Werte schaffen

Alles, was ich erzähle, ist erfunden. Einiges davon habe ich erlebt. Manches von dem, was ich erlebt habe, hat stattgefunden. Nach Matthias Brandt. Raumpatrouille

Fragen
Ich habe Fragen, Fragen auf die ich Antworten will. Schon fünfmal habe ich an einer Familienaufstellung teilgenommen. Oft wurde ich gebeten, die Rolle des Vaters, des Bruders, des Mannes einzunehmen. Einmal war meine eigene Familie aufgestellt, mein Vater, meine Mutter, meine Schwester und ich. Die Frau, die die Rolle meiner Schwester einnahm, stand rechts von mir und war wütend auf mich. Der Mann in der Rolle meines Vaters stand links von mir, es ginge ihm gut. Mir gegenüber stand eine Frau in der Rolle meiner Mutter. Der Aufforderung des Aufstellungsleiters, einander in den Arm zu nehmen, konnten wir weinend nicht nachkommen. Die Frage des Warum haben wir damals nicht gestellt. Ich will sie heute nicht mehr beantwortet wissen. Vielleicht werde ich sie mir irgendwann noch einmal stellen. Jetzt sind mir die Antworten auf andere Fragen wichtiger. Nicht die Fragen, die ich mir nach meinem Knockout vor 7 Jahren erstmals stellte: Will ich weiterhin mit meiner Ehefrau zusammenleben? Wo will ich leben? Mit welcher Arbeit will ich meinen Unterhalt bestreiten? Die erste Frage musste ich binnen zweier Monate nicht mehr beantworten. Meine erste Frau hatte sich die Frage wohl auch gestellt und vor mir mit nein beantwortet. Die Frage nach Wohnort und Berufung wird mein Gefühl schon irgendwann richtig beantworten, solange Gefühl und Verstand die Angst kontrollieren. Jetzt, hier und heute sind mir Antworten auf Fragen wichtig, die ich mir selbst nicht beantworten kann. Die Menschen, die die Antworten geben könnten, will ich nicht fragen. Ich will sie nicht fragen, weil ich unfähig bin, die Angst zu ertragen, die auf dem Weg zu der Person einsetzen würde, stärker würde, je näher ich der Person komme und am stärksten wäre, kurz bevor ich die Frage im Anblick der Person ausspreche. Einen zweiten Höhepunkt erhielt die Angst, wenn die Person ihre Antwort gibt. Ist die Frage dann beantwortet, tut die Antwort weh. Sollte die Antwort nicht wehtun, würde ich vermuten, sie wäre nicht ehrlich. Wie herrlich wäre da jetzt das Mittel der fragenden Aufstellung. Die Angst wäre ersetzt durch freudige Erregung. Ich bekäme Antworten, ohne den Prozess der Angst zu durchlaufen. Wie herrlich. Und wenn mir die Antworten gefallen, wie herrlich. Und wenn die Antworten wehtun? Versuchen sollte ich es. Bungeesprung, Fallschirmsprung und Tantramassage blieben als weitere Erfahrung. Bevor ich aber an einer fremdgeführten Aufstellung teilnehme, hätte ich Bock auf eine von mir geleitete Aufstellung. Keine Aufstellung, in der der Einzelne an die Keimzelle des so tief verlagerten Schmerzes gelangt, sondern eine Aufstellung, die der Erkenntnis dienen soll, vielleicht eine spirituelle Erfahrung erlaubt, die Fragen derart beantwortet, dass die Fragen unwichtig werden. Wer hat Lust? Wer macht mit? 20 Teilnehmer, zwei Stunden, 25 Euro, auch wenn ich meinen neuen Stundenlohn damit um 50 Prozent verfehlte? Hast du Bock, wie ich Bock habe? Sei dabei, natürlich unter Ausschluss jedweder Haftung.

Fantasie
Er hatte ihr nie gesagt, dass sie die Erste gewesen war. Bis heute hatte er das niemandem gesagt. Er konnte nur hoffen, dass sie es nicht gemerkt hatte. Die Vorstellung, dass sie mit dem Orthopäden im Bett lag und sich darüber amüsierte, wie sie den kleinen Konrad, der schon mehr als zwanzig Jahre zählte, entjungfert hatte, war unerträglich. Schlimm nur, dass er sich genau ihren Tonfall vorstellen konnte, ebenso ihr Gesicht und ihr Lachen, selbst das zustimmend Grünen des Knochendoktors. Fantasie konnte ein Fluch sein. Konni über sich in Frank Goosens So viel Zeit.

So viel Zeit
Ich weiß, es ist komisch, wenn ausgerechnet ich das sage, schließlich bin ich der langweilige Idiot, neben dem man einschläft, anstatt sich geborgen zu fühlen, aber vielleicht sollten wir einfach da rausgehen und noch ein paar Erinnerungen produzieren, bevor es zu spät ist. Was meinst du? Konni zu Rainer in Frank Goosens Roman So viel Zeit.

Ina Langemann
In den schlaflosen Stunden der letzten Nacht wurde mir bewusst, dass mein Denken und Fühlen und damit auch mein Umgang mit dem weiblichen Geschlecht, mit den Mädchen meiner Kindheit und den Frauen meines erwachsenen Lebens, im Wesentlichen unverändert ist. So wie ich als Elfjähriger mit Ina Langemann – es kann sein, dass ich ihren Nachnamen falsch erinnere, auch beim Vornamen bin ich mir nicht sicher – umging, so gehe ich heute mit der Frau um, der ich vor ein paar Jahren begegnet bin: kindlich. Im Umgang mit der Frau bin ich Kind geblieben. Das klingt positiv, wäre ich ein fröhliches, unbeschwerte, offenes Kind gewesen. Leider war ich anders, wie anders, weiß ich nicht, aber so anders, dass ich der Ina mit 13 oder 14 Jahren einen Brief schrieb, ihre Adresse hatte ich vom Betreiber des Ponyhofs erfahren. Ina antwortete mir. In ihrem Brief beschrieb sie ihre Lebenssituation und erbat ein Foto von mir. Ich schickte ihr das Foto, das ich am Fischteich meiner Großeltern von mir machen ließ, und bekam keine zweite Antwort. Anscheinend gefielen ihr meine Worte besser als das Foto. Ich weiß nicht, wen ich gebeten hatte, das Foto von mir zu machen. Wem hätte ich erzählen wollen, erzählen können, dass ich das Foto für ein Mädchen brauche, das mir gefiel, dem ich, als sie mit mir auf zwei kleinen Ponys durch die Lüneburger Heide ritt, nicht sagen konnte: Hey, du gefällst mir, lass uns um die Welt reiten.
Ina war das zweite Mädchen , das über mein Denken und Fühlen regierte, die Gewalt über mein Denken und Fühlen hatte. Ich weiß nicht mehr wie sie aussah, wie ihre Stimme klang, ob sie größer oder kleiner war als ich. Sie muss mir gefallen haben.

Aufstellung
Und wieder ein Versuch, mein Leben auf eine neue Grundlage zu stellen. Und wieder werde ich das große Ziel nicht erreichen. Die kleine Veränderung aber, die mein Schreiben bewirken wird, die ich nicht kenne, die ich nicht konkret anstrebe, wird jedoch eintreten und meinen Aufwand rechtfertigen.
Ich, als Mensch, bin genauso einfach, genauso logisch wie jedes andere Geschöpf auf der Erde. Wenn ich Durst habe, muss ich trinken. Das Essen wird meinen Durst nicht stillen. Wenn ich Hunger habe, muss ich essen. Wenn ich müde bin, hilft Schlaf, und wenn mir kalt ist, kleide ich mich warm ein oder drehe die Heizung auf. Essen, Trinken, Schutz und Wärme. Und wenn ich alleine leben würde, allein ohne jeden sozialen, mitmenschlichen Bezug, wie wäre mein Leben dann?
Ich gehe der Frage später nach, denn da ist plötzlich die Idee, eine Aufstellung mit den Menschen zu versuchen, von denen ich Antworten ersehne, oder zumindest gerne hören würde. Die erste Frau in meinem Leben war meine Grundschullehrerin. Ihr muss ich keine Fragen mehr stellen. Vor ein paar Jahren, im Rahmen meines Neustarts, durfte ich bei Kaffee und Kuchen ihr Gast sein und ihr meine kindlichen, vorpubertären Gefühle mitteilen. Ich kann heute mit Stolz auf diese kindlichen Gefühle zurückschauen, die ein wunderbarer Beleg für die Kraft und Beständigkeit meiner Kraft zur Liebe sind. Und ich erinnere mich an das Sofa, das im Wohnzimmer meiner Großeltern stand, auf dem ich hüpfte wie auf einem Trampolin und immer wenn ich die Möglichkeiten überdachte, wie ich meine Lehrerin als meine Freundin gewinnen konnte, spüre ich noch heute, wie meine ausgestreckten Hände gegen die Zimmerdecke schlagen.

Zu viel
2011 hat mich das Leben ausgeknockt, in 2012 lag ich holotrop atmend im Garten, 2013 bin ich ihr das erste Mal begegnet, 2014 habe ich sie zum Eis eingeladen und seither wehre ich mich gegen das Loslassen, stetig, täglich. Und stetig, täglich quälen mich meine Gedanken. Warum wehre ich mich gegen das Loslassen? Vielleicht weil mein Unterbewusstsein es besser weiß? Ich gebrauche mein Denken an dich, nenn es Sehnsucht, nenn es Liebe, zu meiner Heilung, hin zu dem, was ich ohne meine belastenden Gedanken wäre, ich gebrauche meine Sehnsucht für mein perfektes Leben, ein Leben in absoluter Freiheit, frei von falschen Gedanken. Und anstatt mir das Denken an dich, die Sehnsucht nach dir, zu verbieten, muss ich das Gegenteil tun: Ich muss mir die Erfüllung meiner Sehnsucht vorstellen, muss in das ersehnte Gefühl eintauchen. Das schönste Gefühl, das ich in deiner Gegenwart erlebte, war die gemeinsame Begegnung mit Dritten, wenn meine Aufmerksamkeit nur bei dir war und wir mit den anderen spielten, wenn ich den anderen erzählte, dass ich dich mag. Wie würde ich das Gefühl benennen, das ich in dieser Situation empfand? Ich bin still, atme ein und aus und öffne mich und bin völlig offen, schutzlos in diesem Gefühl, ich tauche ein und lasse mich einnehmen. Nein, der falsche Weg. Ich darf nicht in Erlebtes eintauchen. Ich sollte mich vom Unwirklichen leiten lassen, einen irrealen Ort wählen, vielleicht die Küche von McDonald, die Stehtribüne von Mainz 05? Nein, es sollte ein schöner Ort sein, ein schöner Ort an dem eine Begegnung unwirklich ist. Ein Ort, an dem du bist, wie du bist, und ich bin, wie ich bin. Ich könnte Orte aufzählen, wo ich alleine nicht sein wollte, das Bierzelt auf dem Oktoberfest, beim Formel 1 Boxenstopp in Japan oder am Mount Everest in Nepal. Irgendwie scheint auch dieser Weg der falsche. Nicht aufgeben Jörg, du schaffst das. Romy Schneider ist an der Liebe zu Alain Delon zerbrochen, wenn sie nicht schon vorher zerbrochen war. Man stirbt nicht an der Liebe, nur an einem Zu-Viel-Rauchen, Zu-Viel-Trinken, an Zu-Viel-Arbeit, zu vielen Beziehungen oder an zu viel Leid.

Ein Augenblick
Heute Morgen bin ich alleine aufgewacht. Ein Gefühl in mir hätte gewollt, von der Wärme ihres weichen Körpers umschlungen zu werden, mit ihr den Tag zu beginnen. Ist dieser Wunsch meiner Gefühle ein erinnertes Gefühl oder ein Wunsch, der in mir schon immer war, von Geburt an? Hat sich das Gefühl, mit dem ich erwacht bin, gleich auf eine bestimmte Frau bezogen? Kann ich jetzt, am späten Vormittag, zurück in meine morgendliche Sehnsucht, in mein ersehntes Gefühl? Nein. Das Gefühl ist immer nur jetzt, ich kann es aber mit meinen Gedanken beeinflussen. An wen habe ich zuerst gedacht, mit wem wollte ich den Tag behaglich, kuschelig, warm beginnen. Mit so vielen Frauen bin ich nicht am Morgen aufgewacht. Neben einer Frau bin ich 10.000 aufgewacht, und mit einer Frau bin ich nur einmal aufgewacht. Und wenn ich an diese 10.001 Morgen denke, warum erinnere ich dann als erstes dieses lachende Gesicht? Und dann, welche Erinnerungen kommen, warum ist es so mühsam, und warum ist da nicht sofort dieses gute Gefühl, wenn das Erinnern mit Mühe einsetzt? Vielleicht ist ja eine Kraft in mir, die gute Gedanken sofort erschlägt? 10.001 Möglichkeiten und ich erinnere diesen einen Augenblick, diese eine Bild, diese Sekunde der Zeit.

Die Urkraft des Menschen
Heute soll es Chana Marsala geben. Ich wusste, dass ich eine Packung Kichererbsen im Küchenschrank habe, ich wusste aber nicht, dass man sie über Nacht einweichen soll und dann mehrere Stunden kochen muss. Na gut, es gibt sie auch in Dosen, vielleicht suche und finde ich sie beim nächsten Einkauf. Das Gericht braucht acht Gewürze, Knoblauch, Ingwer, Zwiebel und Tomaten, Kichererbsen und Zitrone. Bevor ich die Gewürze in den Topf gebe, werde ich sie probieren: Kurkuma, Chiliflocken, Fenchelsamen, Kreuzkümmel, Koriander, Garam Marsala. Und  ebenso wie Salz und Pfeffer werden sie wohl erst in Verbindung mit Obst, Gemüse oder Getränken zum Genuss werden. Dass ich so spät den Genuss entdecken darf. Die sechs Gewürze sind nur ein ganz kleiner Ausschnitt aus dem mir Unbekannten und Unprobierten. In meiner zweitliebsten Frauenzeitschrift Donna – Sabine weiß warum – wird in einem längeren Artikel über Tantramassage berichtet. Ich kann wohl für mich ausschließen, dass ich mich jemals am Bungee-Seil oder an einem Fallschirm in die Tiefe fallen lasse, vermutlich werde ich auch nie von einer mir fremden Frau tantramassiert werden. Warum eigentlich? Aus Angst? Ist Tantra doch eine…

Tantramassage
Die schönste Freude ist die Vorfreude. Auch wenn sich meine unbestimmten Erwartungen nicht erfüllt haben, so hatte ich auf dem Schulfest selbst doch ein wenig Freude und ich machte Erfahrungen, über die ich jetzt schreiben kann. Die Tatsache, dass ich am Abend des Schulfestes nicht an dich dachte, besagt nichts, oder doch alles? Ich weiß nicht, ob du liest, was ich schreibe. Damit du weißt – solltest du lesen, was ich schreibe – dass ich mich mit meinen Worten an dich wende, spreche ich dich jetzt mit deinem Vornamen an. Vielleicht lieber doch nicht mit dem ganzen Vornamen, sondern nur mit dem letzten Buchstaben deiner Vornamen. Hallo liebe … a. Nein, nicht Anna, Barbara oder Veronika, nicht Cordula, Gabriela, Jessica, nicht Dora, Emma, Viola, nicht Anuschka, Berta, nicht Sandra, Bianca, Claudia oder Gundula, Ina, Jana, nicht Lora, Martina, Nena, Nicola, nicht Regina, Tanja, Uta. Weißt du jetzt, dass ich nur dich meine? Erstaunlich, wie viele weibliche Vornamen auf a enden. Dass mit dem a ist auch nur ein blöder Gedanke, ein untauglich Versuch, der Erfüllung meiner Wünsche näher zu kommen. Wenn mein Leben heute ist, sind dann alle meine Wünsche erfüllt? Nein, oder vielleicht doch?
Wie geht es mir? Die Frage wird mir manchmal gestellt. Und nur selten beantworte ich sie, denn die übliche Antwort >> Gut, und dir? << wäre falsch, und das andere Extrem >>Schlecht!<< wäre auch falsch. Seit ein paar Tagen will ich mich zum Schreiben zwingen, weil ich mir erhoffe, durchs Schreiben eine Veränderung in meinem Denken und damit auch in meinen Tun zu erlangen. Da ist aber nichts mehr, über das ich schreiben will. Und zum Tausendsten Mal von meinen Wünschen zu erzählen, zum Tausendsten Mal von meinem Wunsch, mit ihr in ein geschlechtsloses Verhältnis zu wechseln, der platonischen Beziehung von Mann und Frau, will ich eigentlich auch nicht. Ich will nicht schreiben, dass ich mich nicht mehr verlieben will. Die Vorstellung, mich an die falsche Frau für die wenigen verbleibenden Jahre zu binden, ängstigt mich. Und ich will mich nicht festlegen, welche Angst größer ist, die Angst vor meiner Unfähigkeit zum richtigen Umgang mit dem Verlassenwerden oder die Angst vor der Unfähigkeit zum Loslassen. Wie geht es mir? Warum will ich klüger sein als die Weisheit der Welt? Was Gott verbindet, soll der Mensch nicht trennen. Ist dieser Satz Teil menschlicher Weisheit oder doch nur ein gesellschaftliches Mittel, das Leid, das mit der Trennung verbunden ist, zu verhindern. Habe ich in den sechs Jahren, seit ich aus der Verantwortlichkeit für meine erste Frau durch ihre Entscheidung und durch ihr Tun entlassen bin, denn gar nichts gelernt, etwas, das mich befähigen könnte, das Geschenk des Lebens zu achten, zu ehren, zu feiern? Ich esse. Gerade habe ich Knoblauch in Olivenöl gebraten, Tomaten dazugegeben und auf die ebenfalls in Olivenöl gebratene Scheibe Roggenbrot, die mit pürierter Avocadocreme bestrichen und von mir mit Salat belegt wurde, gegessen. Ich kann mich nicht erinnern, in meinem alten Leben eine Avocado gegessen zu haben. Und obwohl ich jedes Rezept im Internet wörtlich lesen kann, werde ich ihr Kochbuch zum Preis von 29 Euro behalten. Der balische Eintopf hat mir geschmeckt, auch wenn aufgrund der langen Kochzeit viele Inhaltsstoffe verlorengegangen sein könnten. Aber ich esse mit dem Mund und nicht mit dem Kopf, solange kein totes Tier, Zucker oder vermeidbare Gifte auf meinem Teller liegen. Trinken Ich trinke Kaffee, ohne Kuhmilch, ohne Zucker. Ich sollte Wasser trinken. Lieben und geliebt werden...

