Werte schaffen

Alles, was ich erzähle, ist erfunden. Einiges davon habe ich erlebt. Manches von dem, was ich erlebt habe, hat stattgefunden. Nach Matthias Brandt. Raumpatrouille

Ideengeber – Lösungfinder – Lebenshelfer – Kümmerer

Gestalter
Ob ich Architekt sei, wollte der Mann wissen. Schon einmal wurde mir die Frage gestellt und zur Erklärung auf mein Äußeres verwiesen. Ich glaube – ja, ich will sogar behaupten, dass ich weiß, dass diese Wahrnehung richtig ist, wenn man die Tätigkeit eines Architekten wie folgt neu definiert. Ja, ich bin ein Gestalter. Ich habe Spaß am Gestalten, am Erschaffen, am Kreieren, an der Entstehung, an der Veränderung, an der Verbesserung von Gegenständen, Spaß, künstlerisch zu wirken und Spaß, positiven Einfluss auf Menschen zu nehmen. Ich habe Spaß an schönen Dingen, schönen Häusern, einer schönen Einrichtung, schöner Kleidung, schönen Menschen, schön in ihrem Aussehen, schön in ihrer Ausstrahlung. Ich hatte Spaß am Wettstreit, das Fußballspiel gestalten, das Spiel lenken, das Spiel gewinnen, als kleiner Junge hatte ich Spaß am Kochen, hatte Spaß, beim Tapezieren der Wände zuzuschauen, nach dem Besuch des Hippiemarktes auf Ibiza habe auch ich eine Lederkette gebastelt, ich habe Musik gemacht, wollte zaubern, habe Filme gedreht, habe über Unterhaltungsformate nachgedacht. Ja, ich bin ein Künstler, ein kreativer Mensch. Aber nein, Architekt bin ich nicht. Ich bin auch kein Dies und Jenes, das wäre mir vermutlich auf Dauer zu monoton. Und deshalb bietet sich die Tätigkeit als Manager, Agent, Fürsprecher, als Ideengeber, Zielhelfer, Kümmerer für andere an, zumindest als Grundlage für weitere Überlegungen.

In ein neues Leben
OK, fange ich an. Die erste Entscheidung ist gefallen, noch bevor ich die Frage formuliert habe. Ich werde nie wieder als Lehrer arbeiten. Das Wieso, das Weshalb und das Warum meiner Entscheidung sind völlig egal. Ich frage mich noch einmal: „Willst du noch einmal als Lehrer arbeiten? Und ich antworte: „Nein“. Kein Wieso, kein Warum, kein Weshalb, keine Erklärung, keine Rechtfertigung und auch kein Aber. Das mit dieser Entscheidung auch das regelmäßige, stete Einkommen entfällt, bringt meine Entscheidung nicht ins Wanken.

Ich frage mich als Zweites: „Willst du noch einmal als Rechtsanwalt arbeiten? “ Und ich antworte: „Nein.“ Die Antwort auf die zweite Frage ist nicht so zwingend und unumstößlich wie die erste Antwort. Da ich aufgrund eigener Vorgabe nur zwischen Ja und Nein wählen kann, bleibe ich bei meiner Antwort:“Nein, ich will nicht mehr als Anwalt arbeiten.“

Wenn ich mein neues Leben gestalte, werde ich mich an die Gründe erinnern , die mich am Anfang meines Lebens bewogen haben, den Beruf des Anwalts anzustreben. 

Nachdem ich nun innerhalb weniger Minuten zwei Fragen beantwortet habe, frage ich mich, welche Umstände noch geklärt werden müssen, damit ich mein neues Leben in einer Art und Weise leben kann, die meinem Wesen, meinem Charakter, meiner Person, meinen Bedürfnissen, und meiner Sehnsucht entspricht. Die dritte Frage muss mein Verhältnis zu den Menschen bearbeiten, die mir in meinem Leben wichtig waren und noch immer wichtig sind. Ich merke, dass ich die Suche nach der Antwort zurückstellen muss und mich zuerst mit meiner beruflichen Zukunft befassen will.

Hier kann ich eine Antwort finden, wenn ich mich einleitend frage,  welche Dinge ich in meinem langen Leben gerne, freiwillig und aus eigenem Antrieb heraus gemacht habe, um sodann zu überprüfen, ob es Gemeinsamkeiten, Übereinstimmungen unter den Dingen meiner Auflistung gibt. Ich schreibe. Ich nehme Musik auf. Ich gestalte eine Internetseite. Ich nehme Einfluss auf Menschen. Ich erkenne schöne Dinge. Ich male. Ich spielte Fußball. Ich…

Und erst dann, im zweiten Schritt will ich die Frage beantworten, ob diese Tätigkeit meine Kosten für Wohnen, Essen und Unterhaltung erwirtschaften kann.

Ja oder Nein
Ich hatte mein Fahrrad auf dem Parkplatz abgestellt und war die hundert Meter bis zum Dünenkamm gelaufen, um von hier einen letzten Blick auf das Meer zu haben. Nun saß ich hier, schaute aufs Meer und wollte innerhalb der nächsten zwei Stunden eine Antwort auf die Frage finden, wie mein Leben weitergehen solle. Zu lange hatte ich schon nach einer Antwort auf diese Frage gesucht ohne eine Antwort gefunden zu haben. Die Sonne, die dem Horizont immer näher kam und in zwei Stunden im Meer versinken würde, zeigte mir groß und schön die mir verbleibende Zeit an. Wenn die Sonne eingetaucht sein würde und sich kurz davor noch mit einem letzten Leuchten für diesen einen Tag verabschiedet hätte, wollte ich Antworten gefunden haben. Ich hätte meine Fragen so zu stellen, dass sie nur mit einem Ja oder einem Nein zu beantworten wären. Kein „vielleicht“, kein „es kommt darauf an“, kein „mal sehen“, nur Ja oder Nein.

Fragen und Antworten
Liebe ich dich?
Nein.
Habe ich dich je geliebt?
Vielleicht.
Bist du mir egal?
Nein.
Warum habe ich mit dir gelebt?
Du hast mir leid getan.
Gibt es auch andere Gründe?
Weil ich ohne dich alleine gewesen wäre.
Habe ich noch immer Mitleid mit dir?
Ja. 
Bereue ich, dich kennengelernt zu haben?
Ja.
Wollte ich dich noch einmal sehen?
Nein, vielleicht irgendwann.
Wollte ich, dass du dich bei mir entschuldigst?
Ja.
Warum weine ich?
Ich bin traurig.
Warum bin ich traurig?
Weil ich das Gefühl habe, mein Leben wäre entwertet, ohne Sinn.
Will ich, dass du mich tröstest?
Ja und nein.
Könntest du mich trösten?
Nein.
Wäre es für mich angenehm, du würdest mich in den Arm nehmen?
Nein.
Hasse ich dich?
Nein.
Was fühle ich?
Ich fühle mich hintergangen und belogen.
Tut mir dieses Gefühl gut?
Nein.
Beneide ich dich um dein Glück?
Welches Glück?
Um deine Arbeit?
Nein.
Um den Ort, an dem du lebst?
Nein.
Um die Nähe zu Münster?
Ja.
Habe ich dich belogen?
Nein.

Wählerisch
Vor mir liegt eine Tastatur, die sich gut bedienen lässt. Und bei jedem Anschlag erscheint auf dem Bildschirm des mir auf einem kleinen Stativ zugewandten Smartphones der gewählte Buchstabe, das gewählte Zeichen. Ist das jetzt ein kleines Wunder oder einfach nur der Stand unserer technischen Entwicklung? Ich finde das toll. Ja, für mich ist das ein kleines Wunder. Und deshalb: ein „a“ extra.  Als wir klein waren, gab es auch schon Wunder, nur dass ich das Wunderbare nicht angemessen bewundert habe, es einfach als gegeben annahm. Ich konnte stundenlang mit dir telefonieren. Es war ein Ortsgespräch. An meiner blauen Herkulesmofa brauchte ich nur am Handgriff drehen und sie fuhr los. Vielleicht hätte ich das Wunder der Fortbewegung noch verstanden, wenn ich mich dafür interessiert hätte. Immer, wenn es nicht fuhr, und das kam nur ganz selten vor, brachte ich das Mofa in die Werkstatt und es wurde von meinem Onkel oder einem seiner Mitarbeiter repariert. Es gab den Fernseher, das Radio, Elektrizität, die Gasheizung. Alles das war da. Es wurde von mir genutzt, ohne dass mich interessierte, warum es funktionierte. Nur einmal wollte ich wissen, warum der Dynamo meines Fahrrads Licht erzeugen konnte. In der Werkstatt meines Opas lagen einige Dynamos, die ich zerlegte. Später wurde der Dynamo im Phsyikunterricht behandelt. Fast alles, was ich im Phsyikunterricht erlernen musste, ist vergessen, auch das Erlernte aus dem Chemieunterricht hat sich verflüchtigt. Von dem Geld, dass ich zur Konfirmation bekam, kauften meine Eltern mir eine Super-8 Kamera. Ich glaube, ich war der einzige Schüler, der eine Kamera besaß, zumindest war ich der einzige Schüler, der die Kamera mit in die Schule nahm, um Aufnahmen während des Englisch-, Sport- und Religionsunterrichts zu machen. Es waren nur bewegte Bilder, der Ton fehlte. Wenn ich meine Neigungen und Interessen aus der Kindheit als Auswahlhilfe für meine berufliche Zukunft nehme, muss ich festhalten, dass mich alle Unterrichtsfächer gelangweilt haben, ausgenommen Sport und Kunst. Im Fach Deutsch habe ich nichts gelernt, an das ich mich heute erinnere, das ich für mein heutiges Leben gebrauche. Gleiches gilt für alle anderen Fächer. Ich war schon immer sehr wählerisch.

Zwei ist Eins.
Wird mir ein zweiter Wunsch einfallen? Ein zweiter Wunsch. Welche Türen muss ich aufbrechen, dass der zweite Wunsch für mich sichtbar, fühlbar, spürbar wird? Ein zweiter Wunsch?
Ich versuche mich auf dich zu besinnen. Denn dich zu sehen, ist mein wahrer Wunsch, mein einziger Wunsch, mein erstes Bedürfnis, ist jetzt, ist heute mein einziges Bedürfnis. Dieses eine, vorherrschende Bedürfnis, das alle anderen Wünsche überlagert, verschüttet, unsichtbar macht, ist jetzt mein Wunsch. Aber dieser Wunsch wird sich nicht erfüllen, solange es nicht auch dein Wunsch ist, mich zu sehen. Mich zu sehen, muss dein Wunsch werden. Wie stelle ich es an, dass du mich sehen willst, dass du mich mit dem gleichen Verlangen, dem gleichen Antrieb, der gleichen Lust, der gleichen Freunde, die meinen Wunsch beseelt, nahe sein willst? Ich schließe die Augen und versuche dein Gesicht vor meinem inneren Auge sichtbar zu machen. Ich will wahrnehmen, welche Gefühle mein Blick auf dein Gesicht in mir auslösen. Ich will achtsam sein. Achtsamkeit ist die bewusste, aber nicht wertende Wahrnehmung der Gegenwart, wie sie sich in mir und meiner Umwelt im Hier und Jetzt zeigt. Ich sitze aufrecht, die Füße stehen nebeneinander und ich warte auf meine Wahrnehmung. Da ist der leichte Muskelschmerz, der sich über meine Herzgegend legt. Es muss dein Wunsch sein, mich zu sehen. Ich stehe am Anfang einer Straße. Die Straße ist abschüssig. Ich kann weit in den Straßenverlauf sehen. Links und rechts der mehrspurigen Straße stehen überwiegend Gewerbebauten, Autohändler, Möbelläden, Discounter, Küchenläden. Und ganz am Ende dieser Straße stehst du. Es ist dein Wunsch, mir entgegen zu gehen. Der leichte Anstieg hat überhaupt keinen Einfluss auf die Leichtigkeit deiner Schrittfolge. Du willst zu mir kommen. Dein Wunsch, in meinen Armen Heimat zu finden, ist so groß, dass mit jedem Schritt deine Entschlossenheit deutlich wird. Du willst zu mir kommen. Wie von einem Faden geführt, gehst du direkt auf mich zu, ohne auch nur den geringsten Ausfall nach links oder rechts zu machen. Dein Wunsch, in meinen Armen, an meiner Brust, an meiner Wange, Frieden zu finden, ist so groß, dass du dich beschränken musst, damit dein kräftiger, fester Schritt nicht in ein Laufen wechselt. Du gehst den Weg konzentriert, mit gradem, festem Blick und du willst jeden Schritt, der dich mir näher bringt, bewusst gehen. Du willst spüren, wie jeder große Schritt, den du tust, die Anziehung, die du in dir spürst, wachsen lässt. Du willst jeden Schritt auskosten, um zu spüren, dass jeder Schritt, der dich mir näherbringt, dein Verlangen, deine Sehnsucht nach mir noch größer werden lässt. Es ist dein Wunsch, mir nah zu sein. Und mit jedem Schritt kommst du mir näher. Habe ich dich am Anfang deines Weges, ganz unten, da wo die Straße aus dem Tal in gerader Linie zu mir führt, ohne dich sehen zu können, gleichwohl erkannt, so wirst du auf der Mitte des Weges immer deutlicher für mich. Was ist der Grund, der dich bewegt, mir nahe zu sein. Ich schließe die Augen und will mich in deinen Wunsch einfühlen. Ich sitze aufrecht vor meiner Tastatur, mein Bauch verkrampft, wird hart, zieht sich nach innen, mein Oberkörper fängt an, leicht zu schaukeln, ich tanze im Sitzen. Und der Abstand zwischen uns wird kleiner, zwanzig Meter. Du bleibst stehen. Lässt dich leiten von meinem Rhythmus, den du übernimmst. Dein Körper dreht sich im Kreis, deine Hände zeigen in die Höhe, jede Bewegung deines Körpers, der Beine, der Hüfte, des Oberkörpers spiegelt meine eigene Bewegung. Dein Wunsch, mir nahe zu sein, ist jetzt kurz vor der Erfüllung. Nur wenige Meter trennen dich noch von mir. Gleich werde ich dir meine großen Hände entgegenhalten, die du greifen kannst. Du wirst sie halten und ganz langsam um deinen Körper legen und mich mit leiser Stimme, ganz langsam, ganz sanft auffordern: „Halt mich fest.“ Dein Kopf verliert sich in mir und ich kann dich spüren. Dein Atem wird ruhig, langsam. Du wirst ganz still. Du bist angekommen und schläfst ein, nicht ohne zuvor nach einem tiefen Atmezug die totale Erleichterung auszuatmen. Es war dein Wunsch nach Frieden, der dich zu mir führte, Frieden in dir und Frieden mit mir.

Seesack
Ich hatte meinen Seesack auf dem Bahnsteig abgestellt und dabei darauf geachtet, eine trockene Stelle zu finden, da der Bahnsteig wohl noch vor kurzem nass gereinigt worden war. Der Herr neben mir, gekleidet in einem blauen Anzug, mit weißem Hemd und schwarzen Schuhen, sprach mich an. Er würde am Wochenende vor der englischen Küste segeln. Der Seesack ließe sich auf dem Schiff vermutlich leichter verstauen als ein Hartschalenkoffer. Als der Zug, auf den wir beide warteten, hielt, ließ er mir mit meinem bis oben hin gefüllten Seesack, meiner Sporttasche und einem kleinen Rucksack den Vortritt. Der EC war schon gut gefüllt und zusammen mit mir und dem Mann im blauen Anzug traten etliche Mitreisende in den Zug, die alle nach einem noch unbesetzten Sitzplatz drängten. Gleichwohl fanden wir, der Mann im blauen Anzug und ich, auf zwei gegenüberliegenden Sitzen unsere Plätze, ohne jedwede Anstrengung, so als hätte man die Plätze für uns reserviert. Mein Gegenüber steckte sich zwei weiße, kabellose Kopfhörer in die Ohren, nachdem er für kurze Zeit davon ausgegangen war, dass ich unser kurzes Gespräch am Bahnsteig jetzt, nachdem der Zufall uns die Möglichkeit bot, fortsetzen würde. Mit den Worten, die zwei Kopfhörer seien wohl das Signal, dass ein Gespräch jetzt nicht mehr möglich ist, suchte ich dann den Einstieg in das Gespräch; der Mann im blauen Anzug interessierte mich. Mein Gegenüber nahm die Kopfhörer aus den Ohren und in der halben Stunde, die folgte,  erzählte er mir aus seinem Leben und ich ihm von meinem Leben. Als wir den Zug verließen, stand mein Folgezug schon wartend auf dem Gleis gegenüber. Beladen mit meinem Gepäck hörte ich die Durchsage: „Bitte einsteigen, die Türen schließen.“  Ich erreichte den Zug und als ich den ICE betreten hatte, schlossen seine Türen. Ich schrieb dem Mann im blauen Anzug, unmittelbar nachdem ich Platz genommen und meine Reisetaschen verstaut hatte, eine SMS: „Tschüß, das war knapp, auf die letzte Sekunde. Es war schön, Sie ein wenig kennengelernt zu haben.“ Ich hatte ihm im Verlauf unserer Unterhaltung meine Visitenkarte gegeben und dabei von meinem Wusch erzählt, alsbald ein ganzes Jahr in England zu (v)erleben. Vielleicht würden seine englischen Kontakte irgendwann und irgendwie einen positiven Einfluss auf meine Wunscherfüllung haben.
In den Nachbetrachtung dieser Begegnung halte ich es für möglich, dass das Universum schon an meiner Wunscherfüllung arbeitet, die anscheinend reservierten Sitzplätze könnten ein Hinweis auf die Richtigkeit meiner Annahme sein. Der Mann im blauen Anzug hieß Pascal. Ich konnte mich mit meiner SMS für die Begegnung mit ihm bedanken, weil auch er mir seine Visitenkarte gegeben hatte.

