Werte schaffen

Alles, was ich erzähle, ist erfunden. Einiges davon habe ich erlebt. Manches von dem, was ich erlebt habe, hat stattgefunden. Nach Matthias Brandt. Raumpatrouille









Die Liebe vergessen?
Es fühlte sich eigenartig unspektakulär an, mit Erin zusammen zu sein. Nach all den jahrelangen Phantasien, in denen ihre Gegenwart immer mit höchster Aufregung oder zumindest Intensität, Wachheit oder Überschwang verbunden gewesen war, musste das eigentlich eine Enttäuschung sein, aber so empfand er es nicht. Was er fühlte, war Erleichterung. Als wäre er einen jahrelangen Krampf endlich losgeworden, als erhielte er eine Art von Beweglichkeit zurück, deren befreiendes Fließen oder Schwingen oder Gleiten er schon beinah vergessen hatte… Er hatte sich die ganze Zeit über eingebildet, darauf nicht zu hoffen, aber als sie ihn umarmte und er ihren Koffer an sich nahm, fühlte er wieder diesen Krampf, der sich löste, und das Fließen, Gleiten und Schwingen, das in seinen Körper zurückgekehrt war…Egal, was wird, was war, war gut. Michael in Thommie Bayers Vier Arten, die Liebe zu vergessen.

Schöne, liebliche, neckische, unverständliche, weiche, duftende, sanfte Stellvertreterin
„Du bist so wie keine“ und die aufschwellenden Geigen zusammen mit den tiefen Tönen der Trompete schaffen es noch immer, meine Augäpfel in Tränenflüssigkeit zu tauchen. An wen denke ich, wenn es mich packt? Die Worte und der Klang der Musik sind gut vorbereitet, denn das Lied beginnt mit der Aussage „Du, ich muss gerade an dich denken.“ An wen denke ich, wenn ich mich höre, wie ich singe: „Du, ich muss gerade an dich denken.“  Und wer ist die Frau, der ich nur fünf Minuten in die Augen schauen will und dafür auf alle irdischen Güter verzichte? Wer ist die Frau, mit der ich nur fünf Minuten inniger Verbundenheit erleben will, eine Verbundenheit, die schöner ist als eine Finca auf Mallorca oder ein Gestüt mit zwanzig Pferden? Diese Frau könnte die Frau sein, die mir beistand, als ich Hilfe brauchte. Diese Frau könnte auch die junge Frau sein, gegen deren Existenz ich mich seit vier Jahren wehre. Sie könnte auch die Frau sein, auf die ich schon seit dem Ende meiner Pubertät warte. Vielleicht ist diese Frau auch nur Stellvertreterin für meine verschüttete Lust am Leben.

Ideengeber – Lösungenfinder – Lebenshelfer – Kümmerer – Gestalter
Ob ich Architekt sei, wollte der Mann wissen. Schon einmal wurde mir die Frage gestellt und zur Erklärung auf mein Äußeres verwiesen. Ich glaube – ja, ich will sogar behaupten, dass ich weiß, dass diese Wahrnehmung richtig ist, wenn man die Tätigkeit eines Architekten wie folgt neu definiert. Ja, ich bin ein Gestalter. Ich habe Spaß am Gestalten, am Erschaffen, am Kreieren, an der Entstehung, an der Veränderung, an der Verbesserung von Gegenständen, Spaß, künstlerisch zu wirken und Spaß, positiven Einfluss auf Menschen zu nehmen. Ich habe Spaß an schönen Dingen, schönen Häusern, einer schönen Einrichtung, schöner Kleidung, schönen Menschen, schön in ihrem Aussehen, schön in ihrer Ausstrahlung. Ich hatte Spaß am Wettstreit, das Fußballspiel gestalten, das Spiel lenken, das Spiel gewinnen, als kleiner Junge hatte ich Spaß am Kochen, hatte Spaß, beim Tapezieren der Wände zuzuschauen, nach dem Besuch des Hippiemarktes auf Ibiza habe auch ich eine Lederkette gebastelt, ich habe Musik gemacht, wollte zaubern, habe Filme gedreht, habe über Unterhaltungsformate nachgedacht. Ja, ich bin ein Künstler, ein kreativer Mensch. Aber nein, Architekt bin ich nicht. Ich bin auch kein Dies und Jenes, das wäre mir vermutlich auf Dauer zu monoton. Und deshalb bietet sich die Tätigkeit als Manager, Agent, Fürsprecher, als Ideengeber, Zielhelfer, Kümmerer für andere an, zumindest als Grundlage für weitere Überlegungen.

In ein neues Leben
OK, fange ich an. Die erste Entscheidung ist gefallen, noch bevor ich die Frage formuliert habe. Ich werde nie wieder als Lehrer arbeiten. Das Wieso, das Weshalb und das Warum meiner Entscheidung sind völlig egal. Ich frage mich noch einmal: „Willst du noch einmal als Lehrer arbeiten? Und ich antworte: „Nein“. Kein Wieso, kein Warum, kein Weshalb, keine Erklärung, keine Rechtfertigung und auch kein Aber. Das mit dieser Entscheidung auch das regelmäßige, stete Einkommen entfällt, bringt meine Entscheidung nicht ins Wanken.

Ich frage mich als Zweites: „Willst du noch einmal als Rechtsanwalt arbeiten? “ Und ich antworte: „Nein.“ Die Antwort auf die zweite Frage ist nicht so zwingend und unumstößlich wie die erste Antwort. Da ich aufgrund eigener Vorgabe nur zwischen Ja und Nein wählen kann, bleibe ich bei meiner Antwort:“Nein, ich will nicht mehr als Anwalt arbeiten.“

Wenn ich mein neues Leben gestalte, werde ich mich an die Gründe erinnern , die mich am Anfang meines Lebens bewogen haben, den Beruf des Anwalts anzustreben. 

Nachdem ich nun innerhalb weniger Minuten zwei Fragen beantwortet habe, frage ich mich, welche Umstände noch geklärt werden müssen, damit ich mein neues Leben in einer Art und Weise leben kann, die meinem Wesen, meinem Charakter, meiner Person, meinen Bedürfnissen, und meiner Sehnsucht entspricht. Die dritte Frage muss mein Verhältnis zu den Menschen bearbeiten, die mir in meinem Leben wichtig waren und noch immer wichtig sind. Ich merke, dass ich die Suche nach der Antwort zurückstellen muss und mich zuerst mit meiner beruflichen Zukunft befassen will.

Hier kann ich eine Antwort finden, wenn ich mich einleitend frage,  welche Dinge ich in meinem langen Leben gerne, freiwillig und aus eigenem Antrieb heraus gemacht habe, um sodann zu überprüfen, ob es Gemeinsamkeiten, Übereinstimmungen unter den Dingen meiner Auflistung gibt. Ich schreibe. Ich nehme Musik auf. Ich gestalte eine Internetseite. Ich nehme Einfluss auf Menschen. Ich erkenne schöne Dinge. Ich male. Ich spielte Fußball. Ich…

Und erst dann, im zweiten Schritt will ich die Frage beantworten, ob diese Tätigkeit meine Kosten für Wohnen, Essen und Unterhaltung erwirtschaften kann.

Ja oder Nein
Ich hatte mein Fahrrad auf dem Parkplatz abgestellt und war die hundert Meter bis zum Dünenkamm gelaufen, um von hier einen letzten Blick auf das Meer zu haben. Nun saß ich hier, schaute aufs Meer und wollte innerhalb der nächsten zwei Stunden eine Antwort auf die Frage finden, wie mein Leben weitergehen solle. Zu lange hatte ich schon nach einer Antwort auf diese Frage gesucht ohne eine Antwort gefunden zu haben. Die Sonne, die dem Horizont immer näher kam und in zwei Stunden im Meer versinken würde, zeigte mir groß und schön die mir verbleibende Zeit an. Wenn die Sonne eingetaucht sein würde und sich kurz davor noch mit einem letzten Leuchten für diesen einen Tag verabschiedet hätte, wollte ich Antworten gefunden haben. Ich hätte meine Fragen so zu stellen, dass sie nur mit einem Ja oder einem Nein zu beantworten wären. Kein „vielleicht“, kein „es kommt darauf an“, kein „mal sehen“, nur Ja oder Nein.

Fragen und Antworten
Liebe ich dich?
Nein.
Habe ich dich je geliebt?
Vielleicht.
Bist du mir egal?
Nein.
Warum habe ich mit dir gelebt?
Du hast mir leid getan.
Gibt es auch andere Gründe?
Weil ich ohne dich alleine gewesen wäre.
Habe ich noch immer Mitleid mit dir?
Ja. 
Bereue ich, dich kennengelernt zu haben?
Ja.
Wollte ich dich noch einmal sehen?
Nein, vielleicht irgendwann.
Wollte ich, dass du dich bei mir entschuldigst?
Ja.
Warum weine ich?
Ich bin traurig.
Warum bin ich traurig?
Weil ich das Gefühl habe, mein Leben wäre entwertet, ohne Sinn.
Will ich, dass du mich tröstest?
Ja und nein.
Könntest du mich trösten?
Nein.
Wäre es für mich angenehm, du würdest mich in den Arm nehmen?
Nein.
Hasse ich dich?
Nein.
Was fühle ich?
Ich fühle mich hintergangen und belogen.
Tut mir dieses Gefühl gut?
Nein.
Beneide ich dich um dein Glück?
Welches Glück?
Um deine Arbeit?
Nein.
Um den Ort, an dem du lebst?
Nein.
Um die Nähe zu Münster?
Ja.
Habe ich dich belogen?
Nein.

Wählerisch
Vor mir liegt eine Tastatur, die sich gut bedienen lässt. Und bei jedem Anschlag erscheint auf dem Bildschirm des mir auf einem kleinen Stativ zugewandten Smartphones der gewählte Buchstabe, das gewählte Zeichen. Ist das jetzt ein kleines Wunder oder einfach nur der Stand unserer technischen Entwicklung? Ich finde das toll. Ja, für mich ist das ein kleines Wunder. Und deshalb: ein „a“ extra.  Als wir klein waren, gab es auch schon Wunder, nur dass ich das Wunderbare nicht angemessen bewundert habe, es einfach als gegeben annahm. Ich konnte stundenlang mit dir telefonieren. Es war ein Ortsgespräch. An meiner blauen Herkulesmofa brauchte ich nur am Handgriff drehen und sie fuhr los. Vielleicht hätte ich das Wunder der Fortbewegung noch verstanden, wenn ich mich dafür interessiert hätte. Immer, wenn es nicht fuhr, und das kam nur ganz selten vor, brachte ich das Mofa in die Werkstatt und es wurde von meinem Onkel oder einem seiner Mitarbeiter repariert. Es gab den Fernseher, das Radio, Elektrizität, die Gasheizung. Alles das war da. Es wurde von mir genutzt, ohne dass mich interessierte, warum es funktionierte. Nur einmal wollte ich wissen, warum der Dynamo meines Fahrrads Licht erzeugen konnte. In der Werkstatt meines Opas lagen einige Dynamos, die ich zerlegte. Später wurde der Dynamo im Physikunterricht behandelt. Fast alles, was ich im Physikunterricht erlernen musste, ist vergessen, auch das Erlernte aus dem Chemieunterricht hat sich verflüchtigt. Von dem Geld, das ich zur Konfirmation bekam, kauften meine Eltern mir eine Super-8 Kamera. Ich glaube, ich war der einzige Schüler, der eine Kamera besaß, zumindest war ich der einzige Schüler, der die Kamera mit in die Schule nahm, um Aufnahmen während des Englisch-, Sport- und Religionsunterrichts zu machen. Es waren nur bewegte Bilder, der Ton fehlte. Wenn ich meine Neigungen und Interessen aus der Kindheit als Auswahlhilfe für meine berufliche Zukunft nehme, muss ich festhalten, dass mich alle Unterrichtsfächer gelangweilt haben, ausgenommen Sport und Kunst. Im Fach Deutsch habe ich nichts gelernt, an das ich mich heute erinnere, das ich für mein heutiges Leben gebrauche. Gleiches gilt für alle anderen Fächer. Ich war schon immer sehr wählerisch.

Zwei ist Eins.
Wird mir ein zweiter Wunsch einfallen? Ein zweiter Wunsch. Welche Türen muss ich aufbrechen, dass der zweite Wunsch für mich sichtbar, fühlbar, spürbar wird? Ein zweiter Wunsch?
Ich versuche mich auf dich zu besinnen. Denn dich zu sehen, ist mein wahrer Wunsch, mein einziger Wunsch, mein erstes Bedürfnis, ist jetzt, ist heute mein einziges Bedürfnis. Dieses eine, vorherrschende Bedürfnis, das alle anderen Wünsche überlagert, verschüttet, unsichtbar macht, ist jetzt mein Wunsch. Aber dieser Wunsch wird sich nicht erfüllen, solange es nicht auch dein Wunsch ist, mich zu sehen. Mich zu sehen, muss dein Wunsch werden. Wie stelle ich es an, dass du mich sehen willst, dass du mich mit dem gleichen Verlangen, dem gleichen Antrieb, der gleichen Lust, der gleichen Freunde, die meinen Wunsch beseelt, nahe sein willst? Ich schließe die Augen und versuche dein Gesicht vor meinem inneren Auge sichtbar zu machen. Ich will wahrnehmen, welche Gefühle mein Blick auf dein Gesicht in mir auslösen. Ich will achtsam sein. Achtsamkeit ist die bewusste, aber nicht wertende Wahrnehmung der Gegenwart, wie sie sich in mir und meiner Umwelt im Hier und Jetzt zeigt. Ich sitze aufrecht, die Füße stehen nebeneinander und ich warte auf meine Wahrnehmung. Da ist der leichte Muskelschmerz, der sich über meine Herzgegend legt. Es muss dein Wunsch sein, mich zu sehen. Ich stehe am Anfang einer Straße. Die Straße ist abschüssig. Ich kann weit in den Straßenverlauf sehen. Links und rechts der mehrspurigen Straße stehen überwiegend Gewerbebauten, Autohändler, Möbelläden, Discounter, Küchenläden. Und ganz am Ende dieser Straße stehst du. Es ist dein Wunsch, mir entgegen zu gehen. Der leichte Anstieg hat überhaupt keinen Einfluss auf die Leichtigkeit deiner Schrittfolge. Du willst zu mir kommen. Dein Wunsch, in meinen Armen Heimat zu finden, ist so groß, dass mit jedem Schritt deine Entschlossenheit deutlich wird. Du willst zu mir kommen. Wie von einem Faden geführt, gehst du direkt auf mich zu, ohne auch nur den geringsten Ausfall nach links oder rechts zu machen. Dein Wunsch, in meinen Armen, an meiner Brust, an meiner Wange, Frieden zu finden, ist so groß, dass du dich beschränken musst, damit dein kräftiger, fester Schritt nicht in ein Laufen wechselt. Du gehst den Weg konzentriert, mit graden, festem Blick und du willst jeden Schritt, der dich mir näher bringt, bewusst gehen. Du willst spüren, wie jeder große Schritt, den du tust, die Anziehung, die du in dir spürst, wachsen lässt. Du willst jeden Schritt auskosten, um zu spüren, dass jeder Schritt, der dich mir näherbringt, dein Verlangen, deine Sehnsucht nach mir noch größer werden lässt. Es ist dein Wunsch, mir nah zu sein. Und mit jedem Schritt kommst du mir näher. Habe ich dich am Anfang deines Weges, ganz unten, da wo die Straße aus dem Tal in gerader Linie zu mir führt, ohne dich sehen zu können, gleichwohl erkannt, so wirst du auf der Mitte des Weges immer deutlicher für mich. Was ist der Grund, der dich bewegt, mir nahe zu sein. Ich schließe die Augen und will mich in deinen Wunsch einfühlen. Ich sitze aufrecht vor meiner Tastatur, mein Bauch verkrampft, wird hart, zieht sich nach innen, mein Oberkörper fängt an, leicht zu schaukeln, ich tanze im Sitzen. Und der Abstand zwischen uns wird kleiner, zwanzig Meter. Du bleibst stehen. Lässt dich leiten von meinem Rhythmus, den du übernimmst. Dein Körper dreht sich im Kreis, deine Hände zeigen in die Höhe, jede Bewegung deines Körpers, der Beine, der Hüfte, des Oberkörpers spiegelt meine eigene Bewegung. Dein Wunsch, mir nahe zu sein, ist jetzt kurz vor der Erfüllung. Nur wenige Meter trennen dich noch von mir. Gleich werde ich dir meine großen Hände entgegenhalten, die du greifen kannst. Du wirst sie halten und ganz langsam um deinen Körper legen und mich mit leiser Stimme, ganz langsam, ganz sanft auffordern: „Halt mich fest.“ Dein Kopf verliert sich in mir und ich kann dich spüren. Dein Atem wird ruhig, langsam. Du wirst ganz still. Du bist angekommen und schläfst ein, nicht ohne zuvor nach einem tiefen Atemzug die totale Erleichterung auszuatmen. Es war dein Wunsch nach Frieden, der dich zu mir führte, Frieden in dir und Frieden mit mir.

Seesack
Ich hatte meinen Seesack auf dem Bahnsteig abgestellt und dabei darauf geachtet, eine trockene Stelle zu finden, da der Bahnsteig wohl noch vor kurzem nass gereinigt worden war. Der Herr neben mir, gekleidet in einem blauen Anzug, mit weißem Hemd und schwarzen Schuhen, sprach mich an. Er würde am Wochenende vor der englischen Küste segeln. Der Seesack ließe sich auf dem Schiff vermutlich leichter verstauen als ein Hartschalenkoffer. Als der Zug, auf den wir beide warteten, hielt, ließ er mir mit meinem bis oben hin gefüllten Seesack, meiner Sporttasche und einem kleinen Rucksack den Vortritt. Der EC war schon gut gefüllt und zusammen mit mir und dem Mann im blauen Anzug traten etliche Mitreisende in den Zug, die alle nach einem noch unbesetzten Sitzplatz drängten. Gleichwohl fanden wir, der Mann im blauen Anzug und ich, auf zwei gegenüberliegenden Sitzen unsere Plätze, ohne jedwede Anstrengung, so als hätte man die Plätze für uns reserviert. Mein Gegenüber steckte sich zwei weiße, kabellose Kopfhörer in die Ohren, nachdem er für kurze Zeit davon ausgegangen war, dass ich unser kurzes Gespräch am Bahnsteig jetzt, nachdem der Zufall uns die Möglichkeit bot, fortsetzen würde. Mit den Worten, die zwei Kopfhörer seien wohl das Signal, dass ein Gespräch jetzt nicht mehr möglich ist, suchte ich dann den Einstieg in das Gespräch; der Mann im blauen Anzug interessierte mich. Mein Gegenüber nahm die Kopfhörer aus den Ohren und in der halben Stunde, die folgte,  erzählte er mir aus seinem Leben und ich ihm von meinem Leben. Als wir den Zug verließen, stand mein Folgezug schon wartend auf dem Gleis gegenüber. Beladen mit meinem Gepäck hörte ich die Durchsage: „Bitte einsteigen, die Türen schließen.“  Ich erreichte den Zug und als ich den ICE betreten hatte, schlossen seine Türen. Ich schrieb dem Mann im blauen Anzug, unmittelbar nachdem ich Platz genommen und meine Reisetaschen verstaut hatte, eine SMS: „Tschüß, das war knapp, auf die letzte Sekunde. Es war schön, Sie ein wenig kennengelernt zu haben.“ Ich hatte ihm im Verlauf unserer Unterhaltung meine Visitenkarte gegeben und dabei von meinem Wusch erzählt, alsbald ein ganzes Jahr in England zu (v)erleben. Vielleicht würden seine englischen Kontakte irgendwann und irgendwie einen positiven Einfluss auf meine Wunscherfüllung haben.
In den Nachbetrachtung dieser Begegnung halte ich es für möglich, dass das Universum schon an meiner Wunscherfüllung arbeitet, die anscheinend reservierten Sitzplätze könnten ein Hinweis auf die Richtigkeit meiner Annahme sein. Der Mann im blauen Anzug hieß Pascal. Ich konnte mich mit meiner SMS für die Begegnung mit ihm bedanken, weil auch er mir seine Visitenkarte gegeben hatte.

Wenn du die amüsieren willst, gib ihnen, was sie wollen. Konietzka zu Friedrich. […] Du bist immer für mich da gewesen. Mehr als ich für dich. Friedrich zu Silvia in Frank Goosens Roman Pokorny lacht.

Dreiundzwanzig
Ich war dreiundzwanzig, ich hatte eine Affäre mit einer achtzehn Jahre älteren Frau, ich hatte ein Auto und eine Wohnung, und ich wusste nicht, was ich mehr haben wollte. Etwas mehr Geld vielleicht. Helmut in Frank Goosens Roman liegen lernen

Mein erster Wunsch
Ich will für ein ganzes Jahr nach England, vielleicht London, vielleicht an die Küste. Ich will die Sprache lernen und anwenden, ich will die englische Liebenswürdigkeit und Ehrlichkeit entdecken. Ein Jahr. Und dann? Für ein Jahr nach Italien, dann Spanien, dann Tschechien. Und dann, bin ich fünf Jahre älter.

Einundzwanzig
Als der Frühling kam, saß ich am offenen Fenster und löffelte heiße Ravioli. Ich war einundzwanzig Jahre alt, hatte ein Auto, eine Wohnung, eine Menge Musik und meine erste echte Trennung hinter mir. Ich konnte in Ruhe abwarten, was als nächstes kam. Helmut in Frank Goosens Roman liegen lernen

Fünf Tage
Ich saß montagmorgens in der Arbeit und wünschte mir, ich könnte die Uhr bis zum Arbeitsende am Freitag vorstellen. Ich war bereit, fünf Tage meines Lebens pro Woche dranzugeben, nur um die Tage zu erreichen, die ich mochte. John zu Jessica in John Streleckys Wiedersehen im Cafe am Rande der Welt.

Handeln
Was will ich sehen, tun oder erleben, bevor ich sterbe. Ich habe andere Menschen gefragt: Ferrari fahren, ein eigenes Haus, das Polarlicht sehen. Vergleiche ich die Wünsche mit der Weisheit Siegmund Freuds, der behauptet, wir hätten nur zwei Motive für unser Tun, den Sexualtrieb und das Verlangen nach persönlicher Geltung, ist nicht sofort deutlich, welchem Motiv der Wunsch, das Polarlicht zu sehen, folgt. Warum kann ich keine Wünsche formulieren, andere als die, die auch ich mit jedem anderen Menschen teile, Gesundheit für mich und meine Kinder, Geld für alles, das man kaufen kann, sexueller Genuss. Die Gedankenspiele, meine  Überlegungen bringen mich nicht wirklich weiter. Was tun? Ich muss ins Handeln kommen. Was will ich jetzt, jetzt gerade? Ich will jetzt keine Beachtung, Geltung und ich will keine sexuelle Befriedigung. Ich spüre gerade mein Herz, es zwickt mich, ich spüre es. Anders als sonst, sonst bemerke ich es nicht. Schon gestern meldete es sich auf diese Art, ich blieb stehen, beugte mich vor und fragte mich, was das jetzt sei. Ich wollte keine Angst aufkommen lassen, ich wollte auch nicht zum Arzt. Wenn es das Ende wäre, dann soll es so sein. Sollte mein Herz sich noch ein paar Mal melden, würde ich mich untersuchen lassen. Bis dahin sollen andere Wünsche, als der nach bleibender Gesundheit, leitend sein. Wenn ich jetzt könnte, wie ich wollte, würde ich jetzt zu ihr fahren. Ich würde zu ihr fahren und ihr sagen, dass ich ein wenig Zeit mit ihr erleben will. Mehr will ich gerade nicht, und nichts anderes will ich gerade jetzt. Und so lange ich nicht tue, was ich will, bleibt der Blick auf andere Wünsche verschlossen. Ich fahre jetzt ans Meer.

Verstopfung
Warum fällt es mir so schwer, fünf Dinge zu benennen, die ich ich tun, sehen oder erleben möchte, bevor ich sterbe. Die Frage ist jetzt zwei Tage alt, und ich habe noch immer keine Antwort. Ich kann die Dinge nicht sehen, so als wäre das Guckloch versperrt, die lange Röhre des Pusterohrs verstopft, als würde der Deckel auf dem Fernrohr sitzen. Ich bin mir sicher, dass auch ich diese fünf Dinge benennen könnte, wäre mein Blick frei, hätte ich freie Sicht. Und so wie ich den Pfropfen aus dem Guckloch, den Dreck aus dem Pusterohr, das Wasser oder den Ohrenschmalzpfropfen aus dem Gehörgang oder den Deckel vom Fernrohr entfernen muss, um klar zu sehen, klar zu hören, muss ich das, was es mir so schwer macht, nahezu unmöglich macht, die fünf Dinge zu benennen, die ich tun, sehen oder erleben möchte, bevor ich sterbe, beiseiteschaffen.

Kritik ist nutzlos, denn sie drängt den anderen in die Defensive, und gewöhnlich fängt er dann an, sich zu rechtfertigen. Kritik ist gefährlich, denn sie verletzt den Stolz des anderen, kränkt sein Selbstgefühl und erweckt seinen Unmut.[…] Vorwürfe sind wie Brieftauben, sie kehren immer wieder in den eigenen Schlag zurück.[…] Wenn es möglich ist, dass der Geltungstrieb Menschen in die Arme des Wahnsinns treibt, so kann man sich leicht vorstellen, was man mit ehrlicher Anerkennung beim normalen Menschen zu erreichen vermag. Dale Carnegie. Wie man Freunde gewinnt. 1937.

Kino
Ich war im Kino, war schockiert, war genervt, war wütend, litt, lachte und war berührt. Am Morgen nach meinem Kinobesuch wachte ich auf und erinnerte ich mich an den Traum der Nacht. Ich hatte geliebt, dreimal mit einer Frau geschlafen, dreimal Liebe empfunden, Liebe erlebt. Und jetzt im Übergang von Schlaf und Erwachen, wollte ich zurück in meinen Traum, wollte wissen, wer die Frau war, mit der ich die Liebe erlebte. Es war mir nicht gelungen. Vielleicht hatte ich auch in meinem wachen Leben die Liebe erlebt. Und vielleicht war auch ich mit ihr eins, als unsere Körper still aufeinanderlagen und nichts zwischen unserer beider Leiber passte. Ja, ich muss nicht sterben, ohne jeh das Gefühl des Augenblicks der vereinten, perfekten Liebe erlebt zu haben. Schade nur, dass mein Traum mir nicht erinnerbar verriet, mit wem ich diese Liebe erlebte oder erleben werde. Mein Traum hat mich an Erlebtes erinnert, er wird aber auch ein Hinweis auf das sein, was kommt. Der Traum zeigt mir eine erlebbare Zukunft , er belebt meine Fähigkeiten und Möglichkeiten. So, jetzt will ich arbeiten. Welche fünf Dinge will ich tun, sehen oder erleben, bevor ich sterbe?

Das Café
Warum bist du hier?
Hast du Angst vor dem Tod?
Führst du ein erfülltes Leben? […] Tränen sind wertvolle Zeichen. Sie deuten darauf hin, dass uns etwas wichtig ist. Manchmal ist es die einzige Möglichkeit unseres Herzens um dem Rest von uns mitzuteilen, dass es etwas begriffen hat. [….] Ich schaukelte so hoch ich konnte, bis ich die Leere unter mir spürte. Sie kennen bestimmt diesen Moment, in dem man mit der Schaukel den höchsten Punkt erreicht.[…] Er inspirierte den Mann dazu, über die fünf Dinge nachzudenken, die er in seinem Leben am liebsten tun, sehen oder erleben wollte, bevor er starb. Darauf sollte er dann seine Zeit und Energie als Erstes ausrichten. Der Rest würde sich ergeben. Er bezeichnete diese fünf Dinge als Big Five for Life. Der Mann erklärte mir, dass man sich angesichts der Vorstellung, den Sinn des eigenen Lebens herausfinden zu wollen, überfordert fühlen kann. Daher sollte man kleiner anfangen, nämlich mit diesen fünf Dingen. Wenn man diese verwirklicht, lernt man sich selbst kennen. Und sobald man sich selbst besser kennt, ist es leichter, sich über den Sinn des eigenen Lebens klar zu werden.[…] Fast alles wirkt neu und seltsam, bis man es selbst tut.
John Strelecky. Wiedersehen im Café am Rande der Welt.

Das geht vorbei
Das ist der Moment, in dem er zum ersten Mal an Charlie denkt, jedenfalls heute, aber wegen ihr ist er ja gar nicht hier, sondern wegen des Termins mit dem Makler. Immerhin, keine zehn Minuten hat es gedauert, denkt er, bis ich das erste Mal an sie gedacht habe, aber das geht auch wieder vorbei. […] Das ist alles Vergangenheit, und die zieht dich runter, und dann kommst du nicht mehr hoch. […] Er bleibt stehen und lehnt sich an eine raue, warme Hauswand. Charlie hat mich gemacht, denkt er.[…] Und dann kommt Charlie herüber, fasst Stefan an der Hand und sagt: „Pass mal auf Kollege, ich weiß nicht wie du das siehst, aber ich finde, wir müssen reden!“ […] Und Stefan wird mal wieder klar, dass nichts in seinem Leben sich richtiger anfühlt, als mit ihr in einem Raum zu sein. Meine Güte wie kann er nur immer so viel Energie darauf verwenden, das zu leugnen? […] Es stimmt schon, so mit einem halben Bein war er immer zuhause, mindestens mit einem Viertel seiner Gefühle immer bei Charlie, und das muss doch mal ein Ende haben. Stefan in Frank Goosens Roman Sommerfest.

Du bleibst bei uns. Ist ja klar! Cornelius zu Julia in Das Leben vor mir.

Ti vorrei rivivere
Ich sollte besser schlafen, als jetzt noch zu schreiben, denn meine Müdigkeit lässt nicht hoffen, dass mir jetzt ein kleiner Schritt hin zur Erkenntnis gelingen könnte, manchmal aber überrasche ich mich selbst, vielleicht ist jetzt dieser Moment. Während ich schreibe, erklingt in meinen Ohren eine zufällig zusammengestellte Playlist italienischer Musik, drei Lieder hatte ich vorgegeben, den Rest wählt spotify. Warum diese Vorliebe für Italien. Ganz viele Bilder wechseln sich vor meinem inneren Auge ab, der Festplatz auf dem die Bewohner des Ortes tanzten, die Kinder, die damals noch klein waren und so schnell alt geworden sind. Ich war damals dabei, und jetzt in der Rückschau habe ich Zweifel, ob ich, der ich heute bin, derjenige war, der damals dabei war. An welche Bilder soll ich mich erinnern, wenn mein Leben keine Zukunft mehr hat. Mit wem soll ich am Ende meiner Zeit die Erinnerungen teilen? Hat mein Leben wirklich noch die Zeit, neue Erinnerungen zu schaffen, die so gewaltig sind wie Geburt und das Großwerden der Kinder. Welche Bedeutung haben wir Menschen hier auf der Erde, eine andere als alle anderen Geschöpfe? Leben um die Art zu erhalten. Ich werde jetzt mit dem Schreiben aufhören und schlafen.

Yoga Nidra
Die Formeln „Abstand durch gedankliche Nähe schaffen“ und „Normalität erreichen durch gedankliche Zuwendung, anstatt durch Loslassen“ halte ich für richtig, muss sie mir aber noch beweisen. Es sind Formeln, die für mich gültig sind, nicht zwingend auch für andere. Wie soll ich mich jetzt öffentlich einer Frau zuwenden, von ihrem Aussehen, von ihrer Art erzählen? Ganz einfach, all meine Worte finden Anwendung auf jede Frau. Hat nicht jede Frau Hände, Unterarme, Ellenbogen, Oberarme, Schulter, Rücken, Becken, Po, Oberschenkel, Kniekehle, Unterschenkel, Ferse, Fußsohle, Zehen, Unterbauch, Oberbauch, Brust, Hinterkopf, Schädeldecke, Augen, Brauen, Wangen, Nase, Mund? Und während ich schreibe, merke ich, dass mich das Schreiben nicht weiterbringt. Ich versuch’s mal anders. Ich stelle mir vor, sie stehe vor mir. Wir stehen uns gegenüber, sie schaut mich an, ich schaue sie an. Ich schaue in ihre Augen, sie schaut in meine Augen. Und nun? Es fällt mir schwer, sie nur anzuschauen, meine Hände möchten nach ihren Händen greifen. Und vielleicht will ich sie auch an mich ziehen, damit mein Blick ihrem Blick ausweichen und ins Leere schauen kann. Ich sammle mich, rieche ihren Duft, spüre ihren Herzschlag, fühle die Formen ihres Körpers, die Wärme, die sie mir gibt. Einfach nur so verweilen, geht das? Nicht denken, einfach nur so bleiben bis der Körper, ihr Körper Veränderung will.

Thích Nhất Hạnh
Wir alle sind soziale Wesen und dadurch auf unsere Mitmenschen angewiesen: Wir brauchen eine Familie, um uns geborgen zu fühlen, und wir brauchen Freunde, um Spaß zu haben und Gemeinschaft zu erfahren. Es ist auch ziemlich gut, wenn wir Arbeitskollegen haben, mit denen wir zusammenarbeiten, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Ohne die anderen ist alles nichts… Neben Nahrung, Schlaf und Wärme zählt das Gespräch mit anderen wohl zu den wichtigsten Bedürfnissen, die wir haben….
Wir können nur wirklich gut mit anderen sprechen, wenn wir uns selbst verstehen. Also müssen wir, um eine Verbindung zu anderen aufzubauen, zunächst einmal mit uns selbst verbunden sein…. Doch bevor wir jemandem etwas sagen, sollten wir nie den ersten und wichtigsten Schritt vergessen: das Zuhören…. Mantras: „Ich bin für dich da.“ „Ich weiß, dass du da bist, und darüber bin ich glücklich.“ „Ich weiß, dass du leidest, und deswegen bin ich für dich da.“ „Ich leide, bitte hilf mir!“ „Das ist ein glücklicher Moment.“ „Du hast teilweise Recht.“… Der erste und wichtigste Punkt beim achtsamen Sprechen ist, dass wir immer die Wahrheit sagen müssen….

Ich würde sie gern wiedersehen!“ sprach ich und fand, dass es mir gut gelungen war, genau das zu sagen, was ich wollte. Ole in Sten Nadolnys Netzkarte.

An mich:
Wenn du etwas in dir trägst, was dir und uns helfen kann, glücklich zu sein, ist es deine verdammte Pflicht, es so effektiv wie möglich mit uns zu teilen. Her damit! Veit Lindau, Seelenquickies 2018

Manchmal will ich sterben, aber ich will nicht tot sein. Fränge über sich in Frank Goosens Roman Förster, mein Förster.[…]Irgendwann bist du tot, hatte Martina damals gesagt, und dann hast du Millionen Jahre Tod vor dir, das macht dich fertig, aber ewig leben geht auch nicht, also wäre es vielleicht besser, gar nicht erst geboren zu werden, weil man dann von sich selbst nichts gewusst hätte, und das war ein Moment gewesen, in dem er sie unglaublich geliebt hatte, weil sie dieses ganze Zeug auf den Punkt gebracht hatte, was ja dann doch wieder ein Grund gewesen war, geboren zu werden, dieses große Gefühl. Förster über sich in Frank Goosens Roman Förster, mein Förster.

Zu dumm?
Draußen scheint die Sonne, ein Wetter, bei dem eine Veränderung möglich scheint. Wieder bin ich auf der Suche nach der Richtigen. Mein Lebenszustand: die Suche nach der Richtigen. Um diese Suche erträglich zu halten, war ich sechsunddreißig Jahre in einer Beziehung, schwärme ich seit fünf Jahren für eine Frau, die nicht für mich schwärmt, schwärmte ich zehn Jahre für eine Frau, die zu meinem Glück, nicht an mir interessiert war. Mein Rekord in nicht erwiderter Schwärmerei umfasst 36 1/4 Jahre und sieben Jahre Nachschwärmen, also dem, das ich gerade tue, mich schriftlich erinnern. Der erste Vers des Liedes ist meine in Musik gemeißelte Erinnerung an sie. Das Mädchen mit den braunen Haaren heißt Ina. Meine dritte in ihren Wünschen unerfüllte Begegnung mit einem Mädchen. Ich weiß nicht, ob ich den Satz am Ende des Urlaubs wirklich zu mir sagte: „Ich will eine Freundin finden, die so ist wie sie.“ Was hat mir denn so an ihr gefallen, dass der Wunsch, sie zu sehen, mit ihr zu reden, ihr zu sagen, dass ich ihre Nähe genoss, irgendwann so stark wurde, dass ich es nicht mehr für mich behalten konnte, und ich meiner ersten Frau sagte, ich müsse das Mädchen, das Frau geworden war, sehen. Ich weiß nicht mehr wie ich mein Verlangen meiner ersten Frau gegenüber erklärte. Es tut mir für dich leid, dass du so viel Zeit deines Lebens mit mir und meiner kranken, leidenden, verzweifelten, auf Erlösung hoffenden Seele teilen musstest. Auch wenn du mir nach der Trennung so unsagbar wehgetan hast, ist vermutlich der Schmerz, den du in den 36 Jahren durch mich erleiden musstest in der Summe der Zeit viel, viel größer, so dass es logisch ist, dass jede Erinnerung an mich in dir noch immer Angst und andere abweisende Gefühle auszulösen vermag.

