Warum die Gedanken, warum das plötzliche Ende? Alles in der Natur hat eine Logik.

Small world
Die letzten Zeilen des zweiten Kapitels in Martin Suters Roman ‚Small Word‘ lauten: An der Haustür gab er ihr einen väterlichen Kuss: Mach’s gut. Und danke für alles.““Mach’s auch gut“, erwiderte Barbara.

Eine Verabredung am Strand oder Sonnenuntergang für Zwei
Die Sonne scheint schon seit dem frühen Morgen und wird bleiben, bis sie am späten Abend in der Nordsee versinkt. Heute Abend fahre ich ans Meer und sehe mir den Sonnenuntergang an. Ich fahre allein, und ob ich auch allein in einem der Strandkörbe sitzen werde, die vor dem Roten Kliff auf mich warten, dort, wo in ein paar Tagen alles weiß ist, obliegt dem Lauf der Dinge. Vorher werde ich noch ein paar Dinge einkaufen, keinen Wein, kein Bier, auch keine Rauchwaren. Solltest du mich suchen und finden, darfst du deinen Wein mit mir teilen. Melone, Pistazien, Tomaten, Obst, Wasser, ein wenig Käse und einen Pullover für dich, solltest du frieren. Ich freue mich auf dich. Ich habe gedacht, geschrieben, später werde ich meine Freude, meinen Wunsch aussprechen, so dass dem Universum genügend Zeit bleibt, dass meine Wünsche Wirklichkeit werden.

Neid
Von vorne bummerte der Bass und eine Stimme, die mich darauf hoffen ließ, gleich würden sie eines der Lieder spielen, die mich von Kind an durch’s Leben begleiten, die auf CD liefen, als ich meine Tochter mit dem Auto vom Land in die Stadt fuhr und lauter, wenn ich sie in der Nacht wieder abholte, in den zwei, drei Jahren vor ihrem Abitur, zu dem meine Trennung ihren emotionalen Höhepunkt hatte. Auf dem Weg zum Open Air Ereignis hatte mich mein Sohn angerufen, er wolle nur sein altes Leben zurück. Was war sein altes Leben, das ja auch Teil meines Lebens war? Du brauchst meine Liebe, mein Verständnis, meine Zeit, meine Gelassenheit, meine Hilfe. Alle brauchen sie meine Hilfe und ich selbst brauche Hilfe, um die Kraft, den Mut, die Liebe zu erhalten, dir wirkliche Hilfe zu geben. Ich stand in dieser kultivierten Menge und manchmal war ich nur bei mir und der Musik, die ich hörte, ließ mich mitnehmen von der Fingerfertigkeit des Bassisten, dem entrückten Solo des Schagzeugers, dem Wohlklang von Stimme und Melodie, dem Spiel der Band, dem Rhythmus, bis wieder schöne Menschen, mit einem schönen, perfekten Gesicht und von der Sonne verwöhnt, perfekt gekleidet meinen Blick kreuzten und mich neidisch machten, weil ich vielleicht auch die perfekte Beziehung, das perfekte Zuhause, das perfekte Leben mit ihrem Aussehen verband. Und wenn das Optimum dann auch noch lächelnd an mir vorbeiging, war auch mein Neid perfekt. Es gibt Unterschiede in meinem neidischen Denken. Da war das perfekte Gesicht des Mannes, wahrscheinlich perfekt gekleidet, von stattlicher Größe, ein Gesicht wie das von George Clooney, Brat Pitt oder Gregory Peck, oft, nicht immer, gefolgt von einer schönen Frau. Ich bin neidisch auf das perfekte Äußere dieses Mannes und die Möglichkeiten, die ihm sein Aussehen vermittelt hat. Ich weiss nicht, ob ich das Aussehen, die Größe, die Ausstrahlung, die Wirkung diese Mannes haben möchte. Ich weiß nicht, ob ich etwas Unmögliches wollte. Ich will den Zustand nicht ändern, auch das Lebensalter kann ich nicht ändern. Beides ist unveränderlich. Das Gefühl der Minderwertigkeit aber, dass dieser gut aussehende Mann in mir