Wie man Freunde gewinnt. von Dale Carnegie
I. Grundregeln für den Umgang mit Menschen
1. Kritisiere, verurteile und klage nicht.
2. Gib ehrliche und aufrichtige Anerkennung.
3. Wecke im anderen ehrliche und aufrichtige Wünsche.
II. Sechs Möglichkeiten sich beliebt zu machen.
1. Interessiere dich aufrichtig für den anderen.
2. Lächle.
3. Vergesse nie, dass für jeden Menschen sein Name das schönste und wichtigste Wort ist.
4. Sei ein guter Zuhörer. Ermuntere den anderen, von sich selbst zu sprechen.
5. Spreche von Dingen, die den anderen interessieren.
6. Bestärke den anderen in aufrichtiger Weise in seinem Selbstbewusstsein.
III. Zwölf Möglichkeiten, die Menschen zu überzeugen.
1. Die einzige Möglichkeit, einen Streit zu gewinnen, ist ihn zu vermeiden.
2. Achte des anderen Meinung und sage ihm nie: „Das ist falsch.“
3. Wenn du Unrecht hast, gib es ohne zu zögern offen zu.
4. Versuche es stets mit Freundlichkeit.
5. Gib dem anderen die Möglichkeit, „ja“ zu sagen.
6. Lasse hauptsächlich den anderen sprechen.
7. Lasse den anderen glauben, die Idee stamme von ihm.
8. Versuche ehrlich, die Dinge vom Standpunkt des anderen zu sehen.
9. Bringe den Vorschlägen und Wünschen anderer dein Wohlwollen entgegen.
10. Appelliere an die edle Gesinnung des anderen.
11. Gestalte deine Ideen lebendig.
12. Fordere den anderen zum Wettbewerb heraus.
IV. Neun Möglichkeiten, die Menschen zu ändern, ohne sie zu beleidigen oder zu verstimmen.
1. Beginne mit Lob und aufrichtiger Anerkennung.
2. Mache den anderen nur indirekt auf seine Fehler aufmerksam.
3. Spreche zuerst von deinen eigenen Fehlern, ehe du den anderen kritisiert (? ).
4. Mache Vorschläge, anstatt Befehle zu erteilen.
5. Gebe dem anderen die Möglichkeit, das Gesicht zu wahren.
6. Lobe den Erfolg, auch den geringsten. Sei herzlich hin deiner Anerkennung und großzügig mit Lob.
7. Zeige dem anderen dass du eine gute Meinung von ihm hast, und er wird sich entsprechend benehmen.
8. Ermutigen den anderen! Gib ihm das Gefühl, dass er seine Fehler spielend leicht verbessern kann.
9. Es muss dem anderen ein Vergnügen sein, deine Wünsche zu erfüllen.

Wenn du die amüsieren willst, gib ihnen, was sie wollen. Konietzka zu Friedrich. […] Du bist immer für mich da gewesen. Mehr als ich für dich. Friedrich zu Silvia in Frank Goosens Roman Pokorny lacht.

Dreiundzwanzig
Ich war dreiundzwanzig, ich hatte eine Affäre mit einer achtzehn Jahre älteren Frau, ich hatte ein Auto und eine Wohnung, und ich wusste nicht, was ich mehr haben wollte. Etwas mehr Geld vielleicht. Helmut in Frank Goosens Roman liegen lernen

Mein erster Wunsch
Ich will für ein ganzes Jahr nach England, vielleicht London, vielleicht an die Küste. Ich will die Sprache lernen und anwenden, ich will die englische Liebenswürdigkeit und Ehrlichkeit entdecken. Ein Jahr. Und dann? Für ein Jahr nach Italien, dann Spanien, dann Tschechien. Und dann, bin ich fünf Jahre älter.

Einundzwanzig
Als der Frühling kam, saß ich am offenen Fenster und löffelte heiße Ravioli. Ich war einundzwanzig Jahre alt, hatte ein Auto, eine Wohnung, eine Menge Musik und meine erste echte Trennung hinter mir. Ich konnte in Ruhe abwarten, was als nächstes kam. Helmut in Frank Goosens Roman liegen lernen

Fünf Tage
Ich saß montagmorgens in der Arbeit und wünschte mir, ich könnte die Uhr bis zum Arbeitsende am Freitag vorstellen. Ich war bereit, fünf Tage meines Lebens pro Woche dranzugeben, nur um die Tage zu erreichen, die ich mochte. John zu Jessica in John Streleckys Wiedersehen im Cafe am Rande der Welt.

Handeln
Was will ich sehen, tun oder erleben, bevor ich sterbe. Ich habe andere Menschen gefragt: Ferrari fahren, ein eigenes Haus, das Polarlicht sehen. Vergleiche ich die Wünsche mit der Weisheit Siegmund Freuds, der behauptet, wir hätten nur zwei Motive für unser Tun, den Sexualtrieb und das Verlangen nach persönlicher Geltung, ist nicht sofort deutlich, welchem Motiv der Wunsch, das Polarlicht zu sehen, folgt. Warum kann ich keine Wünsche formulieren, andere als die, die auch ich mit jedem anderen Menschen teile, Gesundheit für mich und meine Kinder, Geld für alles, das man kaufen kann, sexueller Genuss. Die Gedankenspiele, meine  Überlegungen bringen mich nicht wirklich weiter. Was tun? Ich muss ins Handeln kommen. Was will ich jetzt, jetzt gerade? Ich will jetzt keine Beachtung, Geltung und ich will keine sexuelle Befriedigung. Ich spüre gerade mein Herz, es zwickt mich, ich spüre es. Anders als sonst, sonst bemerke ich es nicht. Schon gestern meldete es sich auf diese Art, ich blieb stehen, beugte mich vor und fragte mich, was das jetzt sei. Ich wollte keine Angst aufkommen lassen, ich wollte auch nicht zum Arzt. Wenn es das Ende wäre, dann soll es so sein. Sollte mein Herz sich noch ein paar Mal melden, würde ich mich untersuchen lassen. Bis dahin sollen andere Wünsche, als der nach bleibender Gesundheit, leitend sein. Wenn ich jetzt könnte, wie ich wollte, würde ich jetzt zu ihr fahren. Ich würde zu ihr fahren und ihr sagen, dass ich ein wenig Zeit mit ihr erleben will. Mehr will ich gerade nicht, und nichts anderes will ich gerade jetzt. Und so lange ich nicht tue, was ich will, bleibt der Blick auf andere Wünsche verschlossen. Ich fahre jetzt ans Meer.

Verstopfung
Warum fällt es mir so schwer, fünf Dinge zu benennen, die ich ich tun, sehen oder erleben möchte, bevor ich sterbe. Die Frage ist jetzt zwei Tage alt, und ich habe noch immer keine Antwort. Ich kann die Dinge nicht sehen, so als wäre das Guckloch versperrt, die lange Röhre des Pusterohrs verstopft, als würde der Deckel auf dem Fernrohr sitzen. Ich bin mir sicher, dass auch ich diese fünf Dinge benennen könnte, wäre mein Blick frei, hätte ich freie Sicht. Und so wie ich den Pfropfen aus dem Guckloch, den Dreck aus dem Pusterohr, das Wasser oder den Ohrenschmalzpfropfen aus dem Gehörgang oder den Deckel vom Fernrohr entfernen muss, um klar zu sehen, klar zu hören, muss ich das, was es mir so schwer macht, nahezu unmöglich macht, die fünf Dinge zu benennen, die ich tun, sehen oder erleben möchte, bevor ich sterbe, beiseiteschaffen.

Kritik ist nutzlos, denn sie drängt den anderen in die Defensive, und gewöhnlich fängt er dann an, sich zu rechtfertigen. Kritik ist gefährlich, denn sie verletzt den Stolz des anderen, kränkt sein Selbstgefühl und erweckt seinen Unmut.[…] Vorwürfe sind wie Brieftauben, sie kehren immer wieder in den eigenen Schlag zurück.[…] Wenn es möglich ist, dass der Geltungstrieb Menschen in die Arme des Wahnsinns treibt, so kann man sich leicht vorstellen, was man mit ehrlicher Anerkennung beim normalen Menschen zu erreichen vermag. Dale Carnegie. Wie man Freunde gewinnt. 1937.

Kino
Ich war im Kino, war schockiert, war genervt, war wütend, litt, lachte und war berührt. Am Morgen nach meinem Kinobesuch wachte ich auf und erinnerte ich mich an den Traum der Nacht. Ich hatte geliebt, dreimal mit einer Frau geschlafen, dreimal Liebe empfunden, Liebe erlebt. Und jetzt im Übergang von Schlaf und Erwachen, wollte ich zurück in meinen Traum, wollte wissen, wer die Frau war, mit der ich die Liebe erlebte. Es war mir nicht gelungen. Vielleicht hatte ich auch in meinem wachen Leben die Liebe erlebt. Und vielleicht war auch ich mit ihr eins, als unsere Körper still aufeinanderlagen und nichts zwischen unserer beider Leiber passte. Ja, ich muss nicht sterben, ohne jeh das Gefühl des Augenblicks der vereinten, perfekten Liebe erlebt zu haben. Schade nur, dass mein Traum mir nicht erinnerbar verriet, mit wem ich diese Liebe erlebte oder erleben werde. Mein Traum hat mich an Erlebtes erinnert, er wird aber auch ein Hinweis auf das sein, was kommt. Der Traum zeigt mir eine erlebbare Zukunft , er belebt meine Fähigkeiten und Möglichkeiten. So, jetzt will ich arbeiten. Welche fünf Dinge will ich tun, sehen oder erleben, bevor ich sterbe?

Das Café
Warum bist du hier?
Hast du Angst vor dem Tod?
Führst du ein erfülltes Leben? […] Tränen sind wertvolle Zeichen. Sie deuten darauf hin, dass uns etwas wichtig ist. Manchmal ist es die einzige Möglichkeit unseres Herzens um dem Rest von uns mitzuteilen, dass es etwas begriffen hat. [….] Ich schaukelte so hoch ich konnte, bis ich die Leere unter mir spürte. Sie kennen bestimmt diesen Moment, in dem man mit der Schaukel den höchsten Punkt erreicht.[…] Er inspirierte den Mann dazu, über die fünf Dinge nachzudenken, die er in seinem Leben am liebsten tun, sehen oder erleben wollte, bevor er starb. Darauf sollte er dann seine Zeit und Energie als Erstes ausrichten. Der Rest würde sich ergeben. Er bezeichnete diese fünf Dinge als Big Five for Life. Der Mann erklärte mir, dass man sich angesichts der Vorstellung, den Sinn des eigenen Lebens herausfinden zu wollen, überfordert fühlen kann. Daher sollte man kleiner anfangen, nämlich mit diesen fünf Dingen. Wenn man diese verwirklicht, lernt man sich selbst kennen. Und sobald man sich selbst besser kennt, ist es leichter, sich über den Sinn des eigenen Lebens klar zu werden.[…] Fast alles wirkt neu und seltsam, bis man es selbst tut.
John Strelecky. Wiedersehen im Café am Rande der Welt.

Das geht vorbei
Das ist der Moment, in dem er zum ersten Mal an Charlie denkt, jedenfalls heute, aber wegen ihr ist er ja gar nicht hier, sondern wegen des Termins mit dem Makler. Immerhin, keine zehn Minuten hat es gedauert, denkt er, bis ich das erste Mal an sie gedacht habe, aber das geht auch wieder vorbei. […] Das ist alles Vergangenheit, und die zieht dich runter, und dann kommst du nicht mehr hoch. […] Er bleibt stehen und lehnt sich an eine raue, warme Hauswand. Charlie hat mich gemacht, denkt er.[…] Und dann kommt Charlie herüber, fasst Stefan an der Hand und sagt: „Pass mal auf Kollege, ich weiß nicht wie du das siehst, aber ich finde, wir müssen reden!“ […] Und Stefan wird mal wieder klar, dass nichts in seinem Leben sich richtiger anfühlt, als mit ihr in einem Raum zu sein. Meine Güte wie kann er nur immer so viel Energie darauf verwenden, das zu leugnen? […] Es stimmt schon, so mit einem halben Bein war er immer zuhause, mindestens mit einem Viertel seiner Gefühle immer bei Charlie, und das muss doch mal ein Ende haben. Stefan in Frank Goosens Roman Sommerfest.

Du bleibst bei uns. Ist ja klar! Cornelius zu Julia in Das Leben vor mir.

Ti vorrei rivivere
Ich sollte besser schlafen, als jetzt noch zu schreiben, denn meine Müdigkeit lässt nicht hoffen, dass mir jetzt ein kleiner Schritt hin zur Erkenntnis gelingen könnte, manchmal aber überrasche ich mich selbst, vielleicht ist jetzt dieser Moment. Während ich schreibe, erklingt in meinen Ohren eine zufällig zusammengestellte Playlist italienischer Musik, drei Lieder hatte ich vorgegeben, den Rest wählt spotify. Warum diese Vorliebe für Italien. Ganz viele Bilder wechseln sich vor meinem inneren Auge ab, der Festplatz auf dem die Bewohner des Ortes tanzten, die Kinder, die damals noch klein waren und so schnell alt geworden sind. Ich war damals dabei, und jetzt in der Rückschau habe ich Zweifel, ob ich, der ich heute bin, derjenige war, der damals dabei war. An welche Bilder soll ich mich erinnern, wenn mein Leben keine Zukunft mehr hat. Mit wem soll ich am Ende meiner Zeit die Erinnerungen teilen? Hat mein Leben wirklich noch die Zeit, neue Erinnerungen zu schaffen, die so gewaltig sind wie Geburt und das Großwerden der Kinder. Welche Bedeutung haben wir Menschen hier auf der Erde, eine andere als alle anderen Geschöpfe? Leben um die Art zu erhalten. Ich werde jetzt mit dem Schreiben aufhören und schlafen.

Yoga Nidra
Die Formeln „Abstand durch gedankliche Nähe schaffen“ und „Normalität erreichen durch gedankliche Zuwendung, anstatt durch Loslassen“ halte ich für richtig, muss sie mir aber noch beweisen. Es sind Formeln, die für mich gültig sind, nicht zwingend auch für andere. Wie soll ich mich jetzt öffentlich einer Frau zuwenden, von ihrem Aussehen, von ihrer Art erzählen? Ganz einfach, all meine Worte finden Anwendung auf jede Frau. Hat nicht jede Frau Hände, Unterarme, Ellenbogen, Oberarme, Schulter, Rücken, Becken, Po, Oberschenkel, Kniekehle, Unterschenkel, Ferse, Fußsohle, Zehen, Unterbauch, Oberbauch, Brust, Hinterkopf, Schädeldecke, Augen, Brauen, Wangen, Nase, Mund? Und während ich schreibe, merke ich, dass mich das Schreiben nicht weiterbringt. Ich versuchs mal anders. Ich stelle mir vor, sie stehe vor mir. Wir stehen uns gegenüber, sie schaut mich an, ich schaue sie an. Ich schaue in ihre Augen, sie schaut in meine Augen. Und nun? Es fällt mir schwer, sie nur anzuschauen, meine Hände möchten nach ihren Händen greifen. Und vielleicht will ich sie auch an mich ziehen, damit mein Blick ihrem Blick ausweichen und ins Leere schauen kann. Ich sammel mich, rieche ihren Duft, spüre ihren Herzschlag, fühle die Formen ihres Körpers, die Wärme, die sie mir gibt. Einfach nur so verweilen, geht das? Nicht denken, einfach nur so bleiben bis der Körper, ihr Körper Veränderung will.

Thích Nhất Hạnh
Wir alle sind soziale Wesen und dadurch auf unsere Mitmenschen angewiesen: Wir brauchen eine Familie, um uns geborgen zu fühlen, und wir brauchen Freunde, um Spaß zu haben und Gemeinschaft zu erfahren. Es ist auch ziemlich gut, wenn wir Arbeitskollegen haben, mit denen wir zusammenarbeiten, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Ohne die anderen ist alles nichts… Neben Nahrung, Schlaf und Wärme zählt das Gespräch mit anderen wohl zu den wichtigsten Bedürfnissen, die wir haben….
Wir können nur wirklich gut mit anderen sprechen, wenn wir uns selbst verstehen. Also müssen wir, um eine Verbindung zu anderen aufzubauen, zunächst einmal mit uns selbst verbunden sein…. Doch bevor wir jemandem etwas sagen, sollten wir nie den ersten und wichtigsten Schritt vergessen: das Zuhören…. Mantras: „Ich bin für dich da.“ „Ich weiß, dass du da bist, und darüber bin ich glücklich.“ „Ich weiß, dass du leidest, und deswegen bin ich für dich da.“ „Ich leide, bitte hilf mir!“ „Das ist ein glücklicher Moment.“ „Du hast teilweise Recht.“… Der erste und wichtigste Punkt beim achtsamen Sprechen ist, dass wir immer die Wahrheit sagen müssen….

Ich würde sie gern wiedersehen!“ sprach ich und fand, dass es mir gut gelungen war, genau das zu sagen, was ich wollte. Ole in Sten Nadolnys Netzkarte.

An mich:
Wenn du etwas in dir trägst, was dir und uns helfen kann, glücklich zu sein, ist es deine verdammte Pflicht, es so effektiv wie möglich mit uns zu teilen. Her damit! Veit Lindau, Seelenquickies 2018

Manchmal will ich sterben, aber ich will nicht tot sein. Fränge über sich in Frank Goosens Roman Förster, mein Förster.[…]Irgendwann bist du tot, hatte Martina damals gesagt, und dann hast du Millionen Jahre Tod vor dir, das macht dich fertig, aber ewig leben geht auch nicht, also wäre es vielleicht besser, gar nicht erst geboren zu werden, weil man dann von sich selbst nichts gewusst hätte, und das war ein Moment gewesen, in dem er sie unglaublich geliebt hatte, weil sie dieses ganze Zeug auf den Punkt gebracht hatte, was ja dann doch wieder ein Grund gewesen war, geboren zu werden, dieses große Gefühl. Förster über sich in Frank Goosens Roman Förster, mein Förster.

Zu dumm?
Draußen scheint die Sonne, ein Wetter, bei dem eine Veränderung möglich scheint. Wieder bin ich auf der Suche nach der Richtigen. Mein Lebenszustand: die Suche nach der Richtigen. Um diese Suche erträglich zu halten, war ich sechsunddreißig Jahre in einer Beziehung, schwärme ich seit fünf Jahren für eine Frau, die nicht für mich schwärmt, schwärmte ich zehn Jahre für eine Frau, die zu meinem Glück, nicht an mir interessiert war. Mein Rekord in nicht erwiderter Schwärmerei umfasst 36 1/4 Jahre und sieben Jahre Nachschwärmen, also dem, das ich gerade tue, mich schriftlich erinnern. Der erste Vers des Liedes ist meine in Musik gemeißelte Erinnerung an sie. Das Mädchen mit den braunen Haaren heißt Ina. Meine dritte in ihren Wünschen unerfüllte Begegnung mit einem Mädchen. Ich weiß nicht, ob ich den Satz am Ende des Urlaubs wirklich zu mir sagte: „Ich will eine Freundin finden, die so ist wie sie.“ Was hat mir denn so an ihr gefallen, dass der Wunsch, sie zu sehen, mit ihr zu reden, ihr zu sagen, dass ich ihre Nähe genoss, irgendwann so stark wurde, dass ich es nicht mehr für mich behalten konnte, und ich meiner ersten Frau sagte, ich müsse das Mädchen, das Frau geworden war, sehen. Ich weiß nicht mehr wie ich mein Verlangen meiner ersten Frau gegenüber erklärte. Es tut mir für dich leid, dass du so viel Zeit deines Lebens mit mir und meiner kranken, leidenden, verzweifelten, auf Erlösung hoffenden Seele teilen musstest. Auch wenn du mir nach der Trennung so unsagbar wehgetan hast, ist vermutlich der Schmerz, den du in den 36 Jahren durch mich erleiden musstest in der Summe der Zeit viel, viel größer, so dass es logisch ist, dass jede Erinnerung an mich in dir noch immer Angst und andere abweisende Gefühle auszulösen vermag.