Entscheidungen
Es gibt zwei Entscheidungen, die ich vor langer Zeit am Anfang meines Lebens traf, die mein heutiges Leben bestimmen, die möglicherweise falsch waren, da ich sowohl meine Mitgliedschaft in der Kammer der Rechtsanwälte vor ein paar Wochen beendet habe als auch vor ein paar Jahren aus der Ehe schied.
Auch wenn die Entscheidungen möglicherweise falsch waren, so kann ich doch aus Ihnen lernen, da ich von meinem Berufsziel nie abließ und erst nach mehr als 30 Ehejahren aus dem Haus und damit wohl auch aus der Ehe auszog. Welche Gründe hatten mich bewogen, den Beruf des Anwalts und Frau XY als Ehefrau zu wählen?
Warum fasste ich als 19-Jähriger den Entschluss, Anwalt zu werden? Wenn ich mich recht erinnere, wusste ich von der Arbeit, die ein Anwalt macht, nicht viel, ich kannte nicht einen einzigen Anwalt, ich hatte nie mit einem Anwalt gesprochen, und ob damals schon die Anwaltsserien populär waren, erinnere ich auch nicht. Was hätte mich also motivieren können, diesen Beruf zu wählen. Ich erinnere mich an die Aussage, dass das Studium der Rechtswissenschaften Grundlage für eine schier unbegrenzte Zahl von Berufsfeldern sein könne: Verwaltung, Versicherung, Banken, Rechtsabteilung größerer Firmen, Justiz. Aber ich wusste, dass ich weder in der Verwaltung irgendeiner Behörde, bei einer Versicherung oder Bank, noch in einer Rechtsabteilung einer Firma, noch als Staatsanwalt oder Richter oder als Professor für irgendeine Art von Recht arbeiten wollte. Ich wollte Anwalt werden, ohne als Anwalt zu arbeiten, einfach nur Anwalt sein. Vielleicht ähnlich dem Wunsch, das Sportabzeichen zu erlangen, und zwar das goldene Sportabzeichen. Ich wollte wohl einfach nur den Beweis erbringen, dass ich es schaffen kann. Ich wollte Anwalt werden, um Anwalt zu sein.
Aber warum wollte ich Anwalt sein? Warum war ich bereit, mich durch diesen riesigen Berg von Vorschriften, Gesetzestexten, Anwendungsregeln und Prüfungen zu quälen? Gründe waren die damalige gesellschaftliche Anerkennung und Achtung des Anwaltsberufs, das Desinteresse an jedem anderen Studiengang, der Glaube, dass nur ein Studium die Voraussetzung böte, die Möglichkeiten des Lebens, auch seine materiellen Möglichkeiten voll auszuschöpfen, die Selbstbestimmtheit und Unabhängigkeit des Berufs, die Lust am Wettstreit, die Lust am Gewinnen und ein schön gestalteter Arbeitsplatz, der Schreibtisch, der Stuhl, der Boden, die Regale, die Bücher, der Blick aus dem Fenster, die Bilder an den Wãnden, die Zigarette.

„Fixierungen tauchen natürlich nicht nur im Zusammenhang mit der Berufsfindung auf. Auch in Beziehungen können wir uns auf einen bestimmten Menschen fixieren, den wir lieben und bewundern, so dass wir nicht aufhören können, um ihn zu kreisen – selbst wenn er kein Interesse zeigt, uns schäbig behandelt, oder wenn sich herausstellt, dass man sich nicht auf ihn verlassen kann. Trotz dieser schlechten Behandlungen reden wir uns ein, dass wir uns einfach kein Leben ohne diese ach so einzigartige Person vorstellen können. Um uns von solch einer Fixierung zu lösen, bedeutet nicht, uns einzureden, dass wir diesen Menschen nicht mögen oder versuchen sollten, zu vergessen, wie stark er uns fasziniert. Es bedeutet vielmehr, dass wir uns ganz ernsthaft und eingehend damit beschäftigen sollten, worauf diese Faszination beruhen könnte – um dann einzusehen, dass sich die von uns so sehr bewunderten Qualitäten auch bei anderen Menschen finden lassen, die nicht diese Probleme haben, die eine erfüllende Beziehung derzeit unmöglich machen. Die sorgfältige Erkundung dessen, was wir an jemandem lieben, zeigt uns – auf paradoxe, aber auch sehr befreiende Weiße-, dass wir tatsächlich auch jemand anderen lieben könnten. Zu verstehen, was wir mögen, was uns Freude bereitet, ist daher ein wesentlicher Schritt, uns von unseren Fixierungen zu lösen. Wenn wir unsere Bindung an bestimmte Eigenschaften verstärken, schwächen wir gleichzeitig unsere Bindung an bestimmte Personen oder Berufe. Wir begreifen dann, was genau wir an einem bestimmten Job so attraktiv finden, und können Qualitäten identifizieren, die sich auch in anderen Arbeitsfeldern finden lassen. Tatsächlich lieben wir nicht nur diesen einen Job, sondern eine ganze Reihe von Eigenschaften, die wir hier eben zuerst entdeckt haben, weil dieser Beruf normalerweise das auffälligste Beispiel dafür ist.“ Alain de Botton, Traumjob – Von der Berufung zum Beruf, Süddeutsche Zeitung Edition 2018, S. 69/70.
Und warum wählte ich mit 21 Jahren Frau XY als Ehefrau? Frau XY hatte positive Eigenschaften, vielleicht hatte sie auch negative Eigenschaften. Aber ist es mir und jedem anderen Menschen möglich, sich an die aus eigener Wertung positiven Eigenschaften einer jungen Frau zu erinnern – auch wenn es nur positive und keine negativen Eigenschaften gab-, wenn sich das eigene Leben dem Ende nähert und eine Scheidung die Sicht auf die Vergangenheit wahrscheinlich verändert hat. Wenn also die Sicht auf die vergangene Beziehung getrübt ist, vielleicht genügen dann die Gründe, die ich heute voraussetzen würde, um mit einer Frau die Ehe zu schließen, um mich sodann in meiner ganzen Person und in all meinen Bedürfnissen zu verstehen, um schließlich zu der klärenden Einsicht zu gelangen, dass mein Glück weder von einem einzigen Beruf noch von einer einzigen Frau abhängen.

Kindheit
An wen erinnere ich mich, wenn ich an die die ersten Jahre meines Lebens bis zur Grundschulzeit denke; die Jahre, in denen das Fundament meines Lebens gelegt wurde? Und mit welchem dieser Menschen verbinde ich das Gefühl von Neid? „Es gibt da ein Bild des wahren Selbst in uns, das nur darauf wartet, aus neidischen Impulsen zusammengesetzt zu werden.“ (Alain de Botton, Traumjob) Und ist es denn überhaupt möglich, mich nach einem langen Leben an ein neidisches Gefühl aus den Anfängen meines Lebens zu erinnern? Und sollte nicht meine Scham mich davon abhalten, dieses negative Gefühl öffentlich zu äußern, könnten doch die Menschen über mich lachen? Nein. Würde ich mich meiner neidischen Impulse wegen schämen, riskierte ich, ein mir gerechtes Leben nicht zu erreichen. „Statt unseren Neid zu unterdrücken, sollten wir jede Anstrengung unternehmen, ihn zu analysieren.“ (Alain de Botton, Traumjob) Der Duden definiert Neid als eine Haltung, bei der ich einem andern dessen Besitz oder Erfolg nicht gönne oder selbst haben möchte.
Meine Großeltern besaßen einen Zweiradladen, die zwei Verkaufsräume lagen direkt neben der Küche; die Werkstatt war unten im Hof. In der Küche saßen die Vertreter, an jedem Tag ein anderer, oft zur Mittagszeit, oft aßen sie mit, fast immer gab es Fleisch, Soße, Kartoffeln, grünen Salat oder Erbsen. Lecker waren die Hähnchen, die mein Opa manchmal am Abend, nach seiner Arbeit in der Werkstatt und nachdem er sich seine schwarzen Hände mit Reinol gewaschen hatte, grillte. Lecker waren auch die Heringe, die meine Oma – nach einer Angeltour auf der Nordsee – in großer Zahl briet. Damals mochte ich auch noch das Kaninchen mit Apfelmus, das es an Weihnachten gab und vorher von meinem Opa im Keller enthäutet worden war. Und was machte mir Freude? Der kleine langsame Flitzer mit dem Mofa-Motor, den mein Onkel zusammengebaut hatte, die Fahrt mit dem Trecker über den Hof, und immer wieder Fußball, auf der Wiese vor dem Haus, neben der Tankstelle, auf dem Bolzplatz in der Nähe der Tankstelle, auf der Stoppelwiese vor der Reihe der zweigeschossigen Mietshäuser in der Nachbarschaft, auf dem roten Ascheplatz des Sportvereins, auf dem grünen Rasen der ehemaligen Vereinsanlage. Ich erinnere mich an die Legosteine in dem kleinen Raum der Tankstelle, in dem all die Dinge verwahrt wurden, die in den anderen Räumen der Tankstelle keinen Platz fanden. Ich sehe mich in dem kleinen engen Raum, sehe die Kiste mit den Legosteinen neben mir auf der Bank, erinnere mich an das Fenster, das fehlte. Ich baute fast nur Häuser. Ich saß alleine in dem Raum, vielleicht kam meine Mutter einmal kurz herein, um nach mir zu schauen, um danach den nächsten Wagen zu betanken, den Ölstand zu prüfen und die Windschutzscheiben zu putzen, während mein Vater die Reifen auf die Autofelgen zog, die Reifen montierte oder unter dem Wagen, der auf der Hebebühne stand, das Öl wechselte oder aber die Fahrzeuge mit den Händen wusch, bis irgendwann die Waschanlage die Handwäsche übernahm. Es gab den Sandhaufen neben der Werkstatt, auf dem ich mit meinen Autos über die von mir angelegten Straßen fuhr. Mein Opa zeigte mir, wie man einen Fahrradschlauch flickte. Ich sehe noch heute, wie er den Schlauch an der Werkstatttür zum Trocknen aufhing. Er verstarb, als ich noch ein kleiner Junge war. Ich liebte die Krimis, die schon damals am Vorabend im ersten Programm liefen, ich liebte die Spannung, wenn ich mich hinter dem Sessel versteckte, weil ich die Gefahr in der sich die Hauptdarsteller befanden, nicht ansehen konnte: „Gestatten, mein Name ist Cox“, eine Detektivserie mit Günther Pfitzmann, „Die Gentlemen bitten zur Kasse“, ein Dreiteiler mit Horst Tappert. Ich mochte den Duft der Zigarre, von der ich manchmal einen Zug nehmen durfte. Ich saß auf dem Küchenstuhl neben der Tür zum Flur, als meine Mutter mir sagte: „Opa ist heute Nacht gestorben.“
Auch der Vater meines Vaters verstarb jung, er war Bergmann und arbeitete unter Tage. Die Mutter meines Vaters, meine Oma, war eine knuddelige Frau, wir sahen sie nicht oft, zu Weihnachten, an Ostern, zu Geburtstagen, und immer wenn ein Schwein geschlachtet worden war, ein Festschmaus für alle. Wenn sie uns begrüßte, ergriff sie unser Gesicht mit beiden Händen und setzte einen dicken Schmatzer ins Gesicht. Mein Cousin hatte ein kleines Akkordeon. Weil es mir gefiel, bekam auch ich ein kleines Tastenakkordeon. Als mein lieber Vater schon älter war, beschenkte er sich selbst mit einem Akkordeon und einer Trompete, auf der er dann fleißig übte. Der Unterricht, der folgte, war mühsam. Mein zweiter Lehrer war ein Unikat, er tauchte aus dem Nichts in unserem Ort auf, fast stetig Zigarre rauchend fand er innerhalb weniger Monate so viele Schüler, dass er ein Orchester formte und einmal im Jahr seine Schüler und deren Eltern zum Vorspiel einlud, zu dem ich bei meinem ersten und einzigen Auftritt das Lied „Auf der Reeperbahn nachts um Halbeins“ spielte und dazu sang. Ich wollte singen. Es war mein Wunsch.

Claudia Cardinale
Bevor ich das letzte Mal durchs Schulgebäude bummelte, vorbei am Sekretariat, dort wo uns der lachende Lehrer Howoritsch entgegenkam und ich noch heute dieses Bild deutlich sichtbar erinnern kann, vorbei am Glaskasten, wo im ersten Jahr des Ganztags das Essen ausgegeben wurde, und ich den Geschmack der Salzkartoffeln noch auf der Zunge habe, hinaus aus dem Seiteneingang mit einem letzten Blick auf den Schulhof, wo wir mit dem Tennisball Fußball spielten und später in der Raucherecke zusammenstanden und nun tausend Menschen das Schuljubiläum, sich und die anderen feierten, die mir fast alle unbekannt waren, war ich ihr begegnet. Claudia? Ja, und wie heißt du? Jörg, Jörg Ridder! Claudia, du warst das schönste Mädchen der Schule! Claudia war in Begleitung ihrer Schwester gekommen. Ich weiß nicht, ob sie von der fünften Klasse an Schülerin unserer Schule war. Ich weiß auch nicht, wann Claudia mir das erste Mal aufgefallen war, spätestens aber in der Oberstufe, als wir den Matheunterricht teilten, ich nichts verstand, weil ich aufgeben hatte, und auch sie nichts verstand, so vermute ich, weil ihre Aufmerksamkeit ihrem Freund galt, allerspätesten aber im Sportunterricht in der Schwimmhalle. Claudia hatte nicht nur ein schönes Gesicht, und das einzige Gespräch, das wir je führten, waren diese 3 1/2 Sätze. Sollte ich Claudia noch einmal begegnen, was sehr unwahrscheinlich ist, werde ich sie fragen, wie ihr Leben verlaufen ist. Denn das Leben außergewöhnlicher Menschen interessiert mich schon. Außergewöhnlich, weil in einer Eigenschaft besonders, besonders schön, schüchtern, klug, dominant, schwach, lieb… Wie wäre wohl mein Leben verlaufen, wäre ich frei von Angst, Scham und Unzufriedenheit mit meinem Äußeren gewesen? Würde ich dann auch heute hier im Garten mit den Füßen im Basenbad sitzen und den Tag mit Gedanken an die Vergangenheit verschwenden? Wer kann es wissen, wenn selbst ich es nicht weiß. Ich bin in meinem Leben immer aus dem Leben geflohen, aus dem Kindergartenleben, in der Grundschule in die Liebe zur Klassenlehrerin, später in den Fußball, die Musik, die Ehe und schließlich in die Hoffnung, dass das Jurastudium die Unzufriedenheit beendet. Ich sollte aufhören zu fliehen. Ich sollte bleiben, wo ich hingehöre. Eine Antwort mit einer Unbekannten. Wie hieß noch der Mathematiklehrer aus der Oberstufenzeit, der Lehrer mit den langen Haaren? Trug er eine Brille? Und während ich die Fragen niederschreibe, fällt mir wider Erwarten die Antwort ein: Kliemek.

Je klarer ich weiß, warum ich tue, was ich tue, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass mich das, was ich tue, auch erfüllt. – Ich weiß nicht was in zehn Jahren sein wird und was ich dann will, doch ich weiß in diesem Moment genau, ob mir das, was ich gerade tue, guttut oder mich schwächt. Veit Lindau. Seelenquickies 2018.