Was also hat mich, 15 Jahre jung, so begeistert? Der fast schwarz gebräunte Körper, ihre Selbstsicherheit und Selbständigkeit, ihre Stimme, ihre Anziehung, ihre ständige Abwesenheit in der Welt der schon Großen, ihre Überlegenheit? Der Sommer war vorbei, es war schon dunkel, der Abend war kalt, da stand sie vor der Haustür, in den Händen die Bilder vom Urlaub. Im Wohnzimmer lief das Radio mit Mal Sondocks Hitparade. Sie hat mir die Fotos nicht gezeigt, sie ging so schnell wie sie gekommen war. Ich war nicht alleine. Und während Rod Stewarts Sailing lief, erhielt ich eine weitere Lektion über das noch immer nicht von mir erschlossene Thema der Liebe. Ina ist heute so alt wie ich und noch ein bisschen älter. Nach meiner Trennung rief ich sie das letzte Mal an. Sie bat mich, sie nie wieder anzurufen. Ich habe mich an ihre Aufforderung gehalten. Meine Erinnerung an mein Gefühl der Jugend darf ich behalten. Es ist mein Gefühl.

Und erst, wenn ich nicht mehr suche, werde ich der Liebe begegnen. Gut Ding braucht Weile und am Ende wird alles gut. Am Ende?

Tassenlang
Ich sah ihr zu, sah sie an, habe sie still ein wenig bewundert, habe in ihr Gesicht gesehen, in die Augen, verlor mich kurz in die Geschichten, die ihre kleinen Fältchen andeuteten, der bedachte, konzentrierte, schweigsame, behutsame, andächtige Blick, sah ihr zu, wie sie erst den Kaffee und dann den Milchschaum in die zwei Tassen füllte, und dann, als alles perfekt gelungen war, sie die zwei Tassen mit Bescheidenheit auf den Tresen stellte, stolz ihr gelungenes Werk betrachtete und mit einem Wort schloss: Bitte. Ich genoss diesen Augenblick, ich hätte ihr noch lange zusehen können, stundenlang,  tagelang, ein Leben lang, und doch war der Augenblick der Freude belastet durch mein Wissen, die Dauer ihrer Gegenwart würde begrenzt sein auf die Zeit, die ich mir nehmen würde, die Tasse Kaffee zu lehren.

Netzkarte
Als der Zug rollte und die winkende Judith verschwunden war, spürte ich Traurigkeit, aber Erleichterung zugleich. Ole in Sten Nadolnys Roman Netzkarte

Lass uns spielen
Aufgestellt werden… Was soll das? Warum wende ich mich nicht einfach der Zukunft zu? Weil ich das Vergangene im Liegen leichter betrachten kann, ohne nur einen Schritt zu gehen? Aber langweile ich mich nicht schon selbst mit den ewig gleichen Personen? OK, wen stelle ich auf? Ist die Antwort auf die Frage wichtig, wann in unserer Ehe sie mich betrogen hat? Ist die Antwort auf die Frage wichtig, was sie dachte, als sie mich betrog? Ist die Antwort wichtig, ob es schön war, mich zu betrügen? Muss ich wissen, ob sie Scham und Schuld empfand? Ich weiß nicht wirklich, ob mir die Antworten wichtig sind? OK, lass uns spielen. Aufgestellt wird meine erste Frau. Natürlich verbinde ich das Wort Aufstellung mit der Mannschaftsaufstellung beim Fußball. Auf welche Position soll ich dich stellen? Meine erste Position war, meinem Vater folgend, die des Torwarts. Der Torwart hat die Aufgabe, seinen Kasten sauber zu halten. Das passt. Ich stelle dich, liebe E. auf die Position des Torwarts. Das passt auch deshalb, weil mein Abstand zu dir so am größten ist. Also komm, lass dich zwischen die Torpfosten stellen. Die Position passt auch deshalb, da der Torwart nicht richtig am Spiel teilnimmt, ein Außenseiter mit anderen Aufgaben, anderen Fähigkeiten, manchmal auch nur unfähig, die Position eines Feldspielers einzunehmen. Und nun zu dir, liebe K. Von dir möchte ich die Antworten auf ganz andere Fragen erhalten. Spielst du mit? Komm, lass uns spielen. Meine nächste Position im Spiel war die des letzten Mannes, damals auch Libero genannt. Mein Vorbild war natürlich Franz Beckenbauer, ein Name, der dir trotz unseres Altersunterschieds noch bekannt sein dürfte. Ich frage dich also: Kennst du Franz Beckenbauer? Und, wie antwortest du? Das Ja ist ein guter Einstieg hin du den Fragen, die mir wichtig sind. Also los. Lass mich die Fragen ungeordnet aus meinem Inneren nach außen schleudern. Willst du mich noch einmal sehen? Darf ich dich mit einer süßen Köstlichkeit verwöhnen, einer Erdbeere, von mir gepflückt in einem australischen Biohof, einer Kugel Vanilleeis überzogen von heißem Espresso? Und während ich über andere Fragen nachdenke, merke ich, dass sie in eine fantastische, unwirkliche und leider unmögliche Romantik abgleiten, aufgepumpt mit zu viel Sentimentalität und Verliebtheit. Lass es mich trotzdem tun. Es ist nur ein Spiel. Ein Spiel, in dem alle Fragen möglich sind, in dem alle Antworten erlaubt sind. Und jede Antwort erlaubt jede Bewertung, auch total gegensätzliche. Es ist nur ein Spiel, ein Spiel, das Antworten schafft, nicht eigene, sondern deine. Und wenn du die erste Frage schon verneint hättest, wäre dann nicht schon jede weitere Frage gestorben? Schreibst du mir einen Text, aus dem ich ein Lied machen darf? Darf ich dich auf meinen Händen tragen? Willst du meine Freundin sein, nicht um Sex zu haben, sondern um zu verstehen, zu halten, zu trösten, zu stärken, zu teilen, da zu sein? Schenkst du mir ein Kind, um einmal nicht all die Fehler, die ich machte, zu wiederholen? Nimmst du mich an die Hand und führst mich zu der Frau, die geboren wurde, um mit mir ein Paar zu sein? Erklärst du mir die Liebe? Zeigst du mir das Schöne? Kannst du mir sagen, warum ich diese Fragen stelle. Würdest du bleiben, bis deine Antworten mich innerlich wärmen und ausfüllen? Ist es Liebe, was ich für dich empfinde? Komm, spiel mit. Ich stelle dich auf die Position des Rechtsaußen. Fleißig rennst du an der Außenlinie rauf und runter und deine wunderbaren Flanken schaffen immer wieder die Möglichkeit, ein Tor zu erzielen. Komm und spiel mit mir, ich brauche dich, für das Spiel, für mein Leben.

Lange her
Er schob seine Hände unter ihre Backen, hob ihren Hintern an und vergrub sein Gesicht in ihrem Schoß. Sie zuckte zusammen, stieß mit ihrem Kopf an die Wand hinter ihrem Bett, stöhnte auf und packte seine Haare mit allen zehn Fingern. Er leckte sie, bis sie beinahe so weit war, dann küsste er sich über ihre knochigen Hüften und den flachen Bauch nach oben und biss sanft in ihre Brustwarzen, was ihr ein weiteres Stöhnen entlockte. Und dann das Beste: ihr Mund. Wie sie küsste! Das war fast besser, als in sie einzudringen, was er jetzt natürlich trotzdem tat. Rainer und Steffi in Frank Goosens So viel Zeit.

Fragen
Ich habe Fragen, Fragen auf die ich Antworten will. Schon fünfmal habe ich an einer Familienaufstellung teilgenommen. Oft wurde ich gebeten, die Rolle des Vaters, des Bruders, des Mannes einzunehmen. Einmal war meine eigene Familie aufgestellt, mein Vater, meine Mutter, meine Schwester und ich. Die Frau, die die Rolle meiner Schwester einnahm, stand rechts von mir und war wütend auf mich. Der Mann in der Rolle meines Vaters stand links von mir, es ginge ihm gut. Mir gegenüber stand eine Frau in der Rolle meiner Mutter. Der Aufforderung des Aufstellungsleiters, einander in den Arm zu nehmen, konnten wir weinend nicht nachkommen. Die Frage des Warum haben wir damals nicht gestellt. Ich will sie heute nicht mehr beantwortet wissen. Vielleicht werde ich sie mir irgendwann noch einmal stellen. Jetzt sind mir die Antworten auf andere Fragen wichtiger. Nicht die Fragen, die ich mir nach meinem Knockout vor 7 Jahren erstmals stellte: Will ich weiterhin mit meiner Ehefrau zusammenleben? Wo will ich leben? Mit welcher Arbeit will ich meinen Unterhalt bestreiten? Die erste Frage musste ich binnen zweier Monate nicht mehr beantworten. Meine erste Frau hatte sich die Frage wohl auch gestellt und vor mir mit nein beantwortet. Die Frage nach Wohnort und Berufung wird mein Gefühl schon irgendwann richtig beantworten, solange Gefühl und Verstand die Angst kontrollieren. Jetzt, hier und heute sind mir Antworten auf Fragen wichtig, die ich mir selbst nicht beantworten kann. Die Menschen, die die Antworten geben könnten, will ich nicht fragen. Ich will sie nicht fragen, weil ich unfähig bin, die Angst zu ertragen, die auf dem Weg zu der Person einsetzen würde, stärker würde, je näher ich der Person komme und am stärksten wäre, kurz bevor ich die Frage im Anblick der Person ausspreche. Einen zweiten Höhepunkt erhielt die Angst, wenn die Person ihre Antwort gibt. Ist die Frage dann beantwortet, tut die Antwort weh. Sollte die Antwort nicht wehtun, würde ich vermuten, sie wäre nicht ehrlich. Wie herrlich wäre da jetzt das Mittel der fragenden Aufstellung. Die Angst wäre ersetzt durch freudige Erregung. Ich bekäme Antworten, ohne den Prozess der Angst zu durchlaufen. Wie herrlich. Und wenn mir die Antworten gefallen, wie herrlich. Und wenn die Antworten wehtun? Versuchen sollte ich es. Bungeesprung, Fallschirmsprung und Tantramassage blieben als weitere Erfahrung. Bevor ich aber an einer fremdgeführten Aufstellung teilnehme, hätte ich Bock auf eine von mir geleitete Aufstellung. Keine Aufstellung, in der der Einzelne an die Keimzelle des so tief verlagerten Schmerzes gelangt, sondern eine Aufstellung, die der Erkenntnis dienen soll, vielleicht eine spirituelle Erfahrung erlaubt, die Fragen derart beantwortet, dass die Fragen unwichtig werden. Wer hat Lust? Wer macht mit? 20 Teilnehmer, zwei Stunden, 25 Euro, auch wenn ich meinen neuen Stundenlohn damit um 50 Prozent verfehlte? Hast du Bock, wie ich Bock habe? Sei dabei, natürlich unter Ausschluss jedweder Haftung.

Fantasie
Er hatte ihr nie gesagt, dass sie die Erste gewesen war. Bis heute hatte er das niemandem gesagt. Er konnte nur hoffen, dass sie es nicht gemerkt hatte. Die Vorstellung, dass sie mit dem Orthopäden im Bett lag und sich darüber amüsierte, wie sie den kleinen Konrad, der schon mehr als zwanzig Jahre zählte, entjungfert hatte, war unerträglich. Schlimm nur, dass er sich genau ihren Tonfall vorstellen konnte, ebenso ihr Gesicht und ihr Lachen, selbst das zustimmende Grunzen des Knochendoktors. Fantasie konnte ein Fluch sein. Konni über sich in Frank Goosens So viel Zeit.

So viel Zeit
Ich weiß, es ist komisch, wenn ausgerechnet ich das sage, schließlich bin ich der langweilige Idiot, neben dem man einschläft, anstatt sich geborgen zu fühlen, aber vielleicht sollten wir einfach da rausgehen und noch ein paar Erinnerungen produzieren, bevor es zu spät ist. Was meinst du? Konni zu Rainer in Frank Goosens Roman So viel Zeit.

Ina Langemann
In den schlaflosen Stunden der letzten Nacht wurde mir bewusst, dass mein Denken und Fühlen und damit auch mein Umgang mit dem weiblichen Geschlecht, mit den Mädchen meiner Kindheit und den Frauen meines erwachsenen Lebens, im Wesentlichen unverändert ist. So wie ich als Elfjähriger mit Ina Langemann – es kann sein, dass ich ihren Nachnamen falsch erinnere, auch beim Vornamen bin ich mir nicht sicher – umging, so gehe ich heute mit der Frau um, der ich vor ein paar Jahren begegnet bin: kindlich. Im Umgang mit der Frau bin ich Kind geblieben. Das klingt positiv, wäre ich ein fröhliches, unbeschwerte, offenes Kind gewesen. Leider war ich anders, wie anders, weiß ich nicht, aber so anders, dass ich der Ina mit 13 oder 14 Jahren einen Brief schrieb, ihre Adresse hatte ich vom Betreiber des Ponyhofs erfahren. Ina antwortete mir. In ihrem Brief beschrieb sie ihre Lebenssituation und erbat ein Foto von mir. Ich schickte ihr das Foto, das ich am Fischteich meiner Großeltern von mir machen ließ, und bekam keine zweite Antwort. Anscheinend gefielen ihr meine Worte besser als das Foto. Ich weiß nicht, wen ich gebeten hatte, das Foto von mir zu machen. Wem hätte ich erzählen wollen, erzählen können, dass ich das Foto für ein Mädchen brauche, das mir gefiel, dem ich, als sie mit mir auf zwei kleinen Ponys durch die Lüneburger Heide ritt, nicht sagen konnte: Hey, du gefällst mir, lass uns um die Welt reiten.
Ina war das zweite Mädchen , das über mein Denken und Fühlen regierte, die Gewalt über mein Denken und Fühlen hatte. Ich weiß nicht mehr wie sie aussah, wie ihre Stimme klang, ob sie größer oder kleiner war als ich. Sie muss mir gefallen haben.

Aufstellung
Und wieder ein Versuch, mein Leben auf eine neue Grundlage zu stellen. Und wieder werde ich das große Ziel nicht erreichen. Die kleine Veränderung aber, die mein Schreiben bewirken wird, die ich nicht kenne, die ich nicht konkret anstrebe, wird jedoch eintreten und meinen Aufwand rechtfertigen.
Ich, als Mensch, bin genauso einfach, genauso logisch wie jedes andere Geschöpf auf der Erde. Wenn ich Durst habe, muss ich trinken. Das Essen wird meinen Durst nicht stillen. Wenn ich Hunger habe, muss ich essen. Wenn ich müde bin, hilft Schlaf, und wenn mir kalt ist, kleide ich mich warm ein oder drehe die Heizung auf. Essen, Trinken, Schutz und Wärme. Und wenn ich alleine leben würde, allein ohne jeden sozialen, mitmenschlichen Bezug, wie wäre mein Leben dann?
Ich gehe der Frage später nach, denn da ist plötzlich die Idee, eine Aufstellung mit den Menschen zu versuchen, von denen ich Antworten ersehne, oder zumindest gerne hören würde. Die erste Frau in meinem Leben war meine Grundschullehrerin. Ihr muss ich keine Fragen mehr stellen. Vor ein paar Jahren, im Rahmen meines Neustarts, durfte ich bei Kaffee und Kuchen ihr Gast sein und ihr meine kindlichen, vorpubertären Gefühle mitteilen. Ich kann heute mit Stolz auf diese kindlichen Gefühle zurückschauen, die ein wunderbarer Beleg für die Kraft und Beständigkeit meiner Kraft zur Liebe sind. Und ich erinnere mich an das Sofa, das im Wohnzimmer meiner Großeltern stand, auf dem ich hüpfte wie auf einem Trampolin und immer wenn ich die Möglichkeiten überdachte, wie ich meine Lehrerin als meine Freundin gewinnen konnte, spüre ich noch heute, wie meine ausgestreckten Hände gegen die Zimmerdecke schlagen.

Zu viel
2011 hat mich das Leben ausgeknockt, in 2012 lag ich holotrop atmend im Garten, 2013 bin ich ihr das erste Mal begegnet, 2014 habe ich sie zum Eis eingeladen und seither wehre ich mich gegen das Loslassen, stetig, täglich. Und stetig, täglich quälen mich meine Gedanken. Warum wehre ich mich gegen das Loslassen? Vielleicht weil mein Unterbewusstsein es besser weiß? Ich gebrauche mein Denken an dich, nenn es Sehnsucht, nenn es Liebe, zu meiner Heilung, hin zu dem, was ich ohne meine belastenden Gedanken wäre, ich gebrauche meine Sehnsucht für mein perfektes Leben, ein Leben in absoluter Freiheit, frei von falschen Gedanken. Und anstatt mir das Denken an dich, die Sehnsucht nach dir, zu verbieten, muss ich das Gegenteil tun: Ich muss mir die Erfüllung meiner Sehnsucht vorstellen, muss in das ersehnte Gefühl eintauchen. Das schönste Gefühl, das ich in deiner Gegenwart erlebte, war die gemeinsame Begegnung mit Dritten, wenn meine Aufmerksamkeit nur bei dir war und wir mit den anderen spielten, wenn ich den anderen erzählte, dass ich dich mag. Wie würde ich das Gefühl benennen, das ich in dieser Situation empfand? Ich bin still, atme ein und aus und öffne mich und bin völlig offen, schutzlos in diesem Gefühl, ich tauche ein und lasse mich einnehmen. Nein, der falsche Weg. Ich darf nicht in Erlebtes eintauchen. Ich sollte mich vom Unwirklichen leiten lassen, einen irrealen Ort wählen, vielleicht die Küche von McDonald, die Stehtribüne von Mainz 05? Nein, es sollte ein schöner Ort sein, ein schöner Ort an dem eine Begegnung unwirklich ist. Ein Ort, an dem du bist, wie du bist, und ich bin, wie ich bin. Ich könnte Orte aufzählen, wo ich alleine nicht sein wollte, das Bierzelt auf dem Oktoberfest, beim Formel 1 Boxenstopp in Japan oder am Mount Everest in Nepal. Irgendwie scheint auch dieser Weg der falsche. Nicht aufgeben Jörg, du schaffst das. Romy Schneider ist an der Liebe zu Alain Delon zerbrochen, wenn sie nicht schon vorher zerbrochen war. Man stirbt nicht an der Liebe, nur an einem Zu-Viel-Rauchen, Zu-Viel-Trinken, an Zu-Viel-Arbeit, zu vielen Beziehungen oder an zu viel Leid.

Ein Augenblick
Heute Morgen bin ich alleine aufgewacht. Ein Gefühl in mir hätte gewollt, von der Wärme ihres weichen Körpers umschlungen zu werden, mit ihr den Tag zu beginnen. Ist dieser Wunsch meiner Gefühle ein erinnertes Gefühl oder ein Wunsch, der in mir schon immer war, von Geburt an? Hat sich das Gefühl, mit dem ich erwacht bin, gleich auf eine bestimmte Frau bezogen? Kann ich jetzt, am späten Vormittag, zurück in meine morgendliche Sehnsucht, in mein ersehntes Gefühl? Nein. Das Gefühl ist immer nur jetzt, ich kann es aber mit meinen Gedanken beeinflussen. An wen habe ich zuerst gedacht, mit wem wollte ich den Tag behaglich, kuschelig, warm beginnen. Mit so vielen Frauen bin ich nicht am Morgen aufgewacht. Neben einer Frau bin ich 10.000 aufgewacht, und mit einer Frau bin ich nur einmal aufgewacht. Und wenn ich an diese 10.001 Morgen denke, warum erinnere ich dann als erstes dieses lachende Gesicht? Und dann, welche Erinnerungen kommen, warum ist es so mühsam, und warum ist da nicht sofort dieses gute Gefühl, wenn das Erinnern mit Mühe einsetzt? Vielleicht ist ja eine Kraft in mir, die gute Gedanken sofort erschlägt? 10.001 Möglichkeiten und ich erinnere diesen einen Augenblick, diese eine Bild, diese Sekunde der Zeit.

Die Urkraft des Menschen
Heute soll es Chana Marsala geben. Ich wusste, dass ich eine Packung Kichererbsen im Küchenschrank habe, ich wusste aber nicht, dass man sie über Nacht einweichen soll und dann mehrere Stunden kochen muss. Na gut, es gibt sie auch in Dosen, vielleicht suche und finde ich sie beim nächsten Einkauf. Das Gericht braucht acht Gewürze, Knoblauch, Ingwer, Zwiebel und Tomaten, Kichererbsen und Zitrone. Bevor ich die Gewürze in den Topf gebe, werde ich sie probieren: Kurkuma, Chiliflocken, Fenchelsamen, Kreuzkümmel, Koriander, Garam Marsala. Und  ebenso wie Salz und Pfeffer werden sie wohl erst in Verbindung mit Obst, Gemüse oder Getränken zum Genuss werden. Dass ich so spät den Genuss entdecken darf. Die sechs Gewürze sind nur ein ganz kleiner Ausschnitt aus dem mir Unbekannten und Unprobierten. In meiner zweitliebsten Frauenzeitschrift Donna – Sabine weiß warum – wird in einem längeren Artikel über Tantramassage berichtet. Ich kann wohl für mich ausschließen, dass ich mich jemals am Bungee-Seil oder an einem Fallschirm in die Tiefe fallen lasse, vermutlich werde ich auch nie von einer mir fremden Frau tantramassiert werden. Warum eigentlich? Aus Angst? Ist Tantra doch eine…

Tantramassage
Die schönste Freude ist die Vorfreude. Auch wenn sich meine unbestimmten Erwartungen nicht erfüllt haben, so hatte ich auf dem Schulfest selbst doch ein wenig Freude und ich machte Erfahrungen, über die ich jetzt schreiben kann. Die Tatsache, dass ich am Abend des Schulfestes nicht an dich dachte, besagt nichts, oder doch alles? Ich weiß nicht, ob du liest, was ich schreibe. Damit du weißt – solltest du lesen, was ich schreibe – dass ich mich mit meinen Worten an dich wende, spreche ich dich jetzt mit deinem Vornamen an. Vielleicht lieber doch nicht mit dem ganzen Vornamen, sondern nur mit dem letzten Buchstaben deiner Vornamen. Hallo liebe … a. Nein, nicht Anna, Barbara oder Veronika, nicht Cordula, Gabriela, Jessica, nicht Dora, Emma, Viola, nicht Anuschka, Berta, nicht Sandra, Bianca, Claudia oder Gundula, Ina, Jana, nicht Lora, Martina, Nena, Nicola, nicht Regina, Tanja, Uta. Weißt du jetzt, dass ich nur dich meine? Erstaunlich, wie viele weibliche Vornamen auf a enden. Dass mit dem a ist auch nur ein blöder Gedanke, ein untauglich Versuch, der Erfüllung meiner Wünsche näher zu kommen. Wenn mein Leben heute ist, sind dann alle meine Wünsche erfüllt? Nein, oder vielleicht doch?
Wie geht es mir? Die Frage wird mir manchmal gestellt. Und nur selten beantworte ich sie, denn die übliche Antwort >> Gut, und dir? << wäre falsch, und das andere Extrem >>Schlecht!<< wäre auch falsch. Seit ein paar Tagen will ich mich zum Schreiben zwingen, weil ich mir erhoffe, durchs Schreiben eine Veränderung in meinem Denken und damit auch in meinen Tun zu erlangen. Da ist aber nichts mehr, über das ich schreiben will. Und zum Tausendsten Mal von meinen Wünschen zu erzählen, zum Tausendsten Mal von meinem Wunsch, mit ihr in ein geschlechtsloses Verhältnis zu wechseln, der platonischen Beziehung von Mann und Frau, will ich eigentlich auch nicht. Ich will nicht schreiben, dass ich mich nicht mehr verlieben will. Die Vorstellung, mich an die falsche Frau für die wenigen verbleibenden Jahre zu binden, ängstigt mich. Und ich will mich nicht festlegen, welche Angst größer ist, die Angst vor meiner Unfähigkeit zum richtigen Umgang mit dem Verlassenwerden oder die Angst vor der Unfähigkeit zum Loslassen. Wie geht es mir? Warum will ich klüger sein als die Weisheit der Welt? Was Gott verbindet, soll der Mensch nicht trennen. Ist dieser Satz Teil menschlicher Weisheit oder doch nur ein gesellschaftliches Mittel, das Leid, das mit der Trennung verbunden ist, zu verhindern. Habe ich in den sechs Jahren, seit ich aus der Verantwortlichkeit für meine erste Frau durch ihre Entscheidung und durch ihr Tun entlassen bin, denn gar nichts gelernt, etwas, das mich befähigen könnte, das Geschenk des Lebens zu achten, zu ehren, zu feiern? Ich esse. Gerade habe ich Knoblauch in Olivenöl gebraten, Tomaten dazugegeben und auf die ebenfalls in Olivenöl gebratene Scheibe Roggenbrot, die mit pürierter Avocadocreme bestrichen und von mir mit Salat belegt wurde, gegessen. Ich kann mich nicht erinnern, in meinem alten Leben eine Avocado gegessen zu haben. Und obwohl ich jedes Rezept im Internet wörtlich lesen kann, werde ich ihr Kochbuch zum Preis von 29 Euro behalten. Der balische Eintopf hat mir geschmeckt, auch wenn aufgrund der langen Kochzeit viele Inhaltsstoffe verlorengegangen sein könnten. Aber ich esse mit dem Mund und nicht mit dem Kopf, solange kein totes Tier, Zucker oder vermeidbare Gifte auf meinem Teller liegen. Trinken Ich trinke Kaffee, ohne Kuhmilch, ohne Zucker. Ich sollte Wasser trinken. Lieben und geliebt werden...

Entscheidungen
Es gibt zwei Entscheidungen, die ich vor langer Zeit am Anfang meines Lebens traf, die mein heutiges Leben bestimmen, die möglicherweise falsch waren, da ich sowohl meine Mitgliedschaft in der Kammer der Rechtsanwälte vor ein paar Wochen beendet habe als auch vor ein paar Jahren aus der Ehe schied.
Auch wenn die Entscheidungen möglicherweise falsch waren, so kann ich doch aus Ihnen lernen, da ich von meinem Berufsziel nie abließ und erst nach mehr als 30 Ehejahren aus dem Haus und damit wohl auch aus der Ehe auszog. Welche Gründe hatten mich bewogen, den Beruf des Anwalts und Frau XY als Ehefrau zu wählen?
Warum fasste ich als 19-Jähriger den Entschluss, Anwalt zu werden? Wenn ich mich recht erinnere, wusste ich von der Arbeit, die ein Anwalt macht, nicht viel, ich kannte nicht einen einzigen Anwalt, ich hatte nie mit einem Anwalt gesprochen, und ob damals schon die Anwaltsserien populär waren, erinnere ich auch nicht. Was hätte mich also motivieren können, diesen Beruf zu wählen. Ich erinnere mich an die Aussage, dass das Studium der Rechtswissenschaften Grundlage für eine schier unbegrenzte Zahl von Berufsfeldern sein könne: Verwaltung, Versicherung, Banken, Rechtsabteilung größerer Firmen, Justiz. Aber ich wusste, dass ich weder in der Verwaltung irgendeiner Behörde, bei einer Versicherung oder Bank, noch in einer Rechtsabteilung einer Firma, noch als Staatsanwalt oder Richter oder als Professor für irgendeine Art von Recht arbeiten wollte. Ich wollte Anwalt werden, ohne als Anwalt zu arbeiten, einfach nur Anwalt sein. Vielleicht ähnlich dem Wunsch, das Sportabzeichen zu erlangen, und zwar das goldene Sportabzeichen. Ich wollte wohl einfach nur den Beweis erbringen, dass ich es schaffen kann. Ich wollte Anwalt werden, um Anwalt zu sein.
Aber warum wollte ich Anwalt sein? Warum war ich bereit, mich durch diesen riesigen Berg von Vorschriften, Gesetzestexten, Anwendungsregeln und Prüfungen zu quälen? Gründe waren die damalige gesellschaftliche Anerkennung und Achtung des Anwaltsberufs, das Desinteresse an jedem anderen Studiengang, der Glaube, dass nur ein Studium die Voraussetzung böte, die Möglichkeiten des Lebens, auch seine materiellen Möglichkeiten voll auszuschöpfen, die Selbstbestimmtheit und Unabhängigkeit des Berufs, die Lust am Wettstreit, die Lust am Gewinnen und ein schön gestalteter Arbeitsplatz, der Schreibtisch, der Stuhl, der Boden, die Regale, die Bücher, der Blick aus dem Fenster, die Bilder an den Wãnden, die Zigarette.

„Fixierungen tauchen natürlich nicht nur im Zusammenhang mit der Berufsfindung auf. Auch in Beziehungen können wir uns auf einen bestimmten Menschen fixieren, den wir lieben und bewundern, so dass wir nicht aufhören können, um ihn zu kreisen – selbst wenn er kein Interesse zeigt, uns schäbig behandelt, oder wenn sich herausstellt, dass man sich nicht auf ihn verlassen kann. Trotz dieser schlechten Behandlungen reden wir uns ein, dass wir uns einfach kein Leben ohne diese ach so einzigartige Person vorstellen können. Um uns von solch einer Fixierung zu lösen, bedeutet nicht, uns einzureden, dass wir diesen Menschen nicht mögen oder versuchen sollten, zu vergessen, wie stark er uns fasziniert. Es bedeutet vielmehr, dass wir uns ganz ernsthaft und eingehend damit beschäftigen sollten, worauf diese Faszination beruhen könnte – um dann einzusehen, dass sich die von uns so sehr bewunderten Qualitäten auch bei anderen Menschen finden lassen, die nicht diese Probleme haben, die eine erfüllende Beziehung derzeit unmöglich machen. Die sorgfältige Erkundung dessen, was wir an jemandem lieben, zeigt uns – auf paradoxe, aber auch sehr befreiende Weiße-, dass wir tatsächlich auch jemand anderen lieben könnten. Zu verstehen, was wir mögen, was uns Freude bereitet, ist daher ein wesentlicher Schritt, uns von unseren Fixierungen zu lösen. Wenn wir unsere Bindung an bestimmte Eigenschaften verstärken, schwächen wir gleichzeitig unsere Bindung an bestimmte Personen oder Berufe. Wir begreifen dann, was genau wir an einem bestimmten Job so attraktiv finden, und können Qualitäten identifizieren, die sich auch in anderen Arbeitsfeldern finden lassen. Tatsächlich lieben wir nicht nur diesen einen Job, sondern eine ganze Reihe von Eigenschaften, die wir hier eben zuerst entdeckt haben, weil dieser Beruf normalerweise das auffälligste Beispiel dafür ist.“ Alain de Botton, Traumjob – Von der Berufung zum Beruf, Süddeutsche Zeitung Edition 2018, S. 69/70.
Und warum wählte ich mit 21 Jahren Frau XY als Ehefrau? Frau XY hatte positive Eigenschaften, vielleicht hatte sie auch negative Eigenschaften. Aber ist es mir und jedem anderen Menschen möglich, sich an die aus eigener Wertung positiven Eigenschaften einer jungen Frau zu erinnern – auch wenn es nur positive und keine negativen Eigenschaften gab-, wenn sich das eigene Leben dem Ende nähert und eine Scheidung die Sicht auf die Vergangenheit wahrscheinlich verändert hat. Wenn also die Sicht auf die vergangene Beziehung getrübt ist, vielleicht genügen dann die Gründe, die ich heute voraussetzen würde, um mit einer Frau die Ehe zu schließen, um mich sodann in meiner ganzen Person und in all meinen Bedürfnissen zu verstehen, um schließlich zu der klärenden Einsicht zu gelangen, dass mein Glück weder von einem einzigen Beruf noch von einer einzigen Frau abhängen.

Kindheit
An wen erinnere ich mich, wenn ich an die die ersten Jahre meines Lebens bis zur Grundschulzeit denke; die Jahre, in denen das Fundament meines Lebens gelegt wurde? Und mit welchem dieser Menschen verbinde ich das Gefühl von Neid? „Es gibt da ein Bild des wahren Selbst in uns, das nur darauf wartet, aus neidischen Impulsen zusammengesetzt zu werden.“ (Alain de Botton, Traumjob) Und ist es denn überhaupt möglich, mich nach einem langen Leben an ein neidisches Gefühl aus den Anfängen meines Lebens zu erinnern? Und sollte nicht meine Scham mich davon abhalten, dieses negative Gefühl öffentlich zu äußern, könnten doch die Menschen über mich lachen? Nein. Würde ich mich meiner neidischen Impulse wegen schämen, riskierte ich, ein mir gerechtes Leben nicht zu erreichen. „Statt unseren Neid zu unterdrücken, sollten wir jede Anstrengung unternehmen, ihn zu analysieren.“ (Alain de Botton, Traumjob) Der Duden definiert Neid als eine Haltung, bei der ich einem andern dessen Besitz oder Erfolg nicht gönne oder selbst haben möchte.
Meine Großeltern besaßen einen Zweiradladen, die zwei Verkaufsräume lagen direkt neben der Küche; die Werkstatt war unten im Hof. In der Küche saßen die Vertreter, an jedem Tag ein anderer, oft zur Mittagszeit, oft aßen sie mit, fast immer gab es Fleisch, Soße, Kartoffeln, grünen Salat oder Erbsen. Lecker waren die Hähnchen, die mein Opa manchmal am Abend, nach seiner Arbeit in der Werkstatt und nachdem er sich seine schwarzen Hände mit Reinol gewaschen hatte, grillte. Lecker waren auch die Heringe, die meine Oma – nach einer Angeltour auf der Nordsee – in großer Zahl briet. Damals mochte ich auch noch das Kaninchen mit Apfelmus, das es an Weihnachten gab und vorher von meinem Opa im Keller enthäutet worden war. Und was machte mir Freude? Der kleine langsame Flitzer mit dem Mofa-Motor, den mein Onkel zusammengebaut hatte, die Fahrt mit dem Trecker über den Hof, und immer wieder Fußball, auf der Wiese vor dem Haus, neben der Tankstelle, auf dem Bolzplatz in der Nähe der Tankstelle, auf der Stoppelwiese vor der Reihe der zweigeschossigen Mietshäuser in der Nachbarschaft, auf dem roten Ascheplatz des Sportvereins, auf dem grünen Rasen der ehemaligen Vereinsanlage. Ich erinnere mich an die Legosteine in dem kleinen Raum der Tankstelle, in dem all die Dinge verwahrt wurden, die in den anderen Räumen der Tankstelle keinen Platz fanden. Ich sehe mich in dem kleinen engen Raum, sehe die Kiste mit den Legosteinen neben mir auf der Bank, erinnere mich an das Fenster, das fehlte. Ich baute fast nur Häuser. Ich saß alleine in dem Raum, vielleicht kam meine Mutter einmal kurz herein, um nach mir zu schauen, um danach den nächsten Wagen zu betanken, den Ölstand zu prüfen und die Windschutzscheiben zu putzen, während mein Vater die Reifen auf die Autofelgen zog, die Reifen montierte oder unter dem Wagen, der auf der Hebebühne stand, das Öl wechselte oder aber die Fahrzeuge mit den Händen wusch, bis irgendwann die Waschanlage die Handwäsche übernahm. Es gab den Sandhaufen neben der Werkstatt, auf dem ich mit meinen Autos über die von mir angelegten Straßen fuhr. Mein Opa zeigte mir, wie man einen Fahrradschlauch flickte. Ich sehe noch heute, wie er den Schlauch an der Werkstatttür zum Trocknen aufhing. Er verstarb, als ich noch ein kleiner Junge war. Ich liebte die Krimis, die schon damals am Vorabend im ersten Programm liefen, ich liebte die Spannung, wenn ich mich hinter dem Sessel versteckte, weil ich die Gefahr in der sich die Hauptdarsteller befanden, nicht ansehen konnte: „Gestatten, mein Name ist Cox“, eine Detektivserie mit Günther Pfitzmann, „Die Gentlemen bitten zur Kasse“, ein Dreiteiler mit Horst Tappert. Ich mochte den Duft der Zigarre, von der ich manchmal einen Zug nehmen durfte. Ich saß auf dem Küchenstuhl neben der Tür zum Flur, als meine Mutter mir sagte: „Opa ist heute Nacht gestorben.“
Auch der Vater meines Vaters verstarb jung, er war Bergmann und arbeitete unter Tage. Die Mutter meines Vaters, meine Oma, war eine knuddelige Frau, wir sahen sie nicht oft, zu Weihnachten, an Ostern, zu Geburtstagen, und immer wenn ein Schwein geschlachtet worden war, ein Festschmaus für alle. Wenn sie uns begrüßte, ergriff sie unser Gesicht mit beiden Händen und setzte einen dicken Schmatzer ins Gesicht. Mein Cousin hatte ein kleines Akkordeon. Weil es mir gefiel, bekam auch ich ein kleines Tastenakkordeon. Als mein lieber Vater schon älter war, beschenkte er sich selbst mit einem Akkordeon und einer Trompete, auf der er dann fleißig übte. Der Unterricht, der folgte, war mühsam. Mein zweiter Lehrer war ein Unikat, er tauchte aus dem Nichts in unserem Ort auf, fast stetig Zigarre rauchend fand er innerhalb weniger Monate so viele Schüler, dass er ein Orchester formte und einmal im Jahr seine Schüler und deren Eltern zum Vorspiel einlud, zu dem ich bei meinem ersten und einzigen Auftritt das Lied „Auf der Reeperbahn nachts um Halbeins“ spielte und dazu sang. Ich wollte singen. Es war mein Wunsch.