Was also hat mich, 15 Jahre jung, so begeistert? Der fast schwarz gebräunte Körper, ihre Selbstsicherheit und Selbständigkeit, ihre Stimme, ihre Anziehung, ihre ständige Abwesenheit in der Welt der schon Großen, ihre Überlegenheit? Der Sommer war vorbei, es war schon dunkel, der Abend war kalt, da stand sie vor der Haustür, in den Händen die Bilder vom Urlaub. Im Wohnzimmer lief das Radio mit Mal Sondocks Hitparade. Sie hat mir die Fotos nicht gezeigt, sie ging so schnell wie sie gekommen war. Ich war nicht alleine. Und während Rod Stewarts Sailing lief, erhielt ich eine weitere Lektion über das noch immer nicht von mir erschlossene Thema der Liebe. Ina ist heute so alt wie ich und noch ein bisschen älter. Nach meiner Trennung rief ich sie das letzte Mal an. Sie bat mich, sie nie wieder anzurufen. Ich habe mich an ihre Aufforderung gehalten. Meine Erinnerung an mein Gefühl der Jugend darf ich behalten. Es ist mein Gefühl.

Und erst, wenn ich nicht mehr suche, werde ich der Liebe begegnen. Gut Ding braucht Weile und am Ende wird alles gut. Am Ende?

Tassenlang
Ich sah ihr zu, sah sie an, habe sie still ein wenig bewundert, habe in ihr Gesicht gesehen, in die Augen, verlor mich kurz in die Geschichten, die ihre kleinen Fältchen andeuteten, der bedachte, konzentrierte, schweigsame, behutsame, andächtige Blick, sah ihr zu, wie sie erst den Kaffee und dann den Milchschaum in die zwei Tassen füllte, und dann, als alles perfekt gelungen war, sie die zwei Tassen mit Bescheidenheit auf den Tresen stellte, stolz ihr gelungenes Werk betrachtete und mit einem Wort schloss: Bitte. Ich genoss diesen Augenblick, ich hätte ihr noch lange zusehen können, stundenlang,  tagelang, ein Leben lang, und doch war der Augenblick der Freude belastet durch mein Wissen, die Dauer ihrer Gegenwart würde begrenzt sein auf die Zeit, die ich mir nehmen würde, die Tasse Kaffee zu lehren.

Netzkarte
Als der Zug rollte und die winkende Judith verschwunden war, spürte ich Traurigkeit, aber Erleichterung zugleich. Ole in Sten Nadolnys Roman Netzkarte

Lass uns spielen
Aufgestellt werden… Was soll das? Warum wende ich mich nicht einfach der Zukunft zu? Weil ich das Vergangene im Liegen leichter betrachten kann, ohne nur einen Schritt zu gehen? Aber langweile ich mich nicht schon selbst mit den ewig gleichen Personen? OK, wen stelle ich auf? Ist die Antwort auf die Frage wichtig, wann in unserer Ehe sie mich betrogen hat? Ist die Antwort auf die Frage wichtig, was sie dachte, als sie mich betrog? Ist die Antwort wichtig, ob es schön war, mich zu betrügen? Muss ich wissen, ob sie Scham und Schuld empfand? Ich weiß nicht wirklich, ob mir die Antworten wichtig sind? OK, lass uns spielen. Aufgestellt wird meine erste Frau. Natürlich verbinde ich das Wort Aufstellung mit der Mannschaftsaufstellung beim Fußball. Auf welche Position soll ich dich stellen? Meine erste Position war, meinem Vater folgend, die des Torwarts. Der Torwart hat die Aufgabe, seinen Kasten sauber zu halten. Das passt. Ich stelle dich, liebe E. auf die Position des Torwarts. Das passt auch deshalb, weil mein Abstand zu dir so am größten ist. Also komm, lass dich zwischen die Torpfosten stellen. Die Position passt auch deshalb, da der Torwart nicht richtig am Spiel teilnimmt, ein Außenseiter mit anderen Aufgaben, anderen Fähigkeiten, manchmal auch nur unfähig, die Position eines Feldspielers einzunehmen. Und nun zu dir, liebe K. Von dir möchte ich die Antworten auf ganz andere Fragen erhalten. Spielst du mit? Komm, lass uns spielen. Meine nächste Position im Spiel war die des letzten Mannes, damals auch Libero genannt. Mein Vorbild war natürlich Franz Beckenbauer, ein Name, der dir trotz unseres Altersunterschieds noch bekannt sein dürfte. Ich frage dich also: Kennst du Franz Beckenbauer? Und, wie antwortest du? Das Ja ist ein guter Einstieg hin du den Fragen, die mir wichtig sind. Also los. Lass mich die Fragen ungeordnet aus meinem Inneren nach außen schleudern. Willst du mich noch einmal sehen? Darf ich dich mit einer süßen Köstlichkeit verwöhnen, einer Erdbeere, von mir gepflückt in einem australischen Biohof, einer Kugel Vanilleeis überzogen von heißem Espresso? Und während ich über andere Fragen nachdenke, merke ich, dass sie in eine fantastische, unwirkliche und leider unmögliche Romantik abgleiten, aufgepumpt mit zu viel Sentimentalität und Verliebtheit. Lass es mich trotzdem tun. Es ist nur ein Spiel. Ein Spiel, in dem alle Fragen möglich sind, in dem alle Antworten erlaubt sind. Und jede Antwort erlaubt jede Bewertung, auch total gegensätzliche. Es ist nur ein Spiel, ein Spiel, das Antworten schafft, nicht eigene, sondern deine. Und wenn du die erste Frage schon verneint hättest, wäre dann nicht schon jede weitere Frage gestorben? Schreibst du mir einen Text, aus dem ich ein Lied machen darf? Darf ich dich auf meinen Händen tragen? Willst du meine Freundin sein, nicht um Sex zu haben, sondern um zu verstehen, zu halten, zu trösten, zu stärken, zu teilen, da zu sein? Schenkst du mir ein Kind, um einmal nicht all die Fehler, die ich machte, zu wiederholen? Nimmst du mich an die Hand und führst mich zu der Frau, die geboren wurde, um mit mir ein Paar zu sein? Erklärst du mir die Liebe? Zeigst du mir das Schöne? Kannst du mir sagen, warum ich diese Fragen stelle. Würdest du bleiben, bis deine Antworten mich innerlich wärmen und ausfüllen? Ist es Liebe, was ich für dich empfinde? Komm, spiel mit. Ich stelle dich auf die Position des Rechtsaußen. Fleißig rennst du an der Außenlinie rauf und runter und deine wunderbaren Flanken schaffen immer wieder die Möglichkeit, ein Tor zu erzielen. Komm und spiel mit mir, ich brauche dich, für das Spiel, für mein Leben.

Lange her
Er schob seine Hände unter ihre Backen, hob ihren Hintern an und vergrub sein Gesicht in ihrem Schoß. Sie zuckte zusammen, stieß mit ihrem Kopf an die Wand hinter ihrem Bett, stöhnte auf und packte seine Haare mit allen zehn Fingern. Er leckte sie, bis sie beinahe so weit war, dann küsste er sich über ihre knochigen Hüften und den flachen Bauch nach oben und biss sanft in ihre Brustwarzen, was ihr ein weiteres Stöhnen entlockte. Und dann das Beste: ihr Mund. Wie sie küsste! Das war fast besser, als in sie einzudringen, was er jetzt natürlich trotzdem tat. Rainer und Steffi in Frank Goosens So viel Zeit.

Fragen
Ich habe Fragen, Fragen auf die ich Antworten will. Schon fünfmal habe ich an einer Familienaufstellung teilgenommen. Oft wurde ich gebeten, die Rolle des Vaters, des Bruders, des Mannes einzunehmen. Einmal war meine eigene Familie aufgestellt, mein Vater, meine Mutter, meine Schwester und ich. Die Frau, die die Rolle meiner Schwester einnahm, stand rechts von mir und war wütend auf mich. Der Mann in der Rolle meines Vaters stand links von mir, es ginge ihm gut. Mir gegenüber stand eine Frau in der Rolle meiner Mutter. Der Aufforderung des Aufstellungsleiters, einander in den Arm zu nehmen, konnten wir weinend nicht nachkommen. Die Frage des Warum haben wir damals nicht gestellt. Ich will sie heute nicht mehr beantwortet wissen. Vielleicht werde ich sie mir irgendwann noch einmal stellen. Jetzt sind mir die Antworten auf andere Fragen wichtiger. Nicht die Fragen, die ich mir nach meinem Knockout vor 7 Jahren erstmals stellte: Will ich weiterhin mit meiner Ehefrau zusammenleben? Wo will ich leben? Mit welcher Arbeit will ich meinen Unterhalt bestreiten? Die erste Frage musste ich binnen zweier Monate nicht mehr beantworten. Meine erste Frau hatte sich die Frage wohl auch gestellt und vor mir mit nein beantwortet. Die Frage nach Wohnort und Berufung wird mein Gefühl schon irgendwann richtig beantworten, solange Gefühl und Verstand die Angst kontrollieren. Jetzt, hier und heute sind mir Antworten auf Fragen wichtig, die ich mir selbst nicht beantworten kann. Die Menschen, die die Antworten geben könnten, will ich nicht fragen. Ich will sie nicht fragen, weil ich unfähig bin, die Angst zu ertragen, die auf dem Weg zu der Person einsetzen würde, stärker würde, je näher ich der Person komme und am stärksten wäre, kurz bevor ich die Frage im Anblick der Person ausspreche. Einen zweiten Höhepunkt erhielt die Angst, wenn die Person ihre Antwort gibt. Ist die Frage dann beantwortet, tut die Antwort weh. Sollte die Antwort nicht wehtun, würde ich vermuten, sie wäre nicht ehrlich. Wie herrlich wäre da jetzt das Mittel der fragenden Aufstellung. Die Angst wäre ersetzt durch freudige Erregung. Ich bekäme Antworten, ohne den Prozess der Angst zu durchlaufen. Wie herrlich. Und wenn mir die Antworten gefallen, wie herrlich. Und wenn die Antworten wehtun? Versuchen sollte ich es. Bungeesprung, Fallschirmsprung und Tantramassage blieben als weitere Erfahrung. Bevor ich aber an einer fremdgeführten Aufstellung teilnehme, hätte ich Bock auf eine von mir geleitete Aufstellung. Keine Aufstellung, in der der Einzelne an die Keimzelle des so tief verlagerten Schmerzes gelangt, sondern eine Aufstellung, die der Erkenntnis dienen soll, vielleicht eine spirituelle Erfahrung erlaubt, die Fragen derart beantwortet, dass die Fragen unwichtig werden. Wer hat Lust? Wer macht mit? 20 Teilnehmer, zwei Stunden, 25 Euro, auch wenn ich meinen neuen Stundenlohn damit um 50 Prozent verfehlte? Hast du Bock, wie ich Bock habe? Sei dabei, natürlich unter Ausschluss jedweder Haftung.

Fantasie
Er hatte ihr nie gesagt, dass sie die Erste gewesen war. Bis heute hatte er das niemandem gesagt. Er konnte nur hoffen, dass sie es nicht gemerkt hatte. Die Vorstellung, dass sie mit dem Orthopäden im Bett lag und sich darüber amüsierte, wie sie den kleinen Konrad, der schon mehr als zwanzig Jahre zählte, entjungfert hatte, war unerträglich. Schlimm nur, dass er sich genau ihren Tonfall vorstellen konnte, ebenso ihr Gesicht und ihr Lachen, selbst das zustimmende Grunzen des Knochendoktors. Fantasie konnte ein Fluch sein. Konni über sich in Frank Goosens So viel Zeit.

So viel Zeit
Ich weiß, es ist komisch, wenn ausgerechnet ich das sage, schließlich bin ich der langweilige Idiot, neben dem man einschläft, anstatt sich geborgen zu fühlen, aber vielleicht sollten wir einfach da rausgehen und noch ein paar Erinnerungen produzieren, bevor es zu spät ist. Was meinst du? Konni zu Rainer in Frank Goosens Roman So viel Zeit.

Ina Langemann
In den schlaflosen Stunden der letzten Nacht wurde mir bewusst, dass mein Denken und Fühlen und damit auch mein Umgang mit dem weiblichen Geschlecht, mit den Mädchen meiner Kindheit und den Frauen meines erwachsenen Lebens, im Wesentlichen unverändert ist. So wie ich als Elfjähriger mit Ina Langemann – es kann sein, dass ich ihren Nachnamen falsch erinnere, auch beim Vornamen bin ich mir nicht sicher – umging, so gehe ich heute mit der Frau um, der ich vor ein paar Jahren begegnet bin: kindlich. Im Umgang mit der Frau bin ich Kind geblieben. Das klingt positiv, wäre ich ein fröhliches, unbeschwerte, offenes Kind gewesen. Leider war ich anders, wie anders, weiß ich nicht, aber so anders, dass ich der Ina mit 13 oder 14 Jahren einen Brief schrieb, ihre Adresse hatte ich vom Betreiber des Ponyhofs erfahren. Ina antwortete mir. In ihrem Brief beschrieb sie ihre Lebenssituation und erbat ein Foto von mir. Ich schickte ihr das Foto, das ich am Fischteich meiner Großeltern von mir machen ließ, und bekam keine zweite Antwort. Anscheinend gefielen ihr meine Worte besser als das Foto. Ich weiß nicht, wen ich gebeten hatte, das Foto von mir zu machen. Wem hätte ich erzählen wollen, erzählen können, dass ich das Foto für ein Mädchen brauche, das mir gefiel, dem ich, als sie mit mir auf zwei kleinen Ponys durch die Lüneburger Heide ritt, nicht sagen konnte: Hey, du gefällst mir, lass uns um die Welt reiten.
Ina war das zweite Mädchen , das über mein Denken und Fühlen regierte, die Gewalt über mein Denken und Fühlen hatte. Ich weiß nicht mehr wie sie aussah, wie ihre Stimme klang, ob sie größer oder kleiner war als ich. Sie muss mir gefallen haben.

Aufstellung
Und wieder ein Versuch, mein Leben auf eine neue Grundlage zu stellen. Und wieder werde ich das große Ziel nicht erreichen. Die kleine Veränderung aber, die mein Schreiben bewirken wird, die ich nicht kenne, die ich nicht konkret anstrebe, wird jedoch eintreten und meinen Aufwand rechtfertigen.
Ich, als Mensch, bin genauso einfach, genauso logisch wie jedes andere Geschöpf auf der Erde. Wenn ich Durst habe, muss ich trinken. Das Essen wird meinen Durst nicht stillen. Wenn ich Hunger habe, muss ich essen. Wenn ich müde bin, hilft Schlaf, und wenn mir kalt ist, kleide ich mich warm ein oder drehe die Heizung auf. Essen, Trinken, Schutz und Wärme. Und wenn ich alleine leben würde, allein ohne jeden sozialen, mitmenschlichen Bezug, wie wäre mein Leben dann?
Ich gehe der Frage später nach, denn da ist plötzlich die Idee, eine Aufstellung mit den Menschen zu versuchen, von denen ich Antworten ersehne, oder zumindest gerne hören würde. Die erste Frau in meinem Leben war meine Grundschullehrerin. Ihr muss ich keine Fragen mehr stellen. Vor ein paar Jahren, im Rahmen meines Neustarts, durfte ich bei Kaffee und Kuchen ihr Gast sein und ihr meine kindlichen, vorpubertären Gefühle mitteilen. Ich kann heute mit Stolz auf diese kindlichen Gefühle zurückschauen, die ein wunderbarer Beleg für die Kraft und Beständigkeit meiner Kraft zur Liebe sind. Und ich erinnere mich an das Sofa, das im Wohnzimmer meiner Großeltern stand, auf dem ich hüpfte wie auf einem Trampolin und immer wenn ich die Möglichkeiten überdachte, wie ich meine Lehrerin als meine Freundin gewinnen konnte, spüre ich noch heute, wie meine ausgestreckten Hände gegen die Zimmerdecke schlagen.

Zu viel
2011 hat mich das Leben ausgeknockt, in 2012 lag ich holotrop atmend im Garten, 2013 bin ich ihr das erste Mal begegnet, 2014 habe ich sie zum Eis eingeladen und seither wehre ich mich gegen das Loslassen, stetig, täglich. Und stetig, täglich quälen mich meine Gedanken. Warum wehre ich mich gegen das Loslassen? Vielleicht weil mein Unterbewusstsein es besser weiß? Ich gebrauche mein Denken an dich, nenn es Sehnsucht, nenn es Liebe, zu meiner Heilung, hin zu dem, was ich ohne meine belastenden Gedanken wäre, ich gebrauche meine Sehnsucht für mein perfektes Leben, ein Leben in absoluter Freiheit, frei von falschen Gedanken. Und anstatt mir das Denken an dich, die Sehnsucht nach dir, zu verbieten, muss ich das Gegenteil tun: Ich muss mir die Erfüllung meiner Sehnsucht vorstellen, muss in das ersehnte Gefühl eintauchen. Das schönste Gefühl, das ich in deiner Gegenwart erlebte, war die gemeinsame Begegnung mit Dritten, wenn meine Aufmerksamkeit nur bei dir war und wir mit den anderen spielten, wenn ich den anderen erzählte, dass ich dich mag. Wie würde ich das Gefühl benennen, das ich in dieser Situation empfand? Ich bin still, atme ein und aus und öffne mich und bin völlig offen, schutzlos in diesem Gefühl, ich tauche ein und lasse mich einnehmen. Nein, der falsche Weg. Ich darf nicht in Erlebtes eintauchen. Ich sollte mich vom Unwirklichen leiten lassen, einen irrealen Ort wählen, vielleicht die Küche von McDonald, die Stehtribüne von Mainz 05? Nein, es sollte ein schöner Ort sein, ein schöner Ort an dem eine Begegnung unwirklich ist. Ein Ort, an dem du bist, wie du bist, und ich bin, wie ich bin. Ich könnte Orte aufzählen, wo ich alleine nicht sein wollte, das Bierzelt auf dem Oktoberfest, beim Formel 1 Boxenstopp in Japan oder am Mount Everest in Nepal. Irgendwie scheint auch dieser Weg der falsche. Nicht aufgeben Jörg, du schaffst das. Romy Schneider ist an der Liebe zu Alain Delon zerbrochen, wenn sie nicht schon vorher zerbrochen war. Man stirbt nicht an der Liebe, nur an einem Zu-Viel-Rauchen, Zu-Viel-Trinken, an Zu-Viel-Arbeit, zu vielen Beziehungen oder an zu viel Leid.