Schulfest
Ich freue mich auf die Zeit, wenn ich wieder gesund bin, auch wenn diese Zeit nur auf wenige viele verbleibende Jahre verteilt ist. Und genauso freue ich mich auf die Möglichkeit, mich und mein Verhalten zu verstehen, nicht länger von irgendwelchen mir unbewussten Gründen in meinem Tun und Denken bestimmt zu werden. All das wäre nicht möglich, hätte mich meine erste Frau nicht auf derart, für mich unverständliche, unmenschliche Art aus ihrem Leben verdrängt. Ich danke dir für diese Möglichkeiten.
Vielleicht ist diese Vorfreude durch das Schulfest aus Anlass des 50jährigen Bestehens unserer Schule, das ich gestern besuchte, beeinflusst? Schon an den Tagen zuvor muss man mir meine freudige Erregung angemerkt haben. Das erste Mal war ich vor zehn Jahren dort, damals noch in Begleitung meiner Ehefrau und des Mannes, der jetzt ihr zweiter Mann ist. Die Möglichkeit, dass ich meiner ersten Frau das erste Mal nach sechs Jahren hätte wiederbegegnen können, war unzweifelhaft Mitgrund meiner erregten Vorfreude, auch wenn es mir lieber war, ihr nicht zu begegnen. Und wäre ihr zweiter Mann mir begegnet, ich weiß nicht, auf welche Art und Weise ich meine Verachtung ihm gegenüber zum Ausdruck gebracht hätte. Ihre Gegenwart hätte ich vielleicht noch ertragen, vielleicht hätten wir den öffentlichen Anlass als Gelegenheit für die schon so lange überfällige Aussprache nutzen können. Ihm zu begegnen, hätte ich nicht gewollt.
In der heutigen Rückschau weiß ich gar nicht, welche Erwartungen ich an den gestrigen Abend stellte. Ich hatte mir mein Interesse mit der Absicht erklärt, durch die Begegnung mit Menschen aus der Schulzeit in die Gefühle, die damals in mir waren, noch einmal einzutauchen, auch wenn die Erinnerung an meine Schulzeit überwiegend negativ ist, ein schöner Moment fällt mir jetzt nicht ein. Die Schule hatte für die ersten drei Entlassjahrgänge einen Klassenraum ausgewiesen. Der Entlassjahrgang meiner ersten Frau konnte das Klassenzimmer neben meinem Raum als Ort des Wiedersehens nutzen. Von den acht Menschen, die ich bei meiner Ankunft in meinem Raum antraf, kannte ich nur unseren ersten Schulsprecher und Ralf, dessen Stimme ich erinnerte, mit beiden hatte ich keine gemeinsamen Erinnerungen. Etwas später trat Doris ein, wir hatten schon die Grundschulzeit geteilt. Als sie in den Raum trat, sagte ich ihr, ich hätte sie an ihrem schönen Lächeln erkannt. Sie hat eine angenehme Art, der Mann, der mit ihr sein Leben teilt, hat es gut mit ihr, so vermute ich mal, denn auch mit Doris habe ich in den 15 Jahren nichts geteilt. Später trat noch Johannes ein, auch wir hatten keine gemeinsamen Erlebnisse, die wir gestern hätten teilen können. Und während ich ihn sofort erkannt hatte, alle kindlichen Verhaltens-und Ausdrucksweisen waren unverändert, blieb ich für ihn unbekannt. Das wollte ich auch nicht ändern. Um zu erfahren, wer wohl aus meinen Jahrgang stammen könnte, müsste ich nur die ältesten Gesichter anschauen, und manchmal verpasste ich das Ziel, wenn die Frau mir erklärte, sie hätte dem Jahrgang angehört, der zehn Jahre nach mir die Schule verließ. Das erste bekannte Gesicht, das ich bei meinem Eintritt ins Schulgebäude sah, war das Gesicht eines Lehrers, der nie mein Lehrer war, Herr Peters war in seinem forschen Auftritt trotz seiner 75 Lebensjahre fast unverändert, auch Herr Fernkorn, der auch nicht mein Lehrer war, hatten die Jahre nicht auf grausame Art alt werden lassen, er konnte sich an meine Eltern erinnern und bat mich, meiner Mutter schöne Grüße von ihm auszurichten. Auch bei unserer gestrigen Begegnung trug er seine Schultertasche. Es gibt Menschen, die verändern sich nicht. Später traf ich Dietmar, wenn man ihn jung schminken könnte, so wie Menschen auf alt geschminkt werden können, vor mir stand der Mitschüler Dietmar. Sein Bruder sei auch da, wir hatten Musik als viertes Abiturfach, ihm bin ich leider nicht begegnet, auch wenn auch wir keine Zeit teilten. Dietmar erzählte mir, dass Helmut nicht kommen werde. Schade, wir hatten uns vor einem Jahr das letzte Mal gesehen. Er war einer der wenigen, vielleicht der einzige Mitschüler in dessen Gegenwart ich mich wohl fühlte. Ulrich war auch gekommen. Er ist Physiker geworden. Er hatte noch immer die gleiche Gesichtsmimik, es hat mich gefreut. Als ich ohne Bratwurst und ohne Bier durch die Gänge ging, kam ich auch an dem Treppenaufgang vorbei, an dem ich mich in den letzten drei Schuljahren bei jeder Pause mit meiner ersten Frau traf, auch um ihr das Weizenbrötchen, das mein Vater an jedem Schultag für uns holte und sodann ohne selbst am Frühstück teilzunehmen zu seiner Tankstelle fuhr. Meine Mutter belegte die Brötchen für mich und meine erste Frau mit rohem Schinken. Fast immer gab’s einen Apfel dazu. Heide, auf die ich dann treffen durfte, war unverändert, aus einem freundlichen Mädchen ist eine freundliche Frau geworden, die ihre kindlichen Gesichtszüge mit ins Alter nehmen konnte. Sie zitierte mich im Kreis der Umstehenden mit einem Spruch, den ich am Anfang unserer Schulzeit geäußert hätte – auch sie war von der fünften bis zur zehnten Klasse meine Mitschülerin. Ich hatte sie nicht richtig verstanden – ich höre nicht mehr so gut -, und als ich sie bat, den Spruch noch einmal zu wiederholen, wechselte meine Aufmerksamkeit zu der Frau im Kreis, die mich interessierte. Und nachdem ich von Frank, der etwas abseits stand, erfuhr, dass sie seine Frau sei, konnte auch meine offen formulierte Wertschätzung, die natürlich von ihrem Äußeren bestimmt war, nichts daran ändern, dass meine unbewusste Vorstellung, die Nacht zu zweit zu erleben, nicht Wirklichkeit würde. Ich war wohl zu diesem Schulfest gefahren, um mich für mein Wohlgefühl zu kümmern. Und obwohl ich jetzt schon seit sechs Jahren üben darf, gelingt es mir noch immer nicht. Vielleicht will ich es auch gar nicht. Silvia, die im Zugang zur Schulaula stand, habe ich nicht wiedererkannt, auch wenn wir als Kinder ein paar Male zusammen spielten. Dass wir im Haus meiner Eltern zusammen mit Ulrike Tischtennis spielten und kickernten, wusste ich nicht mehr, sie hat sich aber ihre Art erhalten, deretwegen ich sie schon als kleiner Junge mochte. Und ganz anders als in meiner Erinnerung war sie nicht mehr das große Mädchen, sondern ein wenig kleiner als ich. In der Aula sollten zwei Ehemaligen-Bands spielen. Matthias hatte ich schon vor zwei Jahren wiedergesehen und so wie ich hatte auch er sich von seinen langen Haaren getrennt. Auf der Bühne stand Michael, der mit seiner für den gestrigen Abend zusammengestellten Band den Soundcheck durchführte. Er hatte sich seine Stimme erhalten, und wenn er lachte, funkelten seine Augen noch wie damals, als er mit mir im Musikunterricht saß und mit seinen gelungenen Wortbeiträgen zum Unterricht beitrug. Herr Schepers, unser Musiklehrer war nicht auf dem Fest, es soll ihm gut gehen, Frau Malzzacher sei gestürzt, wie ein Mitschüler uns sagte, als er auf mich und Dietmar zuging, sich mit Vor- und Zunamen vorstellte, seine Leistungskurse nannte, die nicht meine waren. Er kam in der elften Klasse zu uns, nachdem das Internat die Zusammenarbeit mit ihm beendet hatte.

Fragen
Gibt es Fragen, die ich mir noch nicht stellte? Wenn die Antwort nein lautet: Habe dich mir auf jede meiner Fragen eine Antwort gegeben? Gibt es Fragen, die nur sie mir beantworten kann? Sind ihre Antworten wichtig für mich? Weiß denn sie die Antworten auf die Fragen, die nur sie beantworten könnte? Sind ihre Antworten wichtig für mein Leben?

Schön
Oh, ein schönes Foto. Ja, ein wirklich schönes Foto. Das Bild ist wohl nach den Sommerferien entstanden. Die Brille ist sehr groß. Ob sie mir ohne dein Gesicht gefallen würde, weiß ich nicht. Sie steht dir gut. Auch dein Kleid gefällt mir gut. Es kleidet dich. Es passt sehr schön zu deinen gebräunten Oberarmen und deinem braunen Gesicht, der geschlossene Mund mit einem angedeuteten Lächeln. Es freut mich, dich derart gutaussehend zu sehen. Das Bild ist viel schöner als das Bild, das jahrelang die Homepage zeigte. Ja, ein schönes Bild. Leider ist da die Erinnerung an deinen letzten Anruf, der so gar nicht zu dem, was das Bild vermittelt, passt. Wenn ich mir deine Worte und den Klang deiner Stimme in Erinnerung rufe, dann fehlt zu deinem perfekten Glück nur noch, dass es mich nicht mehr gibt, dass ich still werde, dass ich meine Existenz lösche, dass ich zurück an den Einlass gehe und meine Eintrittskarte fürs Leben zurückgebe. Das wärs dann, lebe du alleine weiter. Ich habe den Neuanfang nicht geschafft. Noch aber will ich nicht aufgeben. Wenn du erblühst, muss ich nicht zwangsläufig verblühen, sterben. Doch ja, es freut mich, dich so zu sehen.

Fragen
Seine Kalenderblätter haben mich schon oft zum Nachdenken ermuntert. Wenn ich seine heutigen Worte lese, spüre ich, dass ich der Aufforderung nachkommen will und bin gespannt, welche Fragen ich mir stellen werde. Und während ich den Kalender in die Hand nehme, muss ich feststellen, wie dünn er geworden ist. Nur noch fingerbreit sind die verbleibenden Tage, und dann ist auch dieses Jahr um. Es sind die Fragen, die ich mir stelle – nicht die Antworten -, die über mein Glück und Leid bestimmen. Wie habe ich die Tage dieses Jahres für mich und mein Glück genutzt.

Nachwort
Als ich am Wasser entlang ging, fiel mir ein, dass zu jeder Beerdigung auch eine Grabrede gehalten oder ein Nachruf verfasst wird. Diesen Nachruf werde ich verfassen, bevor ich mich dem Schönen, dem Unbekannten, meiner Zukunft zuwende. Ich habe dich für mich sterben lassen, also obliegt mir der Nachruf, auch wenn ich am Ende meines Lebens nicht neben dir liegen werde, so wie dein Vater nach seinem Tod von seiner zweiten Frau neben deiner Mutter bestattet wurde. Sie selbst liegt irgendwo anonym, irgendwo auf der grünen Wiese. Und wenn ich jetzt, als der Mann, der dich von deinem 14. bis zu deinem 51. Lebensjahr begleitete, den Nachruf halte, will ich darin nur das Gute sammeln. Ich will die Dinge aussprechen, für die ich mich bei dir bedanken möchte, so wie ich es schon einmal musikalisch versuchte. Ich würde dich gerne persönlich ansprechen. Da aber alles nur meiner persönlichen, subjektiven Erinnerung entspringt, die nicht der objektiven Wahrheit und schon garnicht deiner subjektiven Wahrheit entsprechen kann, will ich meine Worte abstrahieren, will ihnen jeden realen Bezug nehmen. Ich werde dich nicht mit deinem Namen benennen, ich werde auch nicht irgendeine Abkürzung gebrauchen. Nach meinem einleitenden Wort werde ich eine große Lücke lassen, in die ich dann gedanklich, still, für mich, deinen Namen einfüge. Lasse mich jetzt beginnen.
Liebe (………………….),
mir obliegt dein Nachruf. Ich rufe dir nach, während du dich mit jedem Wort weiter von mir entfernst, weiter und weiter. Du schreitest mit großen Schritten voran. Und mit jedem Schritt holen auch deine Arme weit nach vorne und hinten aus. Du schreitest kraftvoll voran. Und manchmal geht dein Blick noch nach hinten, nicht auf mich gerichtet, mehr suchend, so als würdest du auf jemanden warten, der dich hätte begleiten sollen, den du noch einmal hättest sehen wollen. Trotz deiner Suche bleibt das Tempo deiner Schritte unverändert.

Ich will jetzt beginnen, bevor meine Worte dich nicht mehr erreichen. Was fällt mir spontan ein, wenn ich dir danke sagen will? Danke sagt man oft und für vieles. Reichst du mir mal die Butter rüber? Danke.
Womit soll ich beginnen? Welches Tun, welche Worte, welches Geben ist erwähnenswert? Es fällt mir schwer das Gute zu erinnern und das sich aufdrängende Aber zu verhindern. Es fällt überhaupt schwer, danke zu sagen. Du hast für mich mehr getan, als ich für dich getan habe, das steht fest. Und dieser Unterschied ist doch sehr groß, denn was habe ich schon für dich getan? Du hast die Betten gemacht, manchmal habe ich geholfen. Du hast das Licht über meinem Bett ertragen, wenn ich noch lesen wollte. Danke. Du hast den Mangel an Austausch über die Ereignisse des Tages ertragen. Reden, sich erinnern, geteilte Dankbarkeit waren selten. Danke für den so lange ertragenen Mangel. Danke für die geteilte Sexualität. Ich will sie jetzt nicht beschreiben, erklären, bewerten. Es war unsere Sexualität. Jetzt kommt das erste Mal eine Emotion auf, die mir deutlich macht, die mir beweist, dass das Danke hier kein leeres, nur so dahingesagtes Danke ist. Danke für die mit dir erlebte Sexualität, danke, dass ich mich an deiner Schönheit, deiner Ehrlichkeit, deiner Vertrautheit, deiner Hingabe, deiner Nähe erfreuen durfte. Du hast unsere Kinder geboren. Danke, dass du diese Last und Verantwortung und auch Schmerzen so großartig gemeistert hast. Danke, dass du ihre Mutter warst. Danke, für deine Sorge und dein Kümmern. Danke, dass du dich um mich gekümmert hast, wenn ich krank war. Bei meinem letzten Aufenthalt im Krankenhaus bist du jeden Tag zu mir gekommen, hast neue Wäsche gebracht, danke für das Picknick. Die Frage, die sich gerade jetzt aufdrängt, brauche ich nicht mehr stellen, sie bliebe unbeantwortet, denn du wirst kleiner und kleiner und der Abstand größer und größer. Ich muss mich beeilen, damit mein Rufen dich noch erreicht. Danke, dass du mich, meine Übellaunigkeit, mein Desinteresse, meine Lethargie, das ungesicherte Leben, den Mangel, die Einschränkungen so lange ertragen hast und mich bei jedem meiner untauglichen Versuche, die Verhältnisse zu ändern, bedingungslos und ohne Widerspruch unterstützt hast. Du bist ein guter Mensch, bitte erinnere dich daran.
Und du bist ganz klein, nur noch ein Punkt in der Ferne, ohne jede Kontur. Jetzt kann ich dich nicht mehr sehen. Ob dich mein letzter Satz wohl noch erreicht hat?