Claudia Cardinale
Bevor ich das letzte Mal durchs Schulgebäude bummelte, vorbei am Sekretariat, dort wo uns der lachende Lehrer Howoritsch entgegenkam und ich noch heute dieses Bild deutlich sichtbar erinnern kann, vorbei am Glaskasten, wo im ersten Jahr des Ganztags das Essen ausgegeben wurde, und ich den Geschmack der Salzkartoffeln noch auf der Zunge habe, hinaus aus dem Seiteneingang mit einem letzten Blick auf den Schulhof, wo wir mit dem Tennisball Fußball spielten und später in der Raucherecke zusammenstanden und nun tausend Menschen das Schuljubiläum, sich und die anderen feierten, die mir fast alle unbekannt waren, war ich ihr begegnet. Claudia? Ja, und wie heißt du? Jörg, Jörg Ridder! Claudia, du warst das schönste Mädchen der Schule! Claudia war in Begleitung ihrer Schwester gekommen. Ich weiß nicht, ob sie von der fünften Klasse an Schülerin unserer Schule war. Ich weiß auch nicht, wann Claudia mir das erste Mal aufgefallen war, spätestens aber in der Oberstufe, als wir den Matheunterricht teilten, ich nichts verstand, weil ich aufgeben hatte, und auch sie nichts verstand, so vermute ich, weil ihre Aufmerksamkeit ihrem Freund galt, allerspätesten aber im Sportunterricht in der Schwimmhalle. Claudia hatte nicht nur ein schönes Gesicht, und das einzige Gespräch, das wir je führten, waren diese 3 1/2 Sätze. Sollte ich Claudia noch einmal begegnen, was sehr unwahrscheinlich ist.

Bevor ich das letzte Mal durchs Schulgebäude bummelte, vorbei am Sekretariat, dort wo uns der lachende Lehrer Horrowitsch entgegenkam und ich noch heute dieses Bild deutlich sichtbar erinnern kann, vorbei am Glaskasten, wo im ersten Jahr des Ganztags das Essen ausgegeben wurde, und ich den Geschmack der Salzkartoffeln noch auf der Zunge habe, hinaus aus dem Seiteneingang mit einem letzten Blick auf den Schulhof, wo wir mit dem Tennisball Fußball spielten und später in der Raucherecke zusammenstanden und nun tausend Menschen das Schuljubiläum, sich und die anderen feierten, die mir fast alle unbekannt waren, war ich ihr begegnet. Claudia? Ja, und wie heißt du? Jörg, Jörg Ridder! Claudia, du warst das schönste Mädchen der Schule! Claudia war in Begleitung ihrer Schwester gekommen. Ich weiß nicht, ob sie von der fünften Klasse an Schülerin unserer Schule war. Ich weiß auch nicht, wann Claudia mir das erste Mal aufgefallen war, spätestens aber in der Oberstufufe, als wir den Matheunterricht teilten, ich nichts verstand, weil ich aufgeben hatte, und auch sie nichts verstand, so vermute ich, weil ihre Aufmerksamkeit ihrem Freund galt, allerspätesten aber im Sportuntericht in der Schwimmhalle. Claudia hatte nicht nur ein schönes Gesicht, und das einzige Gespräch, das wir je führten, waren diese 3 1/2 Sätze. Sollte ich Claudia noch einmal begegnen, was sehr unwahrscheinlich ist, werde ich sie fragen, wie ihr Leben verlaufen ist. Denn das Leben außergewöhnlicher Menschen interessiert mich schon. Außergewöhnlich, weil in einer Eigenschaft besonders, besonders schön, schüchtern, klug, dominant, schwach, lieb… Wie wäre wohl mein Leben verlaufen, wäre ich frei von Angst, Scham und Unzufriedenheit mit meinem Äußeren gewesen? Würde ich dann auch heute hier im Garten mit den Füßen im Basenbad sitzen und den Tag mit Gedanken an die Vergangenheit verschwenden? Wer kann es wissen, wenn selbst ich es nicht weiß. Ich bin in meinem Leben immer aus dem Leben geflohen, aus dem Kindergartenleben, in der Grundschule in die Liebe zur Klassenlehrerin, später in den Fußball, die Musik, die Ehe und schließlich in die Hoffnung, dass das Jurastudium die Unzufriedenheit beendet. Ich sollte aufhören zu fliehen. Ich sollte bleiben, wo ich hingehöre. Eine Antwort mit einer Unbekannten. Wie hieß noch der Mathematiklehrer aus der Oberstufenzeit, der Lehrer mit den langen Haaren? Trug er eine Brille? Und während ich die Fragen niederschreibe, fällt mir wider Erwarten die Antwort ein: Kliemek.
Je klarer ich weiß, warum ich tue, was ich tue, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass mich das, was ich tue, auch erfüllt. – Ich weiß nicht was in zehn Jahren sein wird und was ich dann will, doch ich weiß in diesem Moment genau, ob mir das, was ich gerade tue, guttut oder mich schwächt. Veit Lindau. Seelenquickies 2018.

Schulfest
Ich freue mich auf die Zeit, wenn ich wieder gesund bin, auch wenn diese Zeit nur auf wenige viele verbleibende Jahre verteilt ist. Und genauso freue ich mich auf die Möglichkeit, mich und mein Verhalten zu verstehen, nicht länger von irgendwelchen mir unbewussten Gründen in meinem Tun und Denken bestimmt zu werden. All das wäre nicht möglich, hätte mich meine erste Frau nicht auf derart, für mich unverständliche, unmenschliche Art aus ihrem Leben verdrängt. Ich danke dir für diese Möglichkeiten.
Vielleicht ist diese Vorfreude durch das Schulfest aus Anlass des 50jährigen Bestehens unserer Schule, das ich gestern besuchte, beeinflusst? Schon an den Tagen zuvor muss man mir meine freudige Erregung angemerkt haben. Das erste Mal war ich vor zehn Jahren dort, damals noch in Begleitung meiner Ehefrau und des Mannes, der jetzt ihr zweiter Mann ist. Die Möglichkeit, dass ich meiner ersten Frau das erste Mal nach sechs Jahren hätte wiederbegegnen können, war unzweifelhaft Mitgrund meiner erregten Vorfreude, auch wenn es mir lieber war, ihr nicht zu begegnen. Und wäre ihr zweiter Mann mir begegnet, ich weiß nicht, auf welche Art und Weise ich meine Verachtung ihm gegenüber zum Ausdruck gebracht hätte. Ihre Gegenwart hätte ich vielleicht noch ertragen, vielleicht hätten wir den öffentlichen Anlass als Gelegenheit für die schon so lange überfällige Aussprache nutzen können. Ihm zu begegnen, hätte ich nicht gewollt.
In der heutigen Rückschau weiß ich gar nicht, welche Erwartungen ich an den gestrigen Abend stellte. Ich hatte mir mein Interesse mit der Absicht erklärt, durch die Begegnung mit Menschen aus der Schulzeit in die Gefühle, die damals in mir waren, noch einmal einzutauchen, auch wenn die Erinnerung an meine Schulzeit überwiegend negativ ist, ein schöner Moment fällt mir jetzt nicht ein. Die Schule hatte für die ersten drei Entlassjahrgänge einen Klassenraum ausgewiesen. Der Entlassjahrgang meiner ersten Frau konnte das Klassenzimmer neben meinem Raum als Ort des Wiedersehens nutzen. Von den acht Menschen, die ich bei meiner Ankunft in meinem Raum antraf, kannte ich nur unseren ersten Schulsprecher und Ralf, dessen Stimme ich erinnerte, mit beiden hatte ich keine gemeinsamen Erinnerungen. Etwas später trat Doris ein, wir hatten schon die Grundschulzeit geteilt. Als sie in den Raum trat, sagte ich ihr, ich hätte sie an ihrem schönen Lächeln erkannt. Sie hat eine angenehme Art, der Mann, der mit ihr sein Leben teilt, hat es gut mit ihr, so vermute ich mal, denn auch mit Doris habe ich in den 15 Jahren nichts geteilt. Später trat noch Johannes ein, auch wir hatten keine gemeinsamen Erlebnisse, die wir gestern hätten teilen können. Und während ich ihn sofort erkannt hatte, alle kindlichen Verhaltens-und Ausdrucksweisen waren unverändert, blieb ich für ihn unbekannt. Das wollte ich auch nicht ändern. Um zu erfahren, wer wohl aus meinen Jahrgang stammen könnte, müsste ich nur die ältesten Gesichter anschauen, und manchmal verpasste ich das Ziel, wenn die Frau mir erklärte, sie hätte dem Jahrgang angehört, der zehn Jahre nach mir die Schule verließ. Das erste bekannte Gesicht, das ich bei meinem Eintritt ins Schulgebäude sah, war das Gesicht eines Lehrers, der nie mein Lehrer war, Herr Peters war in seinem forschen Auftritt trotz seiner 75 Lebensjahre fast unverändert, auch Herr Fernkorn, der auch nicht mein Lehrer war, hatten die Jahre nicht auf grausame Art alt werden lassen, er konnte sich an meine Eltern erinnern und bat mich, meiner Mutter schöne Grüße von ihm auszurichten. Auch bei unserer gestrigen Begegnung trug er seine Schultertasche. Es gibt Menschen, die verändern sich nicht. Später traf ich Dietmar, wenn man ihn jung schminken könnte, so wie Menschen auf alt geschminkt werden können, vor mir stand der Mitschüler Dietmar. Sein Bruder sei auch da, wir hatten Musik als viertes Abiturfach, ihm bin ich leider nicht begegnet, auch wenn auch wir keine Zeit teilten. Dietmar erzählte mir, dass Helmut nicht kommen werde. Schade, wir hatten uns vor einem Jahr das letzte Mal gesehen. Er war einer der wenigen, vielleicht der einzige Mitschüler in dessen Gegenwart ich mich wohl fühlte. Ulrich war auch gekommen. Er ist Physiker geworden. Er hatte noch immer die gleiche Gesichtsmimik, es hat mich gefreut. Als ich ohne Bratwurst und ohne Bier durch die Gänge ging, kam ich auch an dem Treppenaufgang vorbei, an dem ich mich in den letzten drei Schuljahren bei jeder Pause mit meiner ersten Frau traf, auch um ihr das Weizenbrötchen, das mein Vater an jedem Schultag für uns holte und sodann ohne selbst am Frühstück teilzunehmen zu seiner Tankstelle fuhr. Meine Mutter belegte die Brötchen für mich und meine erste Frau mit rohem Schinken. Fast immer gab’s einen Apfel dazu. Heide, auf die ich dann treffen durfte, war unverändert, aus einem freundlichen Mädchen ist eine freundliche Frau geworden, die ihre kindlichen Gesichtszüge mit ins Alter nehmen konnte. Sie zitierte mich im Kreis der Umstehenden mit einem Spruch, den ich am Anfang unserer Schulzeit geäußert hätte – auch sie war von der fünften bis zur zehnten Klasse meine Mitschülerin. Ich hatte sie nicht richtig verstanden – ich höre nicht mehr so gut -, und als ich sie bat, den Spruch noch einmal zu wiederholen, wechselte meine Aufmerksamkeit zu der Frau im Kreis, die mich interessierte. Und nachdem ich von Frank, der etwas abseits stand, erfuhr, dass sie seine Frau sei, konnte auch meine offen formulierte Wertschätzung, die natürlich von ihrem Äußeren bestimmt war, nichts daran ändern, dass meine unbewusste Vorstellung, die Nacht zu zweit zu erleben, nicht Wirklichkeit würde. Ich war wohl zu diesem Schulfest gefahren, um mich für mein Wohlgefühl zu kümmern. Und obwohl ich jetzt schon seit sechs Jahren üben darf, gelingt es mir noch immer nicht. Vielleicht will ich es auch gar nicht. Silvia, die im Zugang zur Schulaula stand, habe ich nicht wiedererkannt, auch wenn wir als Kinder ein paar Male zusammen spielten. Dass wir im Haus meiner Eltern zusammen mit Ulrike Tischtennis spielten und kickernten, wusste ich nicht mehr, sie hat sich aber ihre Art erhalten, deretwegen ich sie schon als kleiner Junge mochte. Und ganz anders als in meiner Erinnerung war sie nicht mehr das große Mädchen, sondern ein wenig kleiner als ich. In der Aula sollten zwei Ehemaligen-Bands spielen. Matthias hatte ich schon vor zwei Jahren wiedergesehen und so wie ich hatte auch er sich von seinen langen Haaren getrennt. Auf der Bühne stand Michael, der mit seiner für den gestrigen Abend zusammengestellten Band den Soundcheck durchführte. Er hatte sich seine Stimme erhalten, und wenn er lachte, funkelten seine Augen noch wie damals, als er mit mir im Musikunterricht saß und mit seinen gelungenen Wortbeiträgen zum Unterricht beitrug. Herr Schepers, unser Musiklehrer war nicht auf dem Fest, es soll ihm gut gehen, Frau Malzzacher sei gestürzt, wie ein Mitschüler uns sagte, als er auf mich und Dietmar zuging, sich mit Vor- und Zunamen vorstellte, seine Leistungskurse nannte, die nicht meine waren. Er kam in der elften Klasse zu uns, nachdem das Internat die Zusammenarbeit mit ihm beendet hatte.
Fragen
Gibt es Fragen, die ich mir noch nicht stellte? Wenn die Antwort nein lautet: Habe dich mir auf jede meiner Fragen eine Antwort gegeben? Gibt es Fragen, die nur sie mir beantworten kann? Sind ihre Antworten wichtig für mich? Weiß denn sie die Antworten auf die Fragen, die nur sie beantworten könnte? Sind ihre Antworten wichtig für mein Leben?

Schön
Oh, ein schönes Foto. Ja, ein wirklich schönes Foto. Das Bild ist wohl nach den Sommerferien entstanden. Die Brille ist sehr groß. Ob sie mir ohne dein Gesicht gefallen würde, weiß ich nicht. Sie steht dir gut. Auch dein Kleid gefällt mir gut. Es kleidet dich. Es passt sehr schön zu deinen gebräunten Oberarmen und deinem braunen Gesicht, der geschlossene Mund mit einem angedeuteten Lächeln. Es freut mich, dich derart gutaussehend zu sehen. Das Bild ist viel schöner als das Bild, das jahrelang die Homepage zeigte. Ja, ein schönes Bild. Leider ist da die Erinnerung an deinen letzten Anruf, der so gar nicht zu dem, was das Bild vermittelt, passt. Wenn ich mir deine Worte und den Klang deiner Stimme in Erinnerung rufe, dann fehlt zu deinem perfekten Glück nur noch, dass es mich nicht mehr gibt, dass ich still werde, dass ich meine Existenz lösche, dass ich zurück an den Einlass gehe und meine Eintrittskarte fürs Leben zurückgebe. Das wärs dann, lebe du alleine weiter. Ich habe den Neuanfang nicht geschafft. Noch aber will ich nicht aufgeben. Wenn du erblühst, muss ich nicht zwangsläufig verblühen, sterben. Doch ja, es freut mich, dich so zu sehen.

Fragen
Seine Kalenderblätter haben mich schon oft zum Nachdenken ermuntert. Wenn ich seine heutigen Worte lese, spüre ich, dass ich der Aufforderung nachkommen will und bin gespannt, welche Fragen ich mir stellen werde. Und während ich den Kalender in die Hand nehme, muss ich feststellen, wie dünn er geworden ist. Nur noch fingerbreit sind die verbleibenden Tage, und dann ist auch dieses Jahr um. Es sind die Fragen, die ich mir stelle – nicht die Antworten -, die über mein Glück und Leid bestimmen. Wie habe ich die Tage dieses Jahres für mich und mein Glück genutzt.

Nachwort
Als ich am Wasser entlang ging, fiel mir ein, dass zu jeder Beerdigung auch eine Grabrede gehalten oder ein Nachruf verfasst wird. Diesen Nachruf werde ich verfassen, bevor ich mich dem Schönen, dem Unbekannten, meiner Zukunft zuwende. Ich habe dich für mich sterben lassen, also obliegt mir der Nachruf, auch wenn ich am Ende meines Lebens nicht neben dir liegen werde, so wie dein Vater nach seinem Tod von seiner zweiten Frau neben deiner Mutter bestattet wurde. Sie selbst liegt irgendwo anonym, irgendwo auf der grünen Wiese. Und wenn ich jetzt, als der Mann, der dich von deinem 14. bis zu deinem 51. Lebensjahr begleitete, den Nachruf halte, will ich darin nur das Gute sammeln. Ich will die Dinge aussprechen, für die ich mich bei dir bedanken möchte, so wie ich es schon einmal musikalisch versuchte. Ich würde dich gerne persönlich ansprechen. Da aber alles nur meiner persönlichen, subjektiven Erinnerung entspringt, die nicht der objektiven Wahrheit und schon garnicht deiner subjektiven Wahrheit entsprechen kann, will ich meine Worte abstrahieren, will ihnen jeden realen Bezug nehmen. Ich werde dich nicht mit deinem Namen benennen, ich werde auch nicht irgendeine Abkürzung gebrauchen. Nach meinem einleitenden Wort werde ich eine große Lücke lassen, in die ich dann gedanklich, still, für mich, deinen Namen einfüge. Lasse mich jetzt beginnen.
Liebe (………………….),
mir obliegt dein Nachruf. Ich rufe dir nach, während du dich mit jedem Wort weiter von mir entfernst, weiter und weiter. Du schreitest mit großen Schritten voran. Und mit jedem Schritt holen auch deine Arme weit nach vorne und hinten aus. Du schreitest kraftvoll voran. Und manchmal geht dein Blick noch nach hinten, nicht auf mich gerichtet, mehr suchend, so als würdest du auf jemanden warten, der dich hätte begleiten sollen, den du noch einmal hättest sehen wollen. Trotz deiner Suche bleibt das Tempo deiner Schritte unverändert.
Ich will jetzt beginnen, bevor meine Worte dich nicht mehr erreichen. Was fällt mir spontan ein, wenn ich dir danke sagen will? Danke sagt man oft und für vieles. Reichst du mir mal die Butter rüber? Danke.
Womit soll ich beginnen? Welches Tun, welche Worte, welches Geben ist erwähnenswert? Es fällt mir schwer das Gute zu erinnern und das sich aufdrängende Aber zu verhindern. Es fällt überhaupt schwer, danke zu sagen. Du hast für mich mehr getan, als ich für dich getan habe, das steht fest. Und dieser Unterschied ist doch sehr groß, denn was habe ich schon für dich getan? Du hast die Betten gemacht, manchmal habe ich geholfen. Du hast das Licht über meinem Bett ertragen, wenn ich noch lesen wollte. Danke. Du hast den Mangel an Austausch über die Ereignisse des Tages ertragen. Reden, sich erinnern, geteilte Dankbarkeit waren selten. Danke für den so lange ertragenen Mangel. Danke für die geteilte Sexualität. Ich will sie jetzt nicht beschreiben, erklären, bewerten. Es war unsere Sexualität. Jetzt kommt das erste Mal eine Emotion auf, die mir deutlich macht, die mir beweist, dass das Danke hier kein leeres, nur so dahingesagtes Danke ist. Danke für die mit dir erlebte Sexualität, danke, dass ich mich an deiner Schönheit, deiner Ehrlichkeit, deiner Vertrautheit, deiner Hingabe, deiner Nähe erfreuen durfte. Du hast unsere Kinder geboren. Danke, dass du diese Last und Verantwortung und auch Schmerzen so großartig gemeistert hast. Danke, dass du ihre Mutter warst. Danke, für deine Sorge und dein Kümmern. Danke, dass du dich um mich gekümmert hast, wenn ich krank war. Bei meinem letzten Aufenthalt im Krankenhaus bist du jeden Tag zu mir gekommen, hast neue Wäsche gebracht, danke für das Picknick. Die Frage, die sich gerade jetzt aufdrängt, brauche ich nicht mehr stellen, sie bliebe unbeantwortet, denn du wirst kleiner und kleiner und der Abstand größer und größer. Ich muss mich beeilen, damit mein Rufen dich noch erreicht. Danke, dass du mich, meine Übellaunigkeit, mein Desinteresse, meine Lethargie, das ungesicherte Leben, den Mangel, die Einschränkungen so lange ertragen hast und mich bei jedem meiner untauglichen Versuche, die Verhältnisse zu ändern, bedingungslos und ohne Widerspruch unterstützt hast. Du bist ein guter Mensch, bitte erinnere dich daran.
Und du bist ganz klein, nur noch ein Punkt in der Ferne, ohne jede Kontur. Jetzt kann ich dich nicht mehr sehen. Ob dich mein letzter Satz wohl noch erreicht hat?

Wie
Ich habe meine Zahncreme gewechselt. Die optimale kostet das Fünfundzwanzigfache der bislang von mir verwendeten Zahncreme. Ein scheinbarer Luxus, verteilt auf den Tag nicht teurer als eine Nespresso-Kapsel. Und doch gesünder als die Süddeutsche Zeitung, für die ich an manchen Tagen, wenn der Heißhunger mich packt, zusammen mit dem kleinen Vollkornbrot, mit Sauerteig gebacken, 6 Euro verwende. Der Staatsbedienstete wechselt von der Besoldungsstufe B9 nach B13. Verteile ich seinen neuen Monatslohn auf 160 Monatsstunden errechne ich einen Stundenlohn von 82 Euro. Herr Kühne, dessen Vermögen Wikipedia auf 13 Milliarden beziffert, speist in der Sansibar. Die Zeit zitiert Herrn Seckler mit den Worten: Die Menschen haben mich behandelt wie einen Mülleimer. Der Speditionskaufmann aus Frankfurt fragte seine Ehefrau, Arbeitgeberin von 50 Angestellten, ob Herr Kühne wohl den Wein getrunken habe, dessen Flascheninhalt 4000 Euro kostet. Herr Kühne ist 81 Jahre, Herr Seckler 66 Jahre und Herr Björn Freitag, der Fernsehkoch aus Dorsten, war auch da. Ich lebe in einer Zeit, in der alles möglich ist, 4 Ausgaben der Zeit kann ich als Geschenk lesen und Volvo lockt mit 3 Stunden im Volvo-SUV für 0 Euro. Alles ist möglich, solange ich nicht Bundespräsident, Bundeskanzler oder Eigentümer der Sansibar, Milliardär oder Fernsehkoch werden will. Ich will nur diesen einen Stundensatz von 500 Euro. Das Ehepaar aus Hannover, beide über 70 und mit dem Wohnmobil unterwegs, die ihr Haus gemeinsam erbauten, er als Maurer und sie als Tochter eines Lastwagenfahrers, die alle Fliesen im Haus selbst verlegte, erklärten, allein mit der Hände Arbeit könne man nicht reich werden. Hätte er nicht seinen Meister gemacht, eine Firma gegründet, den Mut besessen und Grundstücke auf Mallorca erworben, mit Villen bebaut und veräußert, wäre Ihnen die Einladung an Kinder, Enkel und Urenkel zu einer 14tägigen Kreuzfahrt im Persischen Golf unmöglich. Und doch wollte ich auch nicht mit ihrem Leben tauschen. Wer will schon tauschen, tauschen will nur selten einer. Er oder sie müssten ja dann auf sich verzichten. Und wer will sich aufgeben? 0k: Ein Stundensatz von 500 Euro ist das Ziel, nicht acht Stunden täglich, nicht 40 Mal in der Woche, nicht 160 Stunden im Monat. Meine Wertschöpfung in der Stunde beträgt 500 Euro. Bleibt nur noch die Frage zu beantworten: Wie? Wenn das Ziel bestimmt ist, ergibt sich das Wie von allein.

Delete
Muss ich begründen, was ich jetzt tue? Muss ich mir begründen, was ich jetzt tue. Ich werde dich aus meiner Erinnerung löschen, dich beerdigen, auf See, ohne Rückkehr, ohne örtlichen Anker. Du bist für mich gestorben. Fünf Jahre habe ich in meinen Gedanken für dich gekämpft. Fünf Jahre habe ich mich an das Gute in dir erinnern wollen. Und während ich diese Worte schreibe, durchleide ich das gleiche Gefühl wie in der Nacht als ich nach meiner Rückkehr von Ani vor dir stand, im Raum unsere erste Einrichtung, die braun gestrichenen Montagebetten, am Anfang unserer Zeit und gleichwohl am Ende unseres Lebens. Ich kämpfe mit den Tränen, die gleichwohl laufen, ich puste aus, so wie in der Nacht als du mir am Telefon deine Entscheidung mitteiltest. Ich lass dich jetzt gehen. Ich trage keine Verantwortlichkeit mehr für dein Leben. Ich entlasse mich jetzt aus meiner Schuld, die ich unbegründet oder begründet trug. Mach’s, gut. Und vielleicht habe ich dich doch geliebt, auch wenn viele sagen, es ist gut für mich, dass du nicht mehr Teil meines Lebens bist. Endgültig, ohne Umkehr, endgültig wie der Tod.

Mehrwert
Was brauche ich mehr, und wo ist mein Mehrwert? Die Tomaten kosteten das fünffache derer, die ich vor ein paar Tagen kaufte. Der Geschmack war besser, vielleicht schon deshalb, weil ich sie in einer Papiertüte nach Hause trug. Und ich konnte sie fußläufig kaufen. Bei einem  Stundensatz von 500 Euro und einer Stunde  Wegzeit zum Discounter hätte ich beim Einkauf der scheinbar überteuerten Tomaten 500 Euro gespart. Die Tomaten kamen direkt vom Erzeuger. Die zwei Äpfel, die ich heute Morgen am Wegrand pflückte, frei von giftigen, aufgebrachten Inhaltsstoffen, kosteten nichts, ich schenkte sie mir, die dreihundert Äpfel, die noch hängen, fallen irgendwann zu Boden und verbessern den Küstenschutz. Zwei Tassen Kaffee mit aufgeschäumter Milch und dazu fünf süße Leckerlis:15.50 EUR, mit Trinkgeld 18 Euro. Der Mehrwert war das Gespräch mit der Frau, mir gegenüber. Und diesen Wert erhielt ich als Geschenk, weit mehr wert als fünf Leckerlis. Heute las ich bei Damian, ich solle mich niemals von Geld, von Menschen und von meiner Vergangenheit kontrollieren lassen. Vorgestern kamen mir drei Menschen auf dem Bürgersteig entgegen. Noch bevor sie für mich sichtbar wurden, hörte ich das Geschrei eines Kleinkindes, durchgängig, anhaltend. Die Frau, in schwarz gekleidet, die dunklen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, schob den schwarzen Kinderwagen. Neben ihr und neben der Kante des schmalen und einseitigen Bürgersteigs schritt ein ebenfalls in schwarz gekleideter, eher kleiner, eher schmächtiger Mann, der ebenso durchgängig und anhaltend sprach, wie das Kind schrie, den Blick starr geradeaus, in seinem Monolog verhaftet, ohne jedes Interesse für das schreiende Kind. Nachdem wir einander passiert hatten, fragte ich mich, während ich mich umdrehte, ob ich nicht gerade einem auch mir durch das Fernsehen bekannt gewordenen Mann, seiner Freundin und ihrem gemeinsamen Kind begegnet war. Mit seiner Gestalt, dem schwarzen Hut und der dunklen Brille hatte er Ähnlichkeit mit Michael Jackson. Sollte er die Wirklichkeit von dem sein, was der Fernseher mir vermittelt hatte? Ich werde wohl nie erfahren, wer mir begegnet war, es sei denn… Mehrwert?

La stezza
Ein schönes Gefühl, wenn sich zuerst mein Brustkorb erwärmt, die Wärme nach oben steigt, durch den Hals in den Kopf, die Augen erreicht und zwei kleine warme Tränen die Augen verlassen und die Wärme jetzt den ganzen Oberkörper erfasst. Ich verstehe ihre Worte nicht, vermutlich lässt mich allein die Deutlichkeit ihrer Aussprache ahnen, wovon ihre Lieder handeln, von der Liebe, von der Schönheit des Lebens, von Streit, von Hoffnung, den wunderbaren Orten der Welt, von der Jugend, vom Alter. Ich verstehe kein Wort und doch erreicht sie mich mit ihrer Aufforderung, das Leben zu tanzen, zu fühlen, zu genießen. Was lässt mich weinen? Dass ich mein Leben verpasst habe, dass keine Zeit mehr ist, das Versäumte nachzuholen, vielleicht aber auch Dankbarkeit, dass dieser Tag nur mir gehört und ich diesen Sonntag so gestalten kann wie ich es möchte. Ich kann sitzen und genießen, ich kann fahren und die Natur, die Kraft der Sonne, des Windes und die Weite der Landschaft genießen und ich kann in die Begegnung mit Menschen gehen um die Freude in mir zu teilen. Vielleicht ist es doch noch  nicht zu spät für ein volles Leben.

500 Euro
500 Euro klingt unmöglich, unerreichbar, besonders dann, wenn ich den Betrag mit dem vergleiche, den man mir für eine Stunde Arbeit in den letzten Jahren zahlte. 10 Euro als Barmann. 12,75 Euro als Buchhändler, 25 Euro als Lehrer. Als Tanzmusiker kam ich immerhin auf 65 Euro Und als Anwalt war die Zahl der ergiebigen Mandate in den zwei Jahrzehnten meiner Zulassung nicht größer als die Zahl der Äpfel, die der kleine Baum hier im Garten in diesem Jahr trug. Will ich das Ziel erreichen, muss ich mich anderen Tätigkeiten öffnen. Woher sollen die 500 Euro kommen! Entweder von einer einzelnen Person oder von  einer Gruppe Menschen. Wenn 50 Menschen meine Arbeit zeitgleich erhalten, dann ist der Beitrag jedes einzelnen der Gruppe lediglich 10 Euro. Das klingt doch schon gar nicht mehr so unmöglich, unerreichbar. Ich kann 50 Menschen für eine Stunde an einen Ort zusammenführen und für diese Zusammenkunft ist jeder einzelne bereit, eine Gegenleistung von 10 Euro zu zahlen. Unmöglich? Das Beste an einem Seminar sind nicht immer die Seminarinhalte, sondern oft die Menschen denen man dort begegnet. Für mein letztes 3-Tages-Seminar zahlte ich 900 Euro. Ich hörte von Visualisierung, Zielsetzung. Nichts Neues also. Und von der russischen Methode hätte ich nichts hören müssen, da hätte auch ein Blick bei Youtube den gleichen Inhalt vermittelt. Aber, ich bin Menschen begegnet, und diese Menschen, denen ich auf dem Seminar begegnen durfte, die haben dem Seminar Wert gegeben. Vermutlich aber hätte ich ihnen auch weitaus kostengünstiger begegnen können. 500 Euro. Unmöglich, unerreichbar, fantastisch? Es ist mein Leben. Es wurde mir geschenkt. Ich werde es nutzen.

Hej då
Vor zwei Tagen hätte mein Leben beinahe innerhalb eines Augenblicks geendet. Ein schnelles Ende, ohne dass ich mir vor meinem Ableben auch nur einen einzigen Gedanken über den Tod machen musste. Und wenn ich nicht gestorben wäre, hätte ich aufgrund der vielen Verletzungen gewünscht, der Unfall hätte tödlich geendet? Der Tod hat mich verschont, er da oben hat mir mein Leben gelassen, und das völlig unversehrt. Also will ich die Chance, die er mir geben hat, für ein wertvolles Leben nutzen. Ich werde die Ziele neu definieren, in anderer Rangfolge festmachen, und dafür werde ich den Schmerz, der mich mit meiner geschiedenen Frau verbindet, vergessen, ich werde die Sehnsucht, die mich mit dieser unmöglichen Frau verbindet, vergessen, ich werde die Sorgen meines alten Lebens vergessen und ich vergesse, was mich erdrückte.
Als ich gestern durch die Ausstellung eines Möbelmarktes ging, in dem ich in jungen Jahren älter geworden bin, vornehmlich wartend, ging ich an dem Info-Stand für Sitzmöbel vorbei. Das Gespräch, das wir führten, hätte ich eventuell noch ein wenig länger gestalten können, schließlich hatten wir erst zwanzig Kombination aus Gestell und Bezug für Poeng besprochen und am Objekt betrachtet, und das Lachen, dass wir teilten, war angenehm. Aber wollte ich mehr? Und ist es gut, wenn mein erstes Interesse an ihr ausschließlich von ihrem Aussehen und dann durch die Art unserer Unterhaltung bestimmt war? Und wollte ich, der nach vier Jahren der Baderneuerung endlich das Waschbecken kaufte, in das Leben einer bislang mir völlig unbekannten Frau eintauchen, von ihrer Scheidung hören, von den Kindersorgen, von den Belastungen durch die Arbeit und die tausend anderen Dinge, die ihr Leben ausmachen. Nein, das wollte ich nicht, auch wenn aus der Region meines Körpers, der dem Verstand am entferntesten ist, Widerstand spürbar war. Das Universum hat mir durch meinen Beinahe-Tod in bestmöglicher Form gezeigt, wie schnell das Leben zu Ende sein kann und wie groß die Dankbarkeit ist, wenn das Leben, das gerade noch von Nichtigkeiten dominiert war, plötzlich eine ganz andere Gewichtung bekommt. In meiner Prioritätenliste kümmere ich mich deshalb als erstes um ein gutes finanzielles Auskommen. Und bei dieser Zielsetzung folge ich den Worten Damians, inspiriert durch den Stundensatz der fiktiven Strafverteidigerin Rachel Eisenberg aus dem Roman Eifersucht von Anderes Föhr. Um auf ein höheres Lebenslevel zu kommen, muss ich massiv größer denken als bisher und dabei auf die Meinung anderer scheißen. Wer oder was sollte mich also bitte davon abhalten, für meine Arbeit Rachel Eisenbergs Stundensatz von ebenfalls 500 EUR zu wählen.
Welche Arbeit aber ermöglicht einen Stundensatz von 500 EUR? Als ich vor sechs Jahren auf die Insel kam, zahlte man mir für meine Arbeit als Barmann 10 EUR und eine warme Mahlzeit, später erhielt ich als Verkäufer im Einzelhandel 13,75 EUR. Selbst mit meiner Arbeit als Lehrer war die Differenz zu meinen zukünftigen Zielstundensatz noch 475 EUR entfernt. Egal, hiermit lege ich den Stundensatz für meine Arbeit auf 500 EUR fest. Zukünftig kostet die Stunde meiner Arbeit 500 EUR. Ist das utopisch, unmöglich, überheblich, unrealistisch, unverschämt, oder sonstwie negativ? Egal, mein Leben gehört mir, und folglich entscheide ich über meinen Stundensatz. Punkt. Und wenn ich dieses neue, in der Prioritätenliste erstrangige Ziel erreiche, dann bin ich von der anhaltenden Angst vor gefürchteter und erlebter Armut, die mich schon mein ganzes erwachsenes Leben begleitet, befreit. Und dann kann ich mich auch mit ganzer Aufmerksamkeit der Lebenssituation von Ella widmen, von der ich mich auf schwedisch verabschiedete: Hej då!

Herr K.
Herr K. war ein kluger und interessierter Mann. Er war Meister in der Werkstatt eines größeren BMW-Händlers, hatte Haus, Frau und einen Sohn. Auch als seine Frau verstorben war, besuchte er meine Eltern regelmäßig, selbstverständlich war er einer der vielen Gäste, die zu den Geburtstagsfeiern meiner Eltern gekommen waren. Die Zahl der Gäste wurde stetig kleiner, bis auch er verstorben war. Er war ein Teil der Welt. Mit seinem Wissen und seinem gesellschaftlichen Engagement hat er vielen Menschen geholfen. Uns half er, den kleinen beigen 3er BMW so lange auf die Kfz-Hauptunterduchung vorzubereiten, bis wir den Wagen schließlich verschrotteten. Sein Leben war geordnet, er war ein zuverlässiger, kompetenter Arbeitnehmer mit einem guten Auskommen, auch im Alter. Gestern hatte ich auf das Kennzeichen meines alten, kleinen Citroens geschaut, der den letzten Ölwechsel vor sechs Jahren erfuhr, mich trotzdem auf meinen wenigen Fahrten ohne technische Probleme beförderte, und auch vor langer Zeit das letzten Mal gewaschen wurde. Beim Blick auf die Hu-Plakette sah ich mit leichtem Erschrecken, dass die nächste HU schon vor vier Monaten fällig war. Wieder ein Umstand, der belegt, dass mir das Leben entgleitet, wichtige Alltäglichkeiten von mir nicht mehr wahrgenommen werden, das Badezimmer, dessen Renovierung von mir vor ein paar Jahren begonnen wurde, ist noch immer eine Baustelle. Meine Angst vor der Zukunft lähmt meinen Blick und mein Handeln, in meinem erlernten Beruf will ich nicht mehr arbeiten, wollte ich noch nie arbeiten, und in meiner Arbeit als Hauptschullehrer bin ich überfordert. Was bleibt, will ich die Armut im Alter verhindern?

