Aktuell

Eine Verabredung am Strand oder Sonnenuntergang für Zwei
Die Sonne scheint schon seit dem frühen Morgen und wird bleiben, bis sie am späten Abend in der Nordsee versinkt. Heute Abend fahre ich ans Meer und sehe mir den Sonnenuntergang an. Ich fahre allein, und ob ich auch allein in einem der Strandkörbe sitzen werde, die vor dem Roten Kliff auf mich warten, dort, wo in ein paar Tagen alles weiß ist, obliegt dem Lauf der Dinge. Vorher werde ich noch ein paar Dinge einkaufen, keinen Wein, kein Bier, auch keine Rauchwaren. Solltest du mich suchen und finden, darfst du deinen Wein mit mir teilen. Melone, Pistazien, Tomaten, Obst, Wasser, ein wenig Käse und einen Pullover für dich, solltest du frieren. Ich freue mich auf dich. Ich habe gedacht, geschrieben, später werde ich meine Freude, meinen Wunsch aussprechen, so dass dem Universum genügend Zeit bleibt, dass meine Wünsche Wirklichkeit werden.

Neid
Von vorne bummerte der Bass und eine Stimme, die mich darauf hoffen ließ, gleich würden sie eines der Lieder spielen, die mich von Kind an durch’s Leben begleiten, die auf CD liefen, als ich meine Tochter mit dem Auto vom Land in die Stadt fuhr und lauter, wenn ich sie in der Nacht wieder abholte, in den zwei, drei Jahren vor ihrem Abitur, zu dem meine Trennung ihren emotionalen Höhepunkt hatte. Auf dem Weg zum Open Air Ereignis hatte mich mein Sohn angerufen, er wolle nur sein altes Leben zurück. Was war sein altes Leben, das ja auch Teil meines Lebens war? Du brauchst meine Liebe, mein Verständnis, meine Zeit, meine Gelassenheit, meine Hilfe. Alle brauchen sie meine Hilfe und ich selbst brauche Hilfe, um die Kraft, den Mut, die Liebe zu erhalten, dir wirkliche Hilfe zu geben. Ich stand in dieser kultivierten Menge und manchmal war ich nur bei mir und der Musik, die ich hörte, ließ mich mitnehmen von der Fingerfertigkeit des Bassisten, dem entrückten Solo des Schagzeugers, dem Wohlklang von Stimme und Melodie, dem Spiel der Band, dem Rhythmus, bis wieder schöne Menschen, mit einem schönen, perfekten Gesicht und von der Sonne verwöhnt, perfekt gekleidet meinen Blick kreuzten und mich neidisch machten, weil ich vielleicht auch die perfekte Beziehung, das perfekte Zuhause, das perfekte Leben mit ihrem Aussehen verband. Und wenn das Optimum dann auch noch lächelnd an mir vorbeiging, war auch mein Neid perfekt. Es gibt Unterschiede in meinem neidischen Denken. Da war das perfekte Gesicht des Mannes, wahrscheinlich perfekt gekleidet, von stattlicher Größe, ein Gesicht wie das von George Clooney, Brat Pitt oder Gregory Peck, oft, nicht immer, gefolgt von einer schönen Frau. Ich bin neidisch auf das perfekte Äußere dieses Mannes und die Möglichkeiten, die ihm sein Aussehen vermittelt hat. Ich weiss nicht, ob ich das Aussehen, die Größe, die Ausstrahlung, die Wirkung diese Mannes haben möchte. Ich weiß nicht, ob ich etwas Unmögliches wollte. Ich will den Zustand nicht ändern, auch das Lebensalter kann ich nicht ändern. Beides ist unveränderlich. Das Gefühl der Minderwertigkeit aber, dass dieser gut aussehende Mann in mir auslöst, das ist änderbar. Und die schönen Gesichter der schönen Frauen, deren Kleidung sich ihrer eigenen Schönheit anpasste, die meine Aufmerksamkeit