Wie
Ich habe meine Zahncreme gewechselt. Die optimale kostet das Fünfundzwanzigfache der bislang von mir verwendeten Zahncreme. Ein scheinbarer Luxus, verteilt auf den Tag nicht teurer als eine Nespresso-Kapsel. Und doch gesünder als die Süddeutsche Zeitung, für die ich an manchen Tagen, wenn der Heißhunger mich packt, zusammen mit dem kleinen Vollkornbrot, mit Sauerteig gebacken, 6 Euro verwende. Der Staatsbedienstete wechselt von der Besoldungsstufe B9 nach B13. Verteile ich seinen neuen Monatslohn auf 160 Monatsstunden errechne ich einen Stundenlohn von 82 Euro. Herr Kühne, dessen Vermögen Wikipedia auf 13 Milliarden beziffert, speist in der Sansibar. Die Zeit zitiert Herrn Seckler mit den Worten: Die Menschen haben mich behandelt wie einen Mülleimer. Der Speditionskaufmann aus Frankfurt fragte seine Ehefrau, Arbeitgeberin von 50 Angestellten, ob Herr Kühne wohl den Wein getrunken habe, dessen Flascheninhalt 4000 Euro kostet. Herr Kühne ist 81 Jahre, Herr Seckler 66 Jahre und Herr Björn Freitag, der Fernsehkoch aus Dorsten, war auch da. Ich lebe in einer Zeit, in der alles möglich ist, 4 Ausgaben der Zeit kann ich als Geschenk lesen und Volvo lockt mit 3 Stunden im Volvo-SUV für 0 Euro. Alles ist möglich, solange ich nicht Bundespräsident, Bundeskanzler oder Eigentümer der Sansibar, Milliardär oder Fernsehkoch werden will. Ich will nur diesen einen Stundensatz von 500 Euro. Das Ehepaar aus Hannover, beide über 70 und mit dem Wohnmobil unterwegs, die ihr Haus gemeinsam erbauten, er als Maurer und sie als Tochter eines Lastwagenfahrers, die alle Fliesen im Haus selbst verlegte, erklärten, allein mit der Hände Arbeit könne man nicht reich werden. Hätte er nicht seinen Meister gemacht, eine Firma gegründet, den Mut besessen und Grundstücke auf Mallorca erworben, mit Villen bebaut und veräußert, wäre Ihnen die Einladung an Kinder, Enkel und Urenkel zu einer 14tägigen Kreuzfahrt im Persischen Golf unmöglich. Und doch wollte ich auch nicht mit ihrem Leben tauschen. Wer will schon tauschen, tauschen will nur selten einer. Er oder sie müssten ja dann auf sich verzichten. Und wer will sich aufgeben? 0k: Ein Stundensatz von 500 Euro ist das Ziel, nicht acht Stunden täglich, nicht 40 Mal in der Woche, nicht 160 Stunden im Monat. Meine Wertschöpfung in der Stunde beträgt 500 Euro. Bleibt nur noch die Frage zu beantworten: Wie? Wenn das Ziel bestimmt ist, ergibt sich das Wie von allein.

Delete
Muss ich begründen, was ich jetzt tue? Muss ich mir begründen, was ich jetzt tue. Ich werde dich aus meiner Erinnerung löschen, dich beerdigen, auf See, ohne Rückkehr, ohne örtlichen Anker. Du bist für mich gestorben. Fünf Jahre habe ich in meinen Gedanken für dich gekämpft. Fünf Jahre habe ich mich an das Gute in dir erinnern wollen. Und während ich diese Worte schreibe, durchleide ich das gleiche Gefühl wie in der Nacht als ich nach meiner Rückkehr von Ani vor dir stand, im Raum unsere erste Einrichtung, die braun gestrichenen Montagebetten, am Anfang unserer Zeit und gleichwohl am Ende unseres Lebens. Ich kämpfe mit den Tränen, die gleichwohl laufen, ich puste aus, so wie in der Nacht als du mir am Telefon deine Entscheidung mitteiltest. Ich lass dich jetzt gehen. Ich trage keine Verantwortlichkeit mehr für dein Leben. Ich entlasse mich jetzt aus meiner Schuld, die ich unbegründet oder begründet trug. Mach’s, gut. Und vielleicht habe ich dich doch geliebt, auch wenn viele sagen, es ist gut für mich, dass du nicht mehr Teil meines Lebens bist. Endgültig, ohne Umkehr, endgültig wie der Tod.

Mehrwert
Was brauche ich mehr, und wo ist mein Mehrwert? Die Tomaten kosteten das fünffache derer, die ich vor ein paar Tagen kaufte. Der Geschmack war besser, vielleicht schon deshalb, weil ich sie in einer Papiertüte nach Hause trug. Und ich konnte sie fußläufig kaufen. Bei einem  Stundensatz von 500 Euro und einer Stunde  Wegzeit zum Discounter hätte ich beim Einkauf der scheinbar überteuerten Tomaten 500 Euro gespart. Die Tomaten kamen direkt vom Erzeuger. Die zwei Äpfel, die ich heute Morgen am Wegrand pflückte, frei von giftigen, aufgebrachten Inhaltsstoffen, kosteten nichts, ich schenkte sie mir, die dreihundert Äpfel, die noch hängen, fallen irgendwann zu Boden und verbessern den Küstenschutz. Zwei Tassen Kaffee mit aufgeschäumter Milch und dazu fünf süße Leckerlis:15.50 EUR, mit Trinkgeld 18 Euro. Der Mehrwert war das Gespräch mit der Frau, mir gegenüber. Und diesen Wert erhielt ich als Geschenk, weit mehr wert als fünf Leckerlis. Heute las ich bei Damian, ich solle mich niemals von Geld, von Menschen und von meiner Vergangenheit kontrollieren lassen. Vorgestern kamen mir drei Menschen auf dem Bürgersteig entgegen. Noch bevor sie für mich sichtbar wurden, hörte ich das Geschrei eines Kleinkindes, durchgängig, anhaltend. Die Frau, in schwarz gekleidet, die dunklen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, schob den schwarzen Kinderwagen. Neben ihr und neben der Kante des schmalen und einseitigen Bürgersteigs schritt ein ebenfalls in schwarz gekleideter, eher kleiner, eher schmächtiger Mann, der ebenso durchgängig und anhaltend sprach, wie das Kind schrie, den Blick starr geradeaus, in seinem Monolog verhaftet, ohne jedes Interesse für das schreiende Kind. Nachdem wir einander passiert hatten, fragte ich mich, während ich mich umdrehte, ob ich nicht gerade einem auch mir durch das Fernsehen bekannt gewordenen Mann, seiner Freundin und ihrem gemeinsamen Kind begegnet war. Mit seiner Gestalt, dem schwarzen Hut und der dunklen Brille hatte er Ähnlichkeit mit Michael Jackson. Sollte er die Wirklichkeit von dem sein, was der Fernseher mir vermittelt hatte? Ich werde wohl nie erfahren, wer mir begegnet war, es sei denn… Mehrwert?

La stezza
Ein schönes Gefühl, wenn sich zuerst mein Brustkorb erwärmt, die Wärme nach oben steigt, durch den Hals in den Kopf, die Augen erreicht und zwei kleine warme Tränen die Augen verlassen und die Wärme jetzt den ganzen Oberkörper erfasst. Ich verstehe ihre Worte nicht, vermutlich lässt mich allein die Deutlichkeit ihrer Aussprache ahnen, wovon ihre Lieder handeln, von der Liebe, von der Schönheit des Lebens, von Streit, von Hoffnung, den wunderbaren Orten der Welt, von der Jugend, vom Alter. Ich verstehe kein Wort und doch erreicht sie mich mit ihrer Aufforderung, das Leben zu tanzen, zu fühlen, zu genießen. Was lässt mich weinen? Dass ich mein Leben verpasst habe, dass keine Zeit mehr ist, das Versäumte nachzuholen, vielleicht aber auch Dankbarkeit, dass dieser Tag nur mir gehört und ich diesen Sonntag so gestalten kann wie ich es möchte. Ich kann sitzen und genießen, ich kann fahren und die Natur, die Kraft der Sonne, des Windes und die Weite der Landschaft genießen und ich kann in die Begegnung mit Menschen gehen um die Freude in mir zu teilen. Vielleicht ist es doch noch  nicht zu spät für ein volles Leben.

500 Euro
500 Euro klingt unmöglich, unerreichbar, besonders dann, wenn ich den Betrag mit dem vergleiche, den man mir für eine Stunde Arbeit in den letzten Jahren zahlte. 10 Euro als Barmann. 12,75 Euro als Buchhändler, 25 Euro als Lehrer. Als Tanzmusiker kam ich immerhin auf 65 Euro Und als Anwalt war die Zahl der ergiebigen Mandate in den zwei Jahrzehnten meiner Zulassung nicht größer als die Zahl der Äpfel, die der kleine Baum hier im Garten in diesem Jahr trug. Will ich das Ziel erreichen, muss ich mich anderen Tätigkeiten öffnen. Woher sollen die 500 Euro kommen! Entweder von einer einzelnen Person oder von  einer Gruppe Menschen. Wenn 50 Menschen meine Arbeit zeitgleich erhalten, dann ist der Beitrag jedes einzelnen der Gruppe lediglich 10 Euro. Das klingt doch schon gar nicht mehr so unmöglich, unerreichbar. Ich kann 50 Menschen für eine Stunde an einen Ort zusammenführen und für diese Zusammenkunft ist jeder einzelne bereit, eine Gegenleistung von 10 Euro zu zahlen. Unmöglich? Das Beste an einem Seminar sind nicht immer die Seminarinhalte, sondern oft die Menschen denen man dort begegnet. Für mein letztes 3-Tages-Seminar zahlte ich 900 Euro. Ich hörte von Visualisierung, Zielsetzung. Nichts Neues also. Und von der russischen Methode hätte ich nichts hören müssen, da hätte auch ein Blick bei Youtube den gleichen Inhalt vermittelt. Aber, ich bin Menschen begegnet, und diese Menschen, denen ich auf dem Seminar begegnen durfte, die haben dem Seminar Wert gegeben. Vermutlich aber hätte ich ihnen auch weitaus kostengünstiger begegnen können. 500 Euro. Unmöglich, unerreichbar, fantastisch? Es ist mein Leben. Es wurde mir geschenkt. Ich werde es nutzen.

Hej då
Vor zwei Tagen hätte mein Leben beinahe innerhalb eines Augenblicks geendet. Ein schnelles Ende, ohne dass ich mir vor meinem Ableben auch nur einen einzigen Gedanken über den Tod machen musste. Und wenn ich nicht gestorben wäre, hätte ich aufgrund der vielen Verletzungen gewünscht, der Unfall hätte tödlich geendet? Der Tod hat mich verschont, er da oben hat mir mein Leben gelassen, und das völlig unversehrt. Also will ich die Chance, die er mir geben hat, für ein wertvolles Leben nutzen. Ich werde die Ziele neu definieren, in anderer Rangfolge festmachen, und dafür werde ich den Schmerz, der mich mit meiner geschiedenen Frau verbindet, vergessen, ich werde die Sehnsucht, die mich mit dieser unmöglichen Frau verbindet, vergessen, ich werde die Sorgen meines alten Lebens vergessen und ich vergesse, was mich erdrückte.
Als ich gestern durch die Ausstellung eines Möbelmarktes ging, in dem ich in jungen Jahren älter geworden bin, vornehmlich wartend, ging ich an dem Info-Stand für Sitzmöbel vorbei. Das Gespräch, das wir führten, hätte ich eventuell noch ein wenig länger gestalten können, schließlich hatten wir erst zwanzig Kombination aus Gestell und Bezug für Poeng besprochen und am Objekt betrachtet, und das Lachen, dass wir teilten, war angenehm. Aber wollte ich mehr? Und ist es gut, wenn mein erstes Interesse an ihr ausschließlich von ihrem Aussehen und dann durch die Art unserer Unterhaltung bestimmt war? Und wollte ich, der nach vier Jahren der Baderneuerung endlich das Waschbecken kaufte, in das Leben einer bislang mir völlig unbekannten Frau eintauchen, von ihrer Scheidung hören, von den Kindersorgen, von den Belastungen durch die Arbeit und die tausend anderen Dinge, die ihr Leben ausmachen. Nein, das wollte ich nicht, auch wenn aus der Region meines Körpers, der dem Verstand am entferntesten ist, Widerstand spürbar war. Das Universum hat mir durch meinen Beinahe-Tod in bestmöglicher Form gezeigt, wie schnell das Leben zu Ende sein kann und wie groß die Dankbarkeit ist, wenn das Leben, das gerade noch von Nichtigkeiten dominiert war, plötzlich eine ganz andere Gewichtung bekommt. In meiner Prioritätenliste kümmere ich mich deshalb als erstes um ein gutes finanzielles Auskommen. Und bei dieser Zielsetzung folge ich den Worten Damians, inspiriert durch den Stundensatz der fiktiven Strafverteidigerin Rachel Eisenberg aus dem Roman Eifersucht von Anderes Föhr. Um auf ein höheres Lebenslevel zu kommen, muss ich massiv größer denken als bisher und dabei auf die Meinung anderer scheißen. Wer oder was sollte mich also bitte davon abhalten, für meine Arbeit Rachel Eisenbergs Stundensatz von ebenfalls 500 EUR zu wählen.
Welche Arbeit aber ermöglicht einen Stundensatz von 500 EUR? Als ich vor sechs Jahren auf die Insel kam, zahlte man mir für meine Arbeit als Barmann 10 EUR und eine warme Mahlzeit, später erhielt ich als Verkäufer im Einzelhandel 13,75 EUR. Selbst mit meiner Arbeit als Lehrer war die Differenz zu meinen zukünftigen Zielstundensatz noch 475 EUR entfernt. Egal, hiermit lege ich den Stundensatz für meine Arbeit auf 500 EUR fest. Zukünftig kostet die Stunde meiner Arbeit 500 EUR. Ist das utopisch, unmöglich, überheblich, unrealistisch, unverschämt, oder sonstwie negativ? Egal, mein Leben gehört mir, und folglich entscheide ich über meinen Stundensatz. Punkt. Und wenn ich dieses neue, in der Prioritätenliste erstrangige Ziel erreiche, dann bin ich von der anhaltenden Angst vor gefürchteter und erlebter Armut, die mich schon mein ganzes erwachsenes Leben begleitet, befreit. Und dann kann ich mich auch mit ganzer Aufmerksamkeit der Lebenssituation von Ella widmen, von der ich mich auf schwedisch verabschiedete: Hej då!

Herr K.
Herr K. war ein kluger und interessierter Mann. Er war Meister in der Werkstatt eines größeren BMW-Händlers, hatte Haus, Frau und einen Sohn. Auch als seine Frau verstorben war, besuchte er meine Eltern regelmäßig, selbstverständlich war er einer der vielen Gäste, die zu den Geburtstagsfeiern meiner Eltern gekommen waren. Die Zahl der Gäste wurde stetig kleiner, bis auch er verstorben war. Er war ein Teil der Welt. Mit seinem Wissen und seinem gesellschaftlichen Engagement hat er vielen Menschen geholfen. Uns half er, den kleinen beigen 3er BMW so lange auf die Kfz-Hauptunterduchung vorzubereiten, bis wir den Wagen schließlich verschrotteten. Sein Leben war geordnet, er war ein zuverlässiger, kompetenter Arbeitnehmer mit einem guten Auskommen, auch im Alter. Gestern hatte ich auf das Kennzeichen meines alten, kleinen Citroens geschaut, der den letzten Ölwechsel vor sechs Jahren erfuhr, mich trotzdem auf meinen wenigen Fahrten ohne technische Probleme beförderte, und auch vor langer Zeit das letzten Mal gewaschen wurde. Beim Blick auf die Hu-Plakette sah ich mit leichtem Erschrecken, dass die nächste HU schon vor vier Monaten fällig war. Wieder ein Umstand, der belegt, dass mir das Leben entgleitet, wichtige Alltäglichkeiten von mir nicht mehr wahrgenommen werden, das Badezimmer, dessen Renovierung von mir vor ein paar Jahren begonnen wurde, ist noch immer eine Baustelle. Meine Angst vor der Zukunft lähmt meinen Blick und mein Handeln, in meinem erlernten Beruf will ich nicht mehr arbeiten, wollte ich noch nie arbeiten, und in meiner Arbeit als Hauptschullehrer bin ich überfordert. Was bleibt, will ich die Armut im Alter verhindern?

Danke
Ich hatte die Hecke entlang der Garageneinfahrt geschnitten und stand nun am Ende der Einfahrt vor dem Garagentor. Meine Mutter harkte am Anfang des Weges das Laub aus der Hecke. Als ich den Lastwagen der Müllabfuhr hörte und sah, wie er auf der anderen Straßenseite vor dem Grundstück unserer Nachbarin hielt, fasste ich, entgegen meiner ursprünglichen Absicht, den Entschluss, die gelbe Tonne, die in einem Abstand von zwei Metern neben mir stand, die ich eigentlich nicht an die Straße stellen wollte, weil sie nur ganz wenig Verkaufsverpackungen enthielt, doch noch an den Müllwerker, der gerade die Tonne unserer Nachbarin zurück auf den Bürgersteig stellte, zu übergeben. Ich ergriff die Tonne und eilte zum Wagen. Als ich die Kante des Bürgersteigs erreicht hatte, fuhr ein grauer Pkw an mir vorbei. Der Abstand zwischen mir und dem Wagen betrug wenige Zentimeter. Irgendwie hatte ich den Wagen im letzten Augenblick, dem Augenblick vor einer Fraktur von Unterschenkel, Knie, Oberschenkel, Hüfte, Bauch, Schulter, Kopf und der oberen Extremitäten, gesehen. Und irgendwie schaffte ich es, mich und die Mülltonne zu drehen. Ich war unverletzt und lebte. Welch gigantische Erfahrung. Ich hätte tot sein können und ich lebte. Nachdem ich den Moment größter Dankbarkeit genossen hatte und dem Müllwerker die Tonne schließlich übergab, fragte ich ihn, ob er mit mir auf das mir geschenkte und unversehrte Leben anstoßen wolle. Ich lief in den Keller, holte eine Sektflasche und drei Gläser aus dem Wohnzimmerschrank. Wieder auf der Straße begossen wir mein neues Leben. Als ich kurz darauf die Tonne zurück an ihren Standort brachte, schaute ich zum Himmel und bedankte mich bei ihm da oben. Danke. Ich danke dir. Eine Sekunde eher, 10 Zentimeter näher und ich wäre tot gewesen. Danke für mein Leben. Ab heute will ich mein Leben nutzen, ich will es schätzen, ich will es ehren, ich will ihm Wert geben. Danke. Ich werde wertvoll sein. Als ich am späten Nachmittag mein Basenbad nahm und die Musik von Alessandra Amoroso hörte, die bunten Häuser ihres Videos sah und an die Zeit unseres Italiensurlaubs dachte, als wir mit unserem schwarzen Bus durch die Straßen unseres Urlaubsortes fuhren und wir die italienische Musik im Radio hörten, musste ich wieder weinen. Ich lebe. Danke, danke, danke. Der 3. September ist der Tag, an dem mir das Leben ein zweites Mal geschenkt wurde. Im nächsten Jahr werde ich mein Leben zwei Mal feiern. Danke dir da oben.