auslöst, das ist änderbar. Und die schönen Gesichter der schönen Frauen, deren Kleidung sich ihrer eigenen Schönheit anpasste, die meine Aufmerksamkeit fanden, deren Blick mich aber nie fand, was machten sie mit mir? Kein Neid. Vielleicht ein Gefühl von Habenwollen, vielleicht nur der Wunsch, beachtet zu werden. Und ich habe die Menschen beneidet, die geimeinsam den Festplatz verließen um mit dem anderen die Nacht mit ihrem sternenklaren Himmel zu feiern. Vielleicht hätte ich die Frau, die neben mir stand, klatsche, auch mal johlte, sich in meinem Rhytmus, dem Rhythmus aller bewegte, einmal anschauen sollen. Vielleicht hätte sie mir gefallen, so gefallen, dass Ihr Äußeres und der erste Blick in ihr Inneres meinen Mut gerechtfertigt hätten. Ich blieb still, setzte mich auf den Steinwall und beobachte noch ein wenig den Abbau der Anlage, sah wie der Bassist das Mikofonkabel aufrollte, die anderen Mitglieder der Band ihre Instrumente verpackten. Ich würde gerne Klavier spielen können, auch da hat mir das Leben Grenzen gesetzt. Ich werde versuchen, dem Rat des heutigen Kalenderblattes zu folgen, es liest sich gut: „Ich stelle mir vor, ich würde ab heute dem Leben so sehr vertrauen, dass ich aufhörte zu kämpfen und mich in mich hinein entspannen könnte.“ Ich kann es schaffen, wollte ich moch schreiben, als mir bewusst wurde, dass ich nicht mehr kämpfen will.
Heirat
Ich glaube, ich muss noch einmal heiraten, oder doch zumindest eine Beziehung eingehen. Will ich das?
Noch einmal mit einer einzigen Frau leben? Die Mutter meiner Kinder hat wieder geheiratet. Sie hat seinen Namen angenommen, den Namen ihrer Kinder und ihren Geburtsnamen hat sie aufgegeben. Ich weiss nicht, ob sie ihre Entscheidung, erneut zu heiraten, bereut, ob sie glücklich ist? Das letzte Mal habe ich mich mit ihr am 30. März 2012 unterhalten, dem letzten Schultag vor dem Beginn der Osterferien. Habe ich noch eine Verantwortlichkeit für ihr Leben, eine Verantwortlichkeit wie ich sie in den 36 Jahren unserer Beziehung trug. Hat sie eine nacheheliche Verantwortlichkeit für mich? Als sie mir einen Monat vor unserem letzten Gedpräch mitteilte, sie sei jetzt mit XY zusammen, war mein erster Gedanke: Wer pflegt mich im Alter? Heirat als wechselseitiges Pflegeversprechen? Ein Schuldverhältnis, das für eine Person zur einseitigen Leistungspflicht wird, wenn mit der Pflegebedürftigkeit des einen die Hoffnung auf Gegenleistung endet. Vielleicht bleibt dann zumindest die Hoffnung auf ein Ende. Wie müsste denn die Frau sein, die mich im Alter pflegen darf? Müsste sie staatlich geprüfte Krankenschwester sein? Nein, es würde genügen, wenn sie da wäre. Sie müsste der richtige Mensch sein, sie müsste in ihrem Charakter
angenehm sein, keine Cholerikerin, keine Besserwisserin, keine Klugscheisserin. Sie müsste ein Spiegel meiner selbst sein: sanft, zart, weich, schön, tolerant, nachgiebig, liebevoll, verständnisvoll, einfühlsam, klug, offen, ehrlich, verlässlich, verletzt, bescheiden, sie hört Musik, die mir gefallen könnte, sie liest Bücher, über deren Inhalt ich mit ihr reden will, sie lacht mit mir Kino, ich begleite sie zum Ballett, sie will mit mir in den Norden, den Süden, auch in den Westen, ich mag, was sie für mich gekocht hat, sie mag meine Freunde und liebt meine Freundinnen. Ich weiss es nicht. Wenn sie so wäre wie sie, es wäre gut, zumindest heute, jetzt.