fanden, deren Blick mich aber nie fand, was machten sie mit mir? Kein Neid. Vielleicht ein Gefühl von Habenwollen, vielleicht nur der Wunsch, beachtet zu werden. Und ich habe die Menschen beneidet, die geimeinsam den Festplatz verließen um mit dem anderen die Nacht mit ihrem sternenklaren Himmel zu feiern. Vielleicht hätte ich die Frau, die neben mir stand, klatsche, auch mal johlte, sich in meinem Rhytmus, dem Rhythmus aller bewegte, einmal anschauen sollen. Vielleicht hätte sie mir gefallen, so gefallen, dass Ihr Äußeres und der erste Blick in ihr Inneres meinen Mut gerechtfertigt hätten. Ich blieb still, setzte mich auf den Steinwall und beobachte noch ein wenig den Abbau der Anlage, sah wie der Bassist das Mikofonkabel aufrollte, die anderen Mitglieder der Band ihre Instrumente verpackten. Ich würde gerne Klavier spielen können, auch da hat mir das Leben Grenzen gesetzt. Ich werde versuchen, dem Rat des heutigen Kalenderblattes zu folgen, es liest sich gut: „Ich stelle mir vor, ich würde ab heute dem Leben so sehr vertrauen, dass ich aufhörte zu kämpfen und mich in mich hinein entspannen könnte.“ Ich kann es schaffen, wollte ich moch schreiben, als mir bewusst wurde, dass ich nicht mehr kämpfen will.
Heirat
Ich glaube, ich muss noch einmal heiraten, oder doch zumindest eine Beziehung eingehen. Will ich das?
Noch einmal mit einer einzigen Frau leben? Die Mutter meiner Kinder hat wieder geheiratet. Sie hat seinen Namen angenommen, den Namen ihrer Kinder und ihren Geburtsnamen hat sie aufgegeben. Ich weiss nicht, ob sie ihre Entscheidung, erneut zu heiraten, bereut, ob sie glücklich ist? Das letzte Mal habe ich mich mit ihr am 30. März 2012 unterhalten, dem letzten Schultag vor dem Beginn der Osterferien. Habe ich noch eine Verantwortlichkeit für ihr Leben, eine Verantwortlichkeit wie ich sie in den 36 Jahren unserer Beziehung trug. Hat sie eine nacheheliche Verantwortlichkeit für mich? Als sie mir einen Monat vor unserem letzten Gedpräch mitteilte, sie sei jetzt mit XY zusammen, war mein erster Gedanke: Wer pflegt mich im Alter? Heirat als wechselseitiges Pflegeversprechen? Ein Schuldverhältnis, das für eine Person zur einseitigen Leistungspflicht wird, wenn mit der Pflegebedürftigkeit des einen die Hoffnung auf Gegenleistung endet. Vielleicht bleibt dann zumindest die Hoffnung auf ein Ende. Wie müsste denn die Frau sein, die mich im Alter pflegen darf? Müsste sie staatlich geprüfte Krankenschwester sein? Nein, es würde genügen, wenn sie da wäre. Sie müsste der richtige Mensch sein, sie müsste in ihrem Charakter
angenehm sein, keine Cholerikerin, keine Besserwisserin, keine Klugscheisserin. Sie müsste ein Spiegel meiner selbst sein: sanft, zart, weich, schön, tolerant, nachgiebig, liebevoll, verständnisvoll, einfühlsam, klug, offen, ehrlich, verlässlich, verletzt, bescheiden, sie hört Musik, die mir gefallen könnte, sie liest Bücher, über deren Inhalt ich mit ihr reden will, sie lacht mit mir Kino, ich begleite sie zum Ballett, sie will mit mir in den Norden, den Süden, auch in den Westen, ich mag, was sie für mich gekocht hat, sie mag meine Freunde und liebt meine Freundinnen. Ich weiss es nicht. Wenn sie so wäre wie sie, es wäre gut, zumindest heute, jetzt.
Platz da!