Danke
Ich hatte die Hecke entlang der Garageneinfahrt geschnitten und stand nun am Ende der Einfahrt vor dem Garagentor. Meine Mutter harkte am Anfang des Weges das Laub aus der Hecke. Als ich den Lastwagen der Müllabfuhr hörte und sah, wie er auf der anderen Straßenseite vor dem Grundstück unserer Nachbarin hielt, fasste ich, entgegen meiner ursprünglichen Absicht, den Entschluss, die gelbe Tonne, die in einem Abstand von zwei Metern neben mir stand, die ich eigentlich nicht an die Straße stellen wollte, weil sie nur ganz wenig Verkaufsverpackungen enthielt, doch noch an den Müllwerker, der gerade die Tonne unserer Nachbarin zurück auf den Bürgersteig stellte, zu übergeben. Ich ergriff die Tonne und eilte zum Wagen. Als ich die Kante des Bürgersteigs erreicht hatte, fuhr ein grauer Pkw an mir vorbei. Der Abstand zwischen mir und dem Wagen betrug wenige Zentimeter. Irgendwie hatte ich den Wagen im letzten Augenblick, dem Augenblick vor einer Fraktur von Unterschenkel, Knie, Oberschenkel, Hüfte, Bauch, Schulter, Kopf und der oberen Extremitäten, gesehen. Und irgendwie schaffte ich es, mich und die Mülltonne zu drehen. Ich war unverletzt und lebte. Welch gigantische Erfahrung. Ich hätte tot sein können und ich lebte. Nachdem ich den Moment größter Dankbarkeit genossen hatte und dem Müllwerker die Tonne schließlich übergab, fragte ich ihn, ob er mit mir auf das mir geschenkte und unversehrte Leben anstoßen wolle. Ich lief in den Keller, holte eine Sektflasche und drei Gläser aus dem Wohnzimmerschrank. Wieder auf der Straße begossen wir mein neues Leben. Als ich kurz darauf die Tonne zurück an ihren Standort brachte, schaute ich zum Himmel und bedankte mich bei ihm da oben. Danke. Ich danke dir. Eine Sekunde eher, 10 Zentimeter näher und ich wäre tot gewesen. Danke für mein Leben. Ab heute will ich mein Leben nutzen, ich will es schätzen, ich will es ehren, ich will ihm Wert geben. Danke. Ich werde wertvoll sein. Als ich am späten Nachmittag mein Basenbad nahm und die Musik von Alessandra Amoroso hörte, die bunten Häuser ihres Videos sah und an die Zeit unseres Italiensurlaubs dachte, als wir mit unserem schwarzen Bus durch die Straßen unseres Urlaubsortes fuhren und wir die italienische Musik im Radio hörten, musste ich wieder weinen. Ich lebe. Danke, danke, danke. Der 3. September ist der Tag, an dem mir das Leben ein zweites Mal geschenkt wurde. Im nächsten Jahr werde ich mein Leben zwei Mal feiern. Danke dir da oben.

Damian
Er hat ein Kompliment verdient. Die Motivationssätze, die ich lesen kann, wenn ich sein Instagram-Profil öffne, haben alle einen wahren Gehalt. Ich weiß nicht, ob es seine Worte, seine Ideen sind: Die einzige Person, mit der du dich vergleichen solltest, ist die, die du gestern warst. – Mut bedeutet: Sei du selbst in einer Welt, die dir erzählt, jemand anderes sein zu müssen.- Echte Freundschaft ist so wertvoll wie wahre Liebe. –  Am Anfang braucht man Mut, damit man am Ende glücklich ist. – Um auf das nächste Level deines Lebens zu kommen, musst du massiv größer denken als bisher. – Halte dich fern von negativen Menschen, sie haben ein Problem für jede Lösung. – Erziehung bedeutet, liebe dein Kind bedingungslos. – Liebe dich selbst. Finde Menschen, die dir guttun. Scheiss auf die Meinung anderer. – Wenn dich jemand ignoriert, störe ihn nicht dabei.
Ich habe dich nie kennengelernt, lieber Damian. Das Bild, das ich mir von dir mache, ist entstanden durch deine Podcasts, die kurzen Videos, die du bei Instagram ins Netz stellst, und die Fürsprache eines anderen Menschen. Warum muss ich, wenn ich das Video sehe, in dem du auf Socken klatschend durch den Kreis deiner Mitarbeiter hüpfst und eine Mitarbeiterin versucht, es dir gleich zu tun, an die Zeit denken, als ich mit Erwin auf der Bühne stand, und wir, nachdem die feiernde Gesellschaft schon ein wenig Alkohol getrunken hatte, die Menschen auf der Tanzfläche mit Arschi-Arschi, Marschwalzer, Polonäse und anderen Spielereien, die vom Ansatz her den Spielen auf einem Kindergeburtstag ähnelten, in einen berauschten, fröhlichen, ausgelassenen Zustand trieben? Warum musste ich an die Videos junger Erwachsener denken, die auf Youtube davon berichten, wie sie innerhalb kürzester Zeit zum Internet-Millionär wurden, wenn du aus deinem Whirlpool grüßt, ich dich beim Kauf deines dritten Mercedes bei der Vertragsunterzeichnung und anschließender Heimfahrt  begleiten darf und du mir die Liebe zeigst, die dich und deine Frau verbindet? Und warum überhaupt erzähle ich von dir? Weil ich neidisch bin, auf deine Arbeit, auf das viele Geld, das du mit deiner Arbeit verdienst, auf eine Fähigkeit, andere glücklich zu machen, auch wenn die Zeit des Glücks auf die Dauer deiner Veranstaltungen möglicherweise beschränkt ist? Ja ich bin neidisch auf dich. Ich will den Gedanken weiterdenken, vorab ein wenig im zweiten Fall der Rechtsanwältin Rachel Eisenberg lesen, deren Stundenhonorar 500 Euro beträgt und die den geforderten Vorschuss auf 50.000 Euro festlegte. Allerdings müsste ich einen Vorschuss verlangen. Der wie hoch wäre? Fünfzigtausend. Rachel in Andreas Föhrs Eifersucht.
Es ist wirklich sehr belebend, wenn man wieder Pläne hat. Gerlach zu Rachel in Andreas Föhrs Eisenberg

Ich
Der Wecker des Handys klingelte auch heute Morgen sehr früh, nachdem ich gestern vergessen hatte, ihn nach dem für Gestern gewollten Weckruf auszuschalten. Die Marschmusik, die ich schon gestern hörte, holte mich aus meinem Traum, in dem ich durch ein schlossartiges Gebäude, dem Gebäude einer Grunschule, an der auch meine Frau als Lehrerin tätig war, irrte, auf der Suche nach einer Toilette. Bei meiner Suche, bei der ich niemandem begegnen wollte und jeder möglichen Begegnung versuchte auszuweichen, traf ich gleichwohl auf Kolleginnen, die mir freundlich und zugewandt das Gebäude und den Weg zu einer der vielen Toiletten im schlossartigen  Schulgebäude erklärten. Die Marschmusik beendete den Traum. In der gestrigen Nacht hatte ich vor dem Einschlafen die letzte Podcastfolge von Nicole Harder gehört und öffnete jetzt in der Frühe eine Podcastfolge der Podcastnomaden um von hier auf die Seite von Thomas Dahlmann zu wechseln. Nachdem ich mich für seinen Newsletter angemeldete hatte, wechselte ich zu meiner eigenen Website und klickte auf mein Lied Begegnungen, erinnerte mich an Arnos Anruf, in dem er mir das Lied durchs Telefon vorspielte und mich lobte; ich hatte ihm meine erste und bislang einzige CD, die ich vor drei Jahren in einer kleinen Stückzahl hatte pressen lassen, an dem Morgen als die Post mir die zwei Pakete lieferte, geschenkt. War es doch Arno, der mich vor fünf Jahren mit auf seine Insel genommen hatte. Das Lied erinnerte mich sofort an diesen einen Sommer, in dem ich kurz im Zustand des Verliebtseins leben durfte. Schade, dass ich zu faul war, dem Lied einen zweiten Vers zu geben. Der Zufallsclick führte mich danach zu meinem Lied Bevor ich gehe. Das Lied hatte ich damals in den ersten Monaten der Trennung im Dachgeschoss unseres Hauses in Havixbeck aufgenommen. Hatten wir den Ausbau während der Schwangerschaft unseres dritten Kindes durchgeführt? An der geraden Wand und  unterhalb der Dachschräge standen die Holzregale Ivar von Ikea, entlang der Dachschräge, mit Blick durch das Dachfenster in den Himmel, mein Schreibtisch aus Kiefer, den wir fünfundzwanzig Jahre zuvor, nach unserem Umzug von Münster nach Havixbeck gekauft hatten, an dem ich mich während des Studiums und meiner Zeit beim Repetitor durchs Recht quälte, und später durch die Klassenarbeiten meiner Schüler, davor der braune Lederschreibtischstuhl, den meine Eltern mir und meiner Frau, in der kleineren Version, zu Beginn unseres Studiums schenkten, zusammen mit dem großen Schreibtisch in der Größe von zwei mal zwei Metern, den Herr Sack für uns gebaut hatte. Am gestrigen Abend hatte ich die Erkenntnis, geleitet von einem Foto, dass das Gefühl, für einen anderen Menschen wichtig zu sein, früher mehr als heute, mehr noch, der wichtigste Mensch zu sein, eine sehr große Bedeutung für mich hat, mir ein gutes Gefühl gibt, mich sichert, mich schützt, und immer noch die Angst in mir ist, früher mehr als heute, meine Wichtigkeit im Leben eines anderen Menschen zu verlieren. Ich weiß nicht, ob die Sorge, die ich hatte, als meine Eltern mich fragten, ob ich noch ein Geschwisterchen wollte, von mir verneint wurde, ich bin mir auch nicht sicher, ob mir die Frage je tatsächlich gestellt wurde, ich glaube mich aber zu erinnern, auf diese Frage mit Unwohlsein reagiert zu haben, zumindest kann ich heute dieses Unwohlsein nachempfinden. Und während ich nun mein Lied Bevor ich gehe hörte, öffneten sich meine Tränenkanäle und ich weinte. Während des Zähneputzen mit meiner neuen auyverdischen Zahncreme Auromere, die ich als Empfehlung den Büchern der Frau Tierärztin Alexandra Stross entnahm, fiel mir ein, dass ich für meine  Frau, der wichtigste Mensch in ihrem Leben war und musste ein zweites Mal weinen. Ich hatte eine Frau, für die ich der wichtigste Mensch in ihrem Leben war. Und diese Tatsache war doch schon Grund genug, dass ich um ihre Hand anhielt. Und allein aufgrund ihrer Hingabe, ihrer Einstellung war ich verpflichtet im Austausch, als Gegenleistung… Ich weiß es nicht. Viele Eindrücke, viele Gedanken und noch immer keine Klarheit. Mein Weg zu mir selbst scheint noch eine Weile zu dauern, aber ich spüre, unterwegs zu sein. Und da ist immer wieder die Hoffnung, dass mein Weg erfolgreich enden wird, auch wenn die Verzweiflung mich stetig begleitet. Und wenn ich es geschafft habe, völlig frei, ohne jeden nachteiligen, leidenden Gedanken, stolz, stark, mit strahlender Freude, wunschlos, glücklich, zufrieden, ohne irgendeinen Gedanken, weder von Hoffnung noch von Scham, noch von Minderwertigkeit, noch von gespielter Überlegenheit, gespielter Arroganz beeinflusst, nur mit dem unbefleckten Gemüt eines Neugeborenen der Frau begegnet bin, deren Existenz ich diesen Prozess, in dem ich noch immer stecke, verdanke, deren Existenz mich achtundzwanzig Lieder und Millionen Worte und eine Liebeserklärung, die mich, wenn ich sie lese, noch immer begeistert, erschaffen ließ, dann habe ich es geschafft, dann bin ich am Ziel meiner ersten Etappe, dann bin ich Jörg Ridder, dann bin ich Ich. Und dann, dann geht’s los. Dann werde ich der Welt zeigen, weshalb ich geboren wurde.
Nach Auskunft von Frau Gerlach hat sich das Paar 2011 getrennt. Gerlach scheint das ziemlich mitgenommen zu haben. Jedenfalls hat er seine Karriere als Physikprofessor hingeschmissen und lebte zum Zeitpunkt seiner Verhaftung als Obdachloser auf der Straße. Carsten Dillbröck in Andreas Föhrs Eisenberg

Verduften
Ich stand in meinem Lieblingsbuchladen und hielt das Buch von Matthias Brandt in den Händen, als ich diesen angenehmen, leichten Duft an meiner linken Seite wahrnahm. Ich erinnere mich an das Titelthema der Zeit und die nicht neue Erkenntnis, dass eine Beziehung nur gelingen kann, wenn man den anderen gut riechen kann. Ja, diese Frau und das von ihr ausgewählte Parfüm dufteten sehr gut. Leider hatte ich den Kauf des Buches schon vollzogen und auch das Gespräch mit meiner Lieblingsbuchladen-Verkäuferin war beendet, nachdem ich ihr meine Auswahlkriterien für ihren nächsten Büchervorschlag noch einmal kurz zusammengefasst hatte. Es gab also keinen  Grund, noch länger im Buchladen zu verweilen, zumal ich den einzig richtigen Augenblick, mit der Trägerin des lieblichen Dufts ins Gespräch zu kommen, schon verpasst hatte, als ich darüber nachdachte, ob es wohl passend wäre, der Frau neben mir zu sagen, dass mir ihr Duft gefiele. Jeder Satz, der nach meinem Bedenken von mir geäußert worden wäre, wäre mir peinlich, unangenehm gewesen. Als ich den Buchladen verließ, kritisierte ich mich innerlich meiner Feigheit wegen und rechtfertigte mein Schweigen mit der Annahme, dass die Frau mit dem angenehmen Duft, ganz leicht, ganz dezent, wahrscheinlich viel jünger war als ich, verheiratet war, in einer Beziehung lebte, Mutter von vier Kindern war oder aus anderen Gründen nicht interessiert wäre, auf mein Interesse, auch wenn es sich im ersten Augenblick nur auf ihren Duft bezog, mit keiner anderen Antwort als einem freundlichen Danke zu entgegnen. Um mich zu besänftigen, blieb ich vor dem Buchladen stehen , schaute zurück in den Laden und wartete, bis die Frau für mich sichtbar wurde. Ja, ihre ganze Erscheinung passte zu ihrem Duft, der beige, leichte Sommermantel, die eng am Bein anliegende Jeans, die im Bereich der Fessel gelöchert und ein wenig ausgefranst war und Flipflops, die das Leben leichter machen. Wie alt sie war, konnte ich nicht einschätzen. Auch die ins dunkle Haar gesteckte Brille machte die Einschätzung nicht leichter. Und während ich mich daran erinnerte, dass es schwer würde, durch standhafte Arbeitsverweigerung und weiterhin unterlassenes Balzverhalten meinen Beziehungsstatus zu ändern, spürte ich den Regen, der plötzlich einsetzte. Wollte mir das Universum eine zweite Gelegenheit anbieten, dachte ich. Zu meinem Glück war es nur ein kurzen Schauer. Ich setzte mich aufs Rad und fuhr davon. Ob ich sie an ihrem Duft wiedererkennen würde? Man sieht sich immer zweimal im Leben, nur suchen sollte man sich nicht. Doch nie wieder will ich feige sein.

Spielen
Der 79 Jahre alte Mann vom Nachbargrundstück trat vor die Tür, warf zwei kleine Bälle auf die Wiese, stellte sich zum Ball, hob den Schläger an und schlug den kleinen Ball über den Rasen. Er hatte im Alter von 65 Jahren mit dem Golfspiel begonnen. Wenn er mir in Begleitung seiner Frau erschienen war, wirkte er krank und verletzt,  beim Abschlag des kleinen Balles, löchrig und innen hol, wirkte er mit seiner Beweglichkeit in Becken und Oberkörper weitaus agiler. Nach vier Schlägen hatte er sein Spiel beendet, seine Frau sei in Kampen am Meer. Sein Spiel animierte mich, mein Basenbad zu verlassen, mir Turnschuhe anzuziehen und den Fußball, den ich mir vor ein paar Wochen gekauft hatte, aus dem Schuppen zu holen. Ich versuchte, den Ball mit beiden Füßen in der Luft zu halten, bewegte mich derart, dass ich mir den  Ball mit der Schuhinnenseite beider Füße wiederholt zuspielte und meinen ganzen Körper dabei so in Bewegung hielt, wie ich es schon als kleiner Junge tat, als ich, früh am Morgen, auf dem Rasenplatz des Heidestadions alleine, nur mit mir und dem Ball trainierte. Bei meinen Versuchen, den Ball in der Luft zu halten, schmerzte das rechte Knie, der leichte Stoß gegen den Ball genügte, den Schmerz auszulösen. Als es mir gelungen war, den Ball zwanzig Mal mit dem linken und dem rechten Fuß im Wechsel in der Luft zu halten, beendete ich mein Spiel und fasste den Entschluss meine Bestleistung am nächsten Tag auf dreißig Mal zu erhöhen.
Das schönste Jahrzehnt in meinem Leben war wohl das dritte, die Kinder wurden geboren, die Hoffnung auf ein besseres Leben hatte einen Grund, das Studium dauerte noch, danach sollte es uns besser gehen. In meinem vierten Jahrzehnt wurde unsere Tochter geboren, das zweite Stastsexamen, der Beginn der Selbstständigkeit und noch immer Hoffnung auf ein Leben ohne Existenzängste. Im fünften Jahrzehnt dann die berufliche Neuorientierung, die Kinder hatten das Haus verlassen, die Anstrengungen meiner Frau wurden mit einer Festanstellung belohnt, zu meinen 50sten Geburtstag flogen wir nach London, ihren 50sten verbrachten wir auf Norderney, im Sommer starb mein Vater, im Herbst wurde ich ohnmächtig und mit dem Verdacht eines Schlaganfalls in die Klinik gebracht. Vier Monate später war das alte Leben, mit seinem Fühlen, seinem Denken zuende. Jetzt sitze ich hier mit den Füßen im Basenbad und schreibe, denke an die Nacht, die qualvoll und traurig war, nachdem schon der Traum qualvoll und traurig gewesen war.

Ich habe mich noch nie mit jemandem so wohl gefühlt… Plötzlich und völlig unerwartet stieg ein heftiges, ihn aus der Fassung bringendes Feuer in ihm auf und entzündete sein ganzes Wesen. Die Zerbrechlichkeit dieser Frau und die Einsamkeit, die sie ausstrahlte, halten in ihm wider wie ein schmerzliches Echo. Es hatte nur weniger Sekunden und eines Blickes auf sie bedurft, um… Alice in Guillaume Mussos Nacht im Central Park

Brennen
Da, wo der Kalender hing, hing nur noch der Umschlag mit den von meiner Mutter gesammelten und geordneten Kalender-Blättern, aus dem das heutige Blatt hervorschaute, so als wolle es mich noch eindringlicher mit der Frage konfrontieren: „Weißt du, wofür du brennst?“ Die Stunden des heutigen Tages sollten reichen, um meine Antwort zu finden. Mal fühlen, welcher Gedanke mich innerlich brennen lässt?

Es gibt seltene Augenblicke, in denen sich eine Tür öffnet und das Leben einem eine unerwartete Begegnung beschert, mit einem Menschen, der uns ergänzt und vorbehaltlos so akzeptiert, wie man ist; der Verständnis hat für alle Widersprüche, Ängste, Ressentiments, für alle Gefühle von Zorn und auch für den dunklen Strom, der im Kopf des anderen tobt. Und der diesen zu besänftigen weiß. Der einem einen Spiegel vorhält, in dem man sich furchtlos betrachten kann. Alice in Guillaume Mussos Nacht im Central Park.

So Gott will
Ich bin jetzt im sechsten Jahrzehnt meines Lebens, sie ist in ihrem fünften. Bei dieser Einteilung ein Altersunterschied von nur einem Wert, also von Werten, die nach Auf- und Abrundung identisch und damit passend wären. Würde ich anstelle des Konjunktivs wären den Indikativ sind wählen, bekommt die Aussage einen noch überzeugenderen, schöneren Inhalt: Der Altersunterschied hat sich aufgelöst. Was wiederum die Wirklichkeit richtig beschreibt, denn ob Mann und Frau zueinander passen, beurteilt sich nach anderen Kriterien als denen einer mathematischen Ungleichung. Das erste Jahrzehnt trägt die Überschrift Kindheit. In diesem Jahrzehnt wurden die Grundlagen für mein Leben geschaffen. Frau Dr. Rose, die Frau, die mir Latein beibringen sollte, verglich die Grundlagen einer Sprache mit dem Fundament eines Hauses. Ebenso wie bei einem löchrigen Fundament die Standfestigkeit des Hauses leide, litten alle folgenden Lerneinheiten an einem Mangel der Grundlagen einer Sprache. Und so wie sie die Grundlagen einer Sprache mit dem Fundament eines Hauses verglich, vergleiche ich die Bedeutung der Kindheit für die folgenden Jahrzehnte mit dem Fundament eines Hauses, nur dass bei dem Fundament eines Hauses dessen Mängel sichtbar sind oder leicht sichtbar gemacht werden können, während mir die Mängel meiner Kindheit auf Dauer verborgen bleiben. Und wenn ich mich jetzt mit meinen Gedanken in die Zeit meiner Kindheit treiben ließe, um mich dann mit dem Gefühl des Kindes zu fragen, wie ich mir eine ideale, eine schöne, eine mangelfreie, eine gute Kindheit wünsche, um sodann diese gewünschte Kindheit zu meiner tatsächlich erlebten Kindheit zu machen – denn die Erinnerung ist manipulierbar – wie wäre das? Aber will ich das? Jetzt gerade will ich es nicht. Denn ich will vielmehr die Gegenwart ändern, den heutigen Tag so gestalten, dass er ohne Mängel bleibt, mangelfrei.
Mein zweites Lebensjahrzehnt bekommt den Namen Erwachsen-Werden. In dieses Jahrzehnt fällt mein ganzes Leben, der erste Kuss, den ich bei Tageslicht nicht wiederholen wollte, der erste Vollrausch und die Erkenntnis, dass mein Körper Alkohol nicht verträgt, und der fortgesetzte Mangel, der in verschiedenen Aktivitäten Ausgleich suchte, der Deutschlehrer Hörl, der Sportlehrer Straten, der Biolehrer Erxleben, die Mathematiklehrerin mit den roten Haaren, die Pädagogiklehrerin, der Geschichts- und Klassenlehrer Schlick, die Kunstlehrer Bobitsch
u. a, der Sportlehrer Petry, die Sportlehrerin mit den blonden Haaren und dem weißen Trainingsanzug, die Deutschlehrerin Weiland, der Schulleiter Dahlmanns, sein Vertreter Kukowski, der Physiklehrer mit den gegelten schwarzen Haaren, dem lachenden Gesicht und doch fällt sein Name mir nicht ein, mein Englischlehrer Leistungskurs, mein Englischlehrer aus Amerika. Ich könnte googeln: Oh. Meine Schule feiert mit Ehemaligen am 29. September ihr 50-jähriges Bestehen. Oh, leichtes Unwohlsein setzt ein. Ich sollte trotzdem dahin gehen. Und wem werde ich dort begegnen? Ob noch viele meiner ehemaligen Lehrer leben? Erinnere ich mich an Mitschülerinnen und Mitschüler? Frank, der unsere Schule besuchte und später mit mir Musik machte. Vor ein paar Wochen begegnete ich seiner Tante im Krankenhaus, sie wollte eine Patientin besuchen. Auf ihre Frage, ob wir noch Freunde seien, antwortete ich: „Ich hoffe doch.“ Helmut bin ich im vorletzten Jahr begegnet. Ich muss mich noch mit einem Abendessen bei ihm und seiner Frau revanchieren. Andere Ehemalige habe ich nicht in mein Leben, das der Schulzeit folgte, mitgenommen. Ulf, der irgendwann das Gymnasium verließ, und Matthias, dem ich vor einem Jahr noch einmal begegnete, spielten mit mir in einer Fußballmannschaft, Thomas, den ich aus Anlass meiner Bürgermeisterwahl noch einmal aufgesucht hatte, habe ich nie wieder gesehen. Knut ist Lehrer geworden. Und dann gibt es da noch diese Frau, und es gibt da diesen Mann, beide werden mir, so Gott will, ihre Anwesenheit ersparen. So Gott will.
Das Schamgefühl, das sich in mir ausbreitete, war so stark, dass ich nicht mehr denken konnte. Mir schien, als wäre mein Inneres vollkommen leer. Die Kraft dieser plötzlichen Scham war in meiner Kindheit nur vergleichbar mit der intensiven Angst, die ich manchmal empfand, und dem Jähzorn natürlich, und allen gemeinsam war, dass ich selbst wie ausradiert wurde. aus Karl Ove Knausgårds Sterben

Vollholz-Eiche
Und während er hier liegt, mit den Füßen im Basenbad, ja, im Liegestuhl, fragt er sich ein zweites Mal, wie er wohl reagieren würde, riefe  seine Tochter ihn jetzt an um ihm zu sagen: „Mama ist tot.“  Tja, war das erste Wort, dass gedanklich über seine Lippen kam. Anfangs- und Endvermögen, Teile am Grundbesitz wird er ihr wohl nicht überschrieben haben, so dumm war nur er. Das Haus wird einen geringen Wertzuwachs haben, vielleicht auch das mobile Vermögen? Zur Beerdigung wird er nicht gehen. Tja, sich von Toten verabschieden, wenn das Leben die Möglichkeit bot? Und wenn er vor ihr sterben sollte, was wird mit ihr? Das Erbrecht des Ehegatten. Vielleicht konnte sie durch Vertrag für sich sorgen, um nicht ein zweites Mal den Buchsbaum auszugraben, sofern dieser das Buchsbaumsterben überhaupt überlebt hat, um ihn an anderer Stelle wieder einzupflanzen. Tja, vielleicht würde er zu seiner Beerdigung gehen, um ihm ein zweites Mal zu sagen, was er von ihm hielt. Da er dann aber tot ist und in fast zwei Meter Tiefe in einem Loch liegt, umhüllt von  Vollholz-Eiche mit einer honigfarbenen Beizung, wird er ihn nicht hören können. Warum dann der Aufwand? Vielleicht um seine Frau, die dann dessen Frau war, am Grab zu sehen. Ob sie weinend an seinem Grab stehen wird? Tja, fürchtet er, auch dieser Aufwand lohnt nicht. Seine Frau ist schon seit Jahren tot. Und von einer ihm Unbekannten muss er sich nicht am Grab verabschieden. Mal abwarten, vielleicht geht er ja doch hin. Doch lohnen die Gedanken denn überhaupt, wenn er bis zum Tod der anderen vielleicht schon an gebrochenem Herzen, verbittert, verhärmt, traurig trauernd diese Welt verlassen hat?

Rutschpartie
Natürlich ist es weitaus schöner, der Welt lachend zu begegnen, für die Welt und auch für mich selbst. Ich ging mit dem Gesicht durch den Abend, das meinem inneren Gemüt entsprach, das durch den Vorhalt, die hängenden Mundwinkel nach oben zu ziehen, nicht besser wurde. Sollte ich, um den Menschen, die mich sahen, die mich kannten, nicht mit einem fröhlichen Gesicht entgegentreten, auch wenn mein Inneres die Mundwinkel nach unten zieht? Seit mir verständlich gemacht wurde, dass ich zukünftig für meine Mutter verantwortlich sei, wie ich einst für meine kleinen Kinder verantwortlich war, rutscht die Lebenslust in den Keller. Ich lass mich gehen, ich lass mich fallen, ich gebe mich auf. Und die rutschende Lebenslust zieht halt an den Mundwinkeln. Um mich und meine hängenden Mundwinkel ins Gleichgewicht zu ziehen, vielleicht sogar in ein positives Gleichgewicht, braucht es eine Kraft, die meiner Rutschpartie entgegenwirkt, stärker ist. Und schwupp, bin ich wieder bei meinem Lieblingsthema: die Kraft der Liebe.
Was hat’s gebracht? Seit sechseinhalb Jahren versuche ich nun meine eigene Persönlichkeit aufzubauen, authentisch zu werden, unabhängig zu werden. Und noch immer denke ich, dass mein Weg in die falsche Richtung führen könnte, frage mich, ob all der gedankliche Aufwand noch lohnt, besonders dann, wenn der Schmerz an die linke Schläfe klopft, wenn Schwindel mich erfasst. Dann war es das halt, zack Gehirnschlag, Ende. Ist es mir wichtig, wie ich beerdigt werde? So, wie ich für mein Leben keine Verantwortung übernahm, so überlasse ich auch nach meinem Tod anderen die Entscheidung wie ich zu beerdigen sei. Da ist nichts mehr, was mich am Leben festhalten lässt, mein Leben plätschert dahin, früher oder später, lieber später, mündet es in etwas Größeres. Ich könnte nach einer Antwort suchen, welche Gründe die Stiche schräg oberhalb des linken Auges haben. Ich lass es. Das Leben wird leichter, wenn ich mich auf den Tod einlasse. Und was würde ich heute tun, wenn er mich morgen ereilte. Bis morgen warten, da ja morgen auch noch ein Tag ist. Und morgen? Wohl nur noch warten. 
Vor ein paar Tagen hörte ich ein Lied, dass ich vor sechs Jahren aufgenommen hatte. Ich hatte es schon vergessen. Nicht nur, dass mir der Refrain gefiel, ich konnte mich auch an diesen Augenblick erinnern, als diese Frau das erste Mal vor mir stand, an den Moment als sie die Treppe hinunter kam, lachend, mit ihren leuchtend roten Lippen, ihrem schwarzen Haar und ihrem Kaugummi, mit dem sie regelmäßig schnalzte, als sie neben mir an meiner Hand wie ein Teenager herging, frisch, fromm, fröhlich, frei. Die Liebe sei ein Irrtum, und die Libido, mit der sie oft verwechselt wird, hat ihren Platz in der Hose und mit 80 habe er diesen Zustand, der für Freud und Leid verantwortlich sei, schon lange überwunden, so wird Freud zitiert. Es ist schön, sich an lachende Gesichter zu erinnern. Sollte ich das Lachen heute einmal üben, wenn ich mich gleich aufs Rad setze. Es muss und soll kein zwölfstündiges Dauergrinsen sein. Aber jedem Menschen, dem ich begegne, werde ich lachend begegnen. Für ihn und für mich.;¬)

Farbe
Ove arbeitete fünf Jahre lang für die Eisenbahn. Dann geschah es eines Morgens, dass er in einen Zug stieg und sie zum ersten Mal sah. Das war das erste Mal, dass er wieder lachen konnte, seit sein Vater gestorben war. Und dann war sein Leben nicht mehr dasselbe.
Denn die Leute sagten, dass Ove die Welt immer nur schwarz oder weiß sehe. Und sie war Farbe. All seine Farbe.
aus Frederick Backmans „Ein Mann namens Ove“
Die Liebe ist immer ein Irrtum
Siegmund Freud in Robert Seethalers „Der Trafikant“

Eine neue Hose
Auf dem Weg ins Bekleidungsgeschäft spürte ich meine ganze Verzweiflung. Es brauchte nicht lange, bis ich meiner Mutter erklärte, ich hätte keine Lust mehr, die richtige Hose zu finden und sie bat, das Geschäft zu verlassen. Als ich vor dem Lift wartete, spürte ich die Schwäche, die Lustlosigkeit, die Verzweiflung am stärksten, ich wollte nachhause und nur aufschreiben, was ich durchlitt, um durch das Schreiben mir meine Verzweiflung zu nehmen, vielleicht einen neuen, heilenden Blick auf alles zu finden.
Als ich vor drei Tagen um den Büchertisch meines Lieblingsbuchladens ging, um noch kurz vor Geschäftsschluss ein Buch für meine Abendunterhaltung zu erwerben, blieb ich vor einem weißen u
95Taschenbuch mit schwarzer Schrift stehen. Ein Psychothriller, wie ich las. Eigentlich nicht die Art Unterhaltung, die ich mag, auch der Klappentext war unverständlich. Da ich aber meiner Intuition folgen wollte, kaufte ich es und begann sofort nach meiner Rückkehr im Garten mit dem Lesen. Nachdem es seit zwei Tagen regnet, ist das schöne Wetter schon fast vergessen und an seine Rückkehr nur schwer zu glauben. Das Buch hat mir gefallen, auch wenn die Schwere der dissoziativen Identitätsstörung der Rechtsmedizinerin für den von ihr geliebten Hauptkommissar fast seinen Tod zur Folge gehabt hätte. Die Kraft der Liebe, die in der Beziehung dieser beiden Menschen erwuchs, hat mir gefallen, die Risiken und Gefahren, die in einer liebenden Beziehung möglich werden, haben mich beängstigt. So, dass ich mir sage, nie wieder in einer abhängigen Zweierbeziehung zu leben. Ich will nie wieder bleiben müssen, obwohl ich lieber gehen möchte. Und ich möchte nie wieder verlassen werden, mit kalter, unmenschlicher Gleichgültigkeit abgelehnt werden. Und ich will endlich dieses abhängige Leiden verlieren, mit dieser Frau, deren Nähe ich mir wünsche.
Jede Krankheit hat einen Grund, manchmal ist sie die letzte Möglichkeit der Einheit von Körper, Geist und Seele auf eine lebensnotwendige Veränderung hinzuweisen, hinzuwirken.
Und welchen Zweck hat mein Leiden, dass nach einer kurzen Begegnung mit ihr so weh tut, die Lebenslust so attackiert, dass sie darliegt, am Boden liegt, es schwer fällt, wieder aufzustehen?
Ich werde jetzt aufstehen, mein basische Fußbad verlassen, um mein Obst und Gemüse einzukaufen, auch einen Duschschlauch,zu lange schon ertrage ich diesen Mangel, der mit geringem finanziellen Und fachlichen Aufwand so leicht zu beheben ist. Vielleicht begegne ich ihr, lieber aber noch der Frau, die alles leidige Denken zum Stillstand, zum Ende bringt. He, was habe ich gerade noch gesagt? Keine Abhängigkeit mehr. Mir selbst genügen. Das Gute und die Liebe finden in den Dingen und Zuständen, die allein mit meinem Tun und Denken möglich sind. Der Himmel ist wieder blau.

Mütter
Ich muss es mir aus der Seele kotzen. Sie hat noch immer Einfluss auf mich. Äußerlich war ich vielleicht entspannt, innerlich war Unruhe, es wühlte. Ein Jahr Arbeit mit mir, und noch immer keine Befreiung. „Na, Herr Ridder!“, waren ihre Worte an mich, als ich neben ihr stand und sie, vertieft in ein Gespräch, mich erst jetzt wahrnahm. Warum wühlte es noch immer in mir? In dem Augenblick, als ich die Frau mit der weißen Bluse in den blauen Jeans  sah, war sie ungefähr 50 Meter von mir entfernt. Ich hatte sie wieder nicht gleich erkannt. Erst auf den letzten Metern wurde mir klar, daß sie es ist. Ich hörte ihr zu und natürlich wusste auch meine Mutter ihren Anteil am Gespräch beizubringen. Ich schwieg. Als wir weitergingen, fragte mich meine Mutter, ob sie die Frau schon mal gesehen hätte, sie meinte sich zu erinnern. Nein, sie hat sie noch nie gesehen, nur wenn sie in mein Herz hätte schauen können, eine Fähigkeit über die Mütter manchmal verfügen.

