Über Jörg

JÖRG HAT ZEIT

Als Jörg im Sommer 2013 auf dem Westerländer Campingplatz vor dem Wohnwagen saß und sein Leben nach langer Zeit wieder genießen konnte – ein Stuhl, die Sonne, hinter ihm das Meer und in der Hand eine Tasse Kaffee – fragte er sich, wie viel Arbeitszeit er aufbringen müsste, um die Grundbedürfnisse seines Lebens hier auf der Insel zu bedienen: Der Wohnwagen, vor dem er saß, kostete ihn 250 €. Für Nahrungsmittel hatte er in den vergangenen Monaten im Mittel 350 € ausgegeben. Als Fortbewegungsmittel diente ein Fahrrad und seine Kleidung würde zumindest für die nächsten fünf Jahre ein gepflegtes Auftreten garantieren. Die tägliche Dusche im Waschhaus kostete ihn 50 Cent, der Waschsalon 20 €, der Friseur-Besuch bei Inken 35 €, die Haftpflichtversicherung für’s Jahr 40 €, und, wollte er eine Frau zum Essen einladen, müsste ein Strandkorb im Schein der untergehenden Sonne und eine Decke mit Trauben, Beeren, Käse und frischem Brot einen Besuch der „Alten Friesenstube“ in Tinnum ersetzen. In der Summe hätte er überschlägig und unter Einbeziehung monatlicher Rücklagen für eine neue Brille, Zahnzusatzkosten, Bahnfahrten aufs Festland 800 € durch Arbeit zu erzielen. Bei angestellter Tätigkeit erforderte dies einen Bruttolohn von 1.000 €.

Jörg fragte sich, wie und mit welcher Arbeit er diese Einnahmen erzielen konnte.

Sein erstes Geld verdiente er mit 17 Jahren als Bassist in einer Tanzkapelle. Erwin, Klaus, Norbert und Peter hatten ihn eingeladen, mit ihnen auf einer Silvesterfeier ihres örtlichen Kanu-Clubs zu spielen. Am Ende des Abends übergaben sie ihm 1/5 der vereinbarten Gage, 80 DM. Das Highlight dieser Zeit, mehr als 20 Jahre später, war ein 2-Personen-Gig für eine vornehme Gesellschaft, die in einem edlen Lokal im Münsterland feierte. Erwin, der Keyboarder, und auch Frank, der gelegentlich für Erwin eingesprungen war, waren verhindert. Zu diesem Zeitpunkt war ihre Musik fast vollständig mit Midifiles unterlegt. Jörg überlegte kurz, fragte seinen Sohn, ob er ihn durch seine Anwesenheit und die Bedienung des CD-Players unterstützen würde, und führte den Auftrag mit seinem Sohn durch. Vor ihm das Keyboard und der Mikrofonständer, links das Saxophon und rechts die Gitarre, links von ihm sein Sohn, der an diesem Abend seinen ersten und einzigen Auftritt als DJ absolvierte. Auch für Jörg war dieser Auftritt der einzige Auftritt als Alleinunterhalter. Die Gastgeber waren dennoch zufrieden und Vater und Sohn erleichtert. Nachdem sie ihre Anlage abgebaut und in den Wagen verladen hatten, teilten auch sie den vereinbarten Lohn. Erlebnisse, die für immer bleiben.

Nach erstem und zweiten Staatsexamen konnte Jörg seinen Lohn als Anwalt anhand des RVG bemessen. Im zivil- und verwaltungsrechtlichen Bereich berechnen sich die Gebühren nach dem Gegenstandswert. Als er als Lehrer an einer Hauptschule angestellt wurde, berechnete die Bezirksregierung Düsseldorf seinen Lohn nach dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst der Länder. Das Land stufte ihn in die Entgeltgruppe 10 ein und zahlte ihm für eine 5-Tage-Woche mit 40 Wochenstunden und einer unterrichtsfreien Zeit von 12 Wochen einen Jahreslohn von 52.000 EUR. Verteilte er vorstehenden Betrag auf seine Jahresarbeitsstunden (52-12 = 40; 40 x 40 = 1.600; 52.000 : 1.600 ) erhielte er einen Brutto-Stundenlohn von 32,50 EUR.

Nachdem Jörg nun seit acht Jahren als Barmann in Wenningstedt arbeitet, verspürt er Lust auf Neues. Das Gläser-Füllen und Gläser-Polieren und auch der gelegentliche Talk am Tresen haben den Reiz des Unbekannten verloren; die familiäre Verbundenheit wird ihn auch noch die nächsten Jahre an die Arbeit binden, die Arbeit des Gästeführers wird noch Zeit in Anspruch nehmen, bis sie regelmäßige und verlässliche Einnahmen erzielen wird, und auch das Angebot, zum Glücklicher-Werden beizutragen, wird bei seiner Art der Akquise und Werbung noch etwas an Zeit beanspruchen, bis er mit drei Arbeitsstunden im Monat seinen monatlichen Geldbedarf derart decke, dass noch 500 EUR in die Altersvorsorge übertragen werden können.

Was also tun? 

Jörg ist bereit für Neues. Er erwartet deine Nachricht und freut sich auf neue Möglichkeiten, Einnahmen durch Freude an der Arbeit zu generieren.