Platz da!
Ich bin ganz schön bescheuert, verrückt, neben der alten, falschen Spur. Ein vielleicht zwingender Zustand nach dem Leben, das ich führte. Mein ganzes Leben war ein stiller Schrei nach Liebe. Eine tolle Zustandsbeschreibung. Leider fehlt mir die Schöpferkraft für eine derart treffende, paradoxe Beschreibung meiner Gefühlslage: still schreien. In mir hat es geschrien, ich konnte es nicht aussprechen, egal warum. Mittlerweile kann ich laut schreien, vielleicht nicht laut, eher leise, vielleicht nicht schreien, eher schreiben. Also bitte, dann schreie doch endlich, ich Volltrottel, ich Idiot. Ich bin ein Idiot. Jedoch ein Idiot mit Heilungspotential. Diese Gewissheit tröstet. Werde ich dieses Gefühl, nach dem ich mich so sehne, noch benennen können? Dieses Gefühl, dass ich in meiner Unwissenheit, Unerfahrenheit Liebe nenne, das vielleicht nur Verlangen ist. Wenn ich weiß, was ich will, dann muss ich dafür sorgen, dass ich es erhalte, und jedes Verlangen, jede Liebe erfüllt sich. Eine erfüllte Liebe. Voll an Liebe sein. Warum erfüllt mich dieser Gedanke mehr als die Aussicht, mit der Frau meiner Träume zu schlafen? Weil es in mir ist, nicht vom Außen abhängig? Ich bin ein Meister des Selbstbetrugs. Diese Worte, mein Schreiben werden nie zur Erfüllung führen. Sie stoßen mich an. Ich bin ein derart großer Volltrottel, ich werde noch im Sterben vom Leben schreiben, wobei es doch spätestens dann an der Zeit wäre, der Sehnsucht zu folgen. Ich bin wirklich verrückt, denn ich verstehe mich nicht. Was will ich? Was will ich von der Frau, die mich zum Schreiben zwingt? Völliger Quatsch: nicht sie zwingt mich zum Schreiben. Ich nutze das Schreibenü als… Ich weiß es nicht. Ich muss es auch nicht wissen. Was will ich? Ich will sie sehen. Mehr will ich nicht. Völliger Quatsch. Ich will, dass sie mich liebt, dass sie mit mir zusammen sein will, dass sie mit mir Dinge unternimmt, die zusammen noch mehr Spaß machen, und dann will ich mit ihr einschlafen. Aber das macht doch alles keinen Sinn. Vielleicht will ich nur Befriedigung. Ich bin verrückt. Und möglicherweise doch ohne Aussicht auf Heilung? Nein, warum so negativ? Wie war das noch mit der Fixierung? Ich erbärmlicher Feigling. Auch wenn ich damals am Anfang meines Lebens nicht schon verheiratet gewesen wäre, ich hätte mich nicht getraut, den Zwillingen aus der ersten Reihe im F1 der WWU Münster, BGB AT, zu sagen, dass sie ein schönes Gesicht haben. Hätte ich Ihnen sagen wollen, dass ihr Äußeres mir gefällt. Ihr Inneres kannte ich nicht. Ich war verrückt und bin noch immer verrückt. Und dann dieser vollendete Körper in der Studentensauna. Hätte ich ihr gesagt, dass sie einen vollendeten Körper hat, wenn ich nicht schon verheiratet gewesen war. Ich war noch gar nicht verheiratet, ich hatte nur den Treueschwur geleistet. Ich war erst 19 Jahre. Ich war ein Idiot. Hätte ich die Sexualität mit ihr erlebt, wieviel hätte ich aus dieser Begegnung gelernt? Ist die Sexualität der Sinn meines Lebens? Ich hätte meine Frau nie betrügen können. Ich war ein Idiot. Und warum will