Leute aus besseren Kreisen
Am Ende meines Lebens würde ich nicht meine Fehler sondern das, was ich nie versucht habe, bereuen. Wie oft habe ich diesen Satz schon gelesen, und wie oft habe ich ihm zugestimmt, auch heute, auf dem heutigen Kalenderblatt. Während ich diesen Satz schreibe, im Liegestuhl mit den Füßen im Basenbad, betritt mein Nachbar sein Grundstück, erschöpft, mit einer Golftasche, die er bis zum Gartenhäuschen schultert und dort abstellt. Ich könnte diesen Zufall als Hinweis, vielleicht so gar als Aufforderung an mich verstehen, in naher Zukunft mit Golftasche und Golfmontur das Golfen zu lernen. Gut, dass kein Fallschirmspringer auf den Nachbargrundstück gelandet ist. Über diesen Hinweis hätte ich hinwegsehen müssen, allein die Vorstellung, im Flugzeug zu sitzen und aus der kleinen Öffnung ins Nichts zu springen, verursacht größeres Unbehagen in mir. Heißt es aber nicht, man solle dort ansetzen, wo die Angst am größten ist? Nein, die Einführung ins Golf-Spiel reicht völlig als Herausforderung. Warum aber ist das Golf-Spiel eine Herausforderung für mich? Ich könnte jetzt erneut beklagen, dass ich aufgrund meiner Herkunft, meiner Armut, meines Gescheitertseins und meines mangelnden Selbstwertes nichts unter Leuten aus besseren Kreisen zu suchen habe.Suchen. Könnte ich denn überhaupt Spaß am Golfspiel haben? OK, ich werde es herausfinden. Frist:1 Woche. Das ist ein machbares, erreichbares Ziel, ob es auch ein lohnendes Ziel ist? Der Weg ist das Ziel.

Langeweile
Die Frau, die heute Morgen vor mir in der Reihe der wartenden Bäckereikunden stand, war schon etwas älter, vielleicht so alt wie ich. Was fiel mir zuerst an ihr auf, das gut geschnittene Gesicht mit der dazu passenden rotblonden Kurzhaarfrisur, das weiße Baumwollhemd mit den vielen Falten, die jedoch das Hemd verschönten, die dunkelgraue Hose, die unterhalb des Gesäßes einen Hohlraum bildete, oder ihre Füße, die in dunklen Flipflops steckten und an denen nur der große und der vierte Zehnagel rot lackiert waren. Zumindest hatte es diesen Anschein, denn die anderen Zehnägel waren aus meiner Perspektive nicht zu sehen. Perfekt gekleidet. Ob ich sie an der Bluse wiedererkennen würde?  Ich habe keine Lust mehr am Suchen. Ein Gefühl, dass sich auch körperlich bestätigt, denn mein Sehkraft wird stetig schlechter. Habe ich noch Lust am Leben. Ein schönes Buch könnte mir jetzt gefallen. Hunger habe ich keinen, Durst auch nicht. Auf Sport, Yoga oder Fitness habe ich auch keine Lust. Hätte ich einen Fernseher, würde ich fernsehen, durchzappen, weil nichts gefällt. Ich könnte ins Kino gehen, kurz in eine andere Welt eintauchen. Wie trostlos. So war ich aber schon immer. Gelangweilt. Ich kann mich noch gut an die Frage erinnern, die ich meiner Mutter als Kind stellte: „Was soll ich mal tun?“ Was könnte mich jetzt aus der abendlichen Langeweile herausholen? Gut, dass ich keinen Fernseher habe, sonst würde ich ihn jetzt eingeschaltet haben und er würde mein Leben bis zum Einschlafen bestimmen. So habe ich gekocht, gegessen, gespült und schreibe bei einer Tasse Tee jetzt diesen Text. Die Müdigkeit, die sich allmählich einstellt, wird mich in wohl einer Stunde ins Bett führen. Ich könnte noch einen Abendspaziergang machen, wenn es nicht regnen würde, ich könnte jemanden anrufen, aber ich habe nichts zu erzählen. Wen sollte ich auch anrufen? Wen wollte ich jetzt anrufen? Wären meine Kinder nicht, der Pfarrer wäre der einzige Gast bei meiner Beerdigung. Ich bin allein. Doch leide ich nicht am Alleinsein. Es ist halt nur langweilig. Mein Leben ist langweilig. Auch als Kind habe ich schon nicht gewusst, wie ich dieser Langeweile entkommen konnte. Meist habe ich mich aufs Rad gesetzt und bin durch den Ort gefahren oder saß hilflos am Klavier und klimperte ewig Gleiches.

Scham
Ich bin stolz auf mich, auch wenn immer noch eine kleine Restmenge an lebensbeschränkender Scham in mir ist. Auch davon werde ich mich freischreiben. Es hat mir gefallen, den Tag mit der aufgehenden Sonne im Liegestuhl zu beginnen, neben mir eine ungesüßte Tasse Kaffee, ein, zwei Kekse, und zu wissen, ich könnte hier liegen, bis die Sonne wieder untergeht, gelegentlich würde ich den Liegestuhl neu zur Sonne ausrichten, wenn ich Hunger verspürte, ginge ich in die Küche, vielleicht Obst, einen Salat oder geschmortes Gemüse. Ich werde diese Art meiner Ernährung beibehalten, auch wenn meine Friseurin mir gestern empfahl, mehr zu essen. Ich musste alt werden, um erstmals das Gefühl zu haben, mit einem guten Haarschnitt einen Friseursalon zu verlassen. Liebe I., ich danke dir für deine Haarschneidekunst und für die Gespräche, die wir führten und führen werden. Die letzten drei Wörter habe ich ergänzt, der Satz hatte sonst keine Zukunft. Auch wenn das Alter meiner Mutter und die damit einhergehende Notwendigkeit meiner Nähe und meines Beistands mein neues Leben beenden könnten, will ich den Glauben an ein eigenes, weiterhin selbstbestimmtes Leben noch nicht begraben. Und während ich hier lag, ließ ich meine Worte, die ich sprach, auf mich wirken und hörte meine Musik. Jedes Lied ist mit einem Moment verknüpft, jedes Lied erinnert mich an diesen einen Moment. Es ist fantastisch, was die Trennung vom Ehepartner möglich macht. Fünfzig Lieder, zwei Bücher und den Verlust von Ehe, Familie, Haus und Arbeit. Ich hatte auch in dieser Nacht wieder von ihr geträumt. Sie saß erhöht in der Mitte eines Raumes und ich klagte sie an, warum sie mir die Antworten verweigere. Ich spüre, dass der Traum sehr viel komplexer war und vielleicht eine inhaltlich andere Zusammenfassung verdiente. Doch beschreibt er meine stete Traurigkeit, meinen Ärger, mein Unverständnis sehr gut. Warum lebte ich von meinem sechzehnten bis zu meinem  zweiundfünfzigsten Lebensjahr mit  einer Frau zusammen, die ich nicht liebte, die mich nicht faszinierte, die mir keinen Antrieb, keine Freude und keine Lust am Leben gab. Wann haben wir das Leben gefeiert? Ich musste erst ohnmächtig werden um mir meinen Wunsch nach Veränderung zu genehmigen. Und selbst als ich mich davon überzeugt hatte, dass ich mich trennen musste, gab ich den Entschluss auf. Hätte meine Frau sich nicht für einen anderen Mann entschieden, ich würde weiterhin mein altes Leben leben. Habe ich mich schon bei dir entschuldigt für dieses trostlos Leben, das ich dir zumutete? Ich habe so viel nachzuholen. Ziele setzen: im Winter werde ich neue Lieder aufnehmen, Lieder, die dann auch mir genügen. Ich bin gespannt, was mir gelingt, ich freue mich auf diesen schöpferischen Prozess. Und heute sollte ich mir das schönste Ziel setzen. Ich werde mich verlieben, aber nur für heute, eine zweite Trennung würde mir nicht guttun. Nur für heute den Tag feiern. Die Natur bietet heute so viel unbeschreibliche Schönheit, die der Liebe einen wunderbaren Rahmen gäbe. Nur für heute. Es ist Zeit für dieses Gefühl, dass ich so wohl noch nicht erlebte, ein Feuerwerk roter Rosen, die vom Himmel fallen. Es ist Zeit für dieses Gefühl, das ich wohl noch nie erlebt habe, von dem mein Innerstes aber unerschütterlich fordert: Lass es wahr werden, lebe die Liebe, liebe das Leben. Leicht geschrieben, lieber Jörg. Das letzte Mal als ich die Kraft der Liebe in mir spürte, die mich bestärkte, das mir sonst Unmögliche zu tun, ist schon ein paar Jahre her. Und heute, innerhalb nur weniger Stunden soll das Wunder der Liebe Wirklichkeit werden? Dann sollte ich mich doch jetzt aus dem Liegestuhl entfernen und nach Dusche und Ankleiden den Garten verlassen und mich auf den Weg machen. Ich werde Wegweisern begegnen, Westerland, Braderup, Munkmarsch, aber auf keinem Schild wird „Jörgs Liebe“ stehen. Ich könnte den einen Weg wählen, der mich zu der Frau führt, zu der es mich zieht, mein Verstand und zuallererst meine Scham aber fordern: Lass es!“
Wie blöd, blödfisch sozusagen, dabei erfüllt sie doch die wichtigste Voraussetzung, die mein Verstand an die Liebe stellt: Ich wollte, sie wäre Mutter unseres Kindes.

Logik
Ich hatte ihr Bild geöffnet. Ich wusste, was mich erwarten würde, der geöffnete, lachende Mund mit den großen Zähnen, Lippen, die ich nie küssen wollte, in der Mitte des Gesichts die große Nase, ihre Augen, erdrückt von hängenden Augenlidern und breiten Augen-Brauen, um die sich Falten kräuselten. Zehn Jahre galt mein tägliches Denken dieser Frau. Ich wusste sehr wohl während dieser langen Zeit, den besten Jahren im Leben eines Mannes, die Zeit zwischen dem 35. und 45. Lebensjahr, dass es keinen verständlichen Grund für mein dauerhaftes, stetes Denken gab. Der einzige Grund, der mein anhaltendes Denken hätte erklären können, war der, dass ich krank war. Krank im Denken und krank im Fühlen. Ich bin ihr das erste Mal auf einer Veranstaltung begegnet, da saß sie neben mir. Ob der himmlische Vater sie neben mir platzierte, um mich aus der von mir nicht gewollten Ehe zu locken? Bei unserer zweiten Begegnung stand sie neben mir an der Kuchentheke des Bäckers, ich spürte ihr Interesse, vielleicht Gefallen. Nach zwei Jahren sagte ich ihrem Mann, ich hätte mich in sie verliebt. In den Jahren bis zur Trennung von meiner Frau wollte ich jeden Gedanken, den ich mit dieser Frau verband und jedes Gefühl der Schwäche, das den Gedanken zeitgleich folgte, nur loswerden. Erst durch die Trennung von meiner Frau hatte dieses Denken und Fühlen ein sofortiges Ende. Warum die Gedanken, warum das plötzliche Ende? Alles in der Natur hat eine Logik.

Small world
Die letzten Zeilen des zweiten Kapitels in Martin Suters Roman ‚Small Word‘ lauten: An der Haustür gab er ihr einen väterlichen Kuss: Mach’s gut. Und danke für alles.““Mach’s auch gut“, erwiderte Barbara.
Eine Verabredung am Strand oder Sonnenuntergang für Zwei
Die Sonne scheint schon seit dem frühen Morgen und wird bleiben, bis sie am späten Abend in der Nordsee versinkt. Heute Abend fahre ich ans Meer und sehe mir den Sonnenuntergang an. Ich fahre allein, und ob ich auch allein in einem der Strandkörbe sitzen werde, die vor dem Roten Kliff auf mich warten, dort, wo in ein paar Tagen alles weiß ist, obliegt dem Lauf der Dinge. Vorher werde ich noch ein paar Dinge einkaufen, keinen Wein, kein Bier, auch keine Rauchwaren. Solltest du mich suchen und finden, darfst du deinen Wein mit mir teilen. Melone, Pistazien, Tomaten, Obst, Wasser, ein wenig Käse und einen Pullover für dich, solltest du frieren. Ich freue mich auf dich. Ich habe gedacht, geschrieben, später werde ich meine Freude, meinen Wunsch aussprechen, so dass dem Universum genügend Zeit bleibt, dass meine Wünsche Wirklichkeit werden.

Neid
Von vorne bummerte der Bass und eine Stimme, die mich darauf hoffen ließ, gleich würden sie eines der Lieder spielen, die mich von Kind an durch’s Leben begleiten, die auf CD liefen, als ich meine Tochter mit dem Auto vom Land in die Stadt fuhr und lauter, wenn ich sie in der Nacht wieder abholte, in den zwei, drei Jahren vor ihrem Abitur, zu dem meine Trennung ihren emotionalen Höhepunkt hatte. Auf dem Weg zum Open Air Ereignis hatte mich mein Sohn angerufen, er wolle nur sein altes Leben zurück. Was war sein altes Leben, das ja auch Teil meines Lebens war? Du brauchst meine Liebe, mein Verständnis, meine Zeit, meine Gelassenheit, meine Hilfe. Alle brauchen sie meine Hilfe und ich selbst brauche Hilfe, um die Kraft, den Mut, die Liebe zu erhalten, dir wirkliche Hilfe zu geben. Ich stand in dieser kultivierten Menge und manchmal war ich nur bei mir und der Musik, die ich hörte, ließ mich mitnehmen von der Fingerfertigkeit des Bassisten, dem entrückten Solo des Schagzeugers, dem Wohlklang von Stimme und Melodie, dem Spiel der Band, dem Rhythmus, bis wieder schöne Menschen, mit einem schönen, perfekten Gesicht und von der Sonne verwöhnt, perfekt gekleidet meinen Blick kreuzten und mich neidisch machten, weil ich vielleicht auch die perfekte Beziehung, das perfekte Zuhause, das perfekte Leben mit ihrem Aussehen verband. Und wenn das Optimum dann auch noch lächelnd an mir vorbeiging, war auch mein Neid perfekt. Es gibt Unterschiede in meinem neidischen Denken. Da war das perfekte Gesicht des Mannes, wahrscheinlich perfekt gekleidet, von stattlicher Größe, ein Gesicht wie das von George Clooney, Brat Pitt oder Gregory Peck, oft, nicht immer, gefolgt von einer schönen Frau. Ich bin neidisch auf das perfekte Äußere dieses Mannes und die Möglichkeiten, die ihm sein Aussehen vermittelt hat. Ich weiss nicht, ob ich das Aussehen, die Größe, die Ausstrahlung, die Wirkung diese Mannes haben möchte. Ich weiß nicht, ob ich etwas Unmögliches wollte. Ich will den Zustand nicht ändern, auch das Lebensalter kann ich nicht ändern. Beides ist unveränderlich. Das Gefühl der Minderwertigkeit aber, dass dieser gut aussehende Mann in mir auslöst, das ist änderbar. Und die schönen Gesichter der schönen Frauen, deren Kleidung sich ihrer eigenen Schönheit anpasste, die meine Aufmerksamkeit fanden, deren Blick mich aber nie fand, was machten sie mit mir? Kein Neid. Vielleicht ein Gefühl von Habenwollen, vielleicht nur der Wunsch, beachtet zu werden. Und ich habe die Menschen beneidet, die geimeinsam den Festplatz verließen um mit dem anderen die Nacht mit ihrem sternenklaren Himmel zu feiern. Vielleicht hätte ich die Frau, die neben mir stand, klatsche, auch mal johlte, sich in meinem Rhytmus, dem Rhythmus aller bewegte, einmal anschauen sollen. Vielleicht hätte sie mir gefallen, so gefallen, dass Ihr Äußeres und der erste Blick in ihr Inneres meinen Mut gerechtfertigt hätten. Ich blieb still, setzte mich auf den Steinwall und beobachte noch ein wenig den Abbau der Anlage, sah wie der Bassist das Mikofonkabel aufrollte, die anderen Mitglieder der Band ihre Instrumente verpackten. Ich würde gerne Klavier spielen können, auch da hat mir das Leben Grenzen gesetzt. Ich werde versuchen, dem Rat des heutigen Kalenderblattes zu folgen, es liest sich gut: „Ich stelle mir vor, ich würde ab heute dem Leben so sehr vertrauen, dass ich aufhörte zu kämpfen und mich in mich hinein entspannen könnte.“ Ich kann es schaffen, wollte ich moch schreiben, als mir bewusst wurde, dass ich nicht mehr kämpfen will.

Heirat
Ich glaube, ich muss noch einmal heiraten, oder doch zumindest eine Beziehung eingehen. Will ich das?
Noch einmal mit einer einzigen Frau leben? Die Mutter meiner Kinder hat wieder geheiratet. Sie hat seinen Namen angenommen, den Namen ihrer Kinder und ihren Geburtsnamen hat sie aufgegeben. Ich weiss nicht, ob sie ihre Entscheidung, erneut zu heiraten, bereut, ob sie glücklich ist? Das letzte Mal habe ich mich mit ihr am 30. März 2012 unterhalten, dem letzten Schultag vor dem Beginn der Osterferien. Habe ich noch eine Verantwortlichkeit für ihr Leben, eine Verantwortlichkeit wie ich sie in den 36 Jahren unserer Beziehung trug. Hat sie eine nacheheliche Verantwortlichkeit für mich? Als sie mir einen Monat vor unserem letzten Gedpräch mitteilte, sie sei jetzt mit XY zusammen, war mein erster Gedanke: Wer pflegt mich im Alter? Heirat als wechselseitiges Pflegeversprechen? Ein Schuldverhältnis, das für eine Person zur einseitigen Leistungspflicht wird, wenn mit der Pflegebedürftigkeit des einen die Hoffnung auf Gegenleistung endet. Vielleicht bleibt dann zumindest die Hoffnung auf ein Ende. Wie müsste denn die Frau sein, die mich im Alter pflegen darf? Müsste sie staatlich geprüfte Krankenschwester sein? Nein, es würde genügen, wenn sie da wäre. Sie müsste der richtige Mensch sein, sie müsste in ihrem Charakter
angenehm sein, keine Cholerikerin, keine Besserwisserin, keine Klugscheisserin. Sie müsste ein Spiegel meiner selbst sein: sanft, zart, weich, schön, tolerant, nachgiebig, liebevoll, verständnisvoll, einfühlsam, klug, offen, ehrlich, verlässlich, verletzt, bescheiden, sie hört Musik, die mir gefallen könnte, sie liest Bücher, über deren Inhalt ich mit ihr reden will, sie lacht mit mir Kino, ich begleite sie zum Ballett, sie will mit mir in den Norden, den Süden, auch in den Westen, ich mag, was sie für mich gekocht hat, sie mag meine Freunde und liebt meine Freundinnen. Ich weiss es nicht. Wenn sie so wäre wie sie, es wäre gut, zumindest heute, jetzt.

Platz da!
Ich bin ganz schön bescheuert, verrückt, neben der alten, falschen Spur. Ein vielleicht zwingender Zustand nach dem Leben, das ich führte. Mein ganzes Leben war ein stiller Schrei nach Liebe. Eine tolle Zustandsbeschreibung. Leider fehlt mir die Schöpferkraft für eine derart treffende, paradoxe Beschreibung meiner Gefühlslage: still schreien. In mir hat es geschrien, ich konnte es nicht aussprechen, egal warum. Mittlerweile kann ich laut schreien, vielleicht nicht laut, eher leise, vielleicht nicht schreien, eher schreiben. Also bitte, dann schreie doch endlich, ich Volltrottel, ich Idiot. Ich bin ein Idiot. Jedoch ein Idiot mit Heilungspotential. Diese Gewissheit tröstet. Werde ich dieses Gefühl, nach dem ich mich so sehne, noch benennen können? Dieses Gefühl, dass ich in meiner Unwissenheit, Unerfahrenheit Liebe nenne, das vielleicht nur Verlangen ist. Wenn ich weiß, was ich will, dann muss ich dafür sorgen, dass ich es erhalte, und jedes Verlangen, jede Liebe erfüllt sich. Eine erfüllte Liebe. Voll an Liebe sein. Warum erfüllt mich dieser Gedanke mehr als die Aussicht, mit der Frau meiner Träume zu schlafen? Weil es in mir ist, nicht vom Außen abhängig? Ich bin ein Meister des Selbstbetrugs. Diese Worte, mein Schreiben werden nie zur Erfüllung führen. Sie stoßen mich an. Ich bin ein derart großer Volltrottel, ich werde noch im Sterben vom Leben schreiben, wobei es doch spätestens dann an der Zeit wäre, der Sehnsucht zu folgen. Ich bin wirklich verrückt, denn ich verstehe mich nicht. Was will ich? Was will ich von der Frau, die mich zum Schreiben zwingt? Völliger Quatsch: nicht sie zwingt mich zum Schreiben. Ich nutze das Schreibenü als… Ich weiß es nicht. Ich muss es auch nicht wissen. Was will ich? Ich will sie sehen. Mehr will ich nicht. Völliger Quatsch. Ich will, dass sie mich liebt, dass sie mit mir zusammen sein will, dass sie mit mir Dinge unternimmt, die zusammen noch mehr Spaß machen, und dann will ich mit ihr einschlafen. Aber das macht doch alles keinen Sinn. Vielleicht will ich nur Befriedigung. Ich bin verrückt. Und möglicherweise doch ohne Aussicht auf Heilung? Nein, warum so negativ? Wie war das noch mit der Fixierung? Ich erbärmlicher Feigling. Auch wenn ich damals am Anfang meines Lebens nicht schon verheiratet gewesen wäre, ich hätte mich nicht getraut, den Zwillingen aus der ersten Reihe im F1 der WWU Münster, BGB AT, zu sagen, dass sie ein schönes Gesicht haben. Hätte ich Ihnen sagen wollen, dass ihr Äußeres mir gefällt. Ihr Inneres kannte ich nicht. Ich war verrückt und bin noch immer verrückt. Und dann dieser vollendete Körper in der Studentensauna. Hätte ich ihr gesagt, dass sie einen vollendeten Körper hat, wenn ich nicht schon verheiratet gewesen war. Ich war noch gar nicht verheiratet, ich hatte nur den Treueschwur geleistet. Ich war erst 19 Jahre. Ich war ein Idiot. Hätte ich die Sexualität mit ihr erlebt, wieviel hätte ich aus dieser Begegnung gelernt? Ist die Sexualität der Sinn meines Lebens? Ich hätte meine Frau nie betrügen können. Ich war ein Idiot. Und warum will ich noch immer ein Idiot sein? Ich brauche kein Idiot mehr zu sein. Da ist niemand mehr, den ich betrügen müsste. Sie gefällt mir und in ihrer Nähe passiert etwas in mir. Irgendwelche Hormone werden produziert, die dieses angenehme Gefühl erzeugen. Ich weiß nicht, ob an diesem schönen Gefühl auch die Hormone beteiligt sind, die gebildet werden, wenn das Verlangen entsteht mit einer Frau den Orgasmus zu erleben. Ich weiß es nicht. Und was ich will, weiß ich auch nicht. Ich will sie nur sehen, mit ihr reden, ihr zuhören, von ihren Träumen hören, ihre Sehnsucht teilen, sie umschließen, ja, und dann wollte ich erleben, was in mir passiert, wenn ich mit ihr schlafe. Ich will endlich wissen, wie es sich anfühlt, wenn sich meine Seele in der Sexualität mit ihrer vereint. Ich will es erleben, vielleicht auch, weil ich es in meinem alten Leben schon einmal erlebt haben könnte. Ich bin ein Idiot. Will ich das? Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht bin ich auch nur verliebt. Vermutlich ist es derselbe Zustand, in dem ich bin schon mein ganzes Leben lang bin. Ich bin verliebt in die Liebe. Ein alter Schlagervers, dessen Bedeutung und Wirksamkeit mir erst heute bewusst wird. Verliebt in die Liebe. Und wenn ich ein Idiot bin, dann doch ein kluger Idiot, ein sensibler Idiot, ein verlässlicher Idiot, ein zärtlicher Idiot, ein fast perfekter Idiot. Besser Idiot als tot. Ich will mich nicht mehr an eine Frau binden, ich will aufhören, ein Idiot zu sein. Ich will die Vergangenheit von mir abstreifen. Ab heute bin ich neugeboren. Heute beginnt mein Leben, die leidvollen Erfahrungen der Vergangenheit sind gelöscht, das Schöne darf bleiben. Gefrühstückt habe ich schon. Jetzt hole ich mir von den Gaben, die das Leben für mich bereit hält. Platz da, ich komme!

Mein Herz
Das war’s dann. Der Versuch in ein neues Leben ist gescheitert. Kann die heutige Kalenderfrage etwas an meiner Befürchtung ändern? Was erfüllt mein Herz, egal ob ich auf der weltlichen Ebene gerade Siege oder Niederlagen erleide? Ja, mein Herz. Mein Herz, das immer schlägt, manchmal mit einem Stich, manchmal mit einen kleinen Schmerz grüßt. Hi, ich bin dein Herz, ich schlage 24 Stunden für dich, an jedem Tag, bis ans Ende unseres Lebens. Das ist doch schon mal gut, mein Herz ist bei mir. Ich bin nicht allein, und ich habe in ihm den treuesten Begleiter, den ich mir wünschen könnte. Treuer als jede Frau, treuer noch als jeder Hund. Treu bis der Tod uns scheidet. Und was kann ich meinem treuen Freund Gutes tun? Ich kann es mit gutem Essen ehren. Ich kann dafür sorgen, dass es aus Freude lacht, immer wieder einmal schneller schlägt, um dann langsamer zu entspannen. Mein Herz, mein treuer Freund, mein Herz, du hast verdient, dass es dir gut geht. So lange schlägst du schon für mich. Was kann ich für dich tun? Etwas, dass auch mir gut tut. Es tut mir gut, wenn die Sonne mich wärmt. Es tut mir gut, wenn mich Ruhe umgibt. Es tut mir gut, wenn mich ein Gesicht anlacht. Es tut mir gut, wenn ich dich seh. Tut es meinem Herz wirklich gut, wenn ich dich seh?

Ein kleiner Schritt
Was verursacht den Bauchschmerz? Ist es die Sorge um die Mutter, das Kind, die Sorge um die eigene Zukunft, die Traurigkeit über das Verhältnis zu meiner geschiedenen Frau oder mein Gefühl zu der einen Frau, deren Nähe ich wünsche. Für meine Mutter kann ich Sohn sein, für meinen Sohn Vater, meine Zukunft kann ich gestalten, in meinem Verhältnis zu meiner geschiedenen Frau kann ich Vergebung lernen und auf Vergebung hoffen. Und sie? Wäre ich ein guter Sohn, ein guter Vater, wäre die Zukunft heute, und hätte ich Vergebung gelernt, Vergebung erfahren, der Bauchschmerz würde bleiben, weil ich ihre Nähe wünsche. Ist das nicht wunderbar, welche Kraft sie auf mich ausübt. Gut möglich, dass er Blinde wieder sehen ließ, Taube hören, Lahme gehen und Herzlose lieben. Welche Kraft hat sie, dass sie den Bauchschmerz beendet, wenn sie meine Sehnsucht lockt? Es ist ihre Stimme, einmalig in Klang, Dialekt und Stimmung. Es sind ihre Augen und die unendliche Tiefe, die sich in Ihrem Blick auftut und mich anzieht wie der Sog eines Strudels. Es sind die Falten, die ihre Augen umspielen, wenn sie lacht und die tausend kleinen Sommersprossen, die tausend Bilder malen. Es ist die Magie ihres Wesens, nie berechenbar, nie da, immer anders, ihre schmalen Handgelenke, die den Duft der Welt tragen, scheinbar zerbrechlich und doch so stark, dieser starke Wille, unkapputbar, die Kraft, die Power, die Disziplin, die Selbstbeherrschung und Selbstdisziplin, die sie stetig vermittelt, ihre kleinen Hände, die immer einen letzten Rest, eine letzte Spur, eine letzte Erinnerung ihrer letzten Arbeit tragen. Und ihre Sehnsucht nach Liebe, nach dem Leben, die auch meine ist. Von ihr könnte ich lernen, was Liebe ist, wie Liebe geht, wie sich Liebe anfühlt. Jetzt, nach so vielen Worten, jetzt will ich mutig sein, will für mich eintreten, will meinen Bauchschmerz beenden und meinen Wunschzettel formulieren, so wie ich es als Kind vor Weihnachten tat. Ich schrieb einen Wunschzettel. Liebes Christkind! Ich wünsche mir… Hatte ich denn als Kind je einen Wunschzettel geschrieben? Kann ich mich noch an die Geschenke erinnern, die in den ersten zehn Lebensjahren unter dem Weihnachtsbaum lagen? Wir warten in der Küche, meine Eltern und Schwester, meine Großeltern und die Familie meines Onkels. Nur einer fehlte unter den Wartenden, denn einer schlug die Klingel, die zur Bescherung einlud; es war nicht das Christkind, wie gesagt wurde. Die Tür ging auf, wir drängelten verhalten, mit endloser Erwartung in den dunklen Raum, dem nur die brennenden Kerzen Licht gaben. Es wurde gesungen, Gedichte wurden aufgesagt und die Geschenke unter dem Baum mussten warten, zuerst wurde gegessen. Und dann saß ich da auf dem Sessel vor dem Baum, das verpackte Geschenk auf meinem Schoß. Und ich spüre noch heute die Hoffnung meiner Eltern, meiner Mutter, meines Vaters, dass ich mich über die Geschenke, die sie für mich gekauft hatten, freuen werde. Und ich erinnere mich an meine Hoffnung, dass auch meine Geschenke gefallen würden. An welches Geschenk kann ich mich erinnern, das sichtbar wurde, nachdem ich das Geschenkpapier entfernt hatte? Wie entfernte ich das Geschenkpapier, langsam, vorsichtig, löste ich den Tesastreifen vom Papier ohne es zu beschädigen oder legte ich das Geschenk mit einem Riss frei? Die Armbanduhr gab es später im Leben und ich höre noch meinen Vater fragen, ob sie mir gefallen würde. Ich erinnere noch, wie ich sie nach den Weihnachtsferien im Unterricht am Handgelenk trage. Mit welchem Gefühl war dieser Augenblick verbunden? Eine Armbanduhr. Wie lautet mein heutiger Wunschzettel ans Christkind, ans Universum? Damals war es einfach. Ich durfte Gegenstände aufzählen. Heute wünsche ich mir keine Gegenstände, Gegenstände sind käuflich. Heute wünsche ich mir ein Gefühl, ein schönes Gefühl. Ob ich mir als Kind auch ein Gefühl gewünscht hätte, hätte ich gewusst, dass ich mir auch Gefühle wünschen darf?

Worte ans Universum
Wird es mir gelingen, ohne Rechtfertigung, ohne vorherige Begründung, meinen Wunsch zu formulieren, um ihn dann auch auszusprechen? Ist nicht dieser fragende Satz schon Beleg genug, dass ich wieder nach Ausreden suche, den Ausspruch meiner Wünsche zu umgehen, indem ich den Sinn meines Wunsches schon jetzt in Frage stelle, weil ich befürchte, selbst die Erfüllung meines Wunsches würde vermutlich nichts an meinem Mangel ändern, weil ich glaube mich zu kennen, weil ich glaube, dass mein altes Muster, sich nach Erfüllung meines Wunsches auch dieses Mal wiederholen würde? Warum kann ich nicht aussprechen, was ich will, was ich ersehne? Es ist doch nur ein Wunsch. Ein Wunsch, der nichts kostet, nur meinen Mut.

Umarmungen
Als das Telefon klingelte und ich nach sechs Jahren das erste Mal die altbekannte Vorwahl las, war mein erster Gedanke, den ich dann auch sofort aussprach, nachdem sie sich mit den Worten gemeldet hatte, sie sei’s: „Ist etwas passiert?“ Ich hörte ihr drei Sätze zu und kündigte in beherrschter, erstaunlich ruhiger Art an, dass ich jetzt auflegen werde. Als ich später noch einmal auf’s Handy schaute, sah ich, dass kurz nach diesem Anruf meine Mailbox besprochen worden war. Wird jetzt meine Erinnerung an sie durch diese Worte, die sie mir hinterließ, bestimmt? Veit Lindau behauptet in seinem heutigen Kalenderspruch, mein Leben sei ein 100-prozentiges Abbild meiner unbewussten geistigen Einstellung. Ich ergänze: Mein Leben ist ein 100-prozentiges Abbild meiner Angst, eine Angst, die mich mit einem schlechten Gefühl im Bauch empfängt, wenn ich morgens erwache, die mich tagsüber erwischt, wenn ich die Einsamkeit spüre. An den ersten Tagen vor sechs Jahren hat dieser Schmerz in der Mitte meiner Selbst fast den ganzen Körper erfasst und nur in dieser einen, letzten Nacht vor sechs Jahren war er weg, weg durch Berührung.
Im Gegensatz zu früheren Epochen herrscht mmittlerweile ein breiter Konsens darüber, dass Sexualität ein natürliches Bedürfnis des Körpers ist. Heutzutage gilt es als gesichert, dass sich mangelnder Sex zum Problem ausweiten und zu Stress, Isolation und Konzentrationsschwierigkeiten führen kann. Es gibt jedoch einen weiteren Bereich körperlicher Bedürfnisse, der bisher noch nicht voll anerkannt Ist, nämlich, dass man in Zeiten von innerer Unruhe und Angst ganz einfach eine Umarmung braucht. Im Allgemeinen hat niemand etwas gegen Umarmungen, aber es widerstrebt uns, sie als ernsthafte, emotionale Bedürfnisse zu bezeichnen….Einem kleinen Kind ist nicht mit Erklärungen und Argumenten geholfen, es reagiert auf Berührung: sanfter, weicher Druck beruhigt und entspannt den Körper und beschwichtigt das erregte Gemüt….Auch wenn wir es uns nicht gerne eingestehen, passiert es doch oft im Leben, dass wir in so eine Situation geraten. .. Eine Umarmung bedeutet mehr als der Wunsch nach Körperkontakt, sie ist das Eingeständnis unserer Abhängigkeit und Schwäche. Alain de Botton, Gelassenheit Zeit für ein gutes Leben. Süddeutsche Zeitung Edtion, 2018, S 139 bis 145.

Einleitung
Als ich erwachte, war zum ersten Mal seit Monaten, wohl seit Jahren ein unbedachtes Gefühl in mir. Da war nichts, kein einziger Gedanke und folglich kein beschwertes Gefühl im Bauch. Das könnte das Glück sein, das ich erreichen werde. Aber so schnell, wenn auch nur bis nach dem Zähneputzen. Und alles ohne eine Veränderung der äußeren Umstände. Es war der angenehme, heitere Traum, der mich in den Tag entließ. Es wird werden, denn das Glück ist in mir. Schon einmal kurz zeigte es sich. Hallo Glück, komm bald wieder.

Wünsche ans Leben
Hatte ich bislang gedacht, dass äußere Umstände Einfluss auf meine Befindlichkeit hätten, hat mich vorgenannte Erfahrung gelehrt, dass ich die Lösung für ein glückliches, unbeschwertes Leben nur in mir finden werde. Und bei der Lösung vertraue ich auf die Meditation wie sie mir in einem Buch beschrieben und erklärt wird. Ich will das Buch nicht nennen, um nicht Einfluss zu nehmen. Mit dem Hinweis auf die Meditation habe ich schon ausreichend, aber vertretbaren Einfluss genommen, habe ich doch niemanden gefunden, der Nachteile des Meditierens nannte, auch wenn es bei der Art und Weise des Meditierens Unterschiede in der Wirkung geben kann. Ich habe die Zuversicht, die Hoffnung und den Glauben, dass mich meine Meditation zu einem unbeschwerten, leidfreien und damit glücklichen Leben führen wird. Wie lange es braucht, bis ich diesen Zustand erreiche, das weiß ich nicht und wird mir auch niemand sagen können. Manchmal fühle ich mich dem Glück nahe und manchmal bin ich vom Glück ganz weit entfernt. Ich habe nicht mehr das ganze Leben vor mir wie damals als Kind, als ich mir vornahm, aus meinem Leben etwas zu machen, als der gute Schulabschluss, das Studium, der gute Beruf, Ehe, Familie, Haus, Apfelbaum, noch vor mir lagen und von mir als Ziel erstrebt wurden, als das Leben lang und nahezu unerschöpflich schien, oder treffender formuliert, ich das eigene Lebensende nicht bedachte; der Tod war noch ganz ganz weit weg, auch wenn mich der Tod des Opas, der Tod eines Freundes und später der Tod der Schwiegermutter an die Endlichkeit des Lebens erinnerten.