Ich bin ganz schön bescheuert, verrückt, neben der alten, falschen Spur. Ein vielleicht zwingender Zustand nach dem Leben, das ich führte. Mein ganzes Leben war ein stiller Schrei nach Liebe. Eine tolle Zustandsbeschreibung. Leider fehlt mir die Schöpferkraft für eine derart treffende, paradoxe Beschreibung meiner Gefühlslage: still schreien. In mir hat es geschrien, ich konnte es nicht aussprechen, egal warum. Mittlerweile kann ich laut schreien, vielleicht nicht laut, eher leise, vielleicht nicht schreien, eher schreiben. Also bitte, dann schreie doch endlich, ich Volltrottel, ich Idiot. Ich bin ein Idiot. Jedoch ein Idiot mit Heilungspotential. Diese Gewissheit tröstet. Werde ich dieses Gefühl, nach dem ich mich so sehne, noch benennen können? Dieses Gefühl, dass ich in meiner Unwissenheit, Unerfahrenheit Liebe nenne, das vielleicht nur Verlangen ist. Wenn ich weiß, was ich will, dann muss ich dafür sorgen, dass ich es erhalte, und jedes Verlangen, jede Liebe erfüllt sich. Eine erfüllte Liebe. Voll an Liebe sein. Warum erfüllt mich dieser Gedanke mehr als die Aussicht, mit der Frau meiner Träume zu schlafen? Weil es in mir ist, nicht vom Außen abhängig? Ich bin ein Meister des Selbstbetrugs. Diese Worte, mein Schreiben werden nie zur Erfüllung führen. Sie stoßen mich an. Ich bin ein derart großer Volltrottel, ich werde noch im Sterben vom Leben schreiben, wobei es doch spätestens dann an der Zeit wäre, der Sehnsucht zu folgen. Ich bin wirklich verrückt, denn ich verstehe mich nicht. Was will ich? Was will ich von der Frau, die mich zum Schreiben zwingt? Völliger Quatsch: nicht sie zwingt mich zum Schreiben. Ich nutze das Schreibenü als… Ich weiß es nicht. Ich muss es auch nicht wissen. Was will ich? Ich will sie sehen. Mehr will ich nicht. Völliger Quatsch. Ich will, dass sie mich liebt, dass sie mit mir zusammen sein will, dass sie mit mir Dinge unternimmt, die zusammen noch mehr Spaß machen, und dann will ich mit ihr einschlafen. Aber das macht doch alles keinen Sinn. Vielleicht will ich nur Befriedigung. Ich bin verrückt. Und möglicherweise doch ohne Aussicht auf Heilung? Nein, warum so negativ? Wie war das noch mit der Fixierung? Ich erbärmlicher Feigling. Auch wenn ich damals am Anfang meines Lebens nicht schon verheiratet gewesen wäre, ich hätte mich nicht getraut, den Zwillingen aus der ersten Reihe im F1 der WWU Münster, BGB AT, zu sagen, dass sie ein schönes Gesicht haben. Hätte ich Ihnen sagen wollen, dass ihr Äußeres mir gefällt. Ihr Inneres kannte ich nicht. Ich war verrückt und bin noch immer verrückt. Und dann dieser vollendete Körper in der Studentensauna. Hätte ich ihr gesagt, dass sie einen vollendeten Körper hat, wenn ich nicht schon verheiratet gewesen war. Ich war noch gar nicht verheiratet, ich hatte nur den Treueschwur geleistet. Ich war erst 19 Jahre. Ich war ein Idiot. Hätte ich die Sexualität mit ihr erlebt, wieviel hätte ich aus dieser Begegnung gelernt? Ist die Sexualität der Sinn meines Lebens? Ich hätte meine Frau nie betrügen können. Ich war ein Idiot. Und warum will ich