Damian
Er hat ein Kompliment verdient. Die Motivationssätze, die ich lesen kann, wenn ich sein Instagram-Profil öffne, haben alle einen wahren Gehalt. Ich weiß nicht, ob es seine Worte, seine Ideen sind: Die einzige Person, mit der du dich vergleichen solltest, ist die, die du gestern warst. – Mut bedeutet: Sei du selbst in einer Welt, die dir erzählt, jemand anderes sein zu müssen.- Echte Freundschaft ist so wertvoll wie wahre Liebe. –  Am Anfang braucht man Mut, damit man am Ende glücklich ist. – Um auf das nächste Level deines Lebens zu kommen, musst du massiv größer denken als bisher. – Halte dich fern von negativen Menschen, sie haben ein Problem für jede Lösung. – Erziehung bedeutet, liebe dein Kind bedingungslos. – Liebe dich selbst. Finde Menschen, die dir guttun. Scheiss auf die Meinung anderer. – Wenn dich jemand ignoriert, störe ihn nicht dabei.
Ich habe dich nie kennengelernt, lieber Damian. Das Bild, das ich mir von dir mache, ist entstanden durch deine Podcasts, die kurzen Videos, die du bei Instagram ins Netz stellst, und die Fürsprache eines anderen Menschen. Warum muss ich, wenn ich das Video sehe, in dem du auf Socken klatschend durch den Kreis deiner Mitarbeiter hüpfst und eine Mitarbeiterin versucht, es dir gleich zu tun, an die Zeit denken, als ich mit Erwin auf der Bühne stand, und wir, nachdem die feiernde Gesellschaft schon ein wenig Alkohol getrunken hatte, die Menschen auf der Tanzfläche mit Arschi-Arschi, Marschwalzer, Polonäse und anderen Spielereien, die vom Ansatz her den Spielen auf einem Kindergeburtstag ähnelten, in einen berauschten, fröhlichen, ausgelassenen Zustand trieben? Warum musste ich an die Videos junger Erwachsener denken, die auf Youtube davon berichten, wie sie innerhalb kürzester Zeit zum Internet-Millionär wurden, wenn du aus deinem Whirlpool grüßt, ich dich beim Kauf deines dritten Mercedes bei der Vertragsunterzeichnung und anschließender Heimfahrt  begleiten darf und du mir die Liebe zeigst, die dich und deine Frau verbindet? Und warum überhaupt erzähle ich von dir? Weil ich neidisch bin, auf deine Arbeit, auf das viele Geld, das du mit deiner Arbeit verdienst, auf eine Fähigkeit, andere glücklich zu machen, auch wenn die Zeit des Glücks auf die Dauer deiner Veranstaltungen möglicherweise beschränkt ist? Ja ich bin neidisch auf dich. Ich will den Gedanken weiterdenken, vorab ein wenig im zweiten Fall der Rechtsanwältin Rachel Eisenberg lesen, deren Stundenhonorar 500 Euro beträgt und die den geforderten Vorschuss auf 50.000 Euro festlegte. Allerdings müsste ich einen Vorschuss verlangen. Der wie hoch wäre? Fünfzigtausend. Rachel in Andreas Föhrs Eifersucht.

Es ist wirklich sehr belebend, wenn man wieder Pläne hat. Gerlach zu Rachel in Andreas Föhrs Eisenberg

Ich
Der Wecker des Handys klingelte auch heute Morgen sehr früh, nachdem ich gestern vergessen hatte, ihn nach dem für Gestern gewollten Weckruf auszuschalten. Die Marschmusik, die ich schon gestern hörte, holte mich aus meinem Traum, in dem ich durch ein schlossartiges Gebäude, dem Gebäude einer Grunschule, an der auch meine Frau als Lehrerin tätig war, irrte, auf der Suche nach einer Toilette. Bei meiner Suche, bei der ich niemandem begegnen wollte und jeder möglichen Begegnung versuchte auszuweichen, traf ich gleichwohl auf Kolleginnen, die mir freundlich und zugewandt das Gebäude und den Weg zu einer der vielen Toiletten im schlossartigen  Schulgebäude erklärten. Die Marschmusik beendete den Traum. In der gestrigen Nacht hatte ich vor dem Einschlafen die letzte Podcastfolge von Nicole Harder gehört und öffnete jetzt in der Frühe eine Podcastfolge der Podcastnomaden um von hier auf die Seite von Thomas Dahlmann zu wechseln. Nachdem ich mich für seinen Newsletter angemeldete hatte, wechselte ich zu meiner eigenen Website und klickte auf mein Lied Begegnungen, erinnerte mich an Arnos Anruf, in dem er mir das Lied durchs Telefon vorspielte und mich lobte; ich hatte ihm meine erste und bislang einzige CD, die ich vor drei Jahren in einer kleinen Stückzahl hatte pressen lassen, an dem Morgen als die Post mir die zwei Pakete lieferte, geschenkt. War es doch Arno, der mich vor fünf Jahren mit auf seine Insel genommen hatte. Das Lied erinnerte mich sofort an diesen einen Sommer, in dem ich kurz im Zustand des Verliebtseins leben durfte. Schade, dass ich zu faul war, dem Lied einen zweiten Vers zu geben. Der Zufallsclick führte mich danach zu meinem Lied Bevor ich gehe. Das Lied hatte ich damals in den ersten Monaten der Trennung im Dachgeschoss unseres Hauses in Havixbeck aufgenommen. Hatten wir den Ausbau während der Schwangerschaft unseres dritten Kindes durchgeführt? An der geraden Wand und  unterhalb der Dachschräge standen die Holzregale Ivar von Ikea, entlang der Dachschräge, mit Blick durch das Dachfenster in den Himmel, mein Schreibtisch aus Kiefer, den wir fünfundzwanzig Jahre zuvor, nach unserem Umzug von Münster nach Havixbeck gekauft hatten, an dem ich mich während des Studiums und meiner Zeit beim Repetitor durchs Recht quälte, und später durch die Klassenarbeiten meiner Schüler, davor der braune Lederschreibtischstuhl, den meine Eltern mir und meiner Frau, in der kleineren Version, zu Beginn unseres Studiums schenkten, zusammen mit dem großen Schreibtisch in der Größe von zwei mal zwei Metern, den Herr Sack für uns gebaut hatte. Am gestrigen Abend hatte ich die Erkenntnis, geleitet von einem Foto, dass das Gefühl, für einen anderen Menschen wichtig zu sein, früher mehr als heute, mehr noch, der wichtigste Mensch zu sein, eine sehr große Bedeutung für mich hat, mir ein gutes Gefühl gibt, mich sichert, mich schützt, und immer noch die Angst in mir ist, früher mehr als heute, meine Wichtigkeit im Leben eines anderen Menschen zu verlieren. Ich weiß nicht, ob die Sorge, die ich hatte, als meine Eltern mich fragten, ob ich noch ein Geschwisterchen wollte, von mir verneint wurde, ich bin mir auch nicht sicher, ob mir die Frage je tatsächlich gestellt wurde, ich glaube mich aber zu erinnern, auf diese Frage mit Unwohlsein reagiert zu haben, zumindest kann ich heute dieses Unwohlsein nachempfinden. Und während ich nun mein Lied Bevor ich gehe hörte, öffneten sich meine Tränenkanäle und ich weinte. Während des Zähneputzen mit meiner neuen auyverdischen Zahncreme Auromere, die ich als Empfehlung den Büchern der Frau Tierärztin Alexandra Stross entnahm, fiel mir ein, dass ich für meine  Frau, der wichtigste Mensch in ihrem Leben war und musste ein zweites Mal weinen. Ich hatte eine Frau, für die ich der wichtigste Mensch in ihrem Leben war. Und diese Tatsache war doch schon Grund genug, dass ich um ihre Hand anhielt. Und allein aufgrund ihrer Hingabe, ihrer Einstellung war ich verpflichtet im Austausch, als Gegenleistung… Ich weiß es nicht. Viele Eindrücke, viele Gedanken und noch immer keine Klarheit. Mein Weg zu mir selbst scheint noch eine Weile zu dauern, aber ich spüre, unterwegs zu sein. Und da ist immer wieder die Hoffnung, dass mein Weg erfolgreich enden wird, auch wenn die Verzweiflung mich stetig begleitet. Und wenn ich es geschafft habe, völlig frei, ohne jeden nachteiligen, leidenden Gedanken, stolz, stark, mit strahlender Freude, wunschlos, glücklich, zufrieden, ohne irgendeinen Gedanken, weder von Hoffnung noch von Scham, noch von Minderwertigkeit, noch von gespielter Überlegenheit, gespielter Arroganz beeinflusst, nur mit dem unbefleckten Gemüt eines Neugeborenen der Frau begegnet bin, deren Existenz ich diesen Prozess, in dem ich noch immer stecke, verdanke, deren Existenz mich achtundzwanzig Lieder und Millionen Worte und eine Liebeserklärung, die mich, wenn ich sie lese, noch immer begeistert, erschaffen ließ, dann habe ich es geschafft, dann bin ich am Ziel meiner ersten Etappe, dann bin ich Jörg Ridder, dann bin ich Ich. Und dann, dann geht’s los. Dann werde ich der Welt zeigen, weshalb ich geboren wurde.

Nach Auskunft von Frau Gerlach hat sich das Paar 2011 getrennt. Gerlach scheint das ziemlich mitgenommen zu haben. Jedenfalls hat er seine Karriere als Physikprofessor hingeschmissen und lebte zum Zeitpunkt seiner Verhaftung als Obdachloser auf der Straße. Carsten Dillbröck in Andreas Föhrs Eisenberg

Verduften
Ich stand in meinem Lieblingsbuchladen und hielt das Buch von Matthias Brandt in den Händen, als ich diesen angenehmen, leichten Duft an meiner linken Seite wahrnahm. Ich erinnere mich an das Titelthema der Zeit und die nicht neue Erkenntnis, dass eine Beziehung nur gelingen kann, wenn man den anderen gut riechen kann. Ja, diese Frau und das von ihr ausgewählte Parfüm dufteten sehr gut. Leider hatte ich den Kauf des Buches schon vollzogen und auch das Gespräch mit meiner Lieblingsbuchladen-Verkäuferin war beendet, nachdem ich ihr meine Auswahlkriterien für ihren nächsten Büchervorschlag noch einmal kurz zusammengefasst hatte. Es gab also keinen  Grund, noch länger im Buchladen zu verweilen, zumal ich den einzig richtigen Augenblick, mit der Trägerin des lieblichen Dufts ins Gespräch zu kommen, schon verpasst hatte, als ich darüber nachdachte, ob es wohl passend wäre, der Frau neben mir zu sagen, dass mir ihr Duft gefiele. Jeder Satz, der nach meinem Bedenken von mir geäußert worden wäre, wäre mir peinlich, unangenehm gewesen. Als ich den Buchladen verließ, kritisierte ich mich innerlich meiner Feigheit wegen und rechtfertigte mein Schweigen mit der Annahme, dass die Frau mit dem angenehmen Duft, ganz leicht, ganz dezent, wahrscheinlich viel jünger war als ich, verheiratet war, in einer Beziehung lebte, Mutter von vier Kindern war oder aus anderen Gründen nicht interessiert wäre, auf mein Interesse, auch wenn es sich im ersten Augenblick nur auf ihren Duft bezog, mit keiner anderen Antwort als einem freundlichen Danke zu entgegnen. Um mich zu besänftigen, blieb ich vor dem Buchladen stehen , schaute zurück in den Laden und wartete, bis die Frau für mich sichtbar wurde. Ja, ihre ganze Erscheinung passte zu ihrem Duft, der beige, leichte Sommermantel, die eng am Bein anliegende Jeans, die im Bereich der Fessel gelöchert und ein wenig ausgefranst war und Flipflops, die das Leben leichter machen. Wie alt sie war, konnte ich nicht einschätzen. Auch die ins dunkle Haar gesteckte Brille machte die Einschätzung nicht leichter. Und während ich mich daran erinnerte, dass es schwer würde, durch standhafte Arbeitsverweigerung und weiterhin unterlassenes Balzverhalten meinen Beziehungsstatus zu ändern, spürte ich den Regen, der plötzlich einsetzte. Wollte mir das Universum eine zweite Gelegenheit anbieten, dachte ich. Zu meinem Glück war es nur ein kurzen Schauer. Ich setzte mich aufs Rad und fuhr davon. Ob ich sie an ihrem Duft wiedererkennen würde? Man sieht sich immer zweimal im Leben, nur suchen sollte man sich nicht. Doch nie wieder will ich feige sein.

Spielen
Der 79 Jahre alte Mann vom Nachbargrundstück trat vor die Tür, warf zwei kleine Bälle auf die Wiese, stellte sich zum Ball, hob den Schläger an und schlug den kleinen Ball über den Rasen. Er hatte im Alter von 65 Jahren mit dem Golfspiel begonnen. Wenn er mir in Begleitung seiner Frau erschienen war, wirkte er krank und verletzt,  beim Abschlag des kleinen Balles, löchrig und innen hol, wirkte er mit seiner Beweglichkeit in Becken und Oberkörper weitaus agiler. Nach vier Schlägen hatte er sein Spiel beendet, seine Frau sei in Kampen am Meer. Sein Spiel animierte mich, mein Basenbad zu verlassen, mir Turnschuhe anzuziehen und den Fußball, den ich mir vor ein paar Wochen gekauft hatte, aus dem Schuppen zu holen. Ich versuchte, den Ball mit beiden Füßen in der Luft zu halten, bewegte mich derart, dass ich mir den  Ball mit der Schuhinnenseite beider Füße wiederholt zuspielte und meinen ganzen Körper dabei so in Bewegung hielt, wie ich es schon als kleiner Junge tat, als ich, früh am Morgen, auf dem Rasenplatz des Heidestadions alleine, nur mit mir und dem Ball trainierte. Bei meinen Versuchen, den Ball in der Luft zu halten, schmerzte das rechte Knie, der leichte Stoß gegen den Ball genügte, den Schmerz auszulösen. Als es mir gelungen war, den Ball zwanzig Mal mit dem linken und dem rechten Fuß im Wechsel in der Luft zu halten, beendete ich mein Spiel und fasste den Entschluss meine Bestleistung am nächsten Tag auf dreißig Mal zu erhöhen.
Das schönste Jahrzehnt in meinem Leben war wohl das dritte, die Kinder wurden geboren, die Hoffnung auf ein besseres Leben hatte einen Grund, das Studium dauerte noch, danach sollte es uns besser gehen. In meinem vierten Jahrzehnt wurde unsere Tochter geboren, das zweite Stastsexamen, der Beginn der Selbstständigkeit und noch immer Hoffnung auf ein Leben ohne Existenzängste. Im fünften Jahrzehnt dann die berufliche Neuorientierung, die Kinder hatten das Haus verlassen, die Anstrengungen meiner Frau wurden mit einer Festanstellung belohnt, zu meinen 50sten Geburtstag flogen wir nach London, ihren 50sten verbrachten wir auf Norderney, im Sommer starb mein Vater, im Herbst wurde ich ohnmächtig und mit dem Verdacht eines Schlaganfalls in die Klinik gebracht. Vier Monate später war das alte Leben, mit seinem Fühlen, seinem Denken zuende. Jetzt sitze ich hier mit den Füßen im Basenbad und schreibe, denke an die Nacht, die qualvoll und traurig war, nachdem schon der Traum qualvoll und traurig gewesen war.

Ich habe mich noch nie mit jemandem so wohl gefühlt… Plötzlich und völlig unerwartet stieg ein heftiges, ihn aus der Fassung bringendes Feuer in ihm auf und entzündete sein ganzes Wesen. Die Zerbrechlichkeit dieser Frau und die Einsamkeit, die sie ausstrahlte, halten in ihm wider wie ein schmerzliches Echo. Es hatte nur weniger Sekunden und eines Blickes auf sie bedurft, um… Alice in Guillaume Mussos Nacht im Central Park

Brennen
Da, wo der Kalender hing, hing nur noch der Umschlag mit den von meiner Mutter gesammelten und geordneten Kalender-Blättern, aus dem das heutige Blatt hervorschaute, so als wolle es mich noch eindringlicher mit der Frage konfrontieren: „Weißt du, wofür du brennst?“ Die Stunden des heutigen Tages sollten reichen, um meine Antwort zu finden. Mal fühlen, welcher Gedanke mich innerlich brennen lässt?