Ein Augenblick
Heute Morgen bin ich alleine aufgewacht. Ein Gefühl in mir hätte gewollt, von der Wärme ihres weichen Körpers umschlungen zu werden, mit ihr den Tag zu beginnen. Ist dieser Wunsch meiner Gefühle ein erinnertes Gefühl oder ein Wunsch, der in mir schon immer war, von Geburt an? Hat sich das Gefühl, mit dem ich erwacht bin, gleich auf eine bestimmte Frau bezogen? Kann ich jetzt, am späten Vormittag, zurück in meine morgendliche Sehnsucht, in mein ersehntes Gefühl? Nein. Das Gefühl ist immer nur jetzt, ich kann es aber mit meinen Gedanken beeinflussen. An wen habe ich zuerst gedacht, mit wem wollte ich den Tag behaglich, kuschelig, warm beginnen. Mit so vielen Frauen bin ich nicht am Morgen aufgewacht. Neben einer Frau bin ich 10.000 aufgewacht, und mit einer Frau bin ich nur einmal aufgewacht. Und wenn ich an diese 10.001 Morgen denke, warum erinnere ich dann als erstes dieses lachende Gesicht? Und dann, welche Erinnerungen kommen, warum ist es so mühsam, und warum ist da nicht sofort dieses gute Gefühl, wenn das Erinnern mit Mühe einsetzt? Vielleicht ist ja eine Kraft in mir, die gute Gedanken sofort erschlägt? 10.001 Möglichkeiten und ich erinnere diesen einen Augenblick, diese eine Bild, diese Sekunde der Zeit.

Die Urkraft des Menschen
Heute soll es Chana Marsala geben. Ich wusste, dass ich eine Packung Kichererbsen im Küchenschrank habe, ich wusste aber nicht, dass man sie über Nacht einweichen soll und dann mehrere Stunden kochen muss. Na gut, es gibt sie auch in Dosen, vielleicht suche und finde ich sie beim nächsten Einkauf. Das Gericht braucht acht Gewürze, Knoblauch, Ingwer, Zwiebel und Tomaten, Kichererbsen und Zitrone. Bevor ich die Gewürze in den Topf gebe, werde ich sie probieren: Kurkuma, Chiliflocken, Fenchelsamen, Kreuzkümmel, Koriander, Garam Marsala. Und  ebenso wie Salz und Pfeffer werden sie wohl erst in Verbindung mit Obst, Gemüse oder Getränken zum Genuss werden. Dass ich so spät den Genuss entdecken darf. Die sechs Gewürze sind nur ein ganz kleiner Ausschnitt aus dem mir Unbekannten und Unprobierten. In meiner zweitliebsten Frauenzeitschrift Donna – Sabine weiß warum – wird in einem längeren Artikel über Tantramassage berichtet. Ich kann wohl für mich ausschließen, dass ich mich jemals am Bungee-Seil oder an einem Fallschirm in die Tiefe fallen lasse, vermutlich werde ich auch nie von einer mir fremden Frau tantramassiert werden. Warum eigentlich? Aus Angst? Ist Tantra doch eine…

Tantramassage
Die schönste Freude ist die Vorfreude. Auch wenn sich meine unbestimmten Erwartungen nicht erfüllt haben, so hatte ich auf dem Schulfest selbst doch ein wenig Freude und ich machte Erfahrungen, über die ich jetzt schreiben kann. Die Tatsache, dass ich am Abend des Schulfestes nicht an dich dachte, besagt nichts, oder doch alles? Ich weiß nicht, ob du liest, was ich schreibe. Damit du weißt – solltest du lesen, was ich schreibe – dass ich mich mit meinen Worten an dich wende, spreche ich dich jetzt mit deinem Vornamen an. Vielleicht lieber doch nicht mit dem ganzen Vornamen, sondern nur mit dem letzten Buchstaben deiner Vornamen. Hallo liebe … a. Nein, nicht Anna, Barbara oder Veronika, nicht Cordula, Gabriela, Jessica, nicht Dora, Emma, Viola, nicht Anuschka, Berta, nicht Sandra, Bianca, Claudia oder Gundula, Ina, Jana, nicht Lora, Martina, Nena, Nicola, nicht Regina, Tanja, Uta. Weißt du jetzt, dass ich nur dich meine? Erstaunlich, wie viele weibliche Vornamen auf a enden. Dass mit dem a ist auch nur ein blöder Gedanke, ein untauglich Versuch, der Erfüllung meiner Wünsche näher zu kommen. Wenn mein Leben heute ist, sind dann alle meine Wünsche erfüllt? Nein, oder vielleicht doch?
Wie geht es mir? Die Frage wird mir manchmal gestellt. Und nur selten beantworte ich sie, denn die übliche Antwort >> Gut, und dir? << wäre falsch, und das andere Extrem >>Schlecht!<< wäre auch falsch. Seit ein paar Tagen will ich mich zum Schreiben zwingen, weil ich mir erhoffe, durchs Schreiben eine Veränderung in meinem Denken und damit auch in meinen Tun zu erlangen. Da ist aber nichts mehr, über das ich schreiben will. Und zum Tausendsten Mal von meinen Wünschen zu erzählen, zum Tausendsten Mal von meinem Wunsch, mit ihr in ein geschlechtsloses Verhältnis zu wechseln, der platonischen Beziehung von Mann und Frau, will ich eigentlich auch nicht. Ich will nicht schreiben, dass ich mich nicht mehr verlieben will. Die Vorstellung, mich an die falsche Frau für die wenigen verbleibenden Jahre zu binden, ängstigt mich. Und ich will mich nicht festlegen, welche Angst größer ist, die Angst vor meiner Unfähigkeit zum richtigen Umgang mit dem Verlassenwerden oder die Angst vor der Unfähigkeit zum Loslassen. Wie geht es mir? Warum will ich klüger sein als die Weisheit der Welt? Was Gott verbindet, soll der Mensch nicht trennen. Ist dieser Satz Teil menschlicher Weisheit oder doch nur ein gesellschaftliches Mittel, das Leid, das mit der Trennung verbunden ist, zu verhindern. Habe ich in den sechs Jahren, seit ich aus der Verantwortlichkeit für meine erste Frau durch ihre Entscheidung und durch ihr Tun entlassen bin, denn gar nichts gelernt, etwas, das mich befähigen könnte, das Geschenk des Lebens zu achten, zu ehren, zu feiern? Ich esse. Gerade habe ich Knoblauch in Olivenöl gebraten, Tomaten dazugegeben und auf die ebenfalls in Olivenöl gebratene Scheibe Roggenbrot, die mit pürierter Avocadocreme bestrichen und von mir mit Salat belegt wurde, gegessen. Ich kann mich nicht erinnern, in meinem alten Leben eine Avocado gegessen zu haben. Und obwohl ich jedes Rezept im Internet wörtlich lesen kann, werde ich ihr Kochbuch zum Preis von 29 Euro behalten. Der balische Eintopf hat mir geschmeckt, auch wenn aufgrund der langen Kochzeit viele Inhaltsstoffe verlorengegangen sein könnten. Aber ich esse mit dem Mund und nicht mit dem Kopf, solange kein totes Tier, Zucker oder vermeidbare Gifte auf meinem Teller liegen. Trinken Ich trinke Kaffee, ohne Kuhmilch, ohne Zucker. Ich sollte Wasser trinken. Lieben und geliebt werden...

Entscheidungen
Es gibt zwei Entscheidungen, die ich vor langer Zeit am Anfang meines Lebens traf, die mein heutiges Leben bestimmen, die möglicherweise falsch waren, da ich sowohl meine Mitgliedschaft in der Kammer der Rechtsanwälte vor ein paar Wochen beendet habe als auch vor ein paar Jahren aus der Ehe schied.
Auch wenn die Entscheidungen möglicherweise falsch waren, so kann ich doch aus Ihnen lernen, da ich von meinem Berufsziel nie abließ und erst nach mehr als 30 Ehejahren aus dem Haus und damit wohl auch aus der Ehe auszog. Welche Gründe hatten mich bewogen, den Beruf des Anwalts und Frau XY als Ehefrau zu wählen?
Warum fasste ich als 19-Jähriger den Entschluss, Anwalt zu werden? Wenn ich mich recht erinnere, wusste ich von der Arbeit, die ein Anwalt macht, nicht viel, ich kannte nicht einen einzigen Anwalt, ich hatte nie mit einem Anwalt gesprochen, und ob damals schon die Anwaltsserien populär waren, erinnere ich auch nicht. Was hätte mich also motivieren können, diesen Beruf zu wählen. Ich erinnere mich an die Aussage, dass das Studium der Rechtswissenschaften Grundlage für eine schier unbegrenzte Zahl von Berufsfeldern sein könne: Verwaltung, Versicherung, Banken, Rechtsabteilung größerer Firmen, Justiz. Aber ich wusste, dass ich weder in der Verwaltung irgendeiner Behörde, bei einer Versicherung oder Bank, noch in einer Rechtsabteilung einer Firma, noch als Staatsanwalt oder Richter oder als Professor für irgendeine Art von Recht arbeiten wollte. Ich wollte Anwalt werden, ohne als Anwalt zu arbeiten, einfach nur Anwalt sein. Vielleicht ähnlich dem Wunsch, das Sportabzeichen zu erlangen, und zwar das goldene Sportabzeichen. Ich wollte wohl einfach nur den Beweis erbringen, dass ich es schaffen kann. Ich wollte Anwalt werden, um Anwalt zu sein.
Aber warum wollte ich Anwalt sein? Warum war ich bereit, mich durch diesen riesigen Berg von Vorschriften, Gesetzestexten, Anwendungsregeln und Prüfungen zu quälen? Gründe waren die damalige gesellschaftliche Anerkennung und Achtung des Anwaltsberufs, das Desinteresse an jedem anderen Studiengang, der Glaube, dass nur ein Studium die Voraussetzung böte, die Möglichkeiten des Lebens, auch seine materiellen Möglichkeiten voll auszuschöpfen, die Selbstbestimmtheit und Unabhängigkeit des Berufs, die Lust am Wettstreit, die Lust am Gewinnen und ein schön gestalteter Arbeitsplatz, der Schreibtisch, der Stuhl, der Boden, die Regale, die Bücher, der Blick aus dem Fenster, die Bilder an den Wãnden, die Zigarette.

„Fixierungen tauchen natürlich nicht nur im Zusammenhang mit der Berufsfindung auf. Auch in Beziehungen können wir uns auf einen bestimmten Menschen fixieren, den wir lieben und bewundern, so dass wir nicht aufhören können, um ihn zu kreisen – selbst wenn er kein Interesse zeigt, uns schäbig behandelt, oder wenn sich herausstellt, dass man sich nicht auf ihn verlassen kann. Trotz dieser schlechten Behandlungen reden wir uns ein, dass wir uns einfach kein Leben ohne diese ach so einzigartige Person vorstellen können. Um uns von solch einer Fixierung zu lösen, bedeutet nicht, uns einzureden, dass wir diesen Menschen nicht mögen oder versuchen sollten, zu vergessen, wie stark er uns fasziniert. Es bedeutet vielmehr, dass wir uns ganz ernsthaft und eingehend damit beschäftigen sollten, worauf diese Faszination beruhen könnte – um dann einzusehen, dass sich die von uns so sehr bewunderten Qualitäten auch bei anderen Menschen finden lassen, die nicht diese Probleme haben, die eine erfüllende Beziehung derzeit unmöglich machen. Die sorgfältige Erkundung dessen, was wir an jemandem lieben, zeigt uns – auf paradoxe, aber auch sehr befreiende Weiße-, dass wir tatsächlich auch jemand anderen lieben könnten. Zu verstehen, was wir mögen, was uns Freude bereitet, ist daher ein wesentlicher Schritt, uns von unseren Fixierungen zu lösen. Wenn wir unsere Bindung an bestimmte Eigenschaften verstärken, schwächen wir gleichzeitig unsere Bindung an bestimmte Personen oder Berufe. Wir begreifen dann, was genau wir an einem bestimmten Job so attraktiv finden, und können Qualitäten identifizieren, die sich auch in anderen Arbeitsfeldern finden lassen. Tatsächlich lieben wir nicht nur diesen einen Job, sondern eine ganze Reihe von Eigenschaften, die wir hier eben zuerst entdeckt haben, weil dieser Beruf normalerweise das auffälligste Beispiel dafür ist.“ Alain de Botton, Traumjob – Von der Berufung zum Beruf, Süddeutsche Zeitung Edition 2018, S. 69/70.
Und warum wählte ich mit 21 Jahren Frau XY als Ehefrau? Frau XY hatte positive Eigenschaften, vielleicht hatte sie auch negative Eigenschaften. Aber ist es mir und jedem anderen Menschen möglich, sich an die aus eigener Wertung positiven Eigenschaften einer jungen Frau zu erinnern – auch wenn es nur positive und keine negativen Eigenschaften gab-, wenn sich das eigene Leben dem Ende nähert und eine Scheidung die Sicht auf die Vergangenheit wahrscheinlich verändert hat. Wenn also die Sicht auf die vergangene Beziehung getrübt ist, vielleicht genügen dann die Gründe, die ich heute voraussetzen würde, um mit einer Frau die Ehe zu schließen, um mich sodann in meiner ganzen Person und in all meinen Bedürfnissen zu verstehen, um schließlich zu der klärenden Einsicht zu gelangen, dass mein Glück weder von einem einzigen Beruf noch von einer einzigen Frau abhängen.

Kindheit
An wen erinnere ich mich, wenn ich an die die ersten Jahre meines Lebens bis zur Grundschulzeit denke; die Jahre, in denen das Fundament meines Lebens gelegt wurde? Und mit welchem dieser Menschen verbinde ich das Gefühl von Neid? „Es gibt da ein Bild des wahren Selbst in uns, das nur darauf wartet, aus neidischen Impulsen zusammengesetzt zu werden.“ (Alain de Botton, Traumjob) Und ist es denn überhaupt möglich, mich nach einem langen Leben an ein neidisches Gefühl aus den Anfängen meines Lebens zu erinnern? Und sollte nicht meine Scham mich davon abhalten, dieses negative Gefühl öffentlich zu äußern, könnten doch die Menschen über mich lachen? Nein. Würde ich mich meiner neidischen Impulse wegen schämen, riskierte ich, ein mir gerechtes Leben nicht zu erreichen. „Statt unseren Neid zu unterdrücken, sollten wir jede Anstrengung unternehmen, ihn zu analysieren.“ (Alain de Botton, Traumjob) Der Duden definiert Neid als eine Haltung, bei der ich einem andern dessen Besitz oder Erfolg nicht gönne oder selbst haben möchte.
Meine Großeltern besaßen einen Zweiradladen, die zwei Verkaufsräume lagen direkt neben der Küche; die Werkstatt war unten im Hof. In der Küche saßen die Vertreter, an jedem Tag ein anderer, oft zur Mittagszeit, oft aßen sie mit, fast immer gab es Fleisch, Soße, Kartoffeln, grünen Salat oder Erbsen. Lecker waren die Hähnchen, die mein Opa manchmal am Abend, nach seiner Arbeit in der Werkstatt und nachdem er sich seine schwarzen Hände mit Reinol gewaschen hatte, grillte. Lecker waren auch die Heringe, die meine Oma – nach einer Angeltour auf der Nordsee – in großer Zahl briet. Damals mochte ich auch noch das Kaninchen mit Apfelmus, das es an Weihnachten gab und vorher von meinem Opa im Keller enthäutet worden war. Und was machte mir Freude? Der kleine langsame Flitzer mit dem Mofa-Motor, den mein Onkel zusammengebaut hatte, die Fahrt mit dem Trecker über den Hof, und immer wieder Fußball, auf der Wiese vor dem Haus, neben der Tankstelle, auf dem Bolzplatz in der Nähe der Tankstelle, auf der Stoppelwiese vor der Reihe der zweigeschossigen Mietshäuser in der Nachbarschaft, auf dem roten Ascheplatz des Sportvereins, auf dem grünen Rasen der ehemaligen Vereinsanlage. Ich erinnere mich an die Legosteine in dem kleinen Raum der Tankstelle, in dem all die Dinge verwahrt wurden, die in den anderen Räumen der Tankstelle keinen Platz fanden. Ich sehe mich in dem kleinen engen Raum, sehe die Kiste mit den Legosteinen neben mir auf der Bank, erinnere mich an das Fenster, das fehlte. Ich baute fast nur Häuser. Ich saß alleine in dem Raum, vielleicht kam meine Mutter einmal kurz herein, um nach mir zu schauen, um danach den nächsten Wagen zu betanken, den Ölstand zu prüfen und die Windschutzscheiben zu putzen, während mein Vater die Reifen auf die Autofelgen zog, die Reifen montierte oder unter dem Wagen, der auf der Hebebühne stand, das Öl wechselte oder aber die Fahrzeuge mit den Händen wusch, bis irgendwann die Waschanlage die Handwäsche übernahm. Es gab den Sandhaufen neben der Werkstatt, auf dem ich mit meinen Autos über die von mir angelegten Straßen fuhr. Mein Opa zeigte mir, wie man einen Fahrradschlauch flickte. Ich sehe noch heute, wie er den Schlauch an der Werkstatttür zum Trocknen aufhing. Er verstarb, als ich noch ein kleiner Junge war. Ich liebte die Krimis, die schon damals am Vorabend im ersten Programm liefen, ich liebte die Spannung, wenn ich mich hinter dem Sessel versteckte, weil ich die Gefahr in der sich die Hauptdarsteller befanden, nicht ansehen konnte: „Gestatten, mein Name ist Cox“, eine Detektivserie mit Günther Pfitzmann, „Die Gentlemen bitten zur Kasse“, ein Dreiteiler mit Horst Tappert. Ich mochte den Duft der Zigarre, von der ich manchmal einen Zug nehmen durfte. Ich saß auf dem Küchenstuhl neben der Tür zum Flur, als meine Mutter mir sagte: „Opa ist heute Nacht gestorben.“
Auch der Vater meines Vaters verstarb jung, er war Bergmann und arbeitete unter Tage. Die Mutter meines Vaters, meine Oma, war eine knuddelige Frau, wir sahen sie nicht oft, zu Weihnachten, an Ostern, zu Geburtstagen, und immer wenn ein Schwein geschlachtet worden war, ein Festschmaus für alle. Wenn sie uns begrüßte, ergriff sie unser Gesicht mit beiden Händen und setzte einen dicken Schmatzer ins Gesicht. Mein Cousin hatte ein kleines Akkordeon. Weil es mir gefiel, bekam auch ich ein kleines Tastenakkordeon. Als mein lieber Vater schon älter war, beschenkte er sich selbst mit einem Akkordeon und einer Trompete, auf der er dann fleißig übte. Der Unterricht, der folgte, war mühsam. Mein zweiter Lehrer war ein Unikat, er tauchte aus dem Nichts in unserem Ort auf, fast stetig Zigarre rauchend fand er innerhalb weniger Monate so viele Schüler, dass er ein Orchester formte und einmal im Jahr seine Schüler und deren Eltern zum Vorspiel einlud, zu dem ich bei meinem ersten und einzigen Auftritt das Lied „Auf der Reeperbahn nachts um Halbeins“ spielte und dazu sang. Ich wollte singen. Es war mein Wunsch.