ich noch immer ein Idiot sein? Ich brauche kein Idiot mehr zu sein. Da ist niemand mehr, den ich betrügen müsste. Sie gefällt mir und in ihrer Nähe passiert etwas in mir. Irgendwelche Hormone werden produziert, die dieses angenehme Gefühl erzeugen. Ich weiß nicht, ob an diesem schönen Gefühl auch die Hormone beteiligt sind, die gebildet werden, wenn das Verlangen entsteht mit einer Frau den Orgasmus zu erleben. Ich weiß es nicht. Und was ich will, weiß ich auch nicht. Ich will sie nur sehen, mit ihr reden, ihr zuhören, von ihren Träumen hören, ihre Sehnsucht teilen, sie umschließen, ja, und dann wollte ich erleben, was in mir passiert, wenn ich mit ihr schlafe. Ich will endlich wissen, wie es sich anfühlt, wenn sich meine Seele in der Sexualität mit ihrer vereint. Ich will es erleben, vielleicht auch, weil ich es in meinem alten Leben schon einmal erlebt haben könnte. Ich bin ein Idiot. Will ich das? Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht bin ich auch nur verliebt. Vermutlich ist es derselbe Zustand, in dem ich bin schon mein ganzes Leben lang bin. Ich bin verliebt in die Liebe. Ein alter Schlagervers, dessen Bedeutung und Wirksamkeit mir erst heute bewusst wird. Verliebt in die Liebe. Und wenn ich ein Idiot bin, dann doch ein kluger Idiot, ein sensibler Idiot, ein verlässlicher Idiot, ein zärtlicher Idiot, ein fast perfekter Idiot. Besser Idiot als tot. Ich will mich nicht mehr an eine Frau binden, ich will aufhören, ein Idiot zu sein. Ich will die Vergangenheit von mir abstreifen. Ab heute bin ich neugeboren. Heute beginnt mein Leben, die leidvollen Erfahrungen der Vergangenheit sind gelöscht, das Schöne darf bleiben. Gefrühstückt habe ich schon. Jetzt hole ich mir von den Gaben, die das Leben für mich bereit hält. Platz da, ich komme!
Mein Herz
Das war’s dann. Der Versuch in ein neues Leben ist gescheitert. Kann die heutige Kalenderfrage etwas an meiner Befürchtung ändern? Was erfüllt mein Herz, egal ob ich auf der weltlichen Ebene gerade Siege oder Niederlagen erleide? Ja, mein Herz. Mein Herz, das immer schlägt, manchmal mit einem Stich, manchmal mit einen kleinen Schmerz grüßt. Hi, ich bin dein Herz, ich schlage 24 Stunden für dich, an jedem Tag, bis ans Ende unseres Lebens. Das ist doch schon mal gut, mein Herz ist bei mir. Ich bin nicht allein, und ich habe in ihm den treuesten Begleiter, den ich mir wünschen könnte. Treuer als jede Frau, treuer noch als jeder Hund. Treu bis der Tod uns scheidet. Und was kann ich meinem treuen Freund Gutes tun? Ich kann es mit gutem Essen ehren. Ich kann dafür sorgen, dass es aus Freude lacht, immer wieder einmal schneller schlägt, um dann langsamer zu entspannen. Mein Herz, mein treuer Freund, mein Herz, du hast verdient, dass es dir gut geht. So lange schlägst du schon für mich. Was kann ich für dich tun? Etwas, dass auch mir gut tut. Es tut mir gut, wenn die Sonne mich wärmt. Es tut mir gut, wenn mich Ruhe umgibt. Es tut mir gut, wenn mich ein Gesicht anlacht. Es tut mir gut, wenn ich dich seh. Tut es meinem Herz wirklich gut, wenn ich dich seh?