Eigentlich geht’s mir jetzt gerade doch sehr gut. Warum treibe ich dann noch diesen Aufwand. Es ist ganz offensichtlich: Ich sang und singe, ich schrieb und schreibe und ich werde sprechen, weil ich Hilfe wollte und noch immer will. Alles, was ich tue, alles, was ich tat, tat und tue ich um Hilfe zu erhalten. Hilfe, um in mir einen Zustand absoluter Erfüllung, Ruhe, gesättigter Freude zu erleben. Und das geht, so glaube ich, besser so treibt es mich, nur in der perfekten Liebe mit einer Frau, in der all meine Sinne, Ansprüche und Bedürfnisse befriedigt werden. Und während ich meinen Anspruch umschreibe, fällt mir auf, dass mein Wollen, mein Wünschen, mein Bedarf, mein Bedürfnis eventuell nicht erfüllbar sein könnten. Soll ich mein ganzes Tun, also mein ganzes waches Leben nur von dieser einen Frau abhängig machen? Eigentlich geht’s mir doch gerade sehr gut. Wenn alles so bliebe, wie es jetzt gerade ist, gibt es nur wenig, was fehlt, nur die kongeniale Partnerin einschließlich des kongenialen Sex, einschließlich des Neuen, das nur in einer Partnerschaft wachsen kann, Liebe und Sex, wie sie in der Rede des Aristophanes in Platons Symposion spürbar werden. Und wenn dieser glückselige Zustand mein Lebensziel war und noch immer ist, könnte das Ziel, diese Alles umfassende Liebe nichts von dem ersetzen, was ist. Ich habe Kinder, eine Mutter, eine Schwester, die Erinnerung an einen guten Vater, die Erinnerung an das Gute der Mutter meiner Kinder, ich habe einen gesunden Körper, mit dem ich mich bewegen darf, mit dem ich essen, riechen, hören und sehen kann, ich habe die Hoffnung, dass ich meine leidende Seele irgendwann vom Leiden befreien werde, ich bin am richtigen Ort, ich habe Menschen, die mich begleiten, deren Gegenwart mir gut tut, an deren Gegenwart ich mich erfreue, in deren Gegenwart ich mein Leiden vergesse, die mich erden, ordnen, bestärken, trösten, anziehen, der heutige Tag gehört nur mir, heute bin ich frei in allem was ich tue, wünsche und denke. Heute gehört mein Leben nur mir, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde. Und ich will an keinem anderen Ort der Welt sein, ich will diesen Augenblick mit keinem Menschen auf der Welt teilen. Ich sitze hier und es geht mir in dieser Sekunde sehr gut, ich habe alles, was ich brauche. Jetzt, in dieser Sekunde bin ich frei. Und nach dieser Sekunde der Freiheit, in der ich dankbar bin für all das Vorgenannte, formuliere ich meine Wünsche ans Leben, meine Wünsche, die mich ins Leben, in die Erfahrung, in die Begegnung und damit letztendlich zu mir, zu meinem Potenzial, zu meiner Bestimmung führen. Ich konkretisiere meinen Hilferuf, ein Hilferuf, der mich befähigt, nicht mehr zu denken, nur noch zu sein, befreit von jedem Leid mit großer Dankbarkeit für das, was ist und bleiben soll.

Hilfe
Heute ist Sonntag. Ich bin kurz nach 5 Uhr aufgewacht, habe mich im Schneidersitz in die Sofaecke gesetzt, vorher eine Kerze entzündet, die Augen geschlossen und versucht, mich auf den ein- und ausströmenden Atem an meiner Nasenspitze zu konzentrieren, habe dann im weiteren Verlauf der Meditation meine Organe und andere Teile meines Körpers fokussiert und bin dem leichten Schmerz an den verschiedensten Körperstellen mit Gleichmut und ohne Veränderung meiner Körperhaltung begegnet. Diese Meditation erhält meine Hoffnung an ein gutes, erfülltes Leben, solange ich unwissend und damit auch unfähig bin, die Schritte zu wählen, die die einzig brauchbaren sind, die von mir ersehnte Veränderung meines Lebens herbeizuführen. Was muss ich tun? Wenn ich mich mit einem Haus vergleiche, in dem man nicht mehr wohnen kann oder will, bleibt als Lösung entweder die Renovierung oder aber der Abriss mit anschließendem Neubau. Was mache ich jetzt mit meinem Leben? Und warum überhaupt diskutiere ich diese Frage im Monolog mit der Welt? Weil ich nicht weiß, wer mir helfen könnte, weil ich weiß, dass nur ich selbst mir helfen kann, weil ich nur mir vertraue, weil ich müde bin, meine Gedanken immer wieder zu erzählen, weil ich mir meine Vergangenheit erhalten will, weil ich sie verwerten will, weil ich sie erreiche ohne sie zu erreichen, und vielleicht verändert der öffentlich Monolog doch irgendetwas zum Guten hin. Dieser äußere Monolog bietet mir in der Verbindung mit meinem Meditieren die einzige Möglichkeit, Klarheit zu schaffen. Durchsicht, um irgendwann die richtigen Schritte zu erkennen. Wenn ich doch weiß, dass ich dieses Leben so nicht länger leben möchte, ich nicht länger in Spaziergängen, Gesprächen, im Austausch, in Umarmungen, in verzweifelten Aktionen, in der Selbsthypnose, im NLP, in positiven Affirmationen, in Bibelsprüchen, im Tanz, in Yoga, Tai Chi, im holotropen Atmen, im Fernsehkonsum, Kino, in Büchern, in emotionslosem Sex, im oberflächlichen Flirt meiner Traurigkeit entkommen will, mich ablenken will, auf Trost hoffe, weil ich doch weiß, dass diese Anstrengungen das Wesentliche meines Soseins nicht verändern, dann gibt es doch nur zwei Möglichkeiten: Ich werke nicht weiterhin mit untauglichen Mitteln an meinem Zustand herum, sondern gebrauche taugliche Mittel oder ich reiße mich, weil eine Renovierung unmöglich ist, ab um mich sodann völlig neu zu erschaffen.

Abriss oder Renovierung?
Es tut körperlich weh. Flacher, rascher Atem, leichte Übelkeit und Lustlosigkeit. Ich hole mich da jetzt wieder raus, so dass es leichter wird, ohne mich durch fernsehen, meine so oft in der Hochphase meines Leidens praktizierte Atemübung unter Anleitung der Musik und Worte von Jeru Kabbal oder sonstwie abzulenken. Ich vertraue ganz allein auf die Kraft des Schreibens, die durch die Intensität meiner übellaunigen Stimmung eine noch größere Wirkung erzielt. Ich werde das Haus renovieren. Der Abriss bleibt das letzte Mittel. Die Substanz, der Kern des Hauses ist gut. Noch bevor ich mit der eigentlichen Renovierung und zuvor mit der Entfernung von überflüssigen Gerümpel beginne, muss das Haus in einen Zustand versetzt werden, in dem die Renovierungsarbeiten ohne gesundheitlich Gefährdung durchgeführt werden können. Der Schimmel in allen Räumen muss beseitigt werden.

Was will ich nicht?
Irgendwo steht geschrieben, dass wir alle, und somit auch ich, mit einer Bestimmung auf die Welt gekommen sind. Wenn wir unserer Bestimmung nach leben, wird unser Leben ein zufriedenes Leben, ein glückliches Leben sein. Meine Bestimmung ist mir unbekannt, die Erfahrungen von Jahren, die erworbenen Verhaltensmuster von Jahrzehnten haben meine Sicht auf meine Bestimmung verschüttet. Glaubte, hoffte ich eine Zeitlang, die Hypnose könnte mir bestimmungshindernde Gründe sichtbar machen, glaubte ich, dass die Selbsthypnose altes Denken mit förderlichem Denken überschreiben könne, will ich mich jetzt allein auf das beschränken, was in mir ist. Zu meiner Bestimmung führt mich allein die Meditation. Und da dieser Weg ein langer Weg werden könnte, brauche ich die Begegnung mit inspirierenden und interessanten Menschen, Menschen, die noch im Leiden verhaftet sind, Menschen, die im Glück taumeln, Menschen, die wie ich noch suchen.
Seit einem halben Jahr stellte ich mir verstärkt die Frage: Was will ich? Ich suchte nach der Frau, die mich glücklich machen würde, ich suchte nach der Arbeit, die ich gerne machen würde und mir eine finanzielle Freiheit ermöglicht, ich suchte nach den Orten, an denen ich leben wollte, die ich bereisen wollte. Nie jedoch stellte ich mir die Frage: Was will ich nicht? Dabei sollte diese Frage doch viel einfacher zu beantworten sein, als die Frage nach dem Unbekannten.

Frei
Ihr Name ist Nicole und ich kenne keine Frau in der Mitte des Lebens, die ihre Gedanken und Gefühle derart ehrlich mit der Welt teilt. Und auch bei ihren letzten Worten an die Welt fragte ich mich: Warum teilt sie ihr Leben mit der Welt? Vielleicht weil sie mich zu der Antwort auf meine Frage leiten möchte? Warum teile ich meine Gedanken mit der Welt? Das erste Lied, dass ich mit meinem Yamaha- Keyboard aus dem Discounter in den Tagen nach meiner Trennung aufnahm, war nur für mich. Irgendwann wollte ich, dass sie es hört. Auch alle Lieder, die folgten, auch alle Wortbeiträge, die folgten, hatten immer einen Adressaten, die Schnittmenge aus den vier Frauen, deren Anteile an jeder Schnittmenge mal größer, mal kleiner waren. Immer erfolgte mein Handeln aus einem Bedürfnis, einem Mangel heraus, aus der Sehnsucht nach Körperlichkeit, Vertrauen, Verbundenheit, Sinnlichkeit, Freude, Rausch. Aber noch größer als all diese Bedürfnisse ist mein Wunsch, von all diesen abhängigen Bedürfnissen erlöst zu werden, ohne Bedürfnisse zu leben, bedürfnisfrei, frei. Dieser Zustand ist mein Ziel. Denn nur dann kann ich die Schönheiten des Lebens, die Schönheiten der Natur, die Schönheit des Menschen in seiner ungetrübten Pracht erleben, bedürfnisfrei genießen.

Womit fange ich an:
Mit dem Wetter, dem blauen Himmel, der Windstille, der winterlichen Kälte, den Menschen in dem kleinen Lokal, die an Hochtischen den Löffel zum Mund führten? Dreißig Menschen, die zusammen essen, sich gegenüber sitzen, wie an jedem Tag, mal nach links, mal nach rechts schauen, mal nach links hören, mal nach rechts hören, dann irgendwann das Lokal bis zur nächsten gemeinsamen Speisung an einem anderen Ort verlassen. Es tut mir Leid, dass wir hier nie aßen. Ich entschuldige mich bei dir für das erbärmliche Leben, dass du mit mir so lange teiltest, ohne Widerspruch, ohne Murren. Wie oft haben wir in den 36 Jahren auswärts in einem schönen Lokal zusammengesessen um zu essen, zu reden, miteinander Spaß zu haben? Heute morgen fragte ich mich still, wie lange mein Alptraum noch dauern wird? Wann endlich erwache ich in meinem alten Leben? Wann endlich erwache ich und diese quälende Suche nach dem Glück sei endlich vorbei, diese Irrfahrt, auf die ich geschickt wurde, sei endlich vorbei? Denn meine Kräfte lassen nach. Viele Dinge auf meiner fünfjährigen Irrfahrt könnte ich heute nicht mehr leisten. Die Fahrt hat Kraft gekostet. Und will ich nicht sterben oder aufgeben, dann muss ich aufpassen, dass ich jede Situation meide, in der die letzten Reserven, die letzte Lebenskraft verbraucht würde. Ich kann auch nicht mehr nach Indien in ein Ahsram fahren, nicht in ein Kloster auf der winzigen Insel an der Côte d’Azur und nicht nach Italien um 10 Tage zu sitzen, um endlich aus meinem Alptraum zu erwachen. Ich muss standhaft bleiben und für mich sorgen. Und dann erinnere ich mich, dass ich auch das alte Leben verlassen wollte. Und mehr will ich auch gar nicht vom alten Leben wissen. Das alte Leben. Ob das alte Leben ein besseres Ende oder einen besseren Verlauf genommen hätte, wenn ich mich nicht von Träumen hätte leiten lassen, von falschen Bildern, von unrealistischem Quatsch. Warum nur musste ich studieren? Das Studium war die zweite eigene Entscheidung in meinem Leben. Sie war wohl ebenso falsch, wie meine Entscheidung, dich um ein, wie soll ich es nennen, ich stellte dir eine Frage, ich fragte dich, ich weiß den Wortlaut meiner Frage nicht mehr. Jedenfalls durfte ich dich am Wochenende zur Party abholen. Und von da an war dein Leben im Arsch. Ich habe dir nicht gutgetan. Was folgte, war eine anhaltende Leidensgeschichte in Armut. Du warst eine fleißige und gute Schülerin. Deine Mitschüler mochten dich, auch die Lehrer mochten dich. Was hättest du aus deinem Leben gemacht, hätte ich dich nicht gefragt? Würdest du dann auch in zweiter Ehe mit diesem Mann dein Restleben teilen? Fünf Jahre teilst du dein Leben schon mit ihm. Ob du auch ohne meinen Einfluss Jura studiert hättest? Nachdem unsere Tochter drei Jahre alt geworden war und den Werktag in der Spielgruppe verbrachte, sie nicht selten am Nachmittag mit zu ihren Freundinnen fuhr, wo ich sie dann am frühen Abend abholte, bei Jupp in den Baumbergen, bei Sabine und Martin in ihrem mit eigener Hand renovierten Bauernhaus oder bei, wie war noch ihr Name, auch im Kollegium des Coesfelder Gymnasiums finde ich ihren Eintrag nicht. Oh, wie hieß sie noch? Eine kleine Frau, sie war im Vorstand unserer Kindergruppe. Ich könnte unsere Tochter fragen. Ich lass es. Nicht weil es nicht wichtig wäre. Was ändert das an meinem Alptraum? Warum ist mein Leben ein Alptraum? Wenn ich mein Denken auf das Jetzt begrenze, warum ist mein Leben dann ein Alptraum. Wenn es kein Morgen gibt und ich nicht an das Vergangene denke? Mich umgibt Ruhe, ein blauer Himmel, Menschen an Hochtischen, die Schönheit der Natur in Fuß- und Radnähe, nirgendwo Streit oder Stress. Ein Herd, ein Bett, ein Bad, ein Buch, eine Zeitschrift, eine Gitarre, interessante Menschen, die schon da sind und immer neue interessante Menschen, die kommen. Ich habe zu essen, zu trinken, ich habe es warm, ich kann mich unterhalten durch Kino, Fernsehen und tanzen, ich kann spirituelle Erfahrungen machen durch Kirche, Yoga, Mediation. Und ich könnte mich an jedem neuen Tag in eine andere Frau verlieben oder aber mich für Enthaltsamkeit entscheiden und den Weg der Erleuchtung gehen. Wie die Vergangenheit lehrt, scheine ich mich für die Erleuchtung entschieden zu haben, denn der letzte Sex, wäre Sex ein Vergehen und keine Straftat, ist schon lange verjährt.

Weltmeister
Um drei Uhr war die Nacht zuende. Drei geführte Yoga Nidra Meditationen und eine Fantasiereise später bin ich mir sicher, dass meine Platzangst während einer MRT und auch die Angst vor Ablehnung den selben Grund haben: die Schwere und Dauer meiner Geburt und die damit zwangsläufig verbundenen Ängste. Vielleicht hat mich mein siegreicher Kampf ins Leben auch stark gemacht, hat mich gelehrt, dass ich jedes Ziel erreiche. Ich wollte sie als Ehefrau, ich wollte meine vier Kinder mit ihr, ich wollte den Beruf des Anwalts. Und jetzt, was will ich jetzt, nachdem meine Liebe aus den Tagen der Kindheit mit einem anderen Mann alt werden will, meine Kinder erwachsen sind und das Kanzleischild vergraben im Garten liegt? Ich könnte versuchen, in das von Todesangst geprägte Gefühl des Neugeborenen in mir einzutauchen und dem Neugeborenen in mir beizustehen, ihm zuzusprechen, es zu stärken und ihm die vermutete Zurückweisung als etwas Positives darzulegen. Dem Kind in mir zeigen, wie sehr doch alle bemüht waren, mich ins Leben zu holen, die Hebamme, der Hausarzt, mein Vater, meine Oma, mein Opa, die unten in der Küche zusammensitzen und sich gegenseitig stützen. Und ich sage zu mir selbst, zu meiner Erinnerung aus dem Geburtskanal, kill höre nur, wie unsere Mutter kämpft, mit welch großem Leiden sie um unsere Geburt, um unser Leben kämpft. Und ich erinnere uns daran, mit welcher Hingabe, Liebe, Freude und erfüllter Dankbarkeit, Erschöpfung und Erlösung sie uns an ihre Brust legte, mit ihren Händen umschloss, auch wenn mein Körper vom Todeskampf gezeichnet war, ähnlich dem Äußeren eines siegreichen Schwergewichtboxers nach 14 Runden eines unerbittlich geführten Kampfes um den Weltmeistertitel. Ja, so habe ich es noch nie gesehen: Kaum war ich auf der Welt und schon war ich Weltmeister. Weltmeister durch Geburt.

Yoga Nidra
Ich kniete nieder, weinte und wurde wach. Dabei sollte mein Traum doch einen ganz anderen Inhalt haben. Ich wollte nicht zum tausendsten Mal das Bewusstwerden des Verlusts durchleben, auch wenn der Inhalt anders war als sonst: Sie und ich waren jünger, unsere Tochter war noch klein. Mein Vorsatz, nach dem ich während der Yoga-Nidra-Meditation gefragt wurde, den ich dreimal wiederholen sollte, auf den ich mich nach einem inneren Dialog festlegen konnte, war nicht auf sie gerichtet. Ich konnte mich entscheiden, sie noch einmal sehen zu wollen, sie, nicht sie. Da aber alle sichtbaren Umstände und auch meine mit Angst gepaarte Logik meinem Wunsch widersprachen, brauchte die Formulierung meines Wunsches Zeit. Ein guter Kompromiss: Ich hatte das gewollte Unmögliche mit dem nicht gewollten Möglichen verbunden. Sie nur zu sehen, wäre nicht gut. Denn jede Begegnung mit ihr war jedesmal ein trauriges Abschiednehmen. Dann also alles, erst sie und dann der schmerzfreie Wechsel zur der mir noch unbekannten Schönen. Den Wunsch nur auf die unbekannte Glücksbringerin zu richten, ging gar nicht. Es ist unmöglich, sich auf eine Unbekannte auszurichten. Und während ich hier noch immer darauf warte, dir noch einmal zufällig zu begegnen, lebe ich von der geringen Hoffnung, mein Wunsch könnte sich einfach auflösen. Hokus Pokus Fidibus. Warum nur, bin ich so stur? Es wird seinen Grund haben. Ach, du sollst mit einem anderen Auto unterwegs sein. Ein Umstand, der für eine zufällige Begegnung eher hinderlich ist. Du musst also noch lauter durchs offene Fenster meinen Namen schreien, wenn du zufällig an mir vorbeifährst. Aber all das, wollte ich gar nicht schreiben, will ich doch mein Glück nicht von der Begegnung mit einer, wenn auch besonderen Frau abhängig machen, und mein Unglück nicht an eine Frau haften. Alles ist in mir. Ich wollte mich von dem Spruch, der tausendfach verkündeten Weisheit inspirieren lassen, dass ich tuen sollte, was mir Freude bereitet, wenn es denn anderen dient. Lass mich mit der Frage beginnen, welchen Bedarf hat der Mensch, welchen Bedarf habe ich? Wenn ich mich umschaue, sehe ich die leuchtende Lampe. Ich spüre die wohlige Wärme umgeben von Boden, Wänden, Dach und Fenstern. Ich sehe die Teller, Töpfe und Pfannen, die technischen Geräte, Obst und Gemüse, Kleidung, Schuhe. Ich schaue durch die Brille in den Garten.

Ultimatum
Zwei Monate bleiben mir noch, um mein Leben auf das richtige Gleis zu setzen, ansonsten drohen Altersarmut, schwere Erkrankung, vorzeitiger Tod. Will ich das? Hat meine Mutter mich unter Schmerzen und Todesangst auf die Welt gebracht, hat der Herrscher im Himmel und auf Erden meine Geburt möglich gemacht, damit ich ihnen mit Altersarmut, schwerer Krankheit und vorzeitigem Tod danke? Und weil ich wohl wusste, dass ich mir diese Frage heute stellen wollte, habe ich in meiner heutigen YogaNidra Meditation auf die Frage, was mein Vorsatz, mein Wunsch sei, nicht wieder wie gestern geantwortet, ich will sie noch einmal sehen, nein ich habe meinen Vorsatz neu gefasst, auch wenn die Begegnung mit ihr wie der Aufenthalt im wohltemperierten Fruchtwasser ist: Ich will eine Arbeit, die mir Spaß macht, Freude bereitet, Sinn gibt und mir monatlich 2.800 € netto und mehr erbringt. Diesen Vorsatz in zwei Monaten umzusetzen, erscheint schwer, das sieht mein Jugendfreund Kalle so, als er mich darauf hinwies, dass ich so alt wäre wie er und er würde nicht alt, da er zuviel trinke, rauche und wiege. Ja, auch das Schicksal des zweiten Mannes meiner Frau, der, wie mir meine Kinder erzählten, einen Infarkt erlitt, scheint meinem Vorhaben zu widersprechen, zumal er weder raucht noch trinkt. Ja, da gibt es auch meinen lieben Freund Georg, der mit 56 Jahren sein Mönchsgewand ablegte, heiratet, drei Kinder zeugte, ein Unternehmen aufbaute und heute als 84 Jahre alter Mann, geachtet, geliebt, mit Freude seinem Unternehmen vorsteht.

Galopp
Eigentlich war mein Leben schon mit elf Jahren vorbei. Gut, dass das Schwarz-Weiß-Foto von mir, mit Wanderstock und kurzen Haaren inmitten der Lüneburger Heide, auf der Rückseite mit einem Datumstempel bedruckt ist, sonst hätte ich nicht glauben können, dass ich bereits mit elf Jahren einen inneren Zustand durchlitt, in dem meine Wünsche und meine Angst derart miteinander stritten, dass mein Handeln den Kompromiss der Lüge wählte. Ich war elf Jahre, ob ich da schon alle Milchzähne verloren hatte? Oder hatte mir der Zahnarzt am Wohnort, an den ich keine guten Erinnerungen habe, schon meinen ersten bleibenden Zahn gezogen? Ich glaube, das Mädchen mit den langen braunen Haaren hieß Ina, ebenso wie das Mädchen, in das ich mich fünf Jahre später verliebte und die in mir das gleiche Gefühl erzeugte. Auch ihr gegenüber konnte ich mein Gefallen nicht äußern, versuchte das gegenteilige Gefühl zu verkörpern. Der Versuch muss wohl gescheitert sein, wenn ich der Mutter von Ina der Zweiten trauen kann, die mir Jahrzehnte später erzählte, ich hätte einen verliebten Eindruck gemacht. Ja, diese Ina die Erste, die mit mit ihren langen braunen Haaren auf den Rücken eines Ponys durch die Heidelandschaft galoppierte, hat in meinem Kopf bleibende Bilder hinterlassen, auch wenn ich keine Erinnerung mehr an ihr Äußeres habe. Geblieben ist vor allem die Erinnerung an das Gefühl, als ich in Begleitung meines Vaters auf den Ponyhof kam und Ina die Erste mir ein Pony aussuchte und mich auf meinem ersten Ritt auf dem Pony durch die Heide begleitete und wenn ich wiederholt bei leichtem Galopp vom Pony gefallen war, ermutigte, wieder aufzusitzen; wir ritten ohne Sattel. Ich hätte ewig mir ihr durch die Heidelandschaft reiten können, vermutlich bis an andere Ende der Welt. Hätte ich dann heute die Welt umrundet. Auf einem Pony um die Welt. Ich bin dann noch oft zum Ponyhof gegangen, musste aber jedesmal alleine ausreiten und noch oft im Galopp zu Boden gehen, nicht selten über den Kopf des Ponys hinweg, wenn es plötzlich stehen geblieben war.

Verschwendung
Und wieder beginnt ein Tag, von dem ich am Ende des Tages sagen werde, dass ich ihn nicht genutzt habe, nicht genutzt, um durch den Regen zu rennen, um auf Bäume zu klettern, auf Tische zu springen, um mich im Kreis zu drehen bis mir schwindelig wird, um zur lauten Musik zu tanzen, um eine Text zu schreiben , um ein Lied aufzunehmen, das mir gefällt, in dem ich meine Stimme höre, das echt ist, das gut ist, das alles, was in mir ist, nach oben holt, werde kein Bild gemalt, keine Leinwand mit Farbe beworfen haben, nicht mit dem Schlitten vom Berg gerodelt, nicht auf den Gipfel gestiegen sein, auf keiner Alm gespeist haben und die Frau, die ich liebe, wird nicht in meinen Armen liegen. Und bevor ich die Augen schließe, werde ich nicht denken, wie gut war dieser Tag. Ich habe geliebt, gelacht, gesungen, ich war erschöpft, hungrig und satt, dieser Tag hat Spaß gemacht.

Eine gute Entscheidung
Es ist vermutlich schade, dass sie nicht mehr da ist. Sie war doch das ganze Leben von der Jugend bis ins Opa-Alter an meiner Seite. Eine Frau an der Seite kann doch immer nur gut sein. Sie hat die Zeit, die man nu das Leben nennt, mit mir geteilt: Verlieben, Heiraten, Zuhause, Kinder, Abiturfeier. Und jetzt, nichts, nicht einmal ein Weihnachtsgruß. Der Gruß wäre ungeöffnet in der Papiertonne gelandet. Ich wollte sie noch immer nicht sehen, auch wenn es vermutlich schade ist, auch wenn es vermutlich falsch ist. Ich könnte es aber noch immer nicht ohne Leiden, Weinen, Schmerz ertragen, sie zu sehen. Ob ich sie vermisse, kann ich nicht sagen. Wenn sie noch bei mir wäre, hätte ich vielleicht nicht dieses anhaltende, wiederkehrende, leidende Unbehagen. Ob es gut war, dass wir Eheleute wurden, weiß ich auch nicht zu beantworten. Schau ich mir an, wie es mir jetzt am Ende unserer gemeinsamen Zeit, die Zeit, die man das Leben nennt, geht – ich bin alt, arm und allein – könnte ich geneigt sein zu sagen, dass es nicht gut war und wenn ich daran denke, wie ich mit der Bassgitarre auf der Bühne stand und eine ältere Frau mir die Frage stellte, während sie sich, geführt von ihrem Tanzpartner im Walzerschritt von mir wegdrehte, ob ich nicht auch lachen könne, vermute ich, in meinem alten Leben, der Hochzeit des Lebens, nur wenig gelacht zu haben, selbst in Situationen, in denen gute Laune sein sollte, auf Hochzeiten, Geburtstagsfeiern, die ich so oft bespaßen durfte. Vielleicht war sie für mich die falsche Frau, doch bin ich dankbar, dass sie die Mutter meiner Kinder wurde. Vielleicht war das Leben unserer Kinder der einzige Sinn unseres gemeinsamen Lebens, unserer Zeit. Erst als unsere Tochter volljährig geworden war, entließ er da oben mich aus dieser Beziehung; wie oft hatte ich doch versucht, mich aus der Ehe zu lösen, selbst als wir noch ohne Kinder waren, konnte ich mich nicht von ihr lösen, und als dann die Kinder da waren, ging es gar nicht mehr, obwohl die Not immer größer wurde. Irgendwann hatte ich mich wohl mit meiner Lebenssituation abgefunden. Die falsche Frau, der falsche Beruf, im falschen Haus, am falschen Ort. Es ist mittlerweile sechs Jahre her, dass ich sie das letzte Mal gesehen habe. Verschwinde, sonst bekommst du eine eine einstweilige Anordnung, waren ihre letzten Worte an mich. Sie hätte auch sagen können: Verschwinde, sonst erschieße ich dich. Der Satz, sei froh, dass du sie los bist, konnte mich nicht trösten. Seit sechs Jahren versuche ich jetzt, dieses Erlebnis, mein Leben schreibend zu verarbeiten. Ob es leichter für mich gewesen wäre, hätte sie sich bei mir entschuldigt? Ob es leichter gewesen wäre, wir hätten uns in diesen sechs Jahren einmal gesehen, wir hätten uns einmal unterhalten? Warum hätte sie sich bei mir entschuldigen sollen, hatte ich ihr doch schon am Anfang unserer Ehe gesagt, dass es da eine Frau gab, die ich gerne noch einmal sehen wollte und hatte ich ihr nicht später gesagt, dass ich auch mal mit einer anderen Frau schlafen wollte und hatte ich ihr dann 10 Jahre vor dem Ende unserer Ehe nicht gesagt, dass ich mich in eine andere Frau verliebt hätte, auch wenn sie auf diese Offenbarung nur mit spöttischem Mitleid, spöttischem Unverständnis reagierte, Unverständnis, das ich mit ihr im Übrigen teilte. In der Not frisst der Teufel Fliegen. Musste nicht ich mich bei ihr entschuldigen. War nicht ihre Aufforderung an mich ein befreiendes Geschenk an mich, ein Geschenk, dass mich endlich von dem Leben mit ihr befreite. Endlich. Und wie habe ich meine Freiheit nutzen können? Ich habe die Jahre nicht genutzt. Ich bin älter geworden, arm geblieben und allein. Und, wie wäre mein Leben, wären wir auch heute noch ein Ehepaar? Ich wäre so alt wie heute, ich wäre so arm wie heute, nur allein wäre ich nicht, vielleicht wäre ich schon tot. So könnte sich die Trennung doch gelohnt haben, auch wenn ich jetzt bis zum Tode leide. Ich hätte in den vergangenen sechs Jahren, an den 300 Wochenenden, an den 2190 Tagen, den Rasen gemäht, die Spülmaschine ein- und ausgeräumt, 2000 Mal vor dem Fernseher gesessen um Millionär zu werden, 2000 Rotweinflaschen in den Altglascontainer gebracht und viele Tage mit dem Einkaufswagen auf dem Weg zwischen der IKEA Fundgrube und dem Restaurant gestanden, bis sich der Wagen mit Dingen füllte, die wir nicht brauchten. Ja, ich sollte froh sein, als es endlich vorbei war. Ich bin zum Psychologen gelaufen, in der Hoffnung, ich könne den Mangel wegreden und den Zustand gutreden. Ja, sie war in meinen Augen eine gute Frau, sie war schön, klug, fleißig, zuverlässig und – ich hatte nie die Angst, sie zu verlieren. Und jetzt sitze ich hier, zwar alt, arm und allein, brauche aber keinen Psychologen mehr, der mir hilft, die Ehe und damit mein Leben gutzureden, erträglich zu reden. Mein Alter lässt sich nicht ändern und wirklich arm bin ich auch nicht, solange ich nicht hungern oder frieren muss und eine Bleibe habe. Und wie steht es mit dem Alleinsein? Alles was ich tue, bestimme ich. Kein Zettel, auf dem meine Aufgaben notiert sind. Keine Einschränkungen, keine Beschränkungen. Und, was habe ich mit der Freiheit gemacht? Nichts. Soll das so bleiben? Wann waren die Momente in meinem Leben, in denen ich mich auf den nächsten Morgen freute und ich dann nach dem Erwachen aus dem Bett sprang um dem Erlebnis entgegen zu eilen. Und warum ging es mir auf der Klassenfahrt in der fünften Klasse so schlecht? Ich war allein. Und mit ihr dann war ich nie mehr allein. 24 Stunden war sie für mich da. Sie hat gewaschen, gebügelt, gekocht, aufgeräumt, geputzt, den Rasen gemäht, den Wagen gewaschen, studiert, gearbeitet und den Mangel ertragen. Gewonnen, wer diese Frau seine Frau nennen darf. Und warum drohte mein Leben im Zustand der Bewusstlosigkeit zu enden? Ich konnte nicht mehr und wurde bewusstlos. Und auch jetzt will ich, genauso wie am Anfang meines ersten Lebens, die richtige Frau, den richtigen Beruf und am richtigen Ort leben. Meine erste Wahl war gut. Ich hatte eine ansehnliche Frau, einen angesehenen Beruf und ein gutes Wohnumfeld, wir lebten in einem Ort, in dem die Kinder behütet und gut aufwachsen konnten. Ich hatte meine Entscheidungen vielversprechend getroffen. Die Vergangenheit ist unveränderlich. Also entscheide ich, sie war gut. Und ich entscheide, meine Zukunft wird gut, jedoch nicht mit dieser Frau, mit diesem Beruf, an diesem Ort. Eine gute Entscheidung.

Es hat Spaß gemacht
Ich war wieder weinend aufgewacht und mit dem Wechsel ins Bewusstsein war der Schmerz vorbei. Es war ein schon fast genialer Traum, den der Schlaf mir schenkte. Er war mir in Erinnerung geblieben und so führte mich die Erinnerung an den Traum zu einer Erinnerung, an die ich in den letzten 6 Jahren nicht einmal dachte, ich hatte die Erinnerung völlig verloren. Im Traum hielt ich unser kleines Kind im Arm, war stolz und freute mich. Dass dieses Kind nicht mein Kind sein konnte, nahm ich gar nicht wahr. Erst später, als meine Frau zum Wagen zurückkam, fragte ich sie, warum unser Kind dunkelhäutig sei, wo doch sie und auch ich hellhäutig seien. Als sie mir eingestand, dass nicht ich der Vater sei, setzte das altbekannte, verzweifelte Weinen ein. Und später fiel mir ein, wie oft ich in den Jahren unseres gemeinsamen Lebens verzweifelt weinte. An all die Umstände, die diese Verzweiflung auslösten, will ich mich jetzt erinnern. Will ich wirklich diesen Aufwand treiben? Genügt es nicht, zu wissen, dass es diese Situation zuhauf gab? Genügt es nicht, dass es diese Situationen nie wieder geben wird? Und ist ihr Satz dann doch richtig, ich solle froh sein, sie los zu sein? Vielleicht sollte ich jetzt einfach aufhören, das Gute weiterhin auf die Fahne zu schreiben und sie weiterhin mit der mir letzten Kraft in die Höhe zu halten? Vielleicht sollte ich jetzt endlich eine neue Liebe in mein Leben lassen. Vielleicht sollte ich jetzt, im letzten Drittel meines Lebens endlich erleben, was denn eine harmonische, liebevolle, vertraute, ehrliche, sinnliche Liebe ist und die Liebe zur Frau auf das zurückführen, was sie ist und was sie sein sollte: eine Bereicherung für mein Leben. Denn es gab eine Zeit in meinem Leben in der das Mädchen, die Frau, das weibliche Geschlecht für mein Glück, meine Zufriedenheit ohne Bedeutung waren. Und wenn ich jetzt, im letzten Drittel meines Lebens endlich das mir bestimmte Leben herausfinden will, muss ich zurück in diese beziehungsfreie Zeit der Kindheit, muss mich fragen, was hat mir Spaß gemacht, vielleicht gab es auch für mich diese Momente einer freudigen, lustigen Kindheit, obgleich ich kein Kinderfoto von mir erinnere, auf dem ich herzerfrischend lache.