Es gibt seltene Augenblicke, in denen sich eine Tür öffnet und das Leben einem eine unerwartete Begegnung beschert, mit einem Menschen, der uns ergänzt und vorbehaltlos so akzeptiert, wie man ist; der Verständnis hat für alle Widersprüche, Ängste, Ressentiments, für alle Gefühle von Zorn und auch für den dunklen Strom, der im Kopf des anderen tobt. Und der diesen zu besänftigen weiß. Der einem einen Spiegel vorhält, in dem man sich furchtlos betrachten kann. Alice in Guillaume Mussos Nacht im Central Park

So Gott will
Ich bin jetzt im sechsten Jahrzehnt meines Lebens, sie ist in ihrem fünften. Bei dieser Einteilung ein Altersunterschied von nur einem Wert, also von Werten, die nach Auf- und Abrundung identisch und damit passend wären. Würde ich anstelle des Konjunktivs wären den Indikativ sind wählen, bekommt die Aussage einen noch überzeugenderen, schöneren Inhalt: Der Altersunterschied hat sich aufgelöst. Was wiederum die Wirklichkeit richtig beschreibt, denn ob Mann und Frau zueinander passen, beurteilt sich nach anderen Kriterien als denen einer mathematischen Ungleichung. Das erste Jahrzehnt trägt die Überschrift Kindheit. In diesem Jahrzehnt wurden die Grundlagen für mein Leben geschaffen. Frau Dr. Rose, die Frau, die mir Latein beibringen sollte, verglich die Grundlagen einer Sprache mit dem Fundament eines Hauses. Ebenso wie bei einem löchrigen Fundament die Standfestigkeit des Hauses leide, litten alle folgenden Lerneinheiten an einem Mangel der Grundlagen einer Sprache. Und so wie sie die Grundlagen einer Sprache mit dem Fundament eines Hauses verglich, vergleiche ich die Bedeutung der Kindheit für die folgenden Jahrzehnte mit dem Fundament eines Hauses, nur dass bei dem Fundament eines Hauses dessen Mängel sichtbar sind oder leicht sichtbar gemacht werden können, während mir die Mängel meiner Kindheit auf Dauer verborgen bleiben. Und wenn ich mich jetzt mit meinen Gedanken in die Zeit meiner Kindheit treiben ließe, um mich dann mit dem Gefühl des Kindes zu fragen, wie ich mir eine ideale, eine schöne, eine mangelfreie, eine gute Kindheit wünsche, um sodann diese gewünschte Kindheit zu meiner tatsächlich erlebten Kindheit zu machen – denn die Erinnerung ist manipulierbar – wie wäre das? Aber will ich das? Jetzt gerade will ich es nicht. Denn ich will vielmehr die Gegenwart ändern, den heutigen Tag so gestalten, dass er ohne Mängel bleibt, mangelfrei.
Mein zweites Lebensjahrzehnt bekommt den Namen Erwachsen-Werden. In dieses Jahrzehnt fällt mein ganzes Leben, der erste Kuss, den ich bei Tageslicht nicht wiederholen wollte, der erste Vollrausch und die Erkenntnis, dass mein Körper Alkohol nicht verträgt, und der fortgesetzte Mangel, der in verschiedenen Aktivitäten Ausgleich suchte, der Deutschlehrer Hörl, der Sportlehrer Straten, der Biolehrer Erxleben, die Mathematiklehrerin mit den roten Haaren, die Pädagogiklehrerin, der Geschichts- und Klassenlehrer Schlick, die Kunstlehrer Bobitsch
u. a, der Sportlehrer Petry, die Sportlehrerin mit den blonden Haaren und dem weißen Trainingsanzug, die Deutschlehrerin Weiland, der Schulleiter Dahlmanns, sein Vertreter Kukowski, der Physiklehrer mit den gegelten schwarzen Haaren, dem lachenden Gesicht und doch fällt sein Name mir nicht ein, mein Englischlehrer Leistungskurs, mein Englischlehrer aus Amerika. Ich könnte googeln: Oh. Meine Schule feiert mit Ehemaligen am 29. September ihr 50-jähriges Bestehen. Oh, leichtes Unwohlsein setzt ein. Ich sollte trotzdem dahin gehen. Und wem werde ich dort begegnen? Ob noch viele meiner ehemaligen Lehrer leben? Erinnere ich mich an Mitschülerinnen und Mitschüler? Frank, der unsere Schule besuchte und später mit mir Musik machte. Vor ein paar Wochen begegnete ich seiner Tante im Krankenhaus, sie wollte eine Patientin besuchen. Auf ihre Frage, ob wir noch Freunde seien, antwortete ich: „Ich hoffe doch.“ Helmut bin ich im vorletzten Jahr begegnet. Ich muss mich noch mit einem Abendessen bei ihm und seiner Frau revanchieren. Andere Ehemalige habe ich nicht in mein Leben, das der Schulzeit folgte, mitgenommen. Ulf, der irgendwann das Gymnasium verließ, und Matthias, dem ich vor einem Jahr noch einmal begegnete, spielten mit mir in einer Fußballmannschaft, Thomas, den ich aus Anlass meiner Bürgermeisterwahl noch einmal aufgesucht hatte, habe ich nie wieder gesehen. Knut ist Lehrer geworden. Und dann gibt es da noch diese Frau, und es gibt da diesen Mann, beide werden mir, so Gott will, ihre Anwesenheit ersparen. So Gott will.

Das Schamgefühl, das sich in mir ausbreitete, war so stark, dass ich nicht mehr denken konnte. Mir schien, als wäre mein Inneres vollkommen leer. Die Kraft dieser plötzlichen Scham war in meiner Kindheit nur vergleichbar mit der intensiven Angst, die ich manchmal empfand, und dem Jähzorn natürlich, und allen gemeinsam war, dass ich selbst wie ausradiert wurde. aus Karl Ove Knausgårds Sterben

Vollholz-Eiche
Und während er hier liegt, mit den Füßen im Basenbad, ja, im Liegestuhl, fragt er sich ein zweites Mal, wie er wohl reagieren würde, riefe  seine Tochter ihn jetzt an um ihm zu sagen: „Mama ist tot.“  Tja, war das erste Wort, dass gedanklich über seine Lippen kam. Anfangs- und Endvermögen, Teile am Grundbesitz wird er ihr wohl nicht überschrieben haben, so dumm war nur er. Das Haus wird einen geringen Wertzuwachs haben, vielleicht auch das mobile Vermögen? Zur Beerdigung wird er nicht gehen. Tja, sich von Toten verabschieden, wenn das Leben die Möglichkeit bot? Und wenn er vor ihr sterben sollte, was wird mit ihr? Das Erbrecht des Ehegatten. Vielleicht konnte sie durch Vertrag für sich sorgen, um nicht ein zweites Mal den Buchsbaum auszugraben, sofern dieser das Buchsbaumsterben überhaupt überlebt hat, um ihn an anderer Stelle wieder einzupflanzen. Tja, vielleicht würde er zu seiner Beerdigung gehen, um ihm ein zweites Mal zu sagen, was er von ihm hielt. Da er dann aber tot ist und in fast zwei Meter Tiefe in einem Loch liegt, umhüllt von  Vollholz-Eiche mit einer honigfarbenen Beizung, wird er ihn nicht hören können. Warum dann der Aufwand? Vielleicht um seine Frau, die dann dessen Frau war, am Grab zu sehen. Ob sie weinend an seinem Grab stehen wird? Tja, fürchtet er, auch dieser Aufwand lohnt nicht. Seine Frau ist schon seit Jahren tot. Und von einer ihm Unbekannten muss er sich nicht am Grab verabschieden. Mal abwarten, vielleicht geht er ja doch hin. Doch lohnen die Gedanken denn überhaupt, wenn er bis zum Tod der anderen vielleicht schon an gebrochenem Herzen, verbittert, verhärmt, traurig trauernd diese Welt verlassen hat?

Rutschpartie
Natürlich ist es weitaus schöner, der Welt lachend zu begegnen, für die Welt und auch für mich selbst. Ich ging mit dem Gesicht durch den Abend, das meinem inneren Gemüt entsprach, das durch den Vorhalt, die hängenden Mundwinkel nach oben zu ziehen, nicht besser wurde. Sollte ich, um den Menschen, die mich sahen, die mich kannten, nicht mit einem fröhlichen Gesicht entgegentreten, auch wenn mein Inneres die Mundwinkel nach unten zieht? Seit mir verständlich gemacht wurde, dass ich zukünftig für meine Mutter verantwortlich sei, wie ich einst für meine kleinen Kinder verantwortlich war, rutscht die Lebenslust in den Keller. Ich lass mich gehen, ich lass mich fallen, ich gebe mich auf. Und die rutschende Lebenslust zieht halt an den Mundwinkeln. Um mich und meine hängenden Mundwinkel ins Gleichgewicht zu ziehen, vielleicht sogar in ein positives Gleichgewicht, braucht es eine Kraft, die meiner Rutschpartie entgegenwirkt, stärker ist. Und schwupp, bin ich wieder bei meinem Lieblingsthema: die Kraft der Liebe.
Was hat’s gebracht? Seit sechseinhalb Jahren versuche ich nun meine eigene Persönlichkeit aufzubauen, authentisch zu werden, unabhängig zu werden. Und noch immer denke ich, dass mein Weg in die falsche Richtung führen könnte, frage mich, ob all der gedankliche Aufwand noch lohnt, besonders dann, wenn der Schmerz an die linke Schläfe klopft, wenn Schwindel mich erfasst. Dann war es das halt, zack Gehirnschlag, Ende. Ist es mir wichtig, wie ich beerdigt werde? So, wie ich für mein Leben keine Verantwortung übernahm, so überlasse ich auch nach meinem Tod anderen die Entscheidung wie ich zu beerdigen sei. Da ist nichts mehr, was mich am Leben festhalten lässt, mein Leben plätschert dahin, früher oder später, lieber später, mündet es in etwas Größeres. Ich könnte nach einer Antwort suchen, welche Gründe die Stiche schräg oberhalb des linken Auges haben. Ich lass es. Das Leben wird leichter, wenn ich mich auf den Tod einlasse. Und was würde ich heute tun, wenn er mich morgen ereilte. Bis morgen warten, da ja morgen auch noch ein Tag ist. Und morgen? Wohl nur noch warten.
Vor ein paar Tagen hörte ich ein Lied, dass ich vor sechs Jahren aufgenommen hatte. Ich hatte es schon vergessen. Nicht nur, dass mir der Refrain gefiel, ich konnte mich auch an diesen Augenblick erinnern, als diese Frau das erste Mal vor mir stand, an den Moment als sie die Treppe hinunter kam, lachend, mit ihren leuchtend roten Lippen, ihrem schwarzen Haar und ihrem Kaugummi, mit dem sie regelmäßig schnalzte, als sie neben mir an meiner Hand wie ein Teenager herging, frisch, fromm, fröhlich, frei. Die Liebe sei ein Irrtum, und die Libido, mit der sie oft verwechselt wird, hat ihren Platz in der Hose und mit 80 habe er diesen Zustand, der für Freud und Leid verantwortlich sei, schon lange überwunden, so wird Freud zitiert. Es ist schön, sich an lachende Gesichter zu erinnern. Sollte ich das Lachen heute einmal üben, wenn ich mich gleich aufs Rad setze. Es muss und soll kein zwölfstündiges Dauergrinsen sein. Aber jedem Menschen, dem ich begegne, werde ich lachend begegnen. Für ihn und für mich.;¬)

Farbe
Ove arbeitete fünf Jahre lang für die Eisenbahn. Dann geschah es eines Morgens, dass er in einen Zug stieg und sie zum ersten Mal sah. Das war das erste Mal, dass er wieder lachen konnte, seit sein Vater gestorben war. Und dann war sein Leben nicht mehr dasselbe.
Denn die Leute sagten, dass Ove die Welt immer nur schwarz oder weiß sehe. Und sie war Farbe. All seine Farbe.
aus Frederick Backmans „Ein Mann namens Ove“

Die Liebe ist immer ein Irrtum
Siegmund Freud in Robert Seethalers „Der Trafikant“

Eine neue Hose
Auf dem Weg ins Bekleidungsgeschäft spürte ich meine ganze Verzweiflung. Es brauchte nicht lange, bis ich meiner Mutter erklärte, ich hätte keine Lust mehr, die richtige Hose zu finden und sie bat, das Geschäft zu verlassen. Als ich vor dem Lift wartete, spürte ich die Schwäche, die Lustlosigkeit, die Verzweiflung am stärksten, ich wollte nachhause und nur aufschreiben, was ich durchlitt, um durch das Schreiben mir meine Verzweiflung zu nehmen, vielleicht einen neuen, heilenden Blick auf alles zu finden.
Als ich vor drei Tagen um den Büchertisch meines Lieblingsbuchladens ging, um noch kurz vor Geschäftsschluss ein Buch für meine Abendunterhaltung zu erwerben, blieb ich vor einem weißen Taschenbuch mit schwarzer Schrift stehen. Ein Psychothriller, wie ich las. Eigentlich nicht die Art Unterhaltung, die ich mag, auch der Klappentext war unverständlich. Da ich aber meiner Intuition folgen wollte, kaufte ich es und begann sofort nach meiner Rückkehr im Garten mit dem Lesen. Nachdem es seit zwei Tagen regnet, ist das schöne Wetter schon fast vergessen und an seine Rückkehr nur schwer zu glauben. Das Buch hat mir gefallen, auch wenn die Schwere der dissoziativen Identitätsstörung der Rechtsmedizinerin für den von ihr geliebten Hauptkommissar fast seinen Tod zur Folge gehabt hätte. Die Kraft der Liebe, die in der Beziehung dieser beiden Menschen erwuchs, hat mir gefallen, die Risiken und Gefahren, die in einer liebenden Beziehung möglich werden, haben mich beängstigt. So, dass ich mir sage, nie wieder in einer abhängigen Zweierbeziehung zu leben. Ich will nie wieder bleiben müssen, obwohl ich lieber gehen möchte. Und ich möchte nie wieder verlassen werden, mit kalter, unmenschlicher Gleichgültigkeit abgelehnt werden. Und ich will endlich dieses abhängige Leiden verlieren, mit dieser Frau, deren Nähe ich mir wünsche.
Jede Krankheit hat einen Grund, manchmal ist sie die letzte Möglichkeit der Einheit von Körper, Geist und Seele auf eine lebensnotwendige Veränderung hinzuweisen, hinzuwirken.
Und welchen Zweck hat mein Leiden, dass nach einer kurzen Begegnung mit ihr so weh tut, die Lebenslust so attackiert, dass sie darliegt, am Boden liegt, es schwer fällt, wieder aufzustehen?
Ich werde jetzt aufstehen, mein basische Fußbad verlassen, um mein Obst und Gemüse einzukaufen, auch einen Duschschlauch,zu lange schon ertrage ich diesen Mangel, der mit geringem finanziellen Und fachlichen Aufwand so leicht zu beheben ist. Vielleicht begegne ich ihr, lieber aber noch der Frau, die alles leidige Denken zum Stillstand, zum Ende bringt. He, was habe ich gerade noch gesagt? Keine Abhängigkeit mehr. Mir selbst genügen. Das Gute und die Liebe finden in den Dingen und Zuständen, die allein mit meinem Tun und Denken möglich sind. Der Himmel ist wieder blau.

Mütter
Ich muss es mir aus der Seele kotzen. Sie hat noch immer Einfluss auf mich. Äußerlich war ich vielleicht entspannt, innerlich war Unruhe, es wühlte. Ein Jahr Arbeit mit mir, und noch immer keine Befreiung. „Na, Herr Ridder!“, waren ihre Worte an mich, als ich neben ihr stand und sie, vertieft in ein Gespräch, mich erst jetzt wahrnahm. Warum wühlte es noch immer in mir? In dem Augenblick, als ich die Frau mit der weißen Bluse in den blauen Jeans  sah, war sie ungefähr 50 Meter von mir entfernt. Ich hatte sie wieder nicht gleich erkannt. Erst auf den letzten Metern wurde mir klar, daß sie es ist. Ich hörte ihr zu und natürlich wusste auch meine Mutter ihren Anteil am Gespräch beizubringen. Ich schwieg. Als wir weitergingen, fragte mich meine Mutter, ob sie die Frau schon mal gesehen hätte, sie meinte sich zu erinnern. Nein, sie hat sie noch nie gesehen, nur wenn sie in mein Herz hätte schauen können, eine Fähigkeit über die Mütter manchmal verfügen.