Ein kleiner Schritt
Was verursacht den Bauchschmerz? Ist es die Sorge um die Mutter, das Kind, die Sorge um die eigene Zukunft, die Traurigkeit über das Verhältnis zu meiner geschiedenen Frau oder mein Gefühl zu der einen Frau, deren Nähe ich wünsche. Für meine Mutter kann ich Sohn sein, für meinen Sohn Vater, meine Zukunft kann ich gestalten, in meinem Verhältnis zu meiner geschiedenen Frau kann ich Vergebung lernen und auf Vergebung hoffen. Und sie? Wäre ich ein guter Sohn, ein guter Vater, wäre die Zukunft heute, und hätte ich Vergebung gelernt, Vergebung erfahren, der Bauchschmerz würde bleiben, weil ich ihre Nähe wünsche. Ist das nicht wunderbar, welche Kraft sie auf mich ausübt. Gut möglich, dass er Blinde wieder sehen ließ, Taube hören, Lahme gehen und Herzlose lieben. Welche Kraft hat sie, dass sie den Bauchschmerz beendet, wenn sie meine Sehnsucht lockt? Es ist ihre Stimme, einmalig in Klang, Dialekt und Stimmung. Es sind ihre Augen und die unendliche Tiefe, die sich in Ihrem Blick auftut und mich anzieht wie der Sog eines Strudels. Es sind die Falten, die ihre Augen umspielen, wenn sie lacht und die tausend kleinen Sommersprossen, die tausend Bilder malen. Es ist die Magie ihres Wesens, nie berechenbar, nie da, immer anders, ihre schmalen Handgelenke, die den Duft der Welt tragen, scheinbar zerbrechlich und doch so stark, dieser starke Wille, unkapputbar, die Kraft, die Power, die Disziplin, die Selbstbeherrschung und Selbstdisziplin, die sie stetig vermittelt, ihre kleinen Hände, die immer einen letzten Rest, eine letzte Spur, eine letzte Erinnerung ihrer letzten Arbeit tragen. Und ihre Sehnsucht nach Liebe, nach dem Leben, die auch meine ist. Von ihr könnte ich lernen, was Liebe ist, wie Liebe geht, wie sich Liebe anfühlt. Jetzt, nach so vielen Worten, jetzt will ich mutig sein, will für mich eintreten, will meinen Bauchschmerz beenden und meinen Wunschzettel formulieren, so wie ich es als Kind vor Weihnachten tat. Ich schrieb einen Wunschzettel. Liebes Christkind! Ich wünsche mir… Hatte ich denn als Kind je einen Wunschzettel geschrieben? Kann ich mich noch an die Geschenke erinnern, die in den ersten zehn Lebensjahren unter dem Weihnachtsbaum lagen? Wir warten in der Küche, meine Eltern und Schwester, meine Großeltern und die Familie meines Onkels. Nur einer fehlte unter den Wartenden, denn einer schlug die Klingel, die zur Bescherung einlud; es war nicht das Christkind, wie gesagt wurde. Die Tür ging auf, wir drängelten verhalten, mit endloser Erwartung in den dunklen Raum, dem nur die brennenden Kerzen Licht gaben. Es wurde gesungen, Gedichte wurden aufgesagt und die Geschenke unter dem Baum mussten warten, zuerst wurde gegessen. Und dann saß ich da auf dem Sessel vor dem Baum, das verpackte Geschenk auf meinem Schoß. Und ich spüre noch heute die Hoffnung meiner Eltern, meiner Mutter, meines Vaters, dass ich mich über die Geschenke, die sie für mich gekauft hatten, freuen werde. Und ich erinnere mich an meine Hoffnung, dass auch meine Geschenke gefallen würden. An welches Geschenk kann ich mich erinnern, das sichtbar wurde, nachdem ich das Geschenkpapier entfernt hatte? Wie entfernte ich das Geschenkpapier, langsam, vorsichtig, löste ich den Tesastreifen vom Papier ohne es zu beschädigen oder legte ich das Geschenk mit einem Riss frei? Die Armbanduhr gab es später im Leben und ich höre noch meinen Vater fragen, ob sie mir gefallen würde. Ich erinnere noch, wie ich sie nach den Weihnachtsferien im Unterricht am Handgelenk trage. Mit welchem Gefühl war dieser Augenblick verbunden? Eine Armbanduhr. Wie lautet mein heutiger Wunschzettel ans Christkind, ans Universum? Damals war es einfach. Ich durfte Gegenstände aufzählen. Heute wünsche ich mir keine Gegenstände, Gegenstände sind käuflich. Heute wünsche ich mir ein Gefühl, ein schönes Gefühl. Ob ich mir als Kind auch ein Gefühl gewünscht hätte, hätte ich gewusst, dass ich mir auch Gefühle wünschen darf?