Die ersten zehn Jahre meines Lebens wohnten wir im Haus meiner Großeltern. Hier lebten wir, meine Oma, mein Opa, die Vertreter, die täglich wechselten, die Kunden im Verkaufsraum, die Kunden aus der Werkstatt, der Milchmann, mein Onkel, meine Tante, meine zwei Cousinen, meine Schwester und natürlich meine Eltern, die alle irgendwie auch immer in dieser einen kleinen Küche, in der das tägliche Leben stattfand, sich einfanden, bis dann abends, nachdem mein Opa und mein Onkel sich die schwarzen Hände mit Reinol gewaschen hatten und wir alle in der Küche, am langen Tisch, in dieser Enge, in der ich meinen Platz fand, nachdem ich die Sitzbank abgelaufen war, mein Opa und ich vor dem Schwarz- Weiß Fernseher saßen, mein Opa mit seiner Zigarre. Das hat Spaß gemacht. An diese Menschen erinnere ich mich, aber an Freunde, wenn ich denn überhaupt Freunde hatte, die sich mit in der kleinen Wohnung meiner Eltern oder der Küche und dem Wohnzimmer im Erdgeschoss aufhielten, erinnere ich mich nicht. So ein richtiger Freund hätte mir bestimmt gutgetan. Nur an Uwe, der mit seiner Mutter zu mir gekommen war, als ich mit Masern oder Windpocken im Bett lag, erinnere ich mich. Es war das Bett meiner Eltern, das sich hervorragend als Spielplatz eignete, ich kletterte auf das Fußende und sprang ins Bett. Das hat Spaß gemacht. Uwe lebte am Tannenbusch. Dort lebten auch Arnd, Peter, Volker, Jürgen und andere Jungen, deren Namen ich vergessen habe. An Mädchen, die in dieser Siedlung lebten, erinnere ich mich, wenn überhaupt, nur ganz, ganz schwach. Auf den Wegen vor dem Haus konten wir knickern. Das hat Spaß gemacht. Und vor der Siedlung war ein Stoppelfeld auf dem wir Fußballturniere spielten. Das hat Spaß gemacht, Gewinnen hat Spaß gemacht. An einen Kindergarten kann ich mich nicht erinnern. Man sagt, ich wäre dort nur an einem Tag gewesen und dann hätte ich da nicht mehr hingewollt. Und die Grundschulzeit muss auch nicht lustig gewesen sein. Auf dem Klassenfoto lache ich auch nicht, obwohl ich doch so in meine Klassenlehrerin verliebt war. Mit ihr fing wohl das Leid der Liebe an, mit ihr erfuhr ich Eifersucht, war da doch plötzlich ein Mann, der ihr nahe zu sein schien, dem ich dazu noch unterlegen war, ich ein Kind, er erwachsen, ich erfuhr die Sehnsucht, ich dachte an sie, von ihr wollte ich gemocht werden, wahrscheinlich versuchte ich für sie gut zu sein, von ihr suchte ich Anerkennung. Uwes Bruder Klaus war zwei Jahre älter als Uwe. Klaus war mit Erwin befreundet, der auf der Poststraße wohnte. Bei Erwin war ich einige Male im Haus zum Kaffeetrinken, wenn Erwins Mutter gebacken hatte und die Familie um den Tisch saß. Eine Kaffeetafel gab’s bei uns nicht, mein Vater hat an jedem Wochentag von morgens früh bis spätabends gearbeitet, an jedem Tag, nur sontags war er schon mittags zuhause. Erwins Vater hatte Kaninchen. Mein Opa hatte ein großes Becken mit Goldfischen. Einmal, es war schon im zweiten Jahrzehnt meiner Kindheit, in dem ich mit meinen Eltern und meiner Schwester in einem Haus auf der Heide lebte, war ich bei der Familie der Schwester meiner Tante im Saarland zu Besuch. Dort war die Mutter, die den ganzen Tag lang ausschließlich für ihre zwei Kinder, ihren Mann, den Schwiegervater, der im Nachbarhaus wohnte, und für mich da, und da war eine Gemeinschaft von Jugendlichen, die ich als sehr angenehm empfand, nicht nur weil das Mädchen aus dem Nachbarhaus mich mochte. In einer Hütte hatten zwei Kinder einen Ofen, auf dem wir Ravioli erwärmten, das hat Spaß gemacht. Im Jugendtreff saß man zusammen, keine Schlägerei, keine angedrohten Schläge, das hat Spaß gemacht. Und ein Mädchen, das mir gefiel, das hat Spaß gemacht. Ihr häusliches Umfeld hat keinen Spaß gemacht. Ähnlich angenehm war die Gemeinschaft von Jugendlichen, innerhalb derer mein ein paar Jahre älterer Cousin Wolfgang lebte. In seinem Wohnort wurde mein Vater geboren. Auch mein Vater kam immer wieder gerne zurück nach Krudenburg. Wolfgang hatte ein kleines Akkorden, das mir gefiel. Es dauerte nicht lange, und ich hatte ein eigenes. Herr Schwermer kam dann einmal in der Woche in das Haus meiner Großeltern in das Wohnzimmer meiner Eltern, in der Mitte des Raumes standen zwei Stühle und der Notenständer. Ich weiß nicht, ob es Spaß gemacht hat. In diesem Wohnzimmer stand auch mal eine Eisenbahnlandschaft, die mein Vater aufgebaut hatte, vermutlich nicht lange, denn an der Wand stand später eine Musiktruhe. „Fünftausend Meilen von zuhause“ und „Mama“ von Heintje habe ich mitgesungen. Mit meinem Vater war ich in einem Kirmeszelt, in dem Heintje und ein anderer Sänger auftraten, wir waren auch mal bei einem Showkampf, mit einem Angelschiff auf der Nordsee, mit meiner Mutter und Schwester bei Holliday on Ice. In dem kleinen Buch von Pipi Langstrumpf habe ich gerne gelesen, ich, allein, oben im Wohnzimmer. Ob ich noch ein zweites Buch hatte, weiß ich nicht. In diesem Wohnzimmer war eine Seilbahn aufgebaut. Das Spiel mit der Seilbahn wurde schnell langweilig. Wahrscheinlich fehlte ein Mitspieler. Aber auch dann wäre es mir schnell langweilig geworden. Mein Spielgerät war der Fußball. Hinter der Tankstelle meiner Eltern war ein Bolzplatz, hoch eingezäunt, mit roter Asche, neben dem Haus meiner Großeltern war eine Wiese, auf der wir spielen konnten, zweimal in der Woche Training und am Samstag der Höhepunkt der Woche: das Meisterschaftsspiel. Das hat Spaß gemacht, war Aufregung, Leidenschaft, Kampf, Gewinnen, selten Verlieren, eine Cola, eine Frikadelle.

Worte
Seit einem halben Jahr suche ich nach Worten für ein neues Lied, die neue Melodie würde sich schon irgendwie ergeben. Worte und Melodie sollten gemeinsam wachsen. Irgendein Akkord an der richtigen Stelle würde das richtige Wort gebären. Diese zwei Akkorde von John Lennon, das einfach C mit dem einfachen F halten mich in meiner eigenen Kreativität gefangen. So schön. Aus diesen Worten soll mein Lied entstehen. Ich nehme sie, auch wenn ich hoffte, mein Gefühl hätte andere Worte produziert. Vielleicht ist die Sehnsucht nach der einen Frau, die so viele Lieder möglich machte, nicht mehr so treibend, und vielleicht ist der Schmerz aus der beendeten Beziehung mit meiner Frau ebenso untauglich für neue Texte. Ich begnüge mich jetzt mit diesem Text, ich will wissen, wie das Ergebnis wird, immer völlig offen. Genau wie mein Schaffen im Kunstunterricht. Das fertige Produkt entstand immer durch Zufall. Das musste auch so sein, denn ich konnte weder Malen noch Zeichnen. Und dennoch waren die Fächer Sport und Kunst die Unterrichtsfächer, in denen meine Leistungen immer mit sehr gut bewertet wurden, selbst als ich mit meiner Knieverletzung in die Sportgruppe der Mädchen mit Volleyball und Tanz gewechselt war.

    „Die Blumen auf dem Tisch. Ihre Schuhe steh’n im Garten. Der erste Schnee in diesem Jahr hat sie unter sich begraben. Und da wo gestern noch der Schrank stand, ist ein großer Fleck und all das schöne, bunte Porzellan ist jetzt mit ihr weg. Ich höre sie noch sagen: Das Essen ist gleich fertig, deck schon mal den Tisch. Und ruf auch noch die Kinder runter, es gibt ihr Leibgericht. Und wenn du schon mal da bist, lass auch noch die Katze rein. Dann sind wir wieder alle eins. Alles wird gut, alles wird schön. Alles wird gut, alles wird schön. Vielleicht, vielleicht, vielleicht schon morgen. Vielleicht, vielleicht, vielleicht schon bald.“

Und was will ich noch mit dir teilen, bevor ich einen Spaziergang machen werde, auf dem Markt nach Grünkohl schaue, den ich nach Alexandras Vorschlag zubereiten werde. Alexandra ist die erste Frau, der ich zwei Kapitel aus meinem Buch vorgelesen habe, obgleich sie selbst so viel zu erzählen hat. Das Leben bietet so viele Zufälle. Ich muss nur rausgehen und reden. Nach dem Besuch des Fitnesscenters werde ich mich mit der Aufnahme des Liedes versuchen. Ich könnte mal wieder Tanzen gehen. Den neuen Film von … schaue ich mir Montag an. Fällt mir noch etwas ein? Worüber will ich noch schreiben? Warum soll ich noch bleiben? Warum weiterreisen? Irgendwann holt man mich aus dem Zug, legt mich neben die Gleise und der Zug mit all den anderen Reisenden fährt weiter. Das Ende der Lebensreise. Warum soll ich nicht jetzt schon aussteigen, beim nächsten Halt die Waggontür öffnen und aus eigener Kraft aussteigen. Jede Reise ist doch auch mit Anstrengungen verbunden, warum sollte ich mir diese Anstrengungen nicht ersparen? Die Kinder sind da. Sie sind groß. Sie brauchen mich nicht, und das, was sie brauchen, kann ich ihnen nicht geben. Meine Mutter ist alt, irgendwann, wenn nicht schon jetzt, braucht sie meine Pflege. Welche schönen Dinge wiegen die Anstrengungen auf. Weil mein Geist wiedergeboren werden könnte, vielleicht in einem Körper, der noch größere Anstrengungen zu leisten, zu ertragen hat, oder in einem Körper, der das Leben führt, das ich mir insgeheim, mir immer noch völlig unbekannt und unbestimmbar wünsche. Ja, was will ich, könnte ich wählen. Man weiß es nicht, zumindest weiß ich es nicht. Und den Googleeintrag ‚Leben nach dem Tod‘ erspare ich mir. Ich nehme an, dass alles möglich ist, schlechter oder besser oder gar nicht. Soll ich dann doch die Reise bis zu meinem natürlichen Tod fortsetzen? Was hält mich auf meiner Lebensreise? Ich werde das Haus nicht halten können, will ich leben, wo es schön ist. Schön? Aber ist das wichtig. Scheiß auf hätte, werde, könnte. Ich hatte es doch immer gut, an jedem vergangenen Tag, und auch wenn da Schmerzen waren, wenn das Geld verbraucht war, es ging vorüber. Danke für mein Leben. Ich muss nur raus und rede

Lass es hören
Und wenn es mir schon schlecht geht, warum sorge ich nicht dafür, dass es mir gut geht? Müsste ich nicht geschrieben haben, dass es mir „wieder“ gut geht. Vermutlich habe ich das Wort „wieder“ intuitiv weggelassen, wohl weil es mir noch nie gut ging, ich mich nicht erinnern kann, mich nicht erinnern will. Es ist also nicht so einfach für mich, einen Zustand herbeizuführen, den ich noch nie erlebte. Wie soll ich ein Bild malen von einem Gegenstand, den ich noch nie sah. Wie soll ich den Geschmack einer Speise beschreiben, die ich noch nie aß. Frage ich also meinen Verstand: Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit es mir gut geht? Oder möchte ich doch lieber mein Gefühl fragen: Was brauche ich, damit es mir gut geht? Ich möchte mein Gefühl fragen, denn mein Gefühl kennt die Antwort. Und die Antwort ist so einfach, viel einfacher als die Antwort meines Verstandes. Mein Gefühl schreit mich förmlich an: „Hey, sag es, du weißt es doch. Rede nicht drum herum. Sag es einfach. Nein, du musst dich nicht schämen. Sag es einfach. Gehe in dich. Schließe die Augen. Atme. Atme langsam. Und jetzt beantworte deine Frage: Was brauchst du, damit es dir gut geht?“ Die Antwort liegt mir auf der Zungenspitze, ich muss nur den Mund öffnen und sie fiele heraus, allein ihre Schwerkraft macht sie hörbar. Warum hadere ich? Habe ich kein Recht darauf, dass es mir gut geht. Habe ich nicht verdient, dass es mir gut geht? Oder weiß mein Verstand, dass die Erfüllung meines Wunsches unmöglich ist? Ja, es ist die Intelligenz, die mich hindert, die Antwort zu geben, den Mund zu öffnen, die Antwort in die Welt zu geben, in der Hoffnung, der Wunsch möge sich erfüllen. „Lass es“, fordert mich der Verstand auf. „Nein“, wehrt sich das Gefühl. Was verliere ich, wenn ich mein Gefühl sprechen lasse? Die Antwort des Verstandes ist überzeugend: Wenn es unmöglich ist, dass der Wunsch sich erfüllen könnte und ich jetzt dem Gefühl die Möglichkeit verwehre, seinen Wunsch zu formulieren, bliebe die Möglichkeit und die damit verbundene Hoffnung, es irgendwann – spätestens am Ende meines Lebens – zu tun. Will ich am Ende meines Lebens dem Gefühl die Möglichkeit geben, zu sagen, was es braucht, damit es mir gut geht? Mein lieber Verstand, du bist doof. Jetzt sitze ich hier vor meinem Text und sage mir, du könntest deinem Gefühl hier und jetzt die Möglichkeit geben, seinen Wunsch auszusprechen. Aussprechen, nicht aufschreiben. Selbst jetzt, im Proberaum, allein und ungehört, ist es mir nicht gelungen, den Wunsch auszusprechen. Warum kann ich nicht sagen.. Schon bei der Anrede, beim Ausspruch ihres Namens blockiere ich nach der ersten Silbe. Vielleicht weil ich ihren Namen nicht schreiben darf und der mündliche Versuch mit einem erfundenen Namen keine Emotionen hervorruft. Ich könnte sie umtaufen. Auch eine blöde Idee des Verstandes. Also liebes Gefühl in mir, sei bereit. Traue dich. Ich hatte den Mund schon geöffnet und wieder kam ich nur bis zu ersten Silbe ihres Namens, und die auch nur gehaucht, nachdem die meiste Kraft schon für den Beginn der Anrede „Liebe“ verbraucht war. Soll ich es noch einmal probieren? Es ist verwunderlich, erstaunlich und auch ein bisschen komisch, hier zu sitzen und seine Unfähigkeit zu spüren, einen Wunsch hörbar auszusprechen. „Angenommen, ich hätte den Wunsch geäußert und der Wunsch hätte sich erfüllt, was dann, ginge es mir dann tatsächlich gut?“, fragt mich der Verstand. Ja, mein Verstand hat recht. Und ich weiß nicht, wer sich jetzt mit dem Einwand meldet: „ Aber dieser gute Zustand ist doch zeitlich begrenzt, geht vorüber, kann nur einen Augenblick, gleich ob kurz oder länger, anhalten. Genügt es nicht bereits, für einen kurzen Augenblick zu fühlen, es geht mir gut. Auch der Orgasmus dauert nicht ewig. Er kommt und geht, und dazwischen?

Sechs Jahre hatten nichts verändert.
Er würde seinen Geburtstag feiern. „Da deine Mutter auch kommt, werde ich verzichten.“ Kurz nach meiner mündlichen Antwort schrieb ich ihm noch: „Sollte ich bis dahin eine neue Frau gefunden haben, die mich stärkt, komme ich. Dazu wird es aber wohl nicht kommen.“ Ich musste seine Frage nicht überdenken, die Antwort war sofort dar. Mein Inneres hatte die Situation wohl kurz durchgefühlt und mich dann sofort entscheiden lassen. Auch andere Feste werden anstehen. Auch dann werde ich nicht da sein. Weil ich die Situation nicht erleben will. Selbst mit der Unterstützung einer neuen Frau wollte ich sie nicht sehen. Ich hatte mir vor sechs Jahren, als ich auf der untersten Treppenstufe neben dem kleinen Gebirgsbach saß, geschworen, sie erst wieder zu sehen, wenn mir die Begegnung mit ihr nicht mehr wehtun würde, eine Art Gleichgültigkeit eingetreten wäre. Sechs Jahre habe ich sie nicht mehr gesehen. Auch sechs Jahre, in denen sie älter geworden ist. Sechs Jahre. Sechs Jahre führen von der Geburt in die Schule, machen im zweiten Lebensjahrzehnt aus einem Jugendlichen einen Mann, im dritten Lebensjahrzehnt erfordert die Ausbildung sechs Jahre, aus einem Unwissenden wird ein Wissender, es erfolgt der Wechsel in den Beruf, im vierten Lebensjahrzehnt sind die sechs Jahre die Jahre des Aufbaus, potente Jahre in denen die Familie wächst, Wohlstand wächst, im fünften Lebensjahrzehnt wird geerntet und im sechsten Lebensjahrzehnt sind sechs Jahre die Spanne hin zum Altsein. Und schließlich machen sechs Jahre aus einem alten Menschen eine Greisin. Und mit 90 Jahren beginnt das Abschiednehmen, wenn man denn die 60 überschreiten konnte.
36 Jahre war sie ein Teil von mir. Das ist es, was sie war. Sie war in den Jahrzehnten zu einem Teil von mir geworden. Und dieser Teil von mir würde dann in einem Raum an der Seite des Mannes stehen, der fünfzehn Jahre unsere technischen Geräte reparierte und die jährlichen Inspektionen an unseren Autos durchführte und mit der Patenschaft unserer Tochter belohnt worden war. Ich hatte die sechs Jahre nicht nutzen können, den amputierten Teil von mir durch Eigenes zu ersetzen. Nein, ich kann sie noch nicht sehen, auch wenn ich in meinem Verhalten möglicherweise unverständlich und übertrieben, vielleicht auch widersprüchlich bin. Denn ich will auch nicht zurück, was war. Ich wollte an diesem Tag nicht neben ihr stehen, so wie ich in den 36 Jahren neben ihr stand, grimmig und schlecht gelaunt. Ja, in den 36 Jahren war ich grimmig und schlecht gelaunt. Frustriert, ohne Hoffnung, ohne Freude, ohne Zukunft, ohne Glück.
Warum tut dann allein der Gedanke an diese Begegnung schon weh. Ich weiß es noch immer nicht. Wie sollte meine Begegnung mit ihr aussehen? Doch nicht mit stundenlangen Gesprächen, sondern mit mindestens und maximal einer Begrüßung. Punkt.
Ich will die Begegnung mit ihr voraussehen. Ich will mir vorstellen, wie es wäre, ihr zu begegnen. Ich bin losgefahren, mit dem Zug. Meine Mutter habe ich nicht dabei, auch wenn er sich wünschte, seine Oma wäre dabei. Es wäre nicht gut, würde meine Mutter meiner geschiedenen Frau begegnen. Vor ein paar Monaten hatte ich sie bei mir, als ich meine ehemaligen Nachbarn besuchte. Schon bei der Begegnung mit mittelbar Beteiligten musste sie weinen und ihr Schmerz belastete sie. Dieser Belastung in der unmittelbaren Begegnung mit meiner geschiedenen Frau darf sie sich nicht aussetzen. Ich sitze also alleine im Zug, steige am Zielort aus und gehe zu seiner Wohnung. Als ich in seiner Wohnung eintreffe, ist sie noch nicht da. Seine Geschwister sind schon da. Sie waren schon am Vorabend angereist. Ihre Mutter ist noch nicht da, auch nicht der Mann mit dem sie jetzt verheiratet ist. Ich bin nervös, angespannt, voller Erwartung, auch Angst vor ihrem Anblick und Aussehen. Frage mich, wie die sechs Jahre auf ihr Äußeres gewirkt haben. Und wie wird sie mir begegnen. Bei unserer letzten Begegnung stand ich weinend vor ihr. „Verschwinde, sonst bekommst du eine einstweilige Anordnung!“, war ihr letzter Satz an mich. Ich könnte den Satz rechtfertigen, ihn in eine positiven Kontext stellen. Das aber will ich nicht. Denn nicht nur der Satz wirkte auf mich, hinzu kam die Sprache ihres Körpers, ihres Gesichts, ihrer Augen.
Mach’s gut B., da wo du bist, will ich nie mehr sein.

Eine Chance geben
Schon der erste Akkord hatte den Tränenkanal geöffnet. Und während ich über meine Einleitung nachdenke, muss ich an den alten Mann denken, den der Krankenwagen heute ins Krankenhaus brachte und ich höre noch sein „Nein, nein“, als die Sanitäter ihn auf der rollenden Pritsche anschnallen, während die Tochter ihn tröstet. Vielleicht sehe ich ihn morgen wieder, wenn er sein Haus verlässt um den Hausmüll zu entsorgen. Vielleicht hat er gestern auch für immer sein Haus verlassen, zwei Jahre nach dem Tod seiner Frau. Die Sonne scheint, ein leichter Wind, es ist kalt. Mit dem Blick nach draußen ein perfekter Tag. Ob er das schöne Wetter noch wahrnimmt. Bereits am frühen Morgen hatte mir mein Sohn gestern geschrieben „Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden.“ Nein, der gestrige Tag war nicht der schönste meines Lebens. Ich habe auch nichts dafür getan, dass er der schönste hätte werden können. Wie hätte der Tag denn sein müssen, damit er der schönste Tag meines Lebens geworden wäre. Ich hatte lange geschlafen, zwei lange Spaziergänge unternommen, gekocht, gegessen, nach Worten für ein neues Lied gesucht und Notting Hill geschaut. Und warum war auch bei der letzten Antwort auf die Frage, wie lange sie in England bleiben würde, der Tränenkanal noch immer aktiv? Der Film ist 19 Jahre alt. Seit 19 Jahren leben Anna Scott und William Thacker nun gemeinsam in London. Ob auch in dieser Zeit Augenblicke waren, die mich berührt hätten wie der erste Akkord aus „She“? Mein Sohn hatte mich nicht aufgefordert, den schönsten Tag meines Lebens zu erleben, er hatte mich aufgefordert, dem Tag die Chance zu geben, gut zu werden. Eine Chance geben. Dem Tag die Möglichkeit geben, das Schöne zu erleben, bereit sein für das Schöne, eine Gelegenheit schaffen, die das Schöne möglich macht. Ich gehe raus und gebe dem heutigen Tag, der Sonne, dem Himmel, der Welt die Möglichkeit mir das Schöne zu geben, ich muss es nur abholen, es ist bereitet.

Zeit
Der alte Mann ist wieder zuhause. Das ist schön, seine Töchter sind bei ihm. Auch wenn nur wenige Menschen sein Alter erreichen, warum soll er nicht auch noch die Hundert erreichen, kennen wir nicht die 92-jährige Ärztin, die noch immer praktiziert, oder die 94 Jahre alte Turnerin, die noch immer an Wettkämpfen teilnimmt und vor jedem Wettkampf an Lampenfieber leidet. Draußen hat der Himmel die Erde mit Puderzucker bestäubt. Ist es ein gutes Gefühl, zu glauben, dass ich am Ende meines Lebens von der Liebe Gottes und der Menschen, die schon gegangen sind, empfangen, aufgenommen werde. Vielleicht ist es meine Aufgabe schöne Geschichten, ein glückliches Gefühl, ein erfülltes, dankbares Gefühl mit in den Himmel zu bringen, wie das Eichhörnchen, das Vorräte für den Winter sammelt. Der alte Mann hat seine Töchter bei sich. Sie geben ihm ein gutes Gefühl, er ist wieder in seinem Zuhause, auch das gibt ihm ein gutes Gefühl. Ob in ihm auch noch die Freude auf das ist, was noch kommt? Freude auf das, was war, Freude auf das, was ist und Freude auf das, was kommt. Alles hat seine Zeit.

Wunder
Für das Große braucht es zwei Menschen. Welch ein Wunder entsteht durch die Verbindung von Mann und Frau: ein Mensch. Und die Verbindung von Mann und Frau kann noch viele kleine Wunder schaffen. Wohl war, wenn hinter jedem erfolgreichen Mann eine erfolgreiche Frau steht. Eine Weisheit aus der Zeit, als der Mann vorausging. Mann und Frau, Frau und Mann, Mensch und Mensch. Es braucht den anderen, um Großes zu schaffen, um selbst groß zu werden. Das Feuer braucht Holz und Zünder. Nur ein Fackelwurf in den Hügel aus Holz, Stroh und Reisig und prachtvolles, wärmendes Feuer entsteht: Biieke. Der Gedanke erinnert mich an das Buch über Tantra, das ich in dem Monat vor meinem Auszug aus Haus und Ehe gelesen hatte. Zu spät, hatte meine Frau nicht schon Wochen vorher die Ehe beendet? Ich weiß es nicht, ich kann es nur vermuten, aus den Fakten Rückschlüsse ziehen. Ich wiederhole diese Vermutungen wieder und wieder. Wieder und wieder schreibe ich, dass ein Mann ihr in den zwei Wochen nach meinem Auszug die Frage stellte, ob sie bei ihm einziehen wolle und sie nach schriftlicher Abwägung der Vor- und Nachteile dieses Mannes aus unserem Haus ausgezogen war. Sie hatte mich zwei Wochen nach meinem Auszug angerufen und mir mitgeteilt: „Ich bin jetzt mit XY zusammen.“ Vielleicht lautete dieser eine Satz auch anders. Sagte sie, sie lebe jetzt mit XY zusammen? Ich glaube, es war die erste Alternative. Es war nur dieser eine Satz, denn danach beendete ich das Gespräch. Einleitend hatte sie mich noch gebeten, unserer Tochter nichts zu sagen, sie wolle es ihr selbst sagen. Diese 14 Tage zwischen meinem Auszug und ihrem Anruf waren freie Tage, nach ihrem Anruf begann das Leiden. Das Leiden hält bis heute. Ich habe mich mit meinem Leiden in den Worten Brandon Bays wiedergefunden: „Als ich mir schließlich die Frage stellte, was empfinde ich wirklich, hörte ich innerlich die einfache Antwort: Verrat. Die Trauer, der Verlust und der Schmerz hatten sich komplett aufgelöst, doch das Gefühl hintergangen worden zu sein, quälte noch immer.“ Ich bin mir nicht sicher, ich weiß es nicht, ich kann es nicht einmal glauben, dass ich auch leide, weil sie mir leid tut. Tut sie mir leid? Sie hatte in den 36 Jahren, in denen wir das Leben teilten, in mir nie den Mann, der sie so liebte, wie sie hätte geliebt werden wollen, sie hat in mir nie die Glut erlebt, die in ihr ein herzhaftes, ein freudvolles Lachen hätte entfachen können, und wenn, zu selten. Ich will nicht wissen, wie es ihr geht, ich kann es nicht wissen wollen. Mein Verhalten ist falsch. Falsch für unsere Kinder, falsch für unseren Sohn, der die Einigkeit, die Harmonie liebender Eltern gebraucht hätte und noch immer und noch mehr braucht. Es geht noch nicht, sie ist mir nicht egal, nicht gleichgültig, da ist noch immer etwas, dass mich an sie bindet, etwas anderes, als das aus Verrat folgende Gefühl, etwas anderes, als das der Wut ähnlich, etwas anderes als die Erinnerung an geteilte Sexualität, etwas anderes als der Ekel, der mich trifft, wenn ich davon schreibe, die Vorstellung zu haben, dass ihr Mund seinen Mund berührt, dass sein erigiertes Glied in ihre Scheide dringt. Warum hatte ich sie in der Nacht, als meine Tochter ihre Mutter aus dem Haus des Mannes geholt hatte und sie in dieser Nacht das letzte Mal neben mir lag, gefragt: „Habt ihr miteinander geschlafen?“ Miteinander schlafen, was ist das, warum wollen Mann und Frau miteinander schlafen, auch Mann und Mann, Frau und Frau und Mensch und Mensch? Ist die Frage wichtig? Muss ich verstehen, warum das Herz schlägt, wie das Blut durch meine Adern fließt, warum ich traurig sein kann, warum die Tränen fließen. Ich bin ein Wunder. Und keiner kann dieses Wunder erklären. Und dieses Wunder soll sich entfalten dürfen. Indem ich mich von allem befreie, dass die Entfaltung meines Soseins, meiner wunderbaren Person einengt. Nein, ich habe nicht die Musikalität von Mozart oder Bach, auch nicht die Schnelligkeit von Usain Bolt oder Renaldo, nicht die Rhetorik von Martin Luther King oder Mahatma Gandhi, nicht das Aussehen von Brat Pitt oder Robert Redford und nicht die Sexualität von John F. Kennedy. Mein Wunder sind die vielen kleinen und großen Schwächen, das sogenannte Unvermögen, der Mangel, das Defizit. Meine wahren Stärken sind meine scheinbaren Schwächen. Ich bin die Summe meiner Schwächen, die Summe meiner scheinbaren Defizite. Ich bin ein defizitäres Wunder. Nein, ich bin nur ich, und mehr geht nicht. Und wäre ich mehr als ich, was logisch unmöglich ist, wäre ich ein Über-Ich. Und das will niemand sein. Vor mir liegt ein Lehrbuch für die Ausbildung zum Heilpraktiker für Psychotherapie. Bevor ich die Prüfung anstrebe, muss ich mich von meiner Depression, meiner Abhängigkeit von den Frauen, die mir wichtig waren, und von den Ursachen meiner kurzzeitigen Bewusstlosigkeit befreien. Als ich heute morgen erwachte, hatte ich das Gefühl, es könnte gelingen, auch oder nur weil da Menschen sind, die mich begleiten. Ich bin nicht allein.

Eigentlich
Ich fuhr mit dem Rad durch die Stadt, als sie mir auf der anderen Straßenseite zu Fuß entgegenkam. Ich hatte sie erst gar nicht erkannt, erst als sie meinen Namen rief und mir zuwinkte, wusste ich, dass sie es war. Vielleicht hatte ich sie nicht sofort erkannt, weil ich in den vergangenen Wintermonaten zu oft hoffte, ihr zufällig zu begegnen. Vielleicht hatte ich aufgehört zu hoffen, sie noch einmal zu sehen, war ich ihr im ganzen letzten Sommer doch nur einmal begegnet. Vielleicht hatte ich sie auch nicht sofort erkannt, weil meine Sehkraft nachlässt, ebenso wie mein Hörvermögen und alle anderen Lebenskräfte; vielleicht werde ich einfach alt.

Dass ich ihr überhaupt noch einmal begegnen durfte, war großes Glück. Es hätte mir auch so ergehen können wie dem alten Sylter, der mir vor ein paar Tagen im Wartezimmer des Zahnarztes erzählte, er hätte vor ein paar Tagen einen alten Freund nach zwanzig Jahren das erste Mal wiedergesehen, obwohl sie beide in diesen zwei Jahrzehnten hier auf der Insel lebten.

Als ich heute Morgen erwachte, kam mir der Gedanke, dass unsere zufällige Begegnung seltsamer Weise zwei Tage nachdem ich mein Lied „Ankommen“ aufgenommen hatte, passierte. Es war wie in meinem Lied „Wie sie dasteht, wie sie lacht, wie sie sich freut, mich zu sehn, wie sie meinen Namen ruft.“, nur der Ort war ein anderer. Vielleicht sollte ich doch endlich an die Gesetze des Universums glauben. Sag, was du willst, sag, was dein Wunsch ist, sprich es aus, lass es hörbar werden, damit die Welt es hört, damit das Universum dich hören kann und dir deinen Wunsch erfüllt. Hatte ich nicht auch schon vor einer Gruppe von Menschen den Wunsch, den Vorsatz, den Willen geäußert, im Kampen ein kleines Haus zu beziehen. Hat mir das Universum diesen Wunsch nicht innerhalb von zwei Tagen erfüllt. Egal ist das Warum, egal ist das Wieso.

Für einen kurzen Augenblick bin ich einfach weitergefahren. Zum Glück ließ mich mein Gefühl anhalten und zu ihr gehen. Ob ich beim Überqueren der Straße den Autoverkehr beachtete, weiß ich nicht. „Komm mit, ich muss ein Geschenk einpacken.“ Nach dem Kaufhausaufenthalt ging es nach Douglas: „Wie findest du den Duft?“ Hätte sie gesagt, komm, ich zeige dir dies und jenes, ich hätte sie begleitet. Und hätte sie gesagt, komm, ich zeige dir das andere Ende der Welt, hätte ich sie auch dorthin begleitet, nur mein Rad, das ich die ganze Zeit über durch die Straßen schob, hätte ich irgendwo dauerhaft abstellen müssen. Hätte sie gesagt, komm, wir machen einen Fallschirmsprung, hätte ich, anders als noch vor Jahren, als ich ihr mutig gefolgt wäre, nein gesagt. Erstmal. Auf dem Weg zur Buchhandlung, in der sie arbeitet und in der wir den Kaffee tranken, fragte sie mich, wie lange ich schon hier auf der Insel sei. Und auf ihre Frage, warum ich sie in all den Monaten nicht einmal besucht hätte, antwortete ich ihr, dass meine Angst, es könne mir so ergehen, wie meinen Blumen, die ich ihr im Sommer zu ihrem Geburtstag vor die Tür gelegt hatte, davon abgehalten hatte. Ich erklärte ihr, dass ich nichts lieber getan hätte, als sie zu besuchen, und dass ich eigentlich nur ihretwegen immer wieder auf die Insel gekommen war. Das hätte ich ihr gar nicht sagen müssen. Sie wusste es, ich hatte es ihr schon oft gesagt. Zum Abschied durfte ich ihr noch eine Kaschmirbürste kaufen, und, auch wenn ich kein reicher Mann bin, hätte ich ihr beinahe auch noch das Parfüm, dessen Namen ich mir nicht merkte, nur den Preis, geschenkt. Zum Abschied wollte sie wieder, wie bei unserem letzten Treffen, meine Telefonnummer, und wieder wird sie mich nicht anrufen. Und ich wollte ihre neue Rufnummer nicht, ebenso wie bei unserem letzten Treffen nicht. Ich wollte nicht wieder ihrem Bild täglich bei whatsap begegnen. Und eigentlich sollte ich auch nicht mehr auf diese Insel kommen, und eigentlich sollte ich sie loslassen, wie es immer gepredigt wird. Eigentlich.

Denn eigentlich geht’s mir doch gut. Zwar leide ich an einer Depression, einer posttraumatischen Belastungsstörung, einer Anhaftung und sicherlich auch noch anderen Symptomen, die in der ICD-10 beschrieben sind. Eigentlich geht’s mir doch gut, auch wenn es mir in den nächsten Monaten nicht gelingen sollte, mich von meinem Leiden zu befreien, denn mit all dem Leid kann ich die Arbeit eines Hauptschullehrers nicht machen, so dass dann nur noch meine Kündigung bliebe, will ich den vorzeitigen Tod vermeiden. Ja, die Arbeit an den Schulen, an denen ich als Vertretungslehrer in den vergangenen 11 Jahren beschäftigt war, hat mich krank gemacht. Und sollte es mir gelingen, mich von meinem Leid zu befreien, sollte es mir gelingen, fähig zu werden, die Arbeit des Hauptschullehrers im Brennpunkt wieder zu tun, wie lange würde es brauchen, um an den Zuständen, unter denen manche Schüler und Lehrer leiden, um an den Verhältnissen, unter denen ich litt, erneut zu erkranken? Und die Kraft, die Verhältnisse gegen den Widerstand der Mehrheit zu ändern, habe ich die dann? Eigentlich geht’s mir doch gut, auch wenn ich keine Arbeit finden sollte, die mich dann ernährt. Und warum gehst mir eigentlich gut? Weil das Leben heute ist. Und heute bin ich an einem schönen Ort, ich habe zu essen, zu trinken und ein Dach über den Kopf. Ich muss nur noch herausfinden, für welche Arbeit, für welchen Dienst am anderen Menschen ich geboren wurde, welche Arbeit mein Lebenssinn ist, in welcher Arbeit ich Sinn und Bestätigung und, soweit ich das dann überhaupt noch brauche, Anerkennung finden werde. Und nur mit dieser sinnvollen und meiner Bestimmung gemäßen Aufgabe, Arbeit, wird sich jedes Leid von alleine auflösen, zwangsläufig wie bei einer fallenden Dominokette. Zuerst verschwindet die Depression, die Beziehung zu meiner Frau und all die belastenden Umstände des Eheende werden mir egal sein, und wenn ich Glück habe bleibe ich dann noch immer frei und ungebunden, denn nicht nur die falsche Arbeit, auch die falsche Frau kann belastend sein. Heute gehts mir gut. Lass mich den ersten Schritt tun. Mit welcher Arbeit darf ich dienen, welche Arbeit ist meine Bestimmung. Auf gehts, die Zeit läuft. Wetten, dass…

Frau und Mann
Es ist Sonntag und ich bin mit leichter Übelkeit aufgewacht, die Art von Übelkeit, die ich vor und bei der Rückgabe jeder Klassenarbeit empfand. Zwei Fragen begleiten mich in den Tag. Das Kalenderblatt fragt mich: „Welche Motivation lockt dich hinter dem Ofen vor, macht dich wach, richtet dich auf, lässt dich voller Lust deine Arbeit machen oder eine Beziehung eingehen? Und auf whatsap fragt man mich: „Wie geht es dir?“ Auf beide Fragen wusste ich sofort eine Antwort. Während ich über die Formulierung der Antworten nachdachte, fiel mir ein Traum ein, den ich schon öfter geträumt hatte: Wir hatten einen Auftritt und mein Saxophon ging nicht, ich bekam keinen Ton raus, sei es, dass ich lange nicht mehr geübt hatte, sei es, dass ich kein neues Blättchen gekauft hatte, ich war nachlässig gewesen. Am Ende des Traums fiel mir dann zu meiner Erleichterung ein, dass ich unsere Anlage schon vor langer Zeit verschenkt hatte und wir doch schon vor Jahren mit der Musik aufgehört hatten. Mein Saxophon liegt seitdem auf dem Schrank und das letzte Mal habe ich es bei unserem letzten Auftritt gespielt. Ich kann mich nicht erinnern, wann Erwin und ich wo das letzte Mal zusammenspielten, zumal ich nach den vermutet zwanzig Jahren, in denen ich mit ihm unterwegs war, um auf Hochzeiten, Geburtstagsfesten oder Vereinsfeiern aufzuspielen, noch eine Zeitlang mit Frank unterwegs war. Ich muss beide mal fragen, vielleicht wissen sie es. Zahlen sind nicht meine Stärke, die Tage der standesamtlichen und kirchlichen Trauung konnte ich mir schon während der Ehe nicht merken, auch den Tag, an dem unsere Scheidung rechtskräftig wurde, weiß ich nicht. Sollte mich jemand fragen, müsste ich antworten, irgendwann in den letzten zwei, drei oder vier Jahren. In ein paar Tagen fahre ich noch einmal an den Ort, der mir nach meiner Bewusstlosigkeit vor sieben Jahren auf die Fragen, wo, mit wem und mit welcher Arbeit ich zukünftig leben will, Antworten geben sollte. Ich habe die Fragen noch immer nicht beantwortet, zumindest nicht positiv. Das Kanzleischild liegt vergraben im Garten, den Gedanken an die Arbeit eines Hauptschullehrers im sozialen Brennpunkt haben meine Abwehrmechanismen ins Unbewusste verlagert, die Musikanlage ist verschenkt und meine geschiedene Frau hat den Mann geheiratet, der fünfzehn Jahre unsere technischen Geräte reparierte. Die ganze Vergangenheit ist so unwirklich und es stellt sich mir die Frage: „Warum habe ich dieses Leben gelebt?“ War das ein selbstbestimmtes Leben, war das ein vergeudetes, verschwendetes Leben, ein unbewusstes, zielloses Leben? Wollte ich dieses Leben führen? Würde ich noch heute dieses Leben führen, wäre ich nicht an jenem Abend im September 2011 kurzzeitig bewusstlos geworden? Wie wäre mein Leben dann verlaufen? Vermutlich wäre ich nicht der, der ich heute bin. Und vielleicht wäre ich dann heute morgen ohne diese Übelkeit aufgewacht. Vielleicht wäre ich aber auch schon tot. Ich bin aber nicht tot. Ich lebe. Als ich über das Kalenderblatt nachdachte, musste ich an die Nachrichten der letzten Tage denken, an die Schmerzen der älteren Dame, an die Notoperation des Mannes in meinem Alter und an den plötzlichen Tod des jüngeren Mannes, den ein Infarkt aus dem Leben riss. Alle spirituellen und belastenden Gedanken werden unbedeutend, wenn der Körper schmerzt, wenn nur noch der flehende Ruf „Oh, Schmerz hör auf“ das Denken bestimmt. Muss erst das Lebensende drohen, bis ich mich von Gedanken befreie, die mich belasten, die mich an der reinen und steten Freude hindern, die mich mit Übelkeit erwachen lassen? Warum nutze ich nicht endlich die Fähigkeiten, Talente, Eigenschaften, Qualitäten, die nur andere in mir sehen? Warum lasse ich nicht davon ab, mich stetig selbst negativ zu beschreiben, so, dass andere wütend werden? Ich kann das Denken über mich nicht mit dem Verstand willentlich verändern. Ich bin so, wie ich halt bin. Kein Psychologe, kein Coach kann aus mir einen anderen Menschen machen, indem er auf mein Denken über mich nachhaltig Einfluss nehmen könnte. Der Weg des Mannes zu sich selbst führt ausschließlich über die emotionale Beziehung mit der Frau, allein die tiefe, berührende, liebevolle und auch verletzende Begegnung lässt mich wieder der werden, der ich am Anfang meines Lebens war. Dies ist keine eigene Weisheit, es ist die Lehre des indischen Philosophen Osho. Je größer der Abstand zwischen meinem durch Veranlagung bestimmten Selbst und dem, was ich durch für mich nachteilige Erziehung geworden bin, ist, umso größer ist der Bedarf, das Bedürfnis, die Abhängigkeit von der Begegnung mit dem anderen Geschlecht. Und so wie das tägliche Üben am Klavier irgendwann, vorausgesetzt das angeborene Talent und die angeborene Willensstärke sind vorhanden, aus einem Schüler einen Pianisten werden lässt, hilft allein die tiefe, berührende, liebevolle, vertraute und leider auch manchmal verletzende, schmerzliche Begegnung mit der weiblichen Intelligenz, Weisheit und Anziehung dabei, zu mir, zu dem, was ich am Anfang meines Lebens war, zu werden.