Leute aus besseren Kreisen
Am Ende meines Lebens würde ich nicht meine Fehler sondern das, was ich nie versucht habe, bereuen. Wie oft habe ich diesen Satz schon gelesen, und wie oft habe ich ihm zugestimmt, auch heute, auf dem heutigen Kalenderblatt. Während ich diesen Satz schreibe, im Liegestuhl mit den Füßen im Basenbad, betritt mein Nachbar sein Grundstück, erschöpft, mit einer Golftasche, die er bis zum Gartenhäuschen schultert und dort abstellt. Ich könnte diesen Zufall als Hinweis, vielleicht so gar als Aufforderung an mich verstehen, in naher Zukunft mit Golftasche und Golfmontur das Golfen zu lernen. Gut, dass kein Fallschirmspringer auf den Nachbargrundstück gelandet ist. Über diesen Hinweis hätte ich hinwegsehen müssen, allein die Vorstellung, im Flugzeug zu sitzen und aus der kleinen Öffnung ins Nichts zu springen, verursacht größeres Unbehagen in mir. Heißt es aber nicht, man solle dort ansetzen, wo die Angst am größten ist? Nein, die Einführung ins Golf-Spiel reicht völlig als Herausforderung. Warum aber ist das Golf-Spiel eine Herausforderung für mich? Ich könnte jetzt erneut beklagen, dass ich aufgrund meiner Herkunft, meiner Armut, meines Gescheitertseins und meines mangelnden Selbstwertes nichts unter Leuten aus besseren Kreisen zu suchen habe.Suchen. Könnte ich denn überhaupt Spaß am Golfspiel haben? OK, ich werde es herausfinden. Frist:1 Woche. Das ist ein machbares, erreichbares Ziel, ob es auch ein lohnendes Ziel ist? Der Weg ist das Ziel.

Langeweile
Die Frau, die heute Morgen vor mir in der Reihe der wartenden Bäckereikunden stand, war schon etwas älter, vielleicht so alt wie ich. Was fiel mir zuerst an ihr auf, das gut geschnittene Gesicht mit der dazu passenden rotblonden Kurzhaarfrisur, das weiße Baumwollhemd mit den vielen Falten, die jedoch das Hemd verschönten, die dunkelgraue Hose, die unterhalb des Gesäßes einen Hohlraum bildete, oder ihre Füße, die in dunklen Flipflops steckten und an denen nur der große und der vierte Zehnagel rot lackiert waren. Zumindest hatte es diesen Anschein, denn die anderen Zehnägel waren aus meiner Perspektive nicht zu sehen. Perfekt gekleidet. Ob ich sie an der Bluse wiedererkennen würde?  Ich habe keine Lust mehr am Suchen. Ein Gefühl, dass sich auch körperlich bestätigt, denn mein Sehkraft wird stetig schlechter. Habe ich noch Lust am Leben. Ein schönes Buch könnte mir jetzt gefallen. Hunger habe ich keinen, Durst auch nicht. Auf Sport, Yoga oder Fitness habe ich auch keine Lust. Hätte ich einen Fernseher, würde ich fernsehen, durchzappen, weil nichts gefällt. Ich könnte ins Kino gehen, kurz in eine andere Welt eintauchen. Wie trostlos. So war ich aber schon immer. Gelangweilt. Ich kann mich noch gut an die Frage erinnern, die ich meiner Mutter als Kind stellte: „Was soll ich mal tun?“ Was könnte mich jetzt aus der abendlichen Langeweile herausholen? Gut, dass ich keinen Fernseher habe, sonst würde ich ihn jetzt eingeschaltet haben und er würde mein Leben bis zum Einschlafen bestimmen. So habe ich gekocht, gegessen, gespült und schreibe bei einer Tasse Tee jetzt diesen Text. Die Müdigkeit, die sich allmählich einstellt, wird mich in wohl einer Stunde ins Bett führen. Ich könnte noch einen Abendspaziergang machen, wenn es nicht regnen würde, ich könnte jemanden anrufen, aber ich habe nichts zu erzählen. Wen sollte ich auch anrufen? Wen wollte ich jetzt anrufen? Wären meine Kinder nicht, der Pfarrer wäre der einzige Gast bei meiner Beerdigung. Ich bin allein. Doch leide ich nicht am Alleinsein. Es ist halt nur langweilig. Mein Leben ist langweilig. Auch als Kind habe ich schon nicht gewusst, wie ich dieser Langeweile entkommen konnte. Meist habe ich mich aufs Rad gesetzt und bin durch den Ort gefahren oder saß hilflos am Klavier und klimperte ewig Gleiches.

Scham
Ich bin stolz auf mich, auch wenn immer noch eine kleine Restmenge an lebensbeschränkender Scham in mir ist. Auch davon werde ich mich freischreiben. Es hat mir gefallen, den Tag mit der aufgehenden Sonne im Liegestuhl zu beginnen, neben mir eine ungesüßte Tasse Kaffee, ein, zwei Kekse, und zu wissen, ich könnte hier liegen, bis die Sonne wieder untergeht, gelegentlich würde ich den Liegestuhl neu zur Sonne ausrichten, wenn ich Hunger verspürte, ginge ich in die Küche, vielleicht Obst, einen Salat oder geschmortes Gemüse. Ich werde diese Art meiner Ernährung beibehalten, auch wenn meine Friseurin mir gestern empfahl, mehr zu essen. Ich musste alt werden, um erstmals das Gefühl zu haben, mit einem guten Haarschnitt einen Friseursalon zu verlassen. Liebe I., ich danke dir für deine Haarschneidekunst und für die Gespräche, die wir führten und führen werden. Die letzten drei Wörter habe ich ergänzt, der Satz hatte sonst keine Zukunft. Auch wenn das Alter meiner Mutter und die damit einhergehende Notwendigkeit meiner Nähe und meines Beistands mein neues Leben beenden könnten, will ich den Glauben an ein eigenes, weiterhin selbstbestimmtes Leben noch nicht begraben. Und während ich hier lag, ließ ich meine Worte, die ich sprach, auf mich wirken und hörte meine Musik. Jedes Lied ist mit einem Moment verknüpft, jedes Lied erinnert mich an diesen einen Moment. Es ist fantastisch, was die Trennung vom Ehepartner möglich macht. Fünfzig Lieder, zwei Bücher und den Verlust von Ehe, Familie, Haus und Arbeit. Ich hatte auch in dieser Nacht wieder von ihr geträumt. Sie saß erhöht in der Mitte eines Raumes und ich klagte sie an, warum sie mir die Antworten verweigere. Ich spüre, dass der Traum sehr viel komplexer war und vielleicht eine inhaltlich andere Zusammenfassung verdiente. Doch beschreibt er meine stete Traurigkeit, meinen Ärger, mein Unverständnis sehr gut. Warum lebte ich von meinem sechzehnten bis zu meinem  zweiundfünfzigsten Lebensjahr mit  einer Frau zusammen, die ich nicht liebte, die mich nicht faszinierte, die mir keinen Antrieb, keine Freude und keine Lust am Leben gab. Wann haben wir das Leben gefeiert? Ich musste erst ohnmächtig werden um mir meinen Wunsch nach Veränderung zu genehmigen. Und selbst als ich mich davon überzeugt hatte, dass ich mich trennen musste, gab ich den Entschluss auf. Hätte meine Frau sich nicht für einen anderen Mann entschieden, ich würde weiterhin mein altes Leben leben. Habe ich mich schon bei dir entschuldigt für dieses trostlos Leben, das ich dir zumutete? Ich habe so viel nachzuholen. Ziele setzen: im Winter werde ich neue Lieder aufnehmen, Lieder, die dann auch mir genügen. Ich bin gespannt, was mir gelingt, ich freue mich auf diesen schöpferischen Prozess. Und heute sollte ich mir das schönste Ziel setzen. Ich werde mich verlieben, aber nur für heute, eine zweite Trennung würde mir nicht guttun. Nur für heute den Tag feiern. Die Natur bietet heute so viel unbeschreibliche Schönheit, die der Liebe einen wunderbaren Rahmen gäbe. Nur für heute. Es ist Zeit für dieses Gefühl, dass ich so wohl noch nicht erlebte, ein Feuerwerk roter Rosen, die vom Himmel fallen. Es ist Zeit für dieses Gefühl, das ich wohl noch nie erlebt habe, von dem mein Innerstes aber unerschütterlich fordert: Lass es wahr werden, lebe die Liebe, liebe das Leben. Leicht geschrieben, lieber Jörg. Das letzte Mal als ich die Kraft der Liebe in mir spürte, die mich bestärkte, das mir sonst Unmögliche zu tun, ist schon ein paar Jahre her. Und heute, innerhalb nur weniger Stunden soll das Wunder der Liebe Wirklichkeit werden? Dann sollte ich mich doch jetzt aus dem Liegestuhl entfernen und nach Dusche und Ankleiden den Garten verlassen und mich auf den Weg machen. Ich werde Wegweisern begegnen, Westerland, Braderup, Munkmarsch, aber auf keinem Schild wird „Jörgs Liebe“ stehen. Ich könnte den einen Weg wählen, der mich zu der Frau führt, zu der es mich zieht, mein Verstand und zuallererst meine Scham aber fordern: Lass es!“
Wie blöd, blödfisch sozusagen, dabei erfüllt sie doch die wichtigste Voraussetzung, die mein Verstand an die Liebe stellt: Ich wollte, sie wäre Mutter unseres Kindes.

Logik
Ich hatte ihr Bild geöffnet. Ich wusste, was mich erwarten würde, der geöffnete, lachende Mund mit den großen Zähnen, Lippen, die ich nie küssen wollte, in der Mitte des Gesichts die große Nase, ihre Augen, erdrückt von hängenden Augenlidern und breiten Augen-Brauen, um die sich Falten kräuselten. Zehn Jahre galt mein tägliches Denken dieser Frau. Ich wusste sehr wohl während dieser langen Zeit, den besten Jahren im Leben eines Mannes, die Zeit zwischen dem 35. und 45. Lebensjahr, dass es keinen verständlichen Grund für mein dauerhaftes, stetes Denken gab. Der einzige Grund, der mein anhaltendes Denken hätte erklären können, war der, dass ich krank war. Krank im Denken und krank im Fühlen. Ich bin ihr das erste Mal auf einer Veranstaltung begegnet, da saß sie neben mir. Ob der himmlische Vater sie neben mir platzierte, um mich aus der von mir nicht gewollten Ehe zu locken? Bei unserer zweiten Begegnung stand sie neben mir an der Kuchentheke des Bäckers, ich spürte ihr Interesse, vielleicht Gefallen. Nach zwei Jahren sagte ich ihrem Mann, ich hätte mich in sie verliebt. In den Jahren bis zur Trennung von meiner Frau wollte ich jeden Gedanken, den ich mit dieser Frau verband und jedes Gefühl der Schwäche, das den Gedanken zeitgleich folgte, nur loswerden. Erst durch die Trennung von meiner Frau hatte dieses Denken und Fühlen ein sofortiges Ende. Warum die Gedanken, warum das plötzliche Ende? Alles in der Natur hat eine Logik.

Small world
Die letzten Zeilen des zweiten Kapitels in Martin Suters Roman ‚Small Word‘ lauten: An der Haustür gab er ihr einen väterlichen Kuss: Mach’s gut. Und danke für alles.““Mach’s auch gut“, erwiderte Barbara.

Eine Verabredung am Strand oder Sonnenuntergang für Zwei
Die Sonne scheint schon seit dem frühen Morgen und wird bleiben, bis sie am späten Abend in der Nordsee versinkt. Heute Abend fahre ich ans Meer und sehe mir den Sonnenuntergang an. Ich fahre allein, und ob ich auch allein in einem der Strandkörbe sitzen werde, die vor dem Roten Kliff auf mich warten, dort, wo in ein paar Tagen alles weiß ist, obliegt dem Lauf der Dinge. Vorher werde ich noch ein paar Dinge einkaufen, keinen Wein, kein Bier, auch keine Rauchwaren. Solltest du mich suchen und finden, darfst du deinen Wein mit mir teilen. Melone, Pistazien, Tomaten, Obst, Wasser, ein wenig Käse und einen Pullover für dich, solltest du frieren. Ich freue mich auf dich. Ich habe gedacht, geschrieben, später werde ich meine Freude, meinen Wunsch aussprechen, so dass dem Universum genügend Zeit bleibt, dass meine Wünsche Wirklichkeit werden.

Neid
Von vorne bummerte der Bass und eine Stimme, die mich darauf hoffen ließ, gleich würden sie eines der Lieder spielen, die mich von Kind an durch’s Leben begleiten, die auf CD liefen, als ich meine Tochter mit dem Auto vom Land in die Stadt fuhr und lauter, wenn ich sie in der Nacht wieder abholte, in den zwei, drei Jahren vor ihrem Abitur, zu dem meine Trennung ihren emotionalen Höhepunkt hatte. Auf dem Weg zum Open Air Ereignis hatte mich mein Sohn angerufen, er wolle nur sein altes Leben zurück. Was war sein altes Leben, das ja auch Teil meines Lebens war? Du brauchst meine Liebe, mein Verständnis, meine Zeit, meine Gelassenheit, meine Hilfe. Alle brauchen sie meine Hilfe und ich selbst brauche Hilfe, um die Kraft, den Mut, die Liebe zu erhalten, dir wirkliche Hilfe zu geben. Ich stand in dieser kultivierten Menge und manchmal war ich nur bei mir und der Musik, die ich hörte, ließ mich mitnehmen von der Fingerfertigkeit des Bassisten, dem entrückten Solo des Schagzeugers, dem Wohlklang von Stimme und Melodie, dem Spiel der Band, dem Rhythmus, bis wieder schöne Menschen, mit einem schönen, perfekten Gesicht und von der Sonne verwöhnt, perfekt gekleidet meinen Blick kreuzten und mich neidisch machten, weil ich vielleicht auch die perfekte Beziehung, das perfekte Zuhause, das perfekte Leben mit ihrem Aussehen verband. Und wenn das Optimum dann auch noch lächelnd an mir vorbeiging, war auch mein Neid perfekt. Es gibt Unterschiede in meinem neidischen Denken. Da war das perfekte Gesicht des Mannes, wahrscheinlich perfekt gekleidet, von stattlicher Größe, ein Gesicht wie das von George Clooney, Brat Pitt oder Gregory Peck, oft, nicht immer, gefolgt von einer schönen Frau. Ich bin neidisch auf das perfekte Äußere dieses Mannes und die Möglichkeiten, die ihm sein Aussehen vermittelt hat. Ich weiss nicht, ob ich das Aussehen, die Größe, die Ausstrahlung, die Wirkung diese Mannes haben möchte. Ich weiß nicht, ob ich etwas Unmögliches wollte. Ich will den Zustand nicht ändern, auch das Lebensalter kann ich nicht ändern. Beides ist unveränderlich. Das Gefühl der Minderwertigkeit aber, dass dieser gut aussehende Mann in mir auslöst, das ist änderbar. Und die schönen Gesichter der schönen Frauen, deren Kleidung sich ihrer eigenen Schönheit anpasste, die meine Aufmerksamkeit fanden, deren Blick mich aber nie fand, was machten sie mit mir? Kein Neid. Vielleicht ein Gefühl von Habenwollen, vielleicht nur der Wunsch, beachtet zu werden. Und ich habe die Menschen beneidet, die geimeinsam den Festplatz verließen um mit dem anderen die Nacht mit ihrem sternenklaren Himmel zu feiern. Vielleicht hätte ich die Frau, die neben mir stand, klatsche, auch mal johlte, sich in meinem Rhytmus, dem Rhythmus aller bewegte, einmal anschauen sollen. Vielleicht hätte sie mir gefallen, so gefallen, dass Ihr Äußeres und der erste Blick in ihr Inneres meinen Mut gerechtfertigt hätten. Ich blieb still, setzte mich auf den Steinwall und beobachte noch ein wenig den Abbau der Anlage, sah wie der Bassist das Mikofonkabel aufrollte, die anderen Mitglieder der Band ihre Instrumente verpackten. Ich würde gerne Klavier spielen können, auch da hat mir das Leben Grenzen gesetzt. Ich werde versuchen, dem Rat des heutigen Kalenderblattes zu folgen, es liest sich gut: „Ich stelle mir vor, ich würde ab heute dem Leben so sehr vertrauen, dass ich aufhörte zu kämpfen und mich in mich hinein entspannen könnte.“ Ich kann es schaffen, wollte ich moch schreiben, als mir bewusst wurde, dass ich nicht mehr kämpfen will.