noch immer ein Idiot sein? Ich brauche kein Idiot mehr zu sein. Da ist niemand mehr, den ich betrügen müsste. Sie gefällt mir und in ihrer Nähe passiert etwas in mir. Irgendwelche Hormone werden produziert, die dieses angenehme Gefühl erzeugen. Ich weiß nicht, ob an diesem schönen Gefühl auch die Hormone beteiligt sind, die gebildet werden, wenn das Verlangen entsteht mit einer Frau den Orgasmus zu erleben. Ich weiß es nicht. Und was ich will, weiß ich auch nicht. Ich will sie nur sehen, mit ihr reden, ihr zuhören, von ihren Träumen hören, ihre Sehnsucht teilen, sie umschließen, ja, und dann wollte ich erleben, was in mir passiert, wenn ich mit ihr schlafe. Ich will endlich wissen, wie es sich anfühlt, wenn sich meine Seele in der Sexualität mit ihrer vereint. Ich will es erleben, vielleicht auch, weil ich es in meinem alten Leben schon einmal erlebt haben könnte. Ich bin ein Idiot. Will ich das? Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht bin ich auch nur verliebt. Vermutlich ist es derselbe Zustand, in dem ich bin schon mein ganzes Leben lang bin. Ich bin verliebt in die Liebe. Ein alter Schlagervers, dessen Bedeutung und Wirksamkeit mir erst heute bewusst wird. Verliebt in die Liebe. Und wenn ich ein Idiot bin, dann doch ein kluger Idiot, ein sensibler Idiot, ein verlässlicher Idiot, ein zärtlicher Idiot, ein fast perfekter Idiot. Besser Idiot als tot. Ich will mich nicht mehr an eine Frau binden, ich will aufhören, ein Idiot zu sein. Ich will die Vergangenheit von mir abstreifen. Ab heute bin ich neugeboren. Heute beginnt mein Leben, die leidvollen Erfahrungen der Vergangenheit sind gelöscht, das Schöne darf bleiben. Gefrühstückt habe ich schon. Jetzt hole ich mir von den Gaben, die das Leben für mich bereit hält. Platz da, ich komme!
Mein Herz
Das war’s dann. Der Versuch in ein neues Leben ist gescheitert. Kann die heutige Kalenderfrage etwas an meiner Befürchtung ändern? Was erfüllt mein Herz, egal ob ich auf der weltlichen Ebene gerade Siege oder Niederlagen erleide? Ja, mein Herz. Mein Herz, das immer schlägt, manchmal mit einem Stich, manchmal mit einen kleinen Schmerz grüßt. Hi, ich bin dein Herz, ich schlage 24 Stunden für dich, an jedem Tag, bis ans Ende unseres Lebens. Das ist doch schon mal gut, mein Herz ist bei mir. Ich bin nicht allein, und ich habe in ihm den treuesten Begleiter, den ich mir wünschen könnte. Treuer als jede Frau, treuer noch als jeder Hund. Treu bis der Tod uns scheidet. Und was kann ich meinem treuen Freund Gutes tun? Ich kann es mit gutem Essen ehren. Ich kann dafür sorgen, dass es aus Freude lacht, immer wieder einmal schneller schlägt, um dann langsamer zu entspannen. Mein Herz, mein treuer Freund, mein Herz, du hast verdient, dass es dir gut geht. So lange schlägst du schon für mich. Was kann ich für dich tun? Etwas, dass auch mir gut tut. Es tut mir gut, wenn die Sonne mich wärmt. Es tut mir gut, wenn mich Ruhe umgibt. Es tut mir gut, wenn mich ein Gesicht anlacht. Es tut mir gut, wenn ich dich seh. Tut es meinem Herz wirklich gut, wenn ich dich seh?
