Traumberuf

Übung 1
Drei Dinge, die mir als Kind Freude gemacht haben?

Meine Großeltern besaßen einen Zweiradladen, die zwei Verkaufsräume lagen direkt neben der Küche; die Werkstatt war unten im Hof. In der Küche saßen die Vertreter, an jedem Tag ein anderer, oft zur Mittagszeit, oft aßen sie mit, fast immer gab es Fleisch, Soße, Kartoffeln, grünen Salat oder Erbsen. Lecker waren die Hähnchen, die mein Opa manchmal am Abend, nach seiner Arbeit in der Werkstatt und nachdem er sich seine schwarzen Hände mit Reinol gewaschen hatte, grillte. Lecker waren auch die Heringe, die meine Oma – nach einer Angeltour auf der Nordsee – in großer Zahl briet. Damals mochte ich auch noch das Kaninchen mit Apfelmus, das es an Weihnachten gab und vorher von meinem Opa im Keller enthäutet worden war. Und was machte mir Freude? Der kleine langsame Flitzer mit dem Mofa-Motor, den mein Onkel zusammengebaut hatte, die Fahrt mit dem Trecker über den Hof, und immer wieder Fußball, auf der Wiese vor dem Haus, neben der Tankstelle, auf dem Bolzplatz in der Nähe der Tankstelle, auf der Stoppelwiese vor der Reihe der zweigeschossigen Mietshäuser in der Nachbarschaft, auf dem roten Ascheplatz des Sportvereins, auf dem grünen Rasen der ehemaligen Vereinsanlage. Ich erinnere mich an die Legosteine in dem kleinen Raum der Tankstelle, in dem all die Dinge verwahrt wurden, die in den anderen Räumen der Tankstelle keinen Platz fanden. Ich sehe mich in dem kleinen engen Raum, sehe die Kiste mit den Legosteinen neben mir auf der Bank, erinnere mich an das Fenster, das fehlte. Ich baute fast nur Häuser. Ich saß alleine in dem Raum, vielleicht kam meine Mutter einmal kurz herein, um nach mir zu schauen, um danach den nächsten Wagen zu betanken, den Ölstand zu prüfen und die Windschutzscheiben zu putzen, während mein Vater die Reifen auf die Autofelgen zog, die Reifen montierte oder unter dem Wagen, der auf der Hebebühne stand, das Öl wechselte oder aber die Fahrzeuge mit den Händen wusch, bis irgendwann die Waschanlage die Handwäsche übernahm. Es gab den Sandhaufen neben der Werkstatt, auf dem ich mit meinen Autos über die von mir angelegten Straßen fuhr. Mein Opa zeigte mir, wie man einen Fahrradschlauch flickte. Ich sehe noch heute, wie er den Schlauch an der Werkstatttür zum Trocknen aufhing. Er verstarb, als ich noch ein kleiner Junge war. Ich liebte die Krimis, die schon damals am Vorabend im ersten Programm liefen, ich liebte die Spannung, wenn ich mich hinter dem Sessel versteckte, weil ich die Gefahr in der sich die Hauptdarsteller befanden, nicht ansehen konnte: „Gestatten, mein Name ist Cox“, eine Detektivserie mit Günther Pfitzmann, „Die Gentlemen bitten zur Kasse“, ein Dreiteiler mit Horst Tappert. Ich mochte den Duft der Zigarre, von der ich manchmal einen Zug nehmen durfte. Ich saß auf dem Küchenstuhl neben der Tür zum Flur, als meine Mutter mir sagte: „Opa ist heute Nacht gestorben.“
Auch der Vater meines Vaters verstarb jung, er war Bergmann und arbeitete unter Tage. Die Mutter meines Vaters, meine Oma, war eine knuddelige Frau, wir sahen sie nicht oft, zu Weihnachten, an Ostern, zu Geburtstagen, und immer wenn ein Schwein geschlachtet worden war, ein Festschmaus für alle. Wenn sie uns begrüßte, ergriff sie unser Gesicht mit beiden Händen und setzte einen dicken Schmatzer ins Gesicht. Mein Cousin hatte ein kleines Akkordeon. Weil es mir gefiel, bekam auch ich ein kleines Tastenakkordeon. Als mein lieber Vater schon älter war, beschenkte er sich selbst mit einem Akkordeon und einer Trompete, auf der er dann fleißig übte. Der Unterricht, der folgte, war mühsam. Mein zweiter Lehrer war ein Unikat, er tauchte aus dem Nichts in unserem Ort auf, fast stetig Zigarre rauchend fand er innerhalb weniger Monate so viele Schüler, dass er ein Orchester formte und einmal im Jahr seine Schüler und deren