Worte ans Universum
Wird es mir gelingen, ohne Rechtfertigung, ohne vorherige Begründung, meinen Wunsch zu formulieren, um ihn dann auch auszusprechen? Ist nicht dieser fragende Satz schon Beleg genug, dass ich wieder nach Ausreden suche, den Ausspruch meiner Wünsche zu umgehen, indem ich den Sinn meines Wunsches schon jetzt in Frage stelle, weil ich befürchte, selbst die Erfüllung meines Wunsches würde vermutlich nichts an meinem Mangel ändern, weil ich glaube mich zu kennen, weil ich glaube, dass mein altes Muster, sich nach Erfüllung meines Wunsches auch dieses Mal wiederholen würde? Warum kann ich nicht aussprechen, was ich will, was ich ersehne? Es ist doch nur ein Wunsch. Ein Wunsch, der nichts kostet, nur meinen Mut.

Umarmungen
Als das Telefon klingelte und ich nach sechs Jahren das erste Mal die altbekannte Vorwahl las, war mein erster Gedanke, den ich dann auch sofort aussprach, nachdem sie sich mit den Worten gemeldet hatte, sie sei’s: „Ist etwas passiert?“ Ich hörte ihr drei Sätze zu und kündigte in beherrschter, erstaunlich ruhiger Art an, dass ich jetzt auflegen werde. Als ich später noch einmal auf’s Handy schaute, sah ich, dass kurz nach diesem Anruf meine Mailbox besprochen worden war. Wird jetzt meine Erinnerung an sie durch diese Worte, die sie mir hinterließ, bestimmt? Veit Lindau behauptet in seinem heutigen Kalenderspruch, mein Leben sei ein 100-prozentiges Abbild meiner unbewussten geistigen Einstellung. Ich ergänze: Mein Leben ist ein 100-prozentiges Abbild meiner Angst, eine Angst, die mich mit einem schlechten Gefühl im Bauch empfängt, wenn ich morgens erwache, die mich tagsüber erwischt, wenn ich die Einsamkeit spüre. An den ersten Tagen vor sechs Jahren hat dieser Schmerz in der Mitte meiner Selbst fast den ganzen Körper erfasst und nur in dieser einen, letzten Nacht vor sechs Jahren war er weg, weg durch Berührung.
Im Gegensatz zu früheren Epochen herrscht mmittlerweile ein breiter Konsens darüber, dass Sexualität ein natürliches Bedürfnis des Körpers ist. Heutzutage gilt es als gesichert, dass sich mangelnder Sex zum Problem ausweiten und zu Stress, Isolation und Konzentrationsschwierigkeiten führen kann. Es gibt jedoch einen weiteren Bereich körperlicher Bedürfnisse, der bisher noch nicht voll anerkannt Ist, nämlich, dass man in Zeiten von innerer Unruhe und Angst ganz einfach eine Umarmung braucht. Im Allgemeinen hat niemand etwas gegen Umarmungen, aber es widerstrebt uns, sie als ernsthafte, emotionale Bedürfnisse zu bezeichnen….Einem kleinen Kind ist nicht mit Erklärungen und Argumenten geholfen, es reagiert auf Berührung: sanfter, weicher Druck beruhigt und entspannt den Körper und beschwichtigt das erregte Gemüt….Auch wenn wir es uns nicht gerne eingestehen, passiert es doch oft im Leben, dass wir in so eine Situation geraten. .. Eine Umarmung bedeutet mehr als der Wunsch nach Körperkontakt, sie ist das Eingeständnis unserer Abhängigkeit und Schwäche. Alain de Botton, Gelassenheit Zeit für ein gutes Leben. Süddeutsche Zeitung Edtion, 2018, S 139 bis 145.