Ein kleiner Schritt
Was verursacht den Bauchschmerz? Ist es die Sorge um die Mutter, das Kind, die Sorge um die eigene Zukunft, die Traurigkeit über das Verhältnis zu meiner geschiedenen Frau oder mein Gefühl zu der einen Frau, deren Nähe ich wünsche. Für meine Mutter kann ich Sohn sein, für meinen Sohn Vater, meine Zukunft kann ich gestalten, in meinem Verhältnis zu meiner geschiedenen Frau kann ich Vergebung lernen und auf Vergebung hoffen. Und sie? Wäre ich ein guter Sohn, ein guter Vater, wäre die Zukunft heute, und hätte ich Vergebung gelernt, Vergebung erfahren, der Bauchschmerz würde bleiben, weil ich ihre Nähe wünsche. Ist das nicht wunderbar, welche Kraft sie auf mich ausübt. Gut möglich, dass er Blinde wieder sehen ließ, Taube hören, Lahme gehen und Herzlose lieben. Welche Kraft hat sie, dass sie den Bauchschmerz beendet, wenn sie meine Sehnsucht lockt? Es ist ihre Stimme, einmalig in Klang, Dialekt und Stimmung. Es sind ihre Augen und die unendliche Tiefe, die sich in Ihrem Blick auftut und mich anzieht wie der Sog eines Strudels. Es sind die Falten, die ihre Augen umspielen, wenn sie lacht und die tausend kleinen Sommersprossen, die tausend Bilder malen. Es ist die Magie ihres Wesens, nie berechenbar, nie da, immer anders, ihre schmalen Handgelenke, die den Duft der Welt tragen, scheinbar zerbrechlich und doch so stark, dieser starke Wille, unkapputbar, die Kraft, die Power, die Disziplin, die Selbstbeherrschung und Selbstdisziplin, die sie stetig vermittelt, ihre kleinen Hände, die immer einen letzten Rest, eine letzte Spur, eine letzte Erinnerung ihrer letzten Arbeit tragen. Und ihre Sehnsucht nach Liebe, nach dem Leben, die auch meine ist. Von ihr könnte ich lernen, was Liebe ist, wie Liebe geht, wie sich Liebe anfühlt. Jetzt, nach so vielen Worten, jetzt will ich mutig sein, will für mich eintreten, will meinen Bauchschmerz beenden und meinen Wunschzettel formulieren, so wie ich es als Kind vor Weihnachten tat. Ich schrieb einen Wunschzettel. Liebes Christkind! Ich wünsche mir… Hatte ich denn als Kind je einen Wunschzettel geschrieben? Kann ich mich noch an die Geschenke erinnern, die in den ersten zehn Lebensjahren unter dem Weihnachtsbaum lagen? Wir warten in der Küche, meine Eltern und Schwester, meine Großeltern und die Familie meines Onkels. Nur einer fehlte unter den Wartenden, denn einer schlug die Klingel, die zur Bescherung einlud; es war nicht das Christkind, wie gesagt wurde. Die Tür ging auf, wir drängelten verhalten, mit endloser Erwartung in den dunklen Raum, dem nur die brennenden Kerzen Licht gaben. Es wurde gesungen, Gedichte wurden aufgesagt und die Geschenke unter dem Baum mussten warten, zuerst wurde gegessen. Und dann saß ich da auf dem Sessel vor dem Baum, das verpackte Geschenk auf meinem Schoß. Und ich spüre noch heute die Hoffnung meiner Eltern, meiner Mutter, meines Vaters, dass ich mich über die Geschenke, die sie für mich gekauft hatten, freuen werde. Und ich erinnere mich an meine Hoffnung, dass auch meine Geschenke gefallen würden. An welches Geschenk kann ich mich erinnern, das sichtbar wurde, nachdem ich das Geschenkpapier entfernt hatte? Wie entfernte ich das Geschenkpapier, langsam, vorsichtig, löste ich den Tesastreifen vom Papier ohne es zu beschädigen oder legte ich das Geschenk mit einem Riss frei? Die Armbanduhr gab es später im Leben und ich höre noch meinen Vater fragen, ob sie mir gefallen würde. Ich erinnere noch, wie ich sie nach den Weihnachtsferien im Unterricht am Handgelenk trage. Mit welchem Gefühl war dieser Augenblick verbunden? Eine Armbanduhr. Wie lautet mein heutiger Wunschzettel ans Christkind, ans Universum? Damals war es einfach. Ich durfte Gegenstände aufzählen. Heute wünsche ich mir keine Gegenstände, Gegenstände sind käuflich. Heute wünsche ich mir ein Gefühl, ein schönes Gefühl. Ob ich mir als Kind auch ein Gefühl gewünscht hätte, hätte ich gewusst, dass ich mir auch Gefühle wünschen darf?