Scham
Was habe ich aus den Büchern, die ich in den letzten Jahren las, gelernt, was habe ich behalten? Wir Menschen sind alle unterschiedlich, unterliegen aber denselben Gesetzmäßigkeiten, von denen einige in ihrer Wirkung für uns selbstverständlich sind, andere nur von Spezialisten verstanden werden, möglicherweise. Ich will es mir leicht machen, das Schwere verstehe ich nicht, ich bin kein Biologe, kein Neurobiologe, kein Naturwissenschaftler. Ich kann nur die für mich sichtbaren Zusammenhänge überdenken, Zusammenhänge wahrnehmen, meine eigenen Gesetzmäßigkeiten verstehen. Ich will, dass es mir gut geht, dass ich glücklich bin. Glücklich bin ich, wenn ich das Leben lachend gestalte. Was brauche ich für eine lachende Lebensgestaltung? Gehe ich zurück in die Zeit, als ich mir, so wie ich auf die Welt kam, am nächsten war. Was brauchte ich, um als Baby zu lachen? Schlaf, ausreichenden Schlaf, Nahrung, die richtige Nahrung, Wärme, Beschäftigung, die richtige Beschäftigung und Sexualität, eine lustvolle und schamfreie Sexualität mit Körperlichkeit, Berührung, Zärtlichkeit, Sinnlichkeit, Lust, Geborgenheit. Ich habe geschlafen, wurde ausreichend und vom Besten ernährt, vermutlich hat man mir Möglichkeiten gegeben, die Welt zu entdecken, eingebunden in eine Großfamilie mit integriertem Gewerbebetrieb mag es ausreichende Möglichkeiten zur Erforschung, Entdeckung und Erleben gegeben haben. Meine frühkindliche sexuelle Entwicklung verlief vermutlich nicht optimal, nicht dass ich Opfer sexueller Gewalt oder sexueller Übergriffe geworden wäre. Vermutlich hat mein soziales Umfeld in einer für meine kindliche Entwicklung nicht optimalen Weise auf meine kindliche Sexualität reagiert. Vermutlich.

Leben ist…
Ich wurde wach und sofort war die Überschrift für das, was ich heute schreiben will da: Ein freies Leben. Mal sehen, ob die Überschrift Bestand hat. Als ich im Sommer des vorletzten Jahres die Insel verließ, war ich fest entschlossen, erst dann wieder zurückzukehren, nachdem ich jeden abhängigen Gedanken, jeden süchtigen Gedanken an die Frau, mit der ich mir eine Beziehung hätte vorstellen können, verloren hätte. Möglicherweise umschreibt die Formulierung „die Frau, mit der ich mir eine Beziehung hätte vorstellen können“ meine Gefühle ihr gegenüber nicht richtig, da ich in einem Mangel, in einer Bedürftigkeit und, wenn ich an die Tränen denke, die ich bei unserem ersten Gespräch weinte, als ich ihr von meinem alten Leben erzählte, noch immer traurig war. Vielleicht habe ich die Tränen aber auch unbewusst geweint, um ihr Mitgefühl zu erwirken. Denn in ihrer Gegenwart war ich nicht traurig, da ich noch heute ihre Wirkung auf mich wahrnehmen kann: Sie wäre es, in deren Gegenwart ich die Begegnung mit meiner geschiedenen Frau mit Leichtigkeit, mit Freude ertragen hätte. Und doch ahne ich, dass irgendwo in mir das Wissen war, dass sie nicht die Frau ist, mit der ich die Ziellinie des Lebens erreichen wollte. Und auch wenn sie mein Werben zurückwies, glaube ich nicht, dass meine unbewussten, vermuteten Zweifel dieser pubertären Reaktion entsprachen, in der man als Jugendlicher auf eine Abfuhr reagierte. Und bin ich mir gegenüber gerecht, wenn ich das anhaltende Interesse an ihr, die Freude, die ich empfinde, wenn ich sie sehe, wenn ich sie in ihrer einmaligen, untriebigen Art für Augenblicke erlebe, als süchtiges, abhängiges Denken entwerte? Ich mag sie und ich würde gerne mit ihr schlafen. Ist dieses Gefühl therapeutisch wertvoll? Vielleicht will ich aber auch gar nicht mit ihr schlafen, vielleicht weil ich nicht weiß, ob ich überhaupt noch mit einer Frau schlafen kann, vielleicht weil sie einen anderen Mann liebt? Ich gönne ihr diese Liebe. Zu sagen, ich freue mich für sie, wäre nicht ehrlich, wäre die falsche Umschreibung, denn eigentlich ( ein unzulässiges Wort) will ich mit ihr die Freude erleben, die Zuwendung erleben, die sie dem anderen Mann schenkt. Doch, ich gönne ihr das Glück, das sie in der Liebe mit dem anderen Mann erfährt. Und trotzdem kann ich weiterhin, ohne Lüge, ohne inneren Vorbehalt sagen: Du, ich liebe dich. Vielleicht ist das die Liebe eines väterlicher Freundes. Der letzte Satz musste nicht sein. Obgleich, vor der Ziellinie können zwei Jahrzehnte ein für beide untröstlicher Unterschied sein. Ein auch überflüssiger Gedanke, ist das Leben doch nur heute. Und doch, ich bin kein junger Mann mehr. Eigentlich (wieder das überflüssige Wort) bin ich alt. Wie sagt meine Mutter, wenn ich sie zur Aktivität auffordere: „Schau mal auf den Kalender.“

Was lerne ich aus den vorstehenden Worten? Eine wunderbare Erkenntnis! Ich weiß nicht, wer ich bin und was ich kann. Und da bin ich wieder bei der alles entscheidenden Tatsache, dass auch mein Leben von der Geburt bis ins Greisenalter nur eines ist: Bedürfniserfüllung. All mein Tun und Denken ist gerichtet auf Essen, sinnvolle Arbeit, Sex. Ja, auch das sexuelle Bedürfnis endet nie. Und wenn ich nicht weiß, wer ich bin, dann weiß ich nicht in allen Bereichen des Lebens – Leben ist das Streben nach Bedürfniserfüllung – was ich essen will, welche Arbeit sinnvoll ist, und welchen Sex ich will. Man könnte meinen, das letzter Satz stimmt. Da ich aber als Baby genau wusste, was ich wollte, wenn ich das Gefütterte wieder ausspuckte oder den Mund geschlossen hielt, als der nächste Löffel mit Ungenießbaren zugeführt werden sollte, muss der Satz richtig lauten: Ich habe verdrängt, was mein Leben ist, Leben als das Streben nach Bedürfniserfüllung. Ja, da ist das Streben nach Nahrung, Sinn und Sexualität in mir. Und bei allen drei Bedürfnisformen kann ich nur durch Ausprobieren herausfinden, welche Nahrung, welcher Sinn, welche Sexualität meine Bedürfnisse befriedigt, mein Leben ist. Alles, was ich in meinem Leben tat, tue und machen werde, dient ausschließlich dem Streben nach Nahrung, dem Streben nach Sinn und dem Streben nach Sexualität, nicht die Sexualität, die sich auf die Lust am Geschlechtsverkehr, an jeder Art geschlechtlichen Verkehrs beschränkt, sondern die alles umfassende Sexualität, die Zärtlichkeit, Sinnlichkeit, Lust, Geborgenheit, Leidenschaft, Erotik und Fürsorge und Liebe umfasst. Du mein Leben, ich will wissen, wer du bist.

Babytheorie
Ich bin stolz auf mich, ich freue mich über mich: Ich habe die Glücksformel erdacht, ich kann diese Glücksformel für mich nutzen um glücklich zu werden. Meiner an meinem eigenen Empfinden verifizierten Glücksformel habe ich den Namen “ Babytheorie“ gegeben. Und nur mit einer Frage wird man mir Recht geben: Was siehst du, wenn du im Kinderwagen oder in der Wiege ein schlafendes Neugeborenes, ein Babys siehst? Einen glücklichen Menschen. Und dieser Eindruck bleibt, bis der wohlwollende Einfluss des engen und weiteren sozialen Umfelds das zufriedene, schmatzende unverfälschte Glück aus diesem glücklich Menschen verscheucht, verdrängt, belastet. Das erste was ich bald tun werde, ich werde nach einem Foto suchen, dass mich an den Anfang meines Lebens erinnert. Vielleicht kann ich mich an das ehemals vollkommende Glück in mir erinnern. Ich war glücklich, weil alle meine Bedürfnisse befriedigt waren. Wenn das Bedürfnis nach Nahrung, Sinn und Sexualität gesättigt ist, bin ich glücklich. Fehlt es mir an Nahrung, einer sinnstiftenden Aufgabe, an Zärtlichkeit, Sinnlichkeit, Lust, Geborgenheit, Leidenschaft, Erotik, Fürsorge und Liebe bin ich unglücklich. Bin ich in einem der drei Bereiche nicht gesättigt, bin ich unglücklich. Vielleicht kann ich ein leichtes Defizit in einem der drei Bereiche durch einen leichten Überschuss in einem der anderen Bereiche ausgleichen. Spätestens wenn ich das Bedürfnis verleugne oder durch scheinbaren Ersatz scheinbar erfülle, bin ich unglücklich. So einfach geht Glück. Nahrung, die mein Bedürfnis ist, Tun, das mein Bedürfnis ist, Sexualität‘ die mein Bedürfnis ist. Gesetzmäßigkeiten sollten einfach sein. E=mc².

Arbeitsgrundlage
Ich glaubte, den richtigen Weg für mich gefunden zu haben. Und doch habe ich das Buch aufgeschlagen, das eine völlig gegensätzliche Lehre zu vermitteln scheint. Ich habe es aufgeschlagen und schon nach wenigen Sätzen stand fest, dass ich mich auf den Inhalt einlassen werde. Und ich nehme es leicht, alles darf, nichts muss. Das Leben darf leicht sein. Habe ich noch in der ersten beiden meditativen Sitzungen, nachdem mir das Buch als Geschenk gegeben wurde, zwischen dem alten und neuen Vorgehen geschwankt, bin ich nun fest entschlossen, vermutlich bis das Universum oder seine Stellvertreterin meinen Blick in eine andere Richtung lenkt, diese Art der Meditation anzuwenden. Und auch wenn ich erst die ersten Seiten des Buches gelesen habe, glaube ich, verstanden zu haben, was sich auf den nächsten 200 Seiten wiederholt und mich zusätzlich in meiner Entscheidung bestärken wird: „Meditation ist das, was passiert, wenn man den Entschluss gefasst hat, zu meditieren. Alles, was sich aus der Absicht, zu meditieren ergibt, ist Meditation.

In meiner letzten Meditation führten mich meine ungelenkten Gedanken zu dem Tag vor 43 Jahren, als mich eine Krankenschwester, im Krankenbett liegend, im Flur vor der Eingangstüre des Operationssaals abstellte – ein langer, dunkler, leerer Flur – und mir die Empfehlung gab, an etwas Schönes zu denken. Ich dachte an Iris und nicht an Ani, in die ich mich doch kurz zuvor auf Ibiza heimlich verliebt hatte. Heimlich, weil nur ich davon wusste und dennoch alle anderen es mir anmerkten.

Ich dachte an Iris und nicht an Ani, obwohl sie es doch war, die mich bis zum Ende meiner Ehe begeisterte, vielleicht noch heute begeistern würde, wenn ich sie nicht vor 15 Jahren das letzte Mal gesehen hätte. Mein Interesse an Iris muss vor den Sommerferien entstanden sein, vermutlich habe ich mit Iris nie gesprochen. Nur eine Begegnung ist mir in Erinnerung. Ich schwamm im Schwimmer-Bereich des Hallenbades, als mich plötzlich zwei Hände unter die Wasseroberfläche drückten. Es war wohl das einzige Wort, das ich je an Iris richtete: „Blub.“ Die Erinnerung an diesen Gedanken tröstet mich. Ich habe nicht an Ani gedacht, nicht an das Mädchen, das mich bis zum Ende meiner Ehe in meinem Denken begleitete. Der Gedanke lässt die Vermutung zu, dass das Interesse und das Gefallen an Ani erst in der Zeit wuchs, als die Beziehung zu meiner späteren Frau von mir als untrennbar wahrgenommen wurde. Ani war toll, sie war das erste Mädchen, dass mich zumindest für einen Augenblick auf die Tanzfläche ziehen konnte, um mich im freien Tanz zum Rhythmus der Musik zu bewegen. In den letzten zehn Jahre hatte sich mein leidendes Denken auf eine andere Frau fixiert. 10 Jahre suchte ich ihre Gegenwart. Während dieser Zeit war mein Denken und Tun bestimmt vom Wunsch, dass diese Frau jede Bedeutung für mein Leben verlieren sollte. Ich habe mich 10 Jahre nicht verstanden. Erst als meine Ehe zu Ende war, verlor diese Frau jede Bedeutung und heute frage ich mich nicht einmal mehr nach dem „Warum“. Nach dem traumatischen Ende meiner Ehe, für das Anwaltskosten in Höhe von mehr als 5.000 EUR verschwendet wurden, bin ich einer Frau begegnet, der ich einen Liebesbrief schrieb, den Brief aber nie abgeschickte. Und mit dem zeitlichen Abstand von 6 Jahren frage ich mich erneut beim Lesen meiner Gedanken „Warum?“ und zwinge mich hier und heute zu der Aufforderung an mich, nie wieder einer Frau die Macht zu geben, über mein Fühlen zu entscheiden, weder durch Zuspruch, noch durch Ablehnung. Nur bei Anelka mache ich noch eine Ausnahme, noch.

Die Tasche der schönen Erinnerungen
Was habe ich auf meinem Lebensweg, auf meiner Rs Immer-Älter-Werden links und rechts meiner Reiseroute liegen lassen, was habe ich nicht beachtet, was habe ich zurückgewiesen, an was bin ich im großen Bogen vorbeigerannt, wo musste ich umkehren, weil das Hindernis zu groß schien, was habe ich aus Angst, was aus Übermut liegen lassen? Am Ende des Weges muss die Reistasche voll von schönen Erinnerungen sein. Die gefüllte Tasche soll mir den Übergang hin zu dem mir noch Unbekannten leicht machen. An was werde ich mich am Ende der Route erinnern, wenn ich meine Tasche öffne und den Mut habe, hineinzuschauen. Ich weiß nicht, ob die Worte des alten Mannes: „Ich hatte in meinem Leben immer Glück.“, aus seinem Gefühl entsprungen waren oder doch ein wenig von seiner schauspielerischen Gabe überzogen waren. Auch ich, wenn denn seine Worte richtig waren, hatte immer Glück. Eltern, Ehefrau, Kinder, Gesundheit und die Möglichkeit eines neuen Anfangs. Dieser neue Anfang ist heute mein großes Glück. Hatte ich die Reiseroute meines alten Lebens wohl bedacht? Die Ehe zweier Menschen von 19 und 21 Jahren, warum? Für den Beruf hatte ich mich mit 19 Jahren entschieden, warum? Es hatte alles seinen Sinn, auch wenn die Sammel-Tasche für schöne Erinnerungen zu lange Zeit geschlossen war.

Bumbudibum
Will ich überhaupt eine neue Beziehung, auch wenn die Verneinung zur Folge hätte, auf Sexualität zu verzichten. Vielleicht sollte die eine Beziehung tatsächlich genügen, in der ich mein Leben mit einem einzigen Menschen teilte. Warum sollte ich das Leben erneut mit nur einem Menschen teilen? Irgendwann würde sich der Kreis der Langeweile wieder enger um mich legen und schließlich die Beweglichkeit auf das Sofa vor dem Fernseher beschränken. Andererseits ist da noch ein kleiner Rest von Ahnung, der eine ganz neue Beziehungserfahrung prophezeit. Kann ich Sexualität mit mehreren Frauen teilen? Kann ich mehrere Frauen lieben, so dass ich die Sexualität als nährend, als gut, als richtig empfinde? Warum esse ich mit Messer und Gabel, wenn die rechte Hand die gehäufte Gabel leichter zum geöffneten Mund führen kann? Gab es in meinem Leben geteilte Zärtlichkeit, die in und außerhalb der auf das Miteinander-Schlafen, der geteilten Sexualität stattfand. Warum ist da keine Erinnerung an Momente, in denen ich sanft, langsam, ihren Unterarm streichelte? Warum ist da keine Erinnerung an Augenblicke, in denen ich zärtlich zu ihr war, in denen sie zärtlich zu mir war? Zärtlichkeit, was ist das? Weiß ich überhaupt, was Zärtlichkeit bedeutet? Konnten wir zärtlich zueinander sein? Warum sagte ich der Frau, die sich die Unterarme an einem Baum blutig gekratzt hatte, es würde mich berühren, wenn sie statt der verletzenden Handlung die noch unverheilten Wunden an ihrem Unterarm mit gleicher Energie nur ganz weich, ganz leicht, ganz langsam streicheln würde, so wie wir unsere Kinder trösteten, wenn sie sich verletzt hatten, im Gesicht, an den Händen oder an den Knien bluteten? Waren wir immer voll von Liebe und Zärtlichkeit, so, wie die Kinder es brauchten? Und warum erinnert mich die blutige Selbstverletzung der Frau an mein eigenes Verhalten, als ich, irgendwann in der Mitte unserer Beziehung, irgendwann zwischen ersten und letzten Aufbegehren, voller Wut, Verzweiflung und Unverständnis für ihr Verhalten mit der Faust gegen die Wand schlug; den Schmerz noch lange spürte? Ich habe so vieles vergessen? Macht es Sinn, sich an das Schlechte, das Verzweifelte erinnern zu wollen? Es ist noch alles in mir. Ich würde mich vielleicht irgendwie erinnern. Sollte ich mich denn nicht vielleicht an das Schöne erinnern wollen? Er hat Geburtstag und ich werde hinfahren, aber ich werde sie nicht sehen. Ich glaube nicht, dass ich an der Begegnung mit ihr reifen könnte? Ist es wirklich so, dass ich in Begleitung einer Frau, die über all die Eigenschaften verfügt, die ich bei ihr vermisst habe, der Begegnung mit ihr mit Gelassenheit, Gleichmut und frei von jeder Erregung, mit ruhigen, langsamem Herzschlag entgegen gehen können. Kein Herzschlag, der so heftig ist, das das Herz das T-Shirt in kurzen Abständen aufbläht, um danach zusammenzufallen. Bumbudibum.

Seit vier Jahren fahre ich bei jeder sich mir bietenden Gelegenheit auf die Insel. Mein Verhalten ist Verschwendung von Lebenskraft. Es ist ohne Sinn, sinnlos. Immer hatte ich die Hoffnung, ihr zufällig zu begegnen. Nur für einen Blick, ein Lächeln, ein freundliches Wort fuhr ich immer wieder durch ganz Deutschland. Zwei Jahre habe ich morgens und abends ihr Profilbild bei whatsap angesehen, immer gehofft, ihr Bild könnte eine Veränderung zeigen, die meinem sinnlosen Verhalten, meinem Verhalten gegen jede erwachsene Vernunft einen Sinn geben könnte, bis ich ihre Nummer löschte. Zwei Jahre habe ich die Liste der Menschen bei Facebook, die ich kennen könnte, rauf- und runtergescrollt, morgens, abends, immer in der Hoffnung, ihr Facebook-Profil könnte in dieser Liste auftauchen, und ihr Auftauchen in der Liste könnte ein Interesse an mir bedeuten, bis ich meine Mitgliedschaft bei Facebook aufgab. Ich weiß, dass mein Denken und das von süchtigem Sehnen geprägte Verhalten mir und meinem Leben schaden. Und trotzdem bin ich unfähig, mein Denken und Fühlen zu ändern. Mein Denken ist ähnlich sinnlos und selbstzerstörend wie der Gedanke dieser jungen, allenfalls 25 Jahre jungen Frau, die seit dem Tag, als sie ihrem Freund in der erst zwei Monate alten Beziehung einen Monat verspätet erzählte, sie habe, als sie mit ihrer Freundin zum Tanzen war, mit einem unbekannten Mann getanzt, der ihr gefiel. Seitdem kämpft sie mit dem immerwährenden Gedanken, sie habe ihren Freund betrogen, nicht durch das gemeinsame Tanzen, nicht durch ihre Sympathie, sondern durch Umstände, die sie für gegeben hält, an die sie sich aber nicht erinnert. Ich habe sie gefragt, ob sie nicht eher unter ihrer Angst leide, als unter dem unbegründeten Wissen, sie habe mit einem anderen, ihr unbekannten Mann ihren Freund betrogen. Und ist es dann so, dass sie Umstände für gegeben hält, die nicht konkret sind, sondern eher einem diffusen Gefühl, einer inhaltslosen Erinnerung entsprechen, aufgrund derer sie die Angst hat, ihren Freund zu verlieren. Vielleicht aber will sie mit ihren zwanghaften Gedanken auch eine Situation herbeidenken, in der irgendwann die Trennung zwingende Folge herbeigedachter, nicht existenter Umstände wird. Vielleicht teilt der Freund irgendwann ihr unbegründetes Wissen, sie habe ihn betrogen. Hat sie Angst vor dem Verlust des Freundes oder hat sie Angst vor dem dauerhaften Fortbestand ihrer Beziehung, die sie vielleicht nicht will, die sie aber unfähig ist, zu beenden. Und wie kann sie sich jetzt von ihren Gedanken, von ihrer Angst und dem Druckgefühl im Bauch befreien. Dieses Gefühl im Bauch, das immer auftritt wenn die Angst ins Denken zieht? Das unlogische Gedankengebilde will sie schützen vor ein Gefühl, das noch schmerzhafter ist als die derzeitige Situation. Und immer gilt es, den derzeitigen Zustand anzuschauen. Wo im Leben ist ein Mangel. Warum will ich sie sehen. Warum wird der erste kurze Gedanke, das spontane unbedachte Gefühl, das sich bei ihrem Anblick einstellt sofort von negativen Gedanken zerstört? Noch kann ich weder das eigene Gefühl, noch das Gefühl der jungen Frau verstehen. Sie hat die Angst vor Verlust, und ich? Welche Angst habe ich? Warum gilt mein Interesse einer Frau, die mich mag, aber auch nicht mehr? Wir suchen immer die Begegnung mit Menschen, die uns als Spiegel dienen.

Ich stehe hier in der Mitte dieser großartigen Meditationshalle und es ist mein Raum und meine Zeit, und niemand wird mich in meinem perfekten Wesen, in meiner perfekten Art, in meinem ich, das mit keinem anderen Menschen tauschen will, erschüttern, nicht der Ängstliche, nicht die Dumme, nicht der Verletzte oder die Laute, nicht die Schöne oder der scheinbar Hässliche, nicht der Laute, allenfalls der Traurige oder die Traurige. Ich stehe hier, um mich bei François zu bedanken, auch wenn meine erste Reaktion auf seinen Vergleich von mir als Abwertung, möglicherweise als Beleidigung hätte empfunden werden können.
Lieber François, ich möchte mich bei dir bedanken, weil du mir mit deiner Aussage die Tür, vor der ich in den vergangenen Wochen immer wieder einmal stand, gegen die ich ein- oder zweimal auch zaghaft klopfte, ein wenig geöffnet hast. – Die Erinnerung an das Neue ließ mich bei meiner heutigen Meditation in der Frühe leicht schmunzeln; leicht, stressfrei, ohne Anspruch an mich, ohne Anspruch an andere.
Ich habe mit Tanzmusik mein erstes Geld verdient und träumte in dieser Nacht, mit dem schwarzen Crysler zu einem Auftritt zu fahren. Da ich schon lange nicht geübt hatte, wollte ich mir zumindest ein neues Saxophon-Blättchen kaufen. In der Nähe des Musikgeschäftes stand ich auf kurzer Strecke im Stau. Als ein Wagen auf meinen auffuhr, erwachte ich mit der Erleichterung, dass ich die Fahrt nur geträumt hatte. Es war der zweite Traum, in dem mein Saxophon eine Rolle hatte.
Ich habe als Anwalt mein Geld verdient. Ich war ein guter Anwalt und bald oder später werde ich noch einmal als Anwalt arbeiten, nichts muss, alles darf. Ich habe als Lehrer mein Geld verdient, nichts muss, aber so, unter diesen Bedingungen, nie wieder. Ich habe als Barmann gearbeitet, gerne immer wieder einmal. Ich werde spätesten in der Mitte des nächsten Jahres diesen Text und das erste, als Ebook veröffentliche Buch als ein gebundenes Buch in kleiner Auflage veröffentlichen. Ich freue mich auf das nächste Lied, in dem alles besser wird; das zusammen mit anderen Liedern, auch mit Liedern, deren Texte von einer Frau geschrieben wurden, die ich mit ihr zusammen singen und aufnehmen werde, wenn ihre Worte auch meine sind, am Ende des Jahres auf meiner zweiten CD erscheinen und für die mein Sohn das Cover gestalten wird. Und im Sommer 2019 segel ich als Smutje durchs Mittelmeer, ein Gedanke auf den ich selbst nie gekommen wäre, dem ich aber sofort zustimmen konnte, bin ich doch Smutje Jörg, der Mann der syltcooking.de erfand und mit seinem syltcast.de viele, sehr viele interessierte Menschen erreichen wird, weil die Menschen, mit denen ich mich unterhalten und kochen werde, perfekte Menschen sind, perfekt wie ich. Denn meine vielen scheinbaren Schwächen sind meine wahren Stärken, und zusammen mit meinen scheinbaren Stärken machen sich mich perfekt. Und ich, lieber François, habe dich bei meinem ersten Auftritt hier in der Mitte der Meditationshalle an Klaus Kinski erinnert. Schauspieler, warum nicht?

Wolke
Wie oft habe ich den Frauen meines Musters meine ganze Aufmerksamkeit, meine Hingabe, meine Konzentration, meine Gedanken, meine Fürsorge gegeben, anstatt mich mit all meiner Kraft selbst zu beschenken? Gibt es einen Menschen, der von mir mehr Liebe, mehr Zuwendung, Sorge, Treue erfahren sollte als ich selber. Keine Frau, derentwegen meine Gedanken gefangen, auf die mein Denken, auf die meine Sehnsucht gerichtet war, war berechtigt, meine selbstlose Hingabe zu erhalten. Keine Frau ist wichtiger, als ich es bin. Keine Frau ist mir näher, als ich es bin. Keine Frau kann mir geben, was ich mir geben kann. Und wenn ich einer Frau etwas geben sollte, dann nur, weil es in mir keinen Platz mehr hat. Zuwendung aus Überfluss. Wie traurig muss ich gewesen sein, dass ich den Trost und die Nähe dieser Frauen suchte? Ich habe mein Leben so lange im Mangel gelebt, weil ich im Mangel als Kind in eine Beziehung zu einem Mädchen, meiner späteren Frau, die die Mutter meiner Kinder wurde, weil dieses Mädchen, weil diese Frau… Was war sie für mich? Halt und Anker. Soll ich die Aufzählung ihrer tausend positiven Eigenschaften erneut beginnen? Sie hatte Eigenschaften für 13.140 Tage. Die Vergangenheit ist doch, auch wenn sie traurig war, vorbei, es lohnt nicht, die Vergangenheit zu erforschen, nur die Gegenwart ist wichtig, nur die eine Frau, die mich jetzt in meinen Gedanken bindet, irritiert, gefangen nimmt, ist wichtig. Ich will das Gefühl zu ihr, nicht zu den anderen, nur das Gefühl zu ihr verstehen, es auf die Wolke setzen, so dass es nie wieder auftaucht, so dass das Gefühl für immer verschwindet. Wenn ich eines weiß, dann, dass Liebe austauschbar ist. Alles, was die Liebe braucht, ist einen schönen und sicheren Hafen, und wenn man gerne auf Reisen geht, dann braucht die Liebe halt mehrere Häfen, aber nur solche, in denen die Liebe sicheren Einlass auch nach länger Fahrt findet. Möglicherweise ist es unverschämt, wenn unverschämt überhaupt das richtige Wort ist – wäre Zumutung das bessere Wort – laut über mein Gefühl zu einer anderen Person mit geschriebenen Worten nachzudenken. Eigentlich, denn es geht allein um mein Gefühl, ist die andere doch austauschbar, nur Stellvertreterin meines Problems, wäre ich nicht ihr begegnet, hätte nicht sie mich interessiert, begeistert, fasziniert, zum Lachen gebracht, wäre es eine andere Frau gewesen. „Die eine ist die richtige für mich.“, welch falscher Gedanke, hat doch jeder Mann und jede Frau, die dann ein Paar werden, nur die 100 Stelle hinter dem Komma aller Möglichkeiten zur Auswahl gehabt. Wollte ich mit ihr auch 13.140 Tage meines Lebens monogam leben? Nein, rette mich. Liebe, ja Liebe, als Gefallen, Anziehung, Schwingung, Vertrauen, gedankliche Nähe, Bewunderung, Faszination, Liebe immer nur für diesen einen Augenblick. Nur blöd, weil doch immer einer seinen Liebespartner gegen seinen Wunsch aufgeben muss – egal, ob nach einem Tag oder einem Jahr- immer verliert einer die Gegenleistung für seine Bereitschaft und Freude, für seine bereite Freude, dem anderen zu geben, den anderen zu lieben. Und doch ist alles Tun zwischen Mann und Frau immer nur das Vorspiel, die Einleitung, die Hinführung auf den finalen Akt, die totale Hingabe im Bewusstsein der totalen Hingabe auch des anderen, auch wenn die geteilte Sexualität nicht das bindende Element der Beziehung ist, wenn die Sexualität, die Freude am vollendeten Körper, am vollendeten Geist, am vollendeten Wesen nicht wichtig ist. Wenn Sexualität nicht der Klebstoff einer Beziehung zwischen Mann und Frau ist, dann kann es einen anderen geben, aber er hat nur dann die Kraft nährender Sexualität, wenn beiden die Sexualität nicht wichtig ist oder aber beide sexuell, so wie ich Sexualität verstehe, genährt sind. Ist es mir gelungen, das Gefühl auf die Wolke zu setzen? Noch nicht, der Weg zu den Wolken ist weit. Nehmen indem ich gebe. Vielleicht ist das die Lösung?

Gewächshaus
Ich war mir sicher, dass ich mich bei meinem dritten Retreat nicht das dritte Mal in eine falsche Liebe verirren würde. Ich bin mir auch weiterhin sicher, dass ich in den vergangenen sechs Jahren an Stärke, an Ruhe und innerer verspielter Gelassenheit gewonnen habe, um mich nicht erneut diesem Gefühl überlassen zu müssen. Gefühle kann ich nicht verstehen oder mir erklären lassen, ich kann sie nur verstehen und mir erklären, wenn ich fühle, beobachte und festhalte, was gerade ist. Gerade ist, dass ich jetzt zweimal über sie nachgedacht habe, und dass ich, anders als bei all den anderen Frauen und Männern hier im Retreat, mit denen ich in den spontanen, direkten Dialog gegangen bin, wenn sie mich interessierten, bei ihr in den inneren Dialog gegangen bin. Ich hatte mein Interesse an ihr zurück gestellt, in die Warteschleife geschoben, ins Gewächshaus gestellt. Es mag sein, dass ich den ehrlichen Austausch mit ihr bislang gemieden habe, weil sie vor sechs Monaten ihren Lebensgefährten durch einen plötzlichen Tod verloren hatte, weil sein Herzklappenverschluss nicht rechtzeitig erkannt wurde, es mag sein, dass ihr großer Busen, der fast ein wenig unverhältnismäßig zum ansonsten doch eher sehr schlanken Körper ist, meine Blicke lenkte und meine Bereitschaft zum Austausch lähmte. Es mag sein, dass ihre Bildung und der strukturierte Umgang mit dem erlittenen Verlust mein Interesse finden. Vermutlich aber wird es so sein, dass meine Angst, die ich bislang so oft als Entschuldigung für meinen Rückzug in den inneren Dialog anführte, noch einmal ihre Berechtigung einfordert. Wichtig, weil entscheidend, wichtig, weil ich mein altes Muster, dass mich so oft einnahm, ergriff, packte, wehrlos und abhängig machte, an dem ich, bezogen auf diese eine Frau, noch immer leide, in seiner Entstehung begleiten darf und jetzt die richtige Reaktion auf mein Verhalten und Denken einleiten darf. Eine Frau gewinnt an unangemessener Bedeutung, an übertriebener Wichtigkeit, an scheinbar unwiderstehlichen Reizen, an anziehender Kraft, an einer mir überlegenden Stärke und Größe, wenn ich über sie nachdenke, anstatt mit ihr zu reden. Und jeder kleine Gedanke, jeder Impuls der unausgesprochen bleibt, der nicht meine Adressatin findet, der nicht die Quelle ihrer Entstehung findet, der von mir zurückgehalten wird, der ins Gewächshaus abgeschoben wird, verstärkt das Ungleichgewicht, verstärkt den Mangel. Und wenn die berühmte Schauspielerin sagte, der Mann schlafe mit ihr als Schauspielerin ein und erwache mit ihr als Frau, dann wird deutlich, wie groß die Kluft werden kann zwischen der Wirklichkeit und wahrer Bedeutung. Eine Frau hat immer nur die Bedeutung, die Anziehung, die Macht, die ich ihr gebe. Will ich verhindern, dass sie übermäßige Bedeutung, Anziehung und damit Macht über mich gewinnt, muss ich bereits bei der Vermutung von Anziehung und Bedeutung handeln, um nicht sehr schnell der Vorstellung des inneren Dialogs zu erliegen. Das Leben ist zu kurz für falsches Denken. Das Leben hat das Recht gelebt zu werden, nicht gedacht zu werden

Wenn du mit einem reinen Geist sprichst und handelst, dann folgt dir das Glück wie ein Schatten, der dich nie verlässt. Buddha

Tu, was dir gut tut. Meine Tochter

Machen Sie etwas Gutes aus der Gegenwart, und die Zukunft wird ganz automatisch gut werden. S.N. Goenka