Heirat
Ich glaube, ich muss noch einmal heiraten, oder doch zumindest eine Beziehung eingehen. Will ich das?
Noch einmal mit einer einzigen Frau leben? Die Mutter meiner Kinder hat wieder geheiratet. Sie hat seinen Namen angenommen, den Namen ihrer Kinder und ihren Geburtsnamen hat sie aufgegeben. Ich weiss nicht, ob sie ihre Entscheidung, erneut zu heiraten, bereut, ob sie glücklich ist? Das letzte Mal habe ich mich mit ihr am 30. März 2012 unterhalten, dem letzten Schultag vor dem Beginn der Osterferien. Habe ich noch eine Verantwortlichkeit für ihr Leben, eine Verantwortlichkeit wie ich sie in den 36 Jahren unserer Beziehung trug. Hat sie eine nacheheliche Verantwortlichkeit für mich? Als sie mir einen Monat vor unserem letzten Gedpräch mitteilte, sie sei jetzt mit XY zusammen, war mein erster Gedanke: Wer pflegt mich im Alter? Heirat als wechselseitiges Pflegeversprechen? Ein Schuldverhältnis, das für eine Person zur einseitigen Leistungspflicht wird, wenn mit der Pflegebedürftigkeit des einen die Hoffnung auf Gegenleistung endet. Vielleicht bleibt dann zumindest die Hoffnung auf ein Ende. Wie müsste denn die Frau sein, die mich im Alter pflegen darf? Müsste sie staatlich geprüfte Krankenschwester sein? Nein, es würde genügen, wenn sie da wäre. Sie müsste der richtige Mensch sein, sie müsste in ihrem Charakter
angenehm sein, keine Cholerikerin, keine Besserwisserin, keine Klugscheisserin. Sie müsste ein Spiegel meiner selbst sein: sanft, zart, weich, schön, tolerant, nachgiebig, liebevoll, verständnisvoll, einfühlsam, klug, offen, ehrlich, verlässlich, verletzt, bescheiden, sie hört Musik, die mir gefallen könnte, sie liest Bücher, über deren Inhalt ich mit ihr reden will, sie lacht mit mir Kino, ich begleite sie zum Ballett, sie will mit mir in den Norden, den Süden, auch in den Westen, ich mag, was sie für mich gekocht hat, sie mag meine Freunde und liebt meine Freundinnen. Ich weiss es nicht. Wenn sie so wäre wie sie, es wäre gut, zumindest heute, jetzt.

Platz da!
Ich bin ganz schön bescheuert, verrückt, neben der alten, falschen Spur. Ein vielleicht zwingender Zustand nach dem Leben, das ich führte. Mein ganzes Leben war ein stiller Schrei nach Liebe. Eine tolle Zustandsbeschreibung. Leider fehlt mir die Schöpferkraft für eine derart treffende, paradoxe Beschreibung meiner Gefühlslage: still schreien. In mir hat es geschrien, ich konnte es nicht aussprechen, egal warum. Mittlerweile kann ich laut schreien, vielleicht nicht laut, eher leise, vielleicht nicht schreien, eher schreiben. Also bitte, dann schreie doch endlich, ich Volltrottel, ich Idiot. Ich bin ein Idiot. Jedoch ein Idiot mit Heilungspotential. Diese Gewissheit tröstet. Werde ich dieses Gefühl, nach dem ich mich so sehne, noch benennen können? Dieses Gefühl, dass ich in meiner Unwissenheit, Unerfahrenheit Liebe nenne, das vielleicht nur Verlangen ist. Wenn ich weiß, was ich will, dann muss ich dafür sorgen, dass ich es erhalte, und jedes Verlangen, jede Liebe erfüllt sich. Eine erfüllte Liebe. Voll an Liebe sein. Warum erfüllt mich dieser Gedanke mehr als die Aussicht, mit der Frau meiner Träume zu schlafen? Weil es in mir ist, nicht vom Außen abhängig? Ich bin ein Meister des Selbstbetrugs. Diese Worte, mein Schreiben werden nie zur Erfüllung führen. Sie stoßen mich an. Ich bin ein derart großer Volltrottel, ich werde noch im Sterben vom Leben schreiben, wobei es doch spätestens dann an der Zeit wäre, der Sehnsucht zu folgen. Ich bin wirklich verrückt, denn ich verstehe mich nicht. Was will ich? Was will ich von der Frau, die mich zum Schreiben zwingt? Völliger Quatsch: nicht sie zwingt mich zum Schreiben. Ich nutze das Schreibenü als… Ich weiß es nicht. Ich muss es auch nicht wissen. Was will ich? Ich will sie sehen. Mehr will ich nicht. Völliger Quatsch. Ich will, dass sie mich liebt, dass sie mit mir zusammen sein will, dass sie mit mir Dinge unternimmt, die zusammen noch mehr Spaß machen, und dann will ich mit ihr einschlafen. Aber das macht doch alles keinen Sinn. Vielleicht will ich nur Befriedigung. Ich bin verrückt. Und möglicherweise doch ohne Aussicht auf Heilung? Nein, warum so negativ? Wie war das noch mit der Fixierung? Ich erbärmlicher Feigling. Auch wenn ich damals am Anfang meines Lebens nicht schon verheiratet gewesen wäre, ich hätte mich nicht getraut, den Zwillingen aus der ersten Reihe im F1 der WWU Münster, BGB AT, zu sagen, dass sie ein schönes Gesicht haben. Hätte ich Ihnen sagen wollen, dass ihr Äußeres mir gefällt. Ihr Inneres kannte ich nicht. Ich war verrückt und bin noch immer verrückt. Und dann dieser vollendete Körper in der Studentensauna. Hätte ich ihr gesagt, dass sie einen vollendeten Körper hat, wenn ich nicht schon verheiratet gewesen war. Ich war noch gar nicht verheiratet, ich hatte nur den Treueschwur geleistet. Ich war erst 19 Jahre. Ich war ein Idiot. Hätte ich die Sexualität mit ihr erlebt, wieviel hätte ich aus dieser Begegnung gelernt? Ist die Sexualität der Sinn meines Lebens? Ich hätte meine Frau nie betrügen können. Ich war ein Idiot. Und warum will ich noch immer ein Idiot sein? Ich brauche kein Idiot mehr zu sein. Da ist niemand mehr, den ich betrügen müsste. Sie gefällt mir und in ihrer Nähe passiert etwas in mir. Irgendwelche Hormone werden produziert, die dieses angenehme Gefühl erzeugen. Ich weiß nicht, ob an diesem schönen Gefühl auch die Hormone beteiligt sind, die gebildet werden, wenn das Verlangen entsteht mit einer Frau den Orgasmus zu erleben. Ich weiß es nicht. Und was ich will, weiß ich auch nicht. Ich will sie nur sehen, mit ihr reden, ihr zuhören, von ihren Träumen hören, ihre Sehnsucht teilen, sie umschließen, ja, und dann wollte ich erleben, was in mir passiert, wenn ich mit ihr schlafe. Ich will endlich wissen, wie es sich anfühlt, wenn sich meine Seele in der Sexualität mit ihrer vereint. Ich will es erleben, vielleicht auch, weil ich es in meinem alten Leben schon einmal erlebt haben könnte. Ich bin ein Idiot. Will ich das? Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht bin ich auch nur verliebt. Vermutlich ist es derselbe Zustand, in dem ich bin schon mein ganzes Leben lang bin. Ich bin verliebt in die Liebe. Ein alter Schlagervers, dessen Bedeutung und Wirksamkeit mir erst heute bewusst wird. Verliebt in die Liebe. Und wenn ich ein Idiot bin, dann doch ein kluger Idiot, ein sensibler Idiot, ein verlässlicher Idiot, ein zärtlicher Idiot, ein fast perfekter Idiot. Besser Idiot als tot. Ich will mich nicht mehr an eine Frau binden, ich will aufhören, ein Idiot zu sein. Ich will die Vergangenheit von mir abstreifen. Ab heute bin ich neugeboren. Heute beginnt mein Leben, die leidvollen Erfahrungen der Vergangenheit sind gelöscht, das Schöne darf bleiben. Gefrühstückt habe ich schon. Jetzt hole ich mir von den Gaben, die das Leben für mich bereit hält. Platz da, ich komme!

Mein Herz
Das war’s dann. Der Versuch in ein neues Leben ist gescheitert. Kann die heutige Kalenderfrage etwas an meiner Befürchtung ändern? Was erfüllt mein Herz, egal ob ich auf der weltlichen Ebene gerade Siege oder Niederlagen erleide? Ja, mein Herz. Mein Herz, das immer schlägt, manchmal mit einem Stich, manchmal mit einen kleinen Schmerz grüßt. Hi, ich bin dein Herz, ich schlage 24 Stunden für dich, an jedem Tag, bis ans Ende unseres Lebens. Das ist doch schon mal gut, mein Herz ist bei mir. Ich bin nicht allein, und ich habe in ihm den treuesten Begleiter, den ich mir wünschen könnte. Treuer als jede Frau, treuer noch als jeder Hund. Treu bis der Tod uns scheidet. Und was kann ich meinem treuen Freund Gutes tun? Ich kann es mit gutem Essen ehren. Ich kann dafür sorgen, dass es aus Freude lacht, immer wieder einmal schneller schlägt, um dann langsamer zu entspannen. Mein Herz, mein treuer Freund, mein Herz, du hast verdient, dass es dir gut geht. So lange schlägst du schon für mich. Was kann ich für dich tun? Etwas, dass auch mir gut tut. Es tut mir gut, wenn die Sonne mich wärmt. Es tut mir gut, wenn mich Ruhe umgibt. Es tut mir gut, wenn mich ein Gesicht anlacht. Es tut mir gut, wenn ich dich seh. Tut es meinem Herz wirklich gut, wenn ich dich seh?

Ein kleiner Schritt
Was verursacht den Bauchschmerz? Ist es die Sorge um die Mutter, das Kind, die Sorge um die eigene Zukunft, die Traurigkeit über das Verhältnis zu meiner geschiedenen Frau oder mein Gefühl zu der einen Frau, deren Nähe ich wünsche. Für meine Mutter kann ich Sohn sein, für meinen Sohn Vater, meine Zukunft kann ich gestalten, in meinem Verhältnis zu meiner geschiedenen Frau kann ich Vergebung lernen und auf Vergebung hoffen. Und sie? Wäre ich ein guter Sohn, ein guter Vater, wäre die Zukunft heute, und hätte ich Vergebung gelernt, Vergebung erfahren, der Bauchschmerz würde bleiben, weil ich ihre Nähe wünsche. Ist das nicht wunderbar, welche Kraft sie auf mich ausübt. Gut möglich, dass er Blinde wieder sehen ließ, Taube hören, Lahme gehen und Herzlose lieben. Welche Kraft hat sie, dass sie den Bauchschmerz beendet, wenn sie meine Sehnsucht lockt? Es ist ihre Stimme, einmalig in Klang, Dialekt und Stimmung. Es sind ihre Augen und die unendliche Tiefe, die sich in Ihrem Blick auftut und mich anzieht wie der Sog eines Strudels. Es sind die Falten, die ihre Augen umspielen, wenn sie lacht und die tausend kleinen Sommersprossen, die tausend Bilder malen. Es ist die Magie ihres Wesens, nie berechenbar, nie da, immer anders, ihre schmalen Handgelenke, die den Duft der Welt tragen, scheinbar zerbrechlich und doch so stark, dieser starke Wille, unkapputbar, die Kraft, die Power, die Disziplin, die Selbstbeherrschung und Selbstdisziplin, die sie stetig vermittelt, ihre kleinen Hände, die immer einen letzten Rest, eine letzte Spur, eine letzte Erinnerung ihrer letzten Arbeit tragen. Und ihre Sehnsucht nach Liebe, nach dem Leben, die auch meine ist. Von ihr könnte ich lernen, was Liebe ist, wie Liebe geht, wie sich Liebe anfühlt. Jetzt, nach so vielen Worten, jetzt will ich mutig sein, will für mich eintreten, will meinen Bauchschmerz beenden und meinen Wunschzettel formulieren, so wie ich es als Kind vor Weihnachten tat. Ich schrieb einen Wunschzettel. Liebes Christkind! Ich wünsche mir… Hatte ich denn als Kind je einen Wunschzettel geschrieben? Kann ich mich noch an die Geschenke erinnern, die in den ersten zehn Lebensjahren unter dem Weihnachtsbaum lagen? Wir warten in der Küche, meine Eltern und Schwester, meine Großeltern und die Familie meines Onkels. Nur einer fehlte unter den Wartenden, denn einer schlug die Klingel, die zur Bescherung einlud; es war nicht das Christkind, wie gesagt wurde. Die Tür ging auf, wir drängelten verhalten, mit endloser Erwartung in den dunklen Raum, dem nur die brennenden Kerzen Licht gaben. Es wurde gesungen, Gedichte wurden aufgesagt und die Geschenke unter dem Baum mussten warten, zuerst wurde gegessen. Und dann saß ich da auf dem Sessel vor dem Baum, das verpackte Geschenk auf meinem Schoß. Und ich spüre noch heute die Hoffnung meiner Eltern, meiner Mutter, meines Vaters, dass ich mich über die Geschenke, die sie für mich gekauft hatten, freuen werde. Und ich erinnere mich an meine Hoffnung, dass auch meine Geschenke gefallen würden. An welches Geschenk kann ich mich erinnern, das sichtbar wurde, nachdem ich das Geschenkpapier entfernt hatte? Wie entfernte ich das Geschenkpapier, langsam, vorsichtig, löste ich den Tesastreifen vom Papier ohne es zu beschädigen oder legte ich das Geschenk mit einem Riss frei? Die Armbanduhr gab es später im Leben und ich höre noch meinen Vater fragen, ob sie mir gefallen würde. Ich erinnere noch, wie ich sie nach den Weihnachtsferien im Unterricht am Handgelenk trage. Mit welchem Gefühl war dieser Augenblick verbunden? Eine Armbanduhr. Wie lautet mein heutiger Wunschzettel ans Christkind, ans Universum? Damals war es einfach. Ich durfte Gegenstände aufzählen. Heute wünsche ich mir keine Gegenstände, Gegenstände sind käuflich. Heute wünsche ich mir ein Gefühl, ein schönes Gefühl. Ob ich mir als Kind auch ein Gefühl gewünscht hätte, hätte ich gewusst, dass ich mir auch Gefühle wünschen darf?

Worte ans Universum
Wird es mir gelingen, ohne Rechtfertigung, ohne vorherige Begründung, meinen Wunsch zu formulieren, um ihn dann auch auszusprechen? Ist nicht dieser fragende Satz schon Beleg genug, dass ich wieder nach Ausreden suche, den Ausspruch meiner Wünsche zu umgehen, indem ich den Sinn meines Wunsches schon jetzt in Frage stelle, weil ich befürchte, selbst die Erfüllung meines Wunsches würde vermutlich nichts an meinem Mangel ändern, weil ich glaube mich zu kennen, weil ich glaube, dass mein altes Muster, sich nach Erfüllung meines Wunsches auch dieses Mal wiederholen würde? Warum kann ich nicht aussprechen, was ich will, was ich ersehne? Es ist doch nur ein Wunsch. Ein Wunsch, der nichts kostet, nur meinen Mut.

Umarmungen
Als das Telefon klingelte und ich nach sechs Jahren das erste Mal die altbekannte Vorwahl las, war mein erster Gedanke, den ich dann auch sofort aussprach, nachdem sie sich mit den Worten gemeldet hatte, sie sei’s: „Ist etwas passiert?“ Ich hörte ihr drei Sätze zu und kündigte in beherrschter, erstaunlich ruhiger Art an, dass ich jetzt auflegen werde. Als ich später noch einmal auf’s Handy schaute, sah ich, dass kurz nach diesem Anruf meine Mailbox besprochen worden war. Wird jetzt meine Erinnerung an sie durch diese Worte, die sie mir hinterließ, bestimmt? Veit Lindau behauptet in seinem heutigen Kalenderspruch, mein Leben sei ein 100-prozentiges Abbild meiner unbewussten geistigen Einstellung. Ich ergänze: Mein Leben ist ein 100-prozentiges Abbild meiner Angst, eine Angst, die mich mit einem schlechten Gefühl im Bauch empfängt, wenn ich morgens erwache, die mich tagsüber erwischt, wenn ich die Einsamkeit spüre. An den ersten Tagen vor sechs Jahren hat dieser Schmerz in der Mitte meiner Selbst fast den ganzen Körper erfasst und nur in dieser einen, letzten Nacht vor sechs Jahren war er weg, weg durch Berührung.
Im Gegensatz zu früheren Epochen herrscht mmittlerweile ein breiter Konsens darüber, dass Sexualität ein natürliches Bedürfnis des Körpers ist. Heutzutage gilt es als gesichert, dass sich mangelnder Sex zum Problem ausweiten und zu Stress, Isolation und Konzentrationsschwierigkeiten führen kann. Es gibt jedoch einen weiteren Bereich körperlicher Bedürfnisse, der bisher noch nicht voll anerkannt Ist, nämlich, dass man in Zeiten von innerer Unruhe und Angst ganz einfach eine Umarmung braucht. Im Allgemeinen hat niemand etwas gegen Umarmungen, aber es widerstrebt uns, sie als ernsthafte, emotionale Bedürfnisse zu bezeichnen….Einem kleinen Kind ist nicht mit Erklärungen und Argumenten geholfen, es reagiert auf Berührung: sanfter, weicher Druck beruhigt und entspannt den Körper und beschwichtigt das erregte Gemüt….Auch wenn wir es uns nicht gerne eingestehen, passiert es doch oft im Leben, dass wir in so eine Situation geraten. .. Eine Umarmung bedeutet mehr als der Wunsch nach Körperkontakt, sie ist das Eingeständnis unserer Abhängigkeit und Schwäche. Alain de Botton, Gelassenheit Zeit für ein gutes Leben. Süddeutsche Zeitung Edtion, 2018, S 139 bis 145.