Claudia Cardinale
Bevor ich das letzte Mal durchs Schulgebäude bummelte, vorbei am Sekretariat, dort wo uns der lachende Lehrer Howoritsch entgegenkam und ich noch heute dieses Bild deutlich sichtbar erinnern kann, vorbei am Glaskasten, wo im ersten Jahr des Ganztags das Essen ausgegeben wurde, und ich den Geschmack der Salzkartoffeln noch auf der Zunge habe, hinaus aus dem Seiteneingang mit einem letzten Blick auf den Schulhof, wo wir mit dem Tennisball Fußball spielten und später in der Raucherecke zusammenstanden und nun tausend Menschen das Schuljubiläum, sich und die anderen feierten, die mir fast alle unbekannt waren, war ich ihr begegnet. Claudia? Ja, und wie heißt du? Jörg, Jörg Ridder! Claudia, du warst das schönste Mädchen der Schule! Claudia war in Begleitung ihrer Schwester gekommen. Ich weiß nicht, ob sie von der fünften Klasse an Schülerin unserer Schule war. Ich weiß auch nicht, wann Claudia mir das erste Mal aufgefallen war, spätestens aber in der Oberstufe, als wir den Matheunterricht teilten, ich nichts verstand, weil ich aufgeben hatte, und auch sie nichts verstand, so vermute ich, weil ihre Aufmerksamkeit ihrem Freund galt, allerspätesten aber im Sportunterricht in der Schwimmhalle. Claudia hatte nicht nur ein schönes Gesicht, und das einzige Gespräch, das wir je führten, waren diese 3 1/2 Sätze. Sollte ich Claudia noch einmal begegnen, was sehr unwahrscheinlich ist, werde ich sie fragen, wie ihr Leben verlaufen ist. Denn das Leben außergewöhnlicher Menschen interessiert mich schon. Außergewöhnlich, weil in einer Eigenschaft besonders, besonders schön, schüchtern, klug, dominant, schwach, lieb… Wie wäre wohl mein Leben verlaufen, wäre ich frei von Angst, Scham und Unzufriedenheit mit meinem Äußeren gewesen? Würde ich dann auch heute hier im Garten mit den Füßen im Basenbad sitzen und den Tag mit Gedanken an die Vergangenheit verschwenden? Wer kann es wissen, wenn selbst ich es nicht weiß. Ich bin in meinem Leben immer aus dem Leben geflohen, aus dem Kindergartenleben, in der Grundschule in die Liebe zur Klassenlehrerin, später in den Fußball, die Musik, die Ehe und schließlich in die Hoffnung, dass das Jurastudium die Unzufriedenheit beendet. Ich sollte aufhören zu fliehen. Ich sollte bleiben, wo ich hingehöre. Eine Antwort mit einer Unbekannten. Wie hieß noch der Mathematiklehrer aus der Oberstufenzeit, der Lehrer mit den langen Haaren? Trug er eine Brille? Und während ich die Fragen niederschreibe, fällt mir wider Erwarten die Antwort ein: Kliemek.

Je klarer ich weiß, warum ich tue, was ich tue, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass mich das, was ich tue, auch erfüllt. – Ich weiß nicht was in zehn Jahren sein wird und was ich dann will, doch ich weiß in diesem Moment genau, ob mir das, was ich gerade tue, guttut oder mich schwächt. Veit Lindau. Seelenquickies 2018.

Schulfest
Ich freue mich auf die Zeit, wenn ich wieder gesund bin, auch wenn diese Zeit nur auf wenige viele verbleibende Jahre verteilt ist. Und genauso freue ich mich auf die Möglichkeit, mich und mein Verhalten zu verstehen, nicht länger von irgendwelchen mir unbewussten Gründen in meinem Tun und Denken bestimmt zu werden. All das wäre nicht möglich, hätte mich meine erste Frau nicht auf derart, für mich unverständliche, unmenschliche Art aus ihrem Leben verdrängt. Ich danke dir für diese Möglichkeiten.
Vielleicht ist diese Vorfreude durch das Schulfest aus Anlass des 50jährigen Bestehens unserer Schule, das ich gestern besuchte, beeinflusst? Schon an den Tagen zuvor muss man mir meine freudige Erregung angemerkt haben. Das erste Mal war ich vor zehn Jahren dort, damals noch in Begleitung meiner Ehefrau und des Mannes, der jetzt ihr zweiter Mann ist. Die Möglichkeit, dass ich meiner ersten Frau das erste Mal nach sechs Jahren hätte wiederbegegnen können, war unzweifelhaft Mitgrund meiner erregten Vorfreude, auch wenn es mir lieber war, ihr nicht zu begegnen. Und wäre ihr zweiter Mann mir begegnet, ich weiß nicht, auf welche Art und Weise ich meine Verachtung ihm gegenüber zum Ausdruck gebracht hätte. Ihre Gegenwart hätte ich vielleicht noch ertragen, vielleicht hätten wir den öffentlichen Anlass als Gelegenheit für die schon so lange überfällige Aussprache nutzen können. Ihm zu begegnen, hätte ich nicht gewollt.
In der heutigen Rückschau weiß ich gar nicht, welche Erwartungen ich an den gestrigen Abend stellte. Ich hatte mir mein Interesse mit der Absicht erklärt, durch die Begegnung mit Menschen aus der Schulzeit in die Gefühle, die damals in mir waren, noch einmal einzutauchen, auch wenn die Erinnerung an meine Schulzeit überwiegend negativ ist, ein schöner Moment fällt mir jetzt nicht ein. Die Schule hatte für die ersten drei Entlassjahrgänge einen Klassenraum ausgewiesen. Der Entlassjahrgang meiner ersten Frau konnte das Klassenzimmer neben meinem Raum als Ort des Wiedersehens nutzen. Von den acht Menschen, die ich bei meiner Ankunft in meinem Raum antraf, kannte ich nur unseren ersten Schulsprecher und Ralf, dessen Stimme ich erinnerte, mit beiden hatte ich keine gemeinsamen Erinnerungen. Etwas später trat Doris ein, wir hatten schon die Grundschulzeit geteilt. Als sie in den Raum trat, sagte ich ihr, ich hätte sie an ihrem schönen Lächeln erkannt. Sie hat eine angenehme Art, der Mann, der mit ihr sein Leben teilt, hat es gut mit ihr, so vermute ich mal, denn auch mit Doris habe ich in den 15 Jahren nichts geteilt. Später trat noch Johannes ein, auch wir hatten keine gemeinsamen Erlebnisse, die wir gestern hätten teilen können. Und während ich ihn sofort erkannt hatte, alle kindlichen Verhaltens-und Ausdrucksweisen waren unverändert, blieb ich für ihn unbekannt. Das wollte ich auch nicht ändern. Um zu erfahren, wer wohl aus meinen Jahrgang stammen könnte, müsste ich nur die ältesten Gesichter anschauen, und manchmal verpasste ich das Ziel, wenn die Frau mir erklärte, sie hätte dem Jahrgang angehört, der zehn Jahre nach mir die Schule verließ. Das erste bekannte Gesicht, das ich bei meinem Eintritt ins Schulgebäude sah, war das Gesicht eines Lehrers, der nie mein Lehrer war, Herr Peters war in seinem forschen Auftritt trotz seiner 75 Lebensjahre fast unverändert, auch Herr Fernkorn, der auch nicht mein Lehrer war, hatten die Jahre nicht auf grausame Art alt werden lassen, er konnte sich an meine Eltern erinnern und bat mich, meiner Mutter schöne Grüße von ihm auszurichten. Auch bei unserer gestrigen Begegnung trug er seine Schultertasche. Es gibt Menschen, die verändern sich nicht. Später traf ich Dietmar, wenn man ihn jung schminken könnte, so wie Menschen auf alt geschminkt werden können, vor mir stand der Mitschüler Dietmar. Sein Bruder sei auch da, wir hatten Musik als viertes Abiturfach, ihm bin ich leider nicht begegnet, auch wenn auch wir keine Zeit teilten. Dietmar erzählte mir, dass Helmut nicht kommen werde. Schade, wir hatten uns vor einem Jahr das letzte Mal gesehen. Er war einer der wenigen, vielleicht der einzige Mitschüler in dessen Gegenwart ich mich wohl fühlte. Ulrich war auch gekommen. Er ist Physiker geworden. Er hatte noch immer die gleiche Gesichtsmimik, es hat mich gefreut. Als ich ohne Bratwurst und ohne Bier durch die Gänge ging, kam ich auch an dem Treppenaufgang vorbei, an dem ich mich in den letzten drei Schuljahren bei jeder Pause mit meiner ersten Frau traf, auch um ihr das Weizenbrötchen, das mein Vater an jedem Schultag für uns holte und sodann ohne selbst am Frühstück teilzunehmen zu seiner Tankstelle fuhr. Meine Mutter belegte die Brötchen für mich und meine erste Frau mit rohem Schinken. Fast immer gab’s einen Apfel dazu. Heide, auf die ich dann treffen durfte, war unverändert, aus einem freundlichen Mädchen ist eine freundliche Frau geworden, die ihre kindlichen Gesichtszüge mit ins Alter nehmen konnte. Sie zitierte mich im Kreis der Umstehenden mit einem Spruch, den ich am Anfang unserer Schulzeit geäußert hätte – auch sie war von der fünften bis zur zehnten Klasse meine Mitschülerin. Ich hatte sie nicht richtig verstanden – ich höre nicht mehr so gut -, und als ich sie bat, den Spruch noch einmal zu wiederholen, wechselte meine Aufmerksamkeit zu der Frau im Kreis, die mich interessierte. Und nachdem ich von Frank, der etwas abseits stand, erfuhr, dass sie seine Frau sei, konnte auch meine offen formulierte Wertschätzung, die natürlich von ihrem Äußeren bestimmt war, nichts daran ändern, dass meine unbewusste Vorstellung, die Nacht zu zweit zu erleben, nicht Wirklichkeit würde. Ich war wohl zu diesem Schulfest gefahren, um mich für mein Wohlgefühl zu kümmern. Und obwohl ich jetzt schon seit sechs Jahren üben darf, gelingt es mir noch immer nicht. Vielleicht will ich es auch gar nicht. Silvia, die im Zugang zur Schulaula stand, habe ich nicht wiedererkannt, auch wenn wir als Kinder ein paar Male zusammen spielten. Dass wir im Haus meiner Eltern zusammen mit Ulrike Tischtennis spielten und kickernten, wusste ich nicht mehr, sie hat sich aber ihre Art erhalten, deretwegen ich sie schon als kleiner Junge mochte. Und ganz anders als in meiner Erinnerung war sie nicht mehr das große Mädchen, sondern ein wenig kleiner als ich. In der Aula sollten zwei Ehemaligen-Bands spielen. Matthias hatte ich schon vor zwei Jahren wiedergesehen und so wie ich hatte auch er sich von seinen langen Haaren getrennt. Auf der Bühne stand Michael, der mit seiner für den gestrigen Abend zusammengestellten Band den Soundcheck durchführte. Er hatte sich seine Stimme erhalten, und wenn er lachte, funkelten seine Augen noch wie damals, als er mit mir im Musikunterricht saß und mit seinen gelungenen Wortbeiträgen zum Unterricht beitrug. Herr Schepers, unser Musiklehrer war nicht auf dem Fest, es soll ihm gut gehen, Frau Malzzacher sei gestürzt, wie ein Mitschüler uns sagte, als er auf mich und Dietmar zuging, sich mit Vor- und Zunamen vorstellte, seine Leistungskurse nannte, die nicht meine waren. Er kam in der elften Klasse zu uns, nachdem das Internat die Zusammenarbeit mit ihm beendet hatte.

Fragen
Gibt es Fragen, die ich mir noch nicht stellte? Wenn die Antwort nein lautet: Habe dich mir auf jede meiner Fragen eine Antwort gegeben? Gibt es Fragen, die nur sie mir beantworten kann? Sind ihre Antworten wichtig für mich? Weiß denn sie die Antworten auf die Fragen, die nur sie beantworten könnte? Sind ihre Antworten wichtig für mein Leben?

Schön
Oh, ein schönes Foto. Ja, ein wirklich schönes Foto. Das Bild ist wohl nach den Sommerferien entstanden. Die Brille ist sehr groß. Ob sie mir ohne dein Gesicht gefallen würde, weiß ich nicht. Sie steht dir gut. Auch dein Kleid gefällt mir gut. Es kleidet dich. Es passt sehr schön zu deinen gebräunten Oberarmen und deinem braunen Gesicht, der geschlossene Mund mit einem angedeuteten Lächeln. Es freut mich, dich derart gutaussehend zu sehen. Das Bild ist viel schöner als das Bild, das jahrelang die Homepage zeigte. Ja, ein schönes Bild. Leider ist da die Erinnerung an deinen letzten Anruf, der so gar nicht zu dem, was das Bild vermittelt, passt. Wenn ich mir deine Worte und den Klang deiner Stimme in Erinnerung rufe, dann fehlt zu deinem perfekten Glück nur noch, dass es mich nicht mehr gibt, dass ich still werde, dass ich meine Existenz lösche, dass ich zurück an den Einlass gehe und meine Eintrittskarte fürs Leben zurückgebe. Das wärs dann, lebe du alleine weiter. Ich habe den Neuanfang nicht geschafft. Noch aber will ich nicht aufgeben. Wenn du erblühst, muss ich nicht zwangsläufig verblühen, sterben. Doch ja, es freut mich, dich so zu sehen.

Fragen
Seine Kalenderblätter haben mich schon oft zum Nachdenken ermuntert. Wenn ich seine heutigen Worte lese, spüre ich, dass ich der Aufforderung nachkommen will und bin gespannt, welche Fragen ich mir stellen werde. Und während ich den Kalender in die Hand nehme, muss ich feststellen, wie dünn er geworden ist. Nur noch fingerbreit sind die verbleibenden Tage, und dann ist auch dieses Jahr um. Es sind die Fragen, die ich mir stelle – nicht die Antworten -, die über mein Glück und Leid bestimmen. Wie habe ich die Tage dieses Jahres für mich und mein Glück genutzt.

Nachwort
Als ich am Wasser entlang ging, fiel mir ein, dass zu jeder Beerdigung auch eine Grabrede gehalten oder ein Nachruf verfasst wird. Diesen Nachruf werde ich verfassen, bevor ich mich dem Schönen, dem Unbekannten, meiner Zukunft zuwende. Ich habe dich für mich sterben lassen, also obliegt mir der Nachruf, auch wenn ich am Ende meines Lebens nicht neben dir liegen werde, so wie dein Vater nach seinem Tod von seiner zweiten Frau neben deiner Mutter bestattet wurde. Sie selbst liegt irgendwo anonym, irgendwo auf der grünen Wiese. Und wenn ich jetzt, als der Mann, der dich von deinem 14. bis zu deinem 51. Lebensjahr begleitete, den Nachruf halte, will ich darin nur das Gute sammeln. Ich will die Dinge aussprechen, für die ich mich bei dir bedanken möchte, so wie ich es schon einmal musikalisch versuchte. Ich würde dich gerne persönlich ansprechen. Da aber alles nur meiner persönlichen, subjektiven Erinnerung entspringt, die nicht der objektiven Wahrheit und schon garnicht deiner subjektiven Wahrheit entsprechen kann, will ich meine Worte abstrahieren, will ihnen jeden realen Bezug nehmen. Ich werde dich nicht mit deinem Namen benennen, ich werde auch nicht irgendeine Abkürzung gebrauchen. Nach meinem einleitenden Wort werde ich eine große Lücke lassen, in die ich dann gedanklich, still, für mich, deinen Namen einfüge. Lasse mich jetzt beginnen.
Liebe (………………….),
mir obliegt dein Nachruf. Ich rufe dir nach, während du dich mit jedem Wort weiter von mir entfernst, weiter und weiter. Du schreitest mit großen Schritten voran. Und mit jedem Schritt holen auch deine Arme weit nach vorne und hinten aus. Du schreitest kraftvoll voran. Und manchmal geht dein Blick noch nach hinten, nicht auf mich gerichtet, mehr suchend, so als würdest du auf jemanden warten, der dich hätte begleiten sollen, den du noch einmal hättest sehen wollen. Trotz deiner Suche bleibt das Tempo deiner Schritte unverändert.

Ich will jetzt beginnen, bevor meine Worte dich nicht mehr erreichen. Was fällt mir spontan ein, wenn ich dir danke sagen will? Danke sagt man oft und für vieles. Reichst du mir mal die Butter rüber? Danke.
Womit soll ich beginnen? Welches Tun, welche Worte, welches Geben ist erwähnenswert? Es fällt mir schwer das Gute zu erinnern und das sich aufdrängende Aber zu verhindern. Es fällt überhaupt schwer, danke zu sagen. Du hast für mich mehr getan, als ich für dich getan habe, das steht fest. Und dieser Unterschied ist doch sehr groß, denn was habe ich schon für dich getan? Du hast die Betten gemacht, manchmal habe ich geholfen. Du hast das Licht über meinem Bett ertragen, wenn ich noch lesen wollte. Danke. Du hast den Mangel an Austausch über die Ereignisse des Tages ertragen. Reden, sich erinnern, geteilte Dankbarkeit waren selten. Danke für den so lange ertragenen Mangel. Danke für die geteilte Sexualität. Ich will sie jetzt nicht beschreiben, erklären, bewerten. Es war unsere Sexualität. Jetzt kommt das erste Mal eine Emotion auf, die mir deutlich macht, die mir beweist, dass das Danke hier kein leeres, nur so dahingesagtes Danke ist. Danke für die mit dir erlebte Sexualität, danke, dass ich mich an deiner Schönheit, deiner Ehrlichkeit, deiner Vertrautheit, deiner Hingabe, deiner Nähe erfreuen durfte. Du hast unsere Kinder geboren. Danke, dass du diese Last und Verantwortung und auch Schmerzen so großartig gemeistert hast. Danke, dass du ihre Mutter warst. Danke, für deine Sorge und dein Kümmern. Danke, dass du dich um mich gekümmert hast, wenn ich krank war. Bei meinem letzten Aufenthalt im Krankenhaus bist du jeden Tag zu mir gekommen, hast neue Wäsche gebracht, danke für das Picknick. Die Frage, die sich gerade jetzt aufdrängt, brauche ich nicht mehr stellen, sie bliebe unbeantwortet, denn du wirst kleiner und kleiner und der Abstand größer und größer. Ich muss mich beeilen, damit mein Rufen dich noch erreicht. Danke, dass du mich, meine Übellaunigkeit, mein Desinteresse, meine Lethargie, das ungesicherte Leben, den Mangel, die Einschränkungen so lange ertragen hast und mich bei jedem meiner untauglichen Versuche, die Verhältnisse zu ändern, bedingungslos und ohne Widerspruch unterstützt hast. Du bist ein guter Mensch, bitte erinnere dich daran.
Und du bist ganz klein, nur noch ein Punkt in der Ferne, ohne jede Kontur. Jetzt kann ich dich nicht mehr sehen. Ob dich mein letzter Satz wohl noch erreicht hat?

Wie
Ich habe meine Zahncreme gewechselt. Die optimale kostet das Fünfundzwanzigfache der bislang von mir verwendeten Zahncreme. Ein scheinbarer Luxus, verteilt auf den Tag nicht teurer als eine Nespresso-Kapsel. Und doch gesünder als die Süddeutsche Zeitung, für die ich an manchen Tagen, wenn der Heißhunger mich packt, zusammen mit dem kleinen Vollkornbrot, mit Sauerteig gebacken, 6 Euro verwende. Der Staatsbedienstete wechselt von der Besoldungsstufe B9 nach B13. Verteile ich seinen neuen Monatslohn auf 160 Monatsstunden errechne ich einen Stundenlohn von 82 Euro. Herr Kühne, dessen Vermögen Wikipedia auf 13 Milliarden beziffert, speist in der Sansibar. Die Zeit zitiert Herrn Seckler mit den Worten: Die Menschen haben mich behandelt wie einen Mülleimer. Der Speditionskaufmann aus Frankfurt fragte seine Ehefrau, Arbeitgeberin von 50 Angestellten, ob Herr Kühne wohl den Wein getrunken habe, dessen Flascheninhalt 4000 Euro kostet. Herr Kühne ist 81 Jahre, Herr Seckler 66 Jahre und Herr Björn Freitag, der Fernsehkoch aus Dorsten, war auch da. Ich lebe in einer Zeit, in der alles möglich ist, 4 Ausgaben der Zeit kann ich als Geschenk lesen und Volvo lockt mit 3 Stunden im Volvo-SUV für 0 Euro. Alles ist möglich, solange ich nicht Bundespräsident, Bundeskanzler oder Eigentümer der Sansibar, Milliardär oder Fernsehkoch werden will. Ich will nur diesen einen Stundensatz von 500 Euro. Das Ehepaar aus Hannover, beide über 70 und mit dem Wohnmobil unterwegs, die ihr Haus gemeinsam erbauten, er als Maurer und sie als Tochter eines Lastwagenfahrers, die alle Fliesen im Haus selbst verlegte, erklärten, allein mit der Hände Arbeit könne man nicht reich werden. Hätte er nicht seinen Meister gemacht, eine Firma gegründet, den Mut besessen und Grundstücke auf Mallorca erworben, mit Villen bebaut und veräußert, wäre Ihnen die Einladung an Kinder, Enkel und Urenkel zu einer 14tägigen Kreuzfahrt im Persischen Golf unmöglich. Und doch wollte ich auch nicht mit ihrem Leben tauschen. Wer will schon tauschen, tauschen will nur selten einer. Er oder sie müssten ja dann auf sich verzichten. Und wer will sich aufgeben? 0k: Ein Stundensatz von 500 Euro ist das Ziel, nicht acht Stunden täglich, nicht 40 Mal in der Woche, nicht 160 Stunden im Monat. Meine Wertschöpfung in der Stunde beträgt 500 Euro. Bleibt nur noch die Frage zu beantworten: Wie? Wenn das Ziel bestimmt ist, ergibt sich das Wie von allein.

Delete
Muss ich begründen, was ich jetzt tue? Muss ich mir begründen, was ich jetzt tue. Ich werde dich aus meiner Erinnerung löschen, dich beerdigen, auf See, ohne Rückkehr, ohne örtlichen Anker. Du bist für mich gestorben. Fünf Jahre habe ich in meinen Gedanken für dich gekämpft. Fünf Jahre habe ich mich an das Gute in dir erinnern wollen. Und während ich diese Worte schreibe, durchleide ich das gleiche Gefühl wie in der Nacht als ich nach meiner Rückkehr von Ani vor dir stand, im Raum unsere erste Einrichtung, die braun gestrichenen Montagebetten, am Anfang unserer Zeit und gleichwohl am Ende unseres Lebens. Ich kämpfe mit den Tränen, die gleichwohl laufen, ich puste aus, so wie in der Nacht als du mir am Telefon deine Entscheidung mitteiltest. Ich lass dich jetzt gehen. Ich trage keine Verantwortlichkeit mehr für dein Leben. Ich entlasse mich jetzt aus meiner Schuld, die ich unbegründet oder begründet trug. Mach’s, gut. Und vielleicht habe ich dich doch geliebt, auch wenn viele sagen, es ist gut für mich, dass du nicht mehr Teil meines Lebens bist. Endgültig, ohne Umkehr, endgültig wie der Tod.

Mehrwert
Was brauche ich mehr, und wo ist mein Mehrwert? Die Tomaten kosteten das fünffache derer, die ich vor ein paar Tagen kaufte. Der Geschmack war besser, vielleicht schon deshalb, weil ich sie in einer Papiertüte nach Hause trug. Und ich konnte sie fußläufig kaufen. Bei einem  Stundensatz von 500 Euro und einer Stunde  Wegzeit zum Discounter hätte ich beim Einkauf der scheinbar überteuerten Tomaten 500 Euro gespart. Die Tomaten kamen direkt vom Erzeuger. Die zwei Äpfel, die ich heute Morgen am Wegrand pflückte, frei von giftigen, aufgebrachten Inhaltsstoffen, kosteten nichts, ich schenkte sie mir, die dreihundert Äpfel, die noch hängen, fallen irgendwann zu Boden und verbessern den Küstenschutz. Zwei Tassen Kaffee mit aufgeschäumter Milch und dazu fünf süße Leckerlis:15.50 EUR, mit Trinkgeld 18 Euro. Der Mehrwert war das Gespräch mit der Frau, mir gegenüber. Und diesen Wert erhielt ich als Geschenk, weit mehr wert als fünf Leckerlis. Heute las ich bei Damian, ich solle mich niemals von Geld, von Menschen und von meiner Vergangenheit kontrollieren lassen. Vorgestern kamen mir drei Menschen auf dem Bürgersteig entgegen. Noch bevor sie für mich sichtbar wurden, hörte ich das Geschrei eines Kleinkindes, durchgängig, anhaltend. Die Frau, in schwarz gekleidet, die dunklen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, schob den schwarzen Kinderwagen. Neben ihr und neben der Kante des schmalen und einseitigen Bürgersteigs schritt ein ebenfalls in schwarz gekleideter, eher kleiner, eher schmächtiger Mann, der ebenso durchgängig und anhaltend sprach, wie das Kind schrie, den Blick starr geradeaus, in seinem Monolog verhaftet, ohne jedes Interesse für das schreiende Kind. Nachdem wir einander passiert hatten, fragte ich mich, während ich mich umdrehte, ob ich nicht gerade einem auch mir durch das Fernsehen bekannt gewordenen Mann, seiner Freundin und ihrem gemeinsamen Kind begegnet war. Mit seiner Gestalt, dem schwarzen Hut und der dunklen Brille hatte er Ähnlichkeit mit Michael Jackson. Sollte er die Wirklichkeit von dem sein, was der Fernseher mir vermittelt hatte? Ich werde wohl nie erfahren, wer mir begegnet war, es sei denn… Mehrwert?

La stezza
Ein schönes Gefühl, wenn sich zuerst mein Brustkorb erwärmt, die Wärme nach oben steigt, durch den Hals in den Kopf, die Augen erreicht und zwei kleine warme Tränen die Augen verlassen und die Wärme jetzt den ganzen Oberkörper erfasst. Ich verstehe ihre Worte nicht, vermutlich lässt mich allein die Deutlichkeit ihrer Aussprache ahnen, wovon ihre Lieder handeln, von der Liebe, von der Schönheit des Lebens, von Streit, von Hoffnung, den wunderbaren Orten der Welt, von der Jugend, vom Alter. Ich verstehe kein Wort und doch erreicht sie mich mit ihrer Aufforderung, das Leben zu tanzen, zu fühlen, zu genießen. Was lässt mich weinen? Dass ich mein Leben verpasst habe, dass keine Zeit mehr ist, das Versäumte nachzuholen, vielleicht aber auch Dankbarkeit, dass dieser Tag nur mir gehört und ich diesen Sonntag so gestalten kann wie ich es möchte. Ich kann sitzen und genießen, ich kann fahren und die Natur, die Kraft der Sonne, des Windes und die Weite der Landschaft genießen und ich kann in die Begegnung mit Menschen gehen um die Freude in mir zu teilen. Vielleicht ist es doch noch  nicht zu spät für ein volles Leben.

500 Euro
500 Euro klingt unmöglich, unerreichbar, besonders dann, wenn ich den Betrag mit dem vergleiche, den man mir für eine Stunde Arbeit in den letzten Jahren zahlte. 10 Euro als Barmann. 12,75 Euro als Buchhändler, 25 Euro als Lehrer. Als Tanzmusiker kam ich immerhin auf 65 Euro Und als Anwalt war die Zahl der ergiebigen Mandate in den zwei Jahrzehnten meiner Zulassung nicht größer als die Zahl der Äpfel, die der kleine Baum hier im Garten in diesem Jahr trug. Will ich das Ziel erreichen, muss ich mich anderen Tätigkeiten öffnen. Woher sollen die 500 Euro kommen! Entweder von einer einzelnen Person oder von  einer Gruppe Menschen. Wenn 50 Menschen meine Arbeit zeitgleich erhalten, dann ist der Beitrag jedes einzelnen der Gruppe lediglich 10 Euro. Das klingt doch schon gar nicht mehr so unmöglich, unerreichbar. Ich kann 50 Menschen für eine Stunde an einen Ort zusammenführen und für diese Zusammenkunft ist jeder einzelne bereit, eine Gegenleistung von 10 Euro zu zahlen. Unmöglich? Das Beste an einem Seminar sind nicht immer die Seminarinhalte, sondern oft die Menschen denen man dort begegnet. Für mein letztes 3-Tages-Seminar zahlte ich 900 Euro. Ich hörte von Visualisierung, Zielsetzung. Nichts Neues also. Und von der russischen Methode hätte ich nichts hören müssen, da hätte auch ein Blick bei Youtube den gleichen Inhalt vermittelt. Aber, ich bin Menschen begegnet, und diese Menschen, denen ich auf dem Seminar begegnen durfte, die haben dem Seminar Wert gegeben. Vermutlich aber hätte ich ihnen auch weitaus kostengünstiger begegnen können. 500 Euro. Unmöglich, unerreichbar, fantastisch? Es ist mein Leben. Es wurde mir geschenkt. Ich werde es nutzen.

Hej då
Vor zwei Tagen hätte mein Leben beinahe innerhalb eines Augenblicks geendet. Ein schnelles Ende, ohne dass ich mir vor meinem Ableben auch nur einen einzigen Gedanken über den Tod machen musste. Und wenn ich nicht gestorben wäre, hätte ich aufgrund der vielen Verletzungen gewünscht, der Unfall hätte tödlich geendet? Der Tod hat mich verschont, er da oben hat mir mein Leben gelassen, und das völlig unversehrt. Also will ich die Chance, die er mir geben hat, für ein wertvolles Leben nutzen. Ich werde die Ziele neu definieren, in anderer Rangfolge festmachen, und dafür werde ich den Schmerz, der mich mit meiner geschiedenen Frau verbindet, vergessen, ich werde die Sehnsucht, die mich mit dieser unmöglichen Frau verbindet, vergessen, ich werde die Sorgen meines alten Lebens vergessen und ich vergesse, was mich erdrückte.
Als ich gestern durch die Ausstellung eines Möbelmarktes ging, in dem ich in jungen Jahren älter geworden bin, vornehmlich wartend, ging ich an dem Info-Stand für Sitzmöbel vorbei. Das Gespräch, das wir führten, hätte ich eventuell noch ein wenig länger gestalten können, schließlich hatten wir erst zwanzig Kombination aus Gestell und Bezug für Poeng besprochen und am Objekt betrachtet, und das Lachen, dass wir teilten, war angenehm. Aber wollte ich mehr? Und ist es gut, wenn mein erstes Interesse an ihr ausschließlich von ihrem Aussehen und dann durch die Art unserer Unterhaltung bestimmt war? Und wollte ich, der nach vier Jahren der Baderneuerung endlich das Waschbecken kaufte, in das Leben einer bislang mir völlig unbekannten Frau eintauchen, von ihrer Scheidung hören, von den Kindersorgen, von den Belastungen durch die Arbeit und die tausend anderen Dinge, die ihr Leben ausmachen. Nein, das wollte ich nicht, auch wenn aus der Region meines Körpers, der dem Verstand am entferntesten ist, Widerstand spürbar war. Das Universum hat mir durch meinen Beinahe-Tod in bestmöglicher Form gezeigt, wie schnell das Leben zu Ende sein kann und wie groß die Dankbarkeit ist, wenn das Leben, das gerade noch von Nichtigkeiten dominiert war, plötzlich eine ganz andere Gewichtung bekommt. In meiner Prioritätenliste kümmere ich mich deshalb als erstes um ein gutes finanzielles Auskommen. Und bei dieser Zielsetzung folge ich den Worten Damians, inspiriert durch den Stundensatz der fiktiven Strafverteidigerin Rachel Eisenberg aus dem Roman Eifersucht von Anderes Föhr. Um auf ein höheres Lebenslevel zu kommen, muss ich massiv größer denken als bisher und dabei auf die Meinung anderer scheißen. Wer oder was sollte mich also bitte davon abhalten, für meine Arbeit Rachel Eisenbergs Stundensatz von ebenfalls 500 EUR zu wählen.
Welche Arbeit aber ermöglicht einen Stundensatz von 500 EUR? Als ich vor sechs Jahren auf die Insel kam, zahlte man mir für meine Arbeit als Barmann 10 EUR und eine warme Mahlzeit, später erhielt ich als Verkäufer im Einzelhandel 13,75 EUR. Selbst mit meiner Arbeit als Lehrer war die Differenz zu meinen zukünftigen Zielstundensatz noch 475 EUR entfernt. Egal, hiermit lege ich den Stundensatz für meine Arbeit auf 500 EUR fest. Zukünftig kostet die Stunde meiner Arbeit 500 EUR. Ist das utopisch, unmöglich, überheblich, unrealistisch, unverschämt, oder sonstwie negativ? Egal, mein Leben gehört mir, und folglich entscheide ich über meinen Stundensatz. Punkt. Und wenn ich dieses neue, in der Prioritätenliste erstrangige Ziel erreiche, dann bin ich von der anhaltenden Angst vor gefürchteter und erlebter Armut, die mich schon mein ganzes erwachsenes Leben begleitet, befreit. Und dann kann ich mich auch mit ganzer Aufmerksamkeit der Lebenssituation von Ella widmen, von der ich mich auf schwedisch verabschiedete: Hej då!

Herr K.
Herr K. war ein kluger und interessierter Mann. Er war Meister in der Werkstatt eines größeren BMW-Händlers, hatte Haus, Frau und einen Sohn. Auch als seine Frau verstorben war, besuchte er meine Eltern regelmäßig, selbstverständlich war er einer der vielen Gäste, die zu den Geburtstagsfeiern meiner Eltern gekommen waren. Die Zahl der Gäste wurde stetig kleiner, bis auch er verstorben war. Er war ein Teil der Welt. Mit seinem Wissen und seinem gesellschaftlichen Engagement hat er vielen Menschen geholfen. Uns half er, den kleinen beigen 3er BMW so lange auf die Kfz-Hauptunterduchung vorzubereiten, bis wir den Wagen schließlich verschrotteten. Sein Leben war geordnet, er war ein zuverlässiger, kompetenter Arbeitnehmer mit einem guten Auskommen, auch im Alter. Gestern hatte ich auf das Kennzeichen meines alten, kleinen Citroens geschaut, der den letzten Ölwechsel vor sechs Jahren erfuhr, mich trotzdem auf meinen wenigen Fahrten ohne technische Probleme beförderte, und auch vor langer Zeit das letzten Mal gewaschen wurde. Beim Blick auf die Hu-Plakette sah ich mit leichtem Erschrecken, dass die nächste HU schon vor vier Monaten fällig war. Wieder ein Umstand, der belegt, dass mir das Leben entgleitet, wichtige Alltäglichkeiten von mir nicht mehr wahrgenommen werden, das Badezimmer, dessen Renovierung von mir vor ein paar Jahren begonnen wurde, ist noch immer eine Baustelle. Meine Angst vor der Zukunft lähmt meinen Blick und mein Handeln, in meinem erlernten Beruf will ich nicht mehr arbeiten, wollte ich noch nie arbeiten, und in meiner Arbeit als Hauptschullehrer bin ich überfordert. Was bleibt, will ich die Armut im Alter verhindern?

Danke
Ich hatte die Hecke entlang der Garageneinfahrt geschnitten und stand nun am Ende der Einfahrt vor dem Garagentor. Meine Mutter harkte am Anfang des Weges das Laub aus der Hecke. Als ich den Lastwagen der Müllabfuhr hörte und sah, wie er auf der anderen Straßenseite vor dem Grundstück unserer Nachbarin hielt, fasste ich, entgegen meiner ursprünglichen Absicht, den Entschluss, die gelbe Tonne, die in einem Abstand von zwei Metern neben mir stand, die ich eigentlich nicht an die Straße stellen wollte, weil sie nur ganz wenig Verkaufsverpackungen enthielt, doch noch an den Müllwerker, der gerade die Tonne unserer Nachbarin zurück auf den Bürgersteig stellte, zu übergeben. Ich ergriff die Tonne und eilte zum Wagen. Als ich die Kante des Bürgersteigs erreicht hatte, fuhr ein grauer Pkw an mir vorbei. Der Abstand zwischen mir und dem Wagen betrug wenige Zentimeter. Irgendwie hatte ich den Wagen im letzten Augenblick, dem Augenblick vor einer Fraktur von Unterschenkel, Knie, Oberschenkel, Hüfte, Bauch, Schulter, Kopf und der oberen Extremitäten, gesehen. Und irgendwie schaffte ich es, mich und die Mülltonne zu drehen. Ich war unverletzt und lebte. Welch gigantische Erfahrung. Ich hätte tot sein können und ich lebte. Nachdem ich den Moment größter Dankbarkeit genossen hatte und dem Müllwerker die Tonne schließlich übergab, fragte ich ihn, ob er mit mir auf das mir geschenkte und unversehrte Leben anstoßen wolle. Ich lief in den Keller, holte eine Sektflasche und drei Gläser aus dem Wohnzimmerschrank. Wieder auf der Straße begossen wir mein neues Leben. Als ich kurz darauf die Tonne zurück an ihren Standort brachte, schaute ich zum Himmel und bedankte mich bei ihm da oben. Danke. Ich danke dir. Eine Sekunde eher, 10 Zentimeter näher und ich wäre tot gewesen. Danke für mein Leben. Ab heute will ich mein Leben nutzen, ich will es schätzen, ich will es ehren, ich will ihm Wert geben. Danke. Ich werde wertvoll sein. Als ich am späten Nachmittag mein Basenbad nahm und die Musik von Alessandra Amoroso hörte, die bunten Häuser ihres Videos sah und an die Zeit unseres Italiensurlaubs dachte, als wir mit unserem schwarzen Bus durch die Straßen unseres Urlaubsortes fuhren und wir die italienische Musik im Radio hörten, musste ich wieder weinen. Ich lebe. Danke, danke, danke. Der 3. September ist der Tag, an dem mir das Leben ein zweites Mal geschenkt wurde. Im nächsten Jahr werde ich mein Leben zwei Mal feiern. Danke dir da oben.

Damian
Er hat ein Kompliment verdient. Die Motivationssätze, die ich lesen kann, wenn ich sein Instagram-Profil öffne, haben alle einen wahren Gehalt. Ich weiß nicht, ob es seine Worte, seine Ideen sind: Die einzige Person, mit der du dich vergleichen solltest, ist die, die du gestern warst. – Mut bedeutet: Sei du selbst in einer Welt, die dir erzählt, jemand anderes sein zu müssen.- Echte Freundschaft ist so wertvoll wie wahre Liebe. –  Am Anfang braucht man Mut, damit man am Ende glücklich ist. – Um auf das nächste Level deines Lebens zu kommen, musst du massiv größer denken als bisher. – Halte dich fern von negativen Menschen, sie haben ein Problem für jede Lösung. – Erziehung bedeutet, liebe dein Kind bedingungslos. – Liebe dich selbst. Finde Menschen, die dir guttun. Scheiss auf die Meinung anderer. – Wenn dich jemand ignoriert, störe ihn nicht dabei.
Ich habe dich nie kennengelernt, lieber Damian. Das Bild, das ich mir von dir mache, ist entstanden durch deine Podcasts, die kurzen Videos, die du bei Instagram ins Netz stellst, und die Fürsprache eines anderen Menschen. Warum muss ich, wenn ich das Video sehe, in dem du auf Socken klatschend durch den Kreis deiner Mitarbeiter hüpfst und eine Mitarbeiterin versucht, es dir gleich zu tun, an die Zeit denken, als ich mit Erwin auf der Bühne stand, und wir, nachdem die feiernde Gesellschaft schon ein wenig Alkohol getrunken hatte, die Menschen auf der Tanzfläche mit Arschi-Arschi, Marschwalzer, Polonäse und anderen Spielereien, die vom Ansatz her den Spielen auf einem Kindergeburtstag ähnelten, in einen berauschten, fröhlichen, ausgelassenen Zustand trieben? Warum musste ich an die Videos junger Erwachsener denken, die auf Youtube davon berichten, wie sie innerhalb kürzester Zeit zum Internet-Millionär wurden, wenn du aus deinem Whirlpool grüßt, ich dich beim Kauf deines dritten Mercedes bei der Vertragsunterzeichnung und anschließender Heimfahrt  begleiten darf und du mir die Liebe zeigst, die dich und deine Frau verbindet? Und warum überhaupt erzähle ich von dir? Weil ich neidisch bin, auf deine Arbeit, auf das viele Geld, das du mit deiner Arbeit verdienst, auf eine Fähigkeit, andere glücklich zu machen, auch wenn die Zeit des Glücks auf die Dauer deiner Veranstaltungen möglicherweise beschränkt ist? Ja ich bin neidisch auf dich. Ich will den Gedanken weiterdenken, vorab ein wenig im zweiten Fall der Rechtsanwältin Rachel Eisenberg lesen, deren Stundenhonorar 500 Euro beträgt und die den geforderten Vorschuss auf 50.000 Euro festlegte. Allerdings müsste ich einen Vorschuss verlangen. Der wie hoch wäre? Fünfzigtausend. Rachel in Andreas Föhrs Eifersucht.

Es ist wirklich sehr belebend, wenn man wieder Pläne hat. Gerlach zu Rachel in Andreas Föhrs Eisenberg

Ich
Der Wecker des Handys klingelte auch heute Morgen sehr früh, nachdem ich gestern vergessen hatte, ihn nach dem für Gestern gewollten Weckruf auszuschalten. Die Marschmusik, die ich schon gestern hörte, holte mich aus meinem Traum, in dem ich durch ein schlossartiges Gebäude, dem Gebäude einer Grunschule, an der auch meine Frau als Lehrerin tätig war, irrte, auf der Suche nach einer Toilette. Bei meiner Suche, bei der ich niemandem begegnen wollte und jeder möglichen Begegnung versuchte auszuweichen, traf ich gleichwohl auf Kolleginnen, die mir freundlich und zugewandt das Gebäude und den Weg zu einer der vielen Toiletten im schlossartigen  Schulgebäude erklärten. Die Marschmusik beendete den Traum. In der gestrigen Nacht hatte ich vor dem Einschlafen die letzte Podcastfolge von Nicole Harder gehört und öffnete jetzt in der Frühe eine Podcastfolge der Podcastnomaden um von hier auf die Seite von Thomas Dahlmann zu wechseln. Nachdem ich mich für seinen Newsletter angemeldete hatte, wechselte ich zu meiner eigenen Website und klickte auf mein Lied Begegnungen, erinnerte mich an Arnos Anruf, in dem er mir das Lied durchs Telefon vorspielte und mich lobte; ich hatte ihm meine erste und bislang einzige CD, die ich vor drei Jahren in einer kleinen Stückzahl hatte pressen lassen, an dem Morgen als die Post mir die zwei Pakete lieferte, geschenkt. War es doch Arno, der mich vor fünf Jahren mit auf seine Insel genommen hatte. Das Lied erinnerte mich sofort an diesen einen Sommer, in dem ich kurz im Zustand des Verliebtseins leben durfte. Schade, dass ich zu faul war, dem Lied einen zweiten Vers zu geben. Der Zufallsclick führte mich danach zu meinem Lied Bevor ich gehe. Das Lied hatte ich damals in den ersten Monaten der Trennung im Dachgeschoss unseres Hauses in Havixbeck aufgenommen. Hatten wir den Ausbau während der Schwangerschaft unseres dritten Kindes durchgeführt? An der geraden Wand und  unterhalb der Dachschräge standen die Holzregale Ivar von Ikea, entlang der Dachschräge, mit Blick durch das Dachfenster in den Himmel, mein Schreibtisch aus Kiefer, den wir fünfundzwanzig Jahre zuvor, nach unserem Umzug von Münster nach Havixbeck gekauft hatten, an dem ich mich während des Studiums und meiner Zeit beim Repetitor durchs Recht quälte, und später durch die Klassenarbeiten meiner Schüler, davor der braune Lederschreibtischstuhl, den meine Eltern mir und meiner Frau, in der kleineren Version, zu Beginn unseres Studiums schenkten, zusammen mit dem großen Schreibtisch in der Größe von zwei mal zwei Metern, den Herr Sack für uns gebaut hatte. Am gestrigen Abend hatte ich die Erkenntnis, geleitet von einem Foto, dass das Gefühl, für einen anderen Menschen wichtig zu sein, früher mehr als heute, mehr noch, der wichtigste Mensch zu sein, eine sehr große Bedeutung für mich hat, mir ein gutes Gefühl gibt, mich sichert, mich schützt, und immer noch die Angst in mir ist, früher mehr als heute, meine Wichtigkeit im Leben eines anderen Menschen zu verlieren. Ich weiß nicht, ob die Sorge, die ich hatte, als meine Eltern mich fragten, ob ich noch ein Geschwisterchen wollte, von mir verneint wurde, ich bin mir auch nicht sicher, ob mir die Frage je tatsächlich gestellt wurde, ich glaube mich aber zu erinnern, auf diese Frage mit Unwohlsein reagiert zu haben, zumindest kann ich heute dieses Unwohlsein nachempfinden. Und während ich nun mein Lied Bevor ich gehe hörte, öffneten sich meine Tränenkanäle und ich weinte. Während des Zähneputzen mit meiner neuen auyverdischen Zahncreme Auromere, die ich als Empfehlung den Büchern der Frau Tierärztin Alexandra Stross entnahm, fiel mir ein, dass ich für meine  Frau, der wichtigste Mensch in ihrem Leben war und musste ein zweites Mal weinen. Ich hatte eine Frau, für die ich der wichtigste Mensch in ihrem Leben war. Und diese Tatsache war doch schon Grund genug, dass ich um ihre Hand anhielt. Und allein aufgrund ihrer Hingabe, ihrer Einstellung war ich verpflichtet im Austausch, als Gegenleistung… Ich weiß es nicht. Viele Eindrücke, viele Gedanken und noch immer keine Klarheit. Mein Weg zu mir selbst scheint noch eine Weile zu dauern, aber ich spüre, unterwegs zu sein. Und da ist immer wieder die Hoffnung, dass mein Weg erfolgreich enden wird, auch wenn die Verzweiflung mich stetig begleitet. Und wenn ich es geschafft habe, völlig frei, ohne jeden nachteiligen, leidenden Gedanken, stolz, stark, mit strahlender Freude, wunschlos, glücklich, zufrieden, ohne irgendeinen Gedanken, weder von Hoffnung noch von Scham, noch von Minderwertigkeit, noch von gespielter Überlegenheit, gespielter Arroganz beeinflusst, nur mit dem unbefleckten Gemüt eines Neugeborenen der Frau begegnet bin, deren Existenz ich diesen Prozess, in dem ich noch immer stecke, verdanke, deren Existenz mich achtundzwanzig Lieder und Millionen Worte und eine Liebeserklärung, die mich, wenn ich sie lese, noch immer begeistert, erschaffen ließ, dann habe ich es geschafft, dann bin ich am Ziel meiner ersten Etappe, dann bin ich Jörg Ridder, dann bin ich Ich. Und dann, dann geht’s los. Dann werde ich der Welt zeigen, weshalb ich geboren wurde.

Nach Auskunft von Frau Gerlach hat sich das Paar 2011 getrennt. Gerlach scheint das ziemlich mitgenommen zu haben. Jedenfalls hat er seine Karriere als Physikprofessor hingeschmissen und lebte zum Zeitpunkt seiner Verhaftung als Obdachloser auf der Straße. Carsten Dillbröck in Andreas Föhrs Eisenberg

Verduften
Ich stand in meinem Lieblingsbuchladen und hielt das Buch von Matthias Brandt in den Händen, als ich diesen angenehmen, leichten Duft an meiner linken Seite wahrnahm. Ich erinnere mich an das Titelthema der Zeit und die nicht neue Erkenntnis, dass eine Beziehung nur gelingen kann, wenn man den anderen gut riechen kann. Ja, diese Frau und das von ihr ausgewählte Parfüm dufteten sehr gut. Leider hatte ich den Kauf des Buches schon vollzogen und auch das Gespräch mit meiner Lieblingsbuchladen-Verkäuferin war beendet, nachdem ich ihr meine Auswahlkriterien für ihren nächsten Büchervorschlag noch einmal kurz zusammengefasst hatte. Es gab also keinen  Grund, noch länger im Buchladen zu verweilen, zumal ich den einzig richtigen Augenblick, mit der Trägerin des lieblichen Dufts ins Gespräch zu kommen, schon verpasst hatte, als ich darüber nachdachte, ob es wohl passend wäre, der Frau neben mir zu sagen, dass mir ihr Duft gefiele. Jeder Satz, der nach meinem Bedenken von mir geäußert worden wäre, wäre mir peinlich, unangenehm gewesen. Als ich den Buchladen verließ, kritisierte ich mich innerlich meiner Feigheit wegen und rechtfertigte mein Schweigen mit der Annahme, dass die Frau mit dem angenehmen Duft, ganz leicht, ganz dezent, wahrscheinlich viel jünger war als ich, verheiratet war, in einer Beziehung lebte, Mutter von vier Kindern war oder aus anderen Gründen nicht interessiert wäre, auf mein Interesse, auch wenn es sich im ersten Augenblick nur auf ihren Duft bezog, mit keiner anderen Antwort als einem freundlichen Danke zu entgegnen. Um mich zu besänftigen, blieb ich vor dem Buchladen stehen , schaute zurück in den Laden und wartete, bis die Frau für mich sichtbar wurde. Ja, ihre ganze Erscheinung passte zu ihrem Duft, der beige, leichte Sommermantel, die eng am Bein anliegende Jeans, die im Bereich der Fessel gelöchert und ein wenig ausgefranst war und Flipflops, die das Leben leichter machen. Wie alt sie war, konnte ich nicht einschätzen. Auch die ins dunkle Haar gesteckte Brille machte die Einschätzung nicht leichter. Und während ich mich daran erinnerte, dass es schwer würde, durch standhafte Arbeitsverweigerung und weiterhin unterlassenes Balzverhalten meinen Beziehungsstatus zu ändern, spürte ich den Regen, der plötzlich einsetzte. Wollte mir das Universum eine zweite Gelegenheit anbieten, dachte ich. Zu meinem Glück war es nur ein kurzen Schauer. Ich setzte mich aufs Rad und fuhr davon. Ob ich sie an ihrem Duft wiedererkennen würde? Man sieht sich immer zweimal im Leben, nur suchen sollte man sich nicht. Doch nie wieder will ich feige sein.

Spielen
Der 79 Jahre alte Mann vom Nachbargrundstück trat vor die Tür, warf zwei kleine Bälle auf die Wiese, stellte sich zum Ball, hob den Schläger an und schlug den kleinen Ball über den Rasen. Er hatte im Alter von 65 Jahren mit dem Golfspiel begonnen. Wenn er mir in Begleitung seiner Frau erschienen war, wirkte er krank und verletzt,  beim Abschlag des kleinen Balles, löchrig und innen hol, wirkte er mit seiner Beweglichkeit in Becken und Oberkörper weitaus agiler. Nach vier Schlägen hatte er sein Spiel beendet, seine Frau sei in Kampen am Meer. Sein Spiel animierte mich, mein Basenbad zu verlassen, mir Turnschuhe anzuziehen und den Fußball, den ich mir vor ein paar Wochen gekauft hatte, aus dem Schuppen zu holen. Ich versuchte, den Ball mit beiden Füßen in der Luft zu halten, bewegte mich derart, dass ich mir den  Ball mit der Schuhinnenseite beider Füße wiederholt zuspielte und meinen ganzen Körper dabei so in Bewegung hielt, wie ich es schon als kleiner Junge tat, als ich, früh am Morgen, auf dem Rasenplatz des Heidestadions alleine, nur mit mir und dem Ball trainierte. Bei meinen Versuchen, den Ball in der Luft zu halten, schmerzte das rechte Knie, der leichte Stoß gegen den Ball genügte, den Schmerz auszulösen. Als es mir gelungen war, den Ball zwanzig Mal mit dem linken und dem rechten Fuß im Wechsel in der Luft zu halten, beendete ich mein Spiel und fasste den Entschluss meine Bestleistung am nächsten Tag auf dreißig Mal zu erhöhen.
Das schönste Jahrzehnt in meinem Leben war wohl das dritte, die Kinder wurden geboren, die Hoffnung auf ein besseres Leben hatte einen Grund, das Studium dauerte noch, danach sollte es uns besser gehen. In meinem vierten Jahrzehnt wurde unsere Tochter geboren, das zweite Stastsexamen, der Beginn der Selbstständigkeit und noch immer Hoffnung auf ein Leben ohne Existenzängste. Im fünften Jahrzehnt dann die berufliche Neuorientierung, die Kinder hatten das Haus verlassen, die Anstrengungen meiner Frau wurden mit einer Festanstellung belohnt, zu meinen 50sten Geburtstag flogen wir nach London, ihren 50sten verbrachten wir auf Norderney, im Sommer starb mein Vater, im Herbst wurde ich ohnmächtig und mit dem Verdacht eines Schlaganfalls in die Klinik gebracht. Vier Monate später war das alte Leben, mit seinem Fühlen, seinem Denken zuende. Jetzt sitze ich hier mit den Füßen im Basenbad und schreibe, denke an die Nacht, die qualvoll und traurig war, nachdem schon der Traum qualvoll und traurig gewesen war.

Ich habe mich noch nie mit jemandem so wohl gefühlt… Plötzlich und völlig unerwartet stieg ein heftiges, ihn aus der Fassung bringendes Feuer in ihm auf und entzündete sein ganzes Wesen. Die Zerbrechlichkeit dieser Frau und die Einsamkeit, die sie ausstrahlte, halten in ihm wider wie ein schmerzliches Echo. Es hatte nur weniger Sekunden und eines Blickes auf sie bedurft, um… Alice in Guillaume Mussos Nacht im Central Park

Brennen
Da, wo der Kalender hing, hing nur noch der Umschlag mit den von meiner Mutter gesammelten und geordneten Kalender-Blättern, aus dem das heutige Blatt hervorschaute, so als wolle es mich noch eindringlicher mit der Frage konfrontieren: „Weißt du, wofür du brennst?“ Die Stunden des heutigen Tages sollten reichen, um meine Antwort zu finden. Mal fühlen, welcher Gedanke mich innerlich brennen lässt?

Es gibt seltene Augenblicke, in denen sich eine Tür öffnet und das Leben einem eine unerwartete Begegnung beschert, mit einem Menschen, der uns ergänzt und vorbehaltlos so akzeptiert, wie man ist; der Verständnis hat für alle Widersprüche, Ängste, Ressentiments, für alle Gefühle von Zorn und auch für den dunklen Strom, der im Kopf des anderen tobt. Und der diesen zu besänftigen weiß. Der einem einen Spiegel vorhält, in dem man sich furchtlos betrachten kann. Alice in Guillaume Mussos Nacht im Central Park

So Gott will
Ich bin jetzt im sechsten Jahrzehnt meines Lebens, sie ist in ihrem fünften. Bei dieser Einteilung ein Altersunterschied von nur einem Wert, also von Werten, die nach Auf- und Abrundung identisch und damit passend wären. Würde ich anstelle des Konjunktivs wären den Indikativ sind wählen, bekommt die Aussage einen noch überzeugenderen, schöneren Inhalt: Der Altersunterschied hat sich aufgelöst. Was wiederum die Wirklichkeit richtig beschreibt, denn ob Mann und Frau zueinander passen, beurteilt sich nach anderen Kriterien als denen einer mathematischen Ungleichung. Das erste Jahrzehnt trägt die Überschrift Kindheit. In diesem Jahrzehnt wurden die Grundlagen für mein Leben geschaffen. Frau Dr. Rose, die Frau, die mir Latein beibringen sollte, verglich die Grundlagen einer Sprache mit dem Fundament eines Hauses. Ebenso wie bei einem löchrigen Fundament die Standfestigkeit des Hauses leide, litten alle folgenden Lerneinheiten an einem Mangel der Grundlagen einer Sprache. Und so wie sie die Grundlagen einer Sprache mit dem Fundament eines Hauses verglich, vergleiche ich die Bedeutung der Kindheit für die folgenden Jahrzehnte mit dem Fundament eines Hauses, nur dass bei dem Fundament eines Hauses dessen Mängel sichtbar sind oder leicht sichtbar gemacht werden können, während mir die Mängel meiner Kindheit auf Dauer verborgen bleiben. Und wenn ich mich jetzt mit meinen Gedanken in die Zeit meiner Kindheit treiben ließe, um mich dann mit dem Gefühl des Kindes zu fragen, wie ich mir eine ideale, eine schöne, eine mangelfreie, eine gute Kindheit wünsche, um sodann diese gewünschte Kindheit zu meiner tatsächlich erlebten Kindheit zu machen – denn die Erinnerung ist manipulierbar – wie wäre das? Aber will ich das? Jetzt gerade will ich es nicht. Denn ich will vielmehr die Gegenwart ändern, den heutigen Tag so gestalten, dass er ohne Mängel bleibt, mangelfrei.
Mein zweites Lebensjahrzehnt bekommt den Namen Erwachsen-Werden. In dieses Jahrzehnt fällt mein ganzes Leben, der erste Kuss, den ich bei Tageslicht nicht wiederholen wollte, der erste Vollrausch und die Erkenntnis, dass mein Körper Alkohol nicht verträgt, und der fortgesetzte Mangel, der in verschiedenen Aktivitäten Ausgleich suchte, der Deutschlehrer Hörl, der Sportlehrer Straten, der Biolehrer Erxleben, die Mathematiklehrerin mit den roten Haaren, die Pädagogiklehrerin, der Geschichts- und Klassenlehrer Schlick, die Kunstlehrer Bobitsch
u. a, der Sportlehrer Petry, die Sportlehrerin mit den blonden Haaren und dem weißen Trainingsanzug, die Deutschlehrerin Weiland, der Schulleiter Dahlmanns, sein Vertreter Kukowski, der Physiklehrer mit den gegelten schwarzen Haaren, dem lachenden Gesicht und doch fällt sein Name mir nicht ein, mein Englischlehrer Leistungskurs, mein Englischlehrer aus Amerika. Ich könnte googeln: Oh. Meine Schule feiert mit Ehemaligen am 29. September ihr 50-jähriges Bestehen. Oh, leichtes Unwohlsein setzt ein. Ich sollte trotzdem dahin gehen. Und wem werde ich dort begegnen? Ob noch viele meiner ehemaligen Lehrer leben? Erinnere ich mich an Mitschülerinnen und Mitschüler? Frank, der unsere Schule besuchte und später mit mir Musik machte. Vor ein paar Wochen begegnete ich seiner Tante im Krankenhaus, sie wollte eine Patientin besuchen. Auf ihre Frage, ob wir noch Freunde seien, antwortete ich: „Ich hoffe doch.“ Helmut bin ich im vorletzten Jahr begegnet. Ich muss mich noch mit einem Abendessen bei ihm und seiner Frau revanchieren. Andere Ehemalige habe ich nicht in mein Leben, das der Schulzeit folgte, mitgenommen. Ulf, der irgendwann das Gymnasium verließ, und Matthias, dem ich vor einem Jahr noch einmal begegnete, spielten mit mir in einer Fußballmannschaft, Thomas, den ich aus Anlass meiner Bürgermeisterwahl noch einmal aufgesucht hatte, habe ich nie wieder gesehen. Knut ist Lehrer geworden. Und dann gibt es da noch diese Frau, und es gibt da diesen Mann, beide werden mir, so Gott will, ihre Anwesenheit ersparen. So Gott will.

Das Schamgefühl, das sich in mir ausbreitete, war so stark, dass ich nicht mehr denken konnte. Mir schien, als wäre mein Inneres vollkommen leer. Die Kraft dieser plötzlichen Scham war in meiner Kindheit nur vergleichbar mit der intensiven Angst, die ich manchmal empfand, und dem Jähzorn natürlich, und allen gemeinsam war, dass ich selbst wie ausradiert wurde. aus Karl Ove Knausgårds Sterben

Vollholz-Eiche
Und während er hier liegt, mit den Füßen im Basenbad, ja, im Liegestuhl, fragt er sich ein zweites Mal, wie er wohl reagieren würde, riefe  seine Tochter ihn jetzt an um ihm zu sagen: „Mama ist tot.“  Tja, war das erste Wort, dass gedanklich über seine Lippen kam. Anfangs- und Endvermögen, Teile am Grundbesitz wird er ihr wohl nicht überschrieben haben, so dumm war nur er. Das Haus wird einen geringen Wertzuwachs haben, vielleicht auch das mobile Vermögen? Zur Beerdigung wird er nicht gehen. Tja, sich von Toten verabschieden, wenn das Leben die Möglichkeit bot? Und wenn er vor ihr sterben sollte, was wird mit ihr? Das Erbrecht des Ehegatten. Vielleicht konnte sie durch Vertrag für sich sorgen, um nicht ein zweites Mal den Buchsbaum auszugraben, sofern dieser das Buchsbaumsterben überhaupt überlebt hat, um ihn an anderer Stelle wieder einzupflanzen. Tja, vielleicht würde er zu seiner Beerdigung gehen, um ihm ein zweites Mal zu sagen, was er von ihm hielt. Da er dann aber tot ist und in fast zwei Meter Tiefe in einem Loch liegt, umhüllt von  Vollholz-Eiche mit einer honigfarbenen Beizung, wird er ihn nicht hören können. Warum dann der Aufwand? Vielleicht um seine Frau, die dann dessen Frau war, am Grab zu sehen. Ob sie weinend an seinem Grab stehen wird? Tja, fürchtet er, auch dieser Aufwand lohnt nicht. Seine Frau ist schon seit Jahren tot. Und von einer ihm Unbekannten muss er sich nicht am Grab verabschieden. Mal abwarten, vielleicht geht er ja doch hin. Doch lohnen die Gedanken denn überhaupt, wenn er bis zum Tod der anderen vielleicht schon an gebrochenem Herzen, verbittert, verhärmt, traurig trauernd diese Welt verlassen hat?

Rutschpartie
Natürlich ist es weitaus schöner, der Welt lachend zu begegnen, für die Welt und auch für mich selbst. Ich ging mit dem Gesicht durch den Abend, das meinem inneren Gemüt entsprach, das durch den Vorhalt, die hängenden Mundwinkel nach oben zu ziehen, nicht besser wurde. Sollte ich, um den Menschen, die mich sahen, die mich kannten, nicht mit einem fröhlichen Gesicht entgegentreten, auch wenn mein Inneres die Mundwinkel nach unten zieht? Seit mir verständlich gemacht wurde, dass ich zukünftig für meine Mutter verantwortlich sei, wie ich einst für meine kleinen Kinder verantwortlich war, rutscht die Lebenslust in den Keller. Ich lass mich gehen, ich lass mich fallen, ich gebe mich auf. Und die rutschende Lebenslust zieht halt an den Mundwinkeln. Um mich und meine hängenden Mundwinkel ins Gleichgewicht zu ziehen, vielleicht sogar in ein positives Gleichgewicht, braucht es eine Kraft, die meiner Rutschpartie entgegenwirkt, stärker ist. Und schwupp, bin ich wieder bei meinem Lieblingsthema: die Kraft der Liebe.
Was hat’s gebracht? Seit sechseinhalb Jahren versuche ich nun meine eigene Persönlichkeit aufzubauen, authentisch zu werden, unabhängig zu werden. Und noch immer denke ich, dass mein Weg in die falsche Richtung führen könnte, frage mich, ob all der gedankliche Aufwand noch lohnt, besonders dann, wenn der Schmerz an die linke Schläfe klopft, wenn Schwindel mich erfasst. Dann war es das halt, zack Gehirnschlag, Ende. Ist es mir wichtig, wie ich beerdigt werde? So, wie ich für mein Leben keine Verantwortung übernahm, so überlasse ich auch nach meinem Tod anderen die Entscheidung wie ich zu beerdigen sei. Da ist nichts mehr, was mich am Leben festhalten lässt, mein Leben plätschert dahin, früher oder später, lieber später, mündet es in etwas Größeres. Ich könnte nach einer Antwort suchen, welche Gründe die Stiche schräg oberhalb des linken Auges haben. Ich lass es. Das Leben wird leichter, wenn ich mich auf den Tod einlasse. Und was würde ich heute tun, wenn er mich morgen ereilte. Bis morgen warten, da ja morgen auch noch ein Tag ist. Und morgen? Wohl nur noch warten.
Vor ein paar Tagen hörte ich ein Lied, dass ich vor sechs Jahren aufgenommen hatte. Ich hatte es schon vergessen. Nicht nur, dass mir der Refrain gefiel, ich konnte mich auch an diesen Augenblick erinnern, als diese Frau das erste Mal vor mir stand, an den Moment als sie die Treppe hinunter kam, lachend, mit ihren leuchtend roten Lippen, ihrem schwarzen Haar und ihrem Kaugummi, mit dem sie regelmäßig schnalzte, als sie neben mir an meiner Hand wie ein Teenager herging, frisch, fromm, fröhlich, frei. Die Liebe sei ein Irrtum, und die Libido, mit der sie oft verwechselt wird, hat ihren Platz in der Hose und mit 80 habe er diesen Zustand, der für Freud und Leid verantwortlich sei, schon lange überwunden, so wird Freud zitiert. Es ist schön, sich an lachende Gesichter zu erinnern. Sollte ich das Lachen heute einmal üben, wenn ich mich gleich aufs Rad setze. Es muss und soll kein zwölfstündiges Dauergrinsen sein. Aber jedem Menschen, dem ich begegne, werde ich lachend begegnen. Für ihn und für mich.;¬)

Farbe
Ove arbeitete fünf Jahre lang für die Eisenbahn. Dann geschah es eines Morgens, dass er in einen Zug stieg und sie zum ersten Mal sah. Das war das erste Mal, dass er wieder lachen konnte, seit sein Vater gestorben war. Und dann war sein Leben nicht mehr dasselbe.
Denn die Leute sagten, dass Ove die Welt immer nur schwarz oder weiß sehe. Und sie war Farbe. All seine Farbe.
aus Frederick Backmans „Ein Mann namens Ove“

Die Liebe ist immer ein Irrtum
Siegmund Freud in Robert Seethalers „Der Trafikant“

Eine neue Hose
Auf dem Weg ins Bekleidungsgeschäft spürte ich meine ganze Verzweiflung. Es brauchte nicht lange, bis ich meiner Mutter erklärte, ich hätte keine Lust mehr, die richtige Hose zu finden und sie bat, das Geschäft zu verlassen. Als ich vor dem Lift wartete, spürte ich die Schwäche, die Lustlosigkeit, die Verzweiflung am stärksten, ich wollte nachhause und nur aufschreiben, was ich durchlitt, um durch das Schreiben mir meine Verzweiflung zu nehmen, vielleicht einen neuen, heilenden Blick auf alles zu finden.
Als ich vor drei Tagen um den Büchertisch meines Lieblingsbuchladens ging, um noch kurz vor Geschäftsschluss ein Buch für meine Abendunterhaltung zu erwerben, blieb ich vor einem weißen Taschenbuch mit schwarzer Schrift stehen. Ein Psychothriller, wie ich las. Eigentlich nicht die Art Unterhaltung, die ich mag, auch der Klappentext war unverständlich. Da ich aber meiner Intuition folgen wollte, kaufte ich es und begann sofort nach meiner Rückkehr im Garten mit dem Lesen. Nachdem es seit zwei Tagen regnet, ist das schöne Wetter schon fast vergessen und an seine Rückkehr nur schwer zu glauben. Das Buch hat mir gefallen, auch wenn die Schwere der dissoziativen Identitätsstörung der Rechtsmedizinerin für den von ihr geliebten Hauptkommissar fast seinen Tod zur Folge gehabt hätte. Die Kraft der Liebe, die in der Beziehung dieser beiden Menschen erwuchs, hat mir gefallen, die Risiken und Gefahren, die in einer liebenden Beziehung möglich werden, haben mich beängstigt. So, dass ich mir sage, nie wieder in einer abhängigen Zweierbeziehung zu leben. Ich will nie wieder bleiben müssen, obwohl ich lieber gehen möchte. Und ich möchte nie wieder verlassen werden, mit kalter, unmenschlicher Gleichgültigkeit abgelehnt werden. Und ich will endlich dieses abhängige Leiden verlieren, mit dieser Frau, deren Nähe ich mir wünsche.
Jede Krankheit hat einen Grund, manchmal ist sie die letzte Möglichkeit der Einheit von Körper, Geist und Seele auf eine lebensnotwendige Veränderung hinzuweisen, hinzuwirken.
Und welchen Zweck hat mein Leiden, dass nach einer kurzen Begegnung mit ihr so weh tut, die Lebenslust so attackiert, dass sie darliegt, am Boden liegt, es schwer fällt, wieder aufzustehen?
Ich werde jetzt aufstehen, mein basische Fußbad verlassen, um mein Obst und Gemüse einzukaufen, auch einen Duschschlauch,zu lange schon ertrage ich diesen Mangel, der mit geringem finanziellen Und fachlichen Aufwand so leicht zu beheben ist. Vielleicht begegne ich ihr, lieber aber noch der Frau, die alles leidige Denken zum Stillstand, zum Ende bringt. He, was habe ich gerade noch gesagt? Keine Abhängigkeit mehr. Mir selbst genügen. Das Gute und die Liebe finden in den Dingen und Zuständen, die allein mit meinem Tun und Denken möglich sind. Der Himmel ist wieder blau.

Mütter
Ich muss es mir aus der Seele kotzen. Sie hat noch immer Einfluss auf mich. Äußerlich war ich vielleicht entspannt, innerlich war Unruhe, es wühlte. Ein Jahr Arbeit mit mir, und noch immer keine Befreiung. „Na, Herr Ridder!“, waren ihre Worte an mich, als ich neben ihr stand und sie, vertieft in ein Gespräch, mich erst jetzt wahrnahm. Warum wühlte es noch immer in mir? In dem Augenblick, als ich die Frau mit der weißen Bluse in den blauen Jeans  sah, war sie ungefähr 50 Meter von mir entfernt. Ich hatte sie wieder nicht gleich erkannt. Erst auf den letzten Metern wurde mir klar, daß sie es ist. Ich hörte ihr zu und natürlich wusste auch meine Mutter ihren Anteil am Gespräch beizubringen. Ich schwieg. Als wir weitergingen, fragte mich meine Mutter, ob sie die Frau schon mal gesehen hätte, sie meinte sich zu erinnern. Nein, sie hat sie noch nie gesehen, nur wenn sie in mein Herz hätte schauen können, eine Fähigkeit über die Mütter manchmal verfügen.

Leute aus besseren Kreisen
Am Ende meines Lebens würde ich nicht meine Fehler sondern das, was ich nie versucht habe, bereuen. Wie oft habe ich diesen Satz schon gelesen, und wie oft habe ich ihm zugestimmt, auch heute, auf dem heutigen Kalenderblatt. Während ich diesen Satz schreibe, im Liegestuhl mit den Füßen im Basenbad, betritt mein Nachbar sein Grundstück, erschöpft, mit einer Golftasche, die er bis zum Gartenhäuschen schultert und dort abstellt. Ich könnte diesen Zufall als Hinweis, vielleicht so gar als Aufforderung an mich verstehen, in naher Zukunft mit Golftasche und Golfmontur das Golfen zu lernen. Gut, dass kein Fallschirmspringer auf den Nachbargrundstück gelandet ist. Über diesen Hinweis hätte ich hinwegsehen müssen, allein die Vorstellung, im Flugzeug zu sitzen und aus der kleinen Öffnung ins Nichts zu springen, verursacht größeres Unbehagen in mir. Heißt es aber nicht, man solle dort ansetzen, wo die Angst am größten ist? Nein, die Einführung ins Golf-Spiel reicht völlig als Herausforderung. Warum aber ist das Golf-Spiel eine Herausforderung für mich? Ich könnte jetzt erneut beklagen, dass ich aufgrund meiner Herkunft, meiner Armut, meines Gescheitertseins und meines mangelnden Selbstwertes nichts unter Leuten aus besseren Kreisen zu suchen habe.Suchen. Könnte ich denn überhaupt Spaß am Golfspiel haben? OK, ich werde es herausfinden. Frist:1 Woche. Das ist ein machbares, erreichbares Ziel, ob es auch ein lohnendes Ziel ist? Der Weg ist das Ziel.

Langeweile
Die Frau, die heute Morgen vor mir in der Reihe der wartenden Bäckereikunden stand, war schon etwas älter, vielleicht so alt wie ich. Was fiel mir zuerst an ihr auf, das gut geschnittene Gesicht mit der dazu passenden rotblonden Kurzhaarfrisur, das weiße Baumwollhemd mit den vielen Falten, die jedoch das Hemd verschönten, die dunkelgraue Hose, die unterhalb des Gesäßes einen Hohlraum bildete, oder ihre Füße, die in dunklen Flipflops steckten und an denen nur der große und der vierte Zehnagel rot lackiert waren. Zumindest hatte es diesen Anschein, denn die anderen Zehnägel waren aus meiner Perspektive nicht zu sehen. Perfekt gekleidet. Ob ich sie an der Bluse wiedererkennen würde?  Ich habe keine Lust mehr am Suchen. Ein Gefühl, dass sich auch körperlich bestätigt, denn mein Sehkraft wird stetig schlechter