Worte ans Universum
Wird es mir gelingen, ohne Rechtfertigung, ohne vorherige Begründung, meinen Wunsch zu formulieren, um ihn dann auch auszusprechen? Ist nicht dieser fragende Satz schon Beleg genug, dass ich wieder nach Ausreden suche, den Ausspruch meiner Wünsche zu umgehen, indem ich den Sinn meines Wunsches schon jetzt in Frage stelle, weil ich befürchte, selbst die Erfüllung meines Wunsches würde vermutlich nichts an meinem Mangel ändern, weil ich glaube mich zu kennen, weil ich glaube, dass mein altes Muster, sich nach Erfüllung meines Wunsches auch dieses Mal wiederholen würde? Warum kann ich nicht aussprechen, was ich will, was ich ersehne? Es ist doch nur ein Wunsch. Ein Wunsch, der nichts kostet, nur meinen Mut.

Umarmungen
Als das Telefon klingelte und ich nach sechs Jahren das erste Mal die altbekannte Vorwahl las, war mein erster Gedanke, den ich dann auch sofort aussprach, nachdem sie sich mit den Worten gemeldet hatte, sie sei’s: „Ist etwas passiert?“ Ich hörte ihr drei Sätze zu und kündigte in beherrschter, erstaunlich ruhiger Art an, dass ich jetzt auflegen werde. Als ich später noch einmal auf’s Handy schaute, sah ich, dass kurz nach diesem Anruf meine Mailbox besprochen worden war. Wird jetzt meine Erinnerung an sie durch diese Worte, die sie mir hinterließ, bestimmt? Veit Lindau behauptet in seinem heutigen Kalenderspruch, mein Leben sei ein 100-prozentiges Abbild meiner unbewussten geistigen Einstellung. Ich ergänze: Mein Leben ist ein 100-prozentiges Abbild meiner Angst, eine Angst, die mich mit einem schlechten Gefühl im Bauch empfängt, wenn ich morgens erwache, die mich tagsüber erwischt, wenn ich die Einsamkeit spüre. An den ersten Tagen vor sechs Jahren hat dieser Schmerz in der Mitte meiner Selbst fast den ganzen Körper erfasst und nur in dieser einen, letzten Nacht vor sechs Jahren war er weg, weg durch Berührung.
Im Gegensatz zu früheren Epochen herrscht mmittlerweile ein breiter Konsens darüber, dass Sexualität ein natürliches Bedürfnis des Körpers ist. Heutzutage gilt es als gesichert, dass sich mangelnder Sex zum Problem ausweiten und zu Stress, Isolation und Konzentrationsschwierigkeiten führen kann. Es gibt jedoch einen weiteren Bereich körperlicher Bedürfnisse, der bisher noch nicht voll anerkannt Ist, nämlich, dass man in Zeiten von innerer Unruhe und Angst ganz einfach eine Umarmung braucht. Im Allgemeinen hat niemand etwas gegen Umarmungen, aber es widerstrebt uns, sie als ernsthafte, emotionale Bedürfnisse zu bezeichnen….Einem kleinen Kind ist nicht mit Erklärungen und Argumenten geholfen, es reagiert auf Berührung: sanfter, weicher Druck beruhigt und entspannt den Körper und beschwichtigt das erregte Gemüt….Auch wenn wir es uns nicht gerne eingestehen, passiert es doch oft im Leben, dass wir in so eine Situation geraten. .. Eine Umarmung bedeutet mehr als der Wunsch nach Körperkontakt, sie ist das Eingeständnis unserer Abhängigkeit und Schwäche. Alain de Botton, Gelassenheit Zeit für ein gutes Leben. Süddeutsche Zeitung Edtion, 2018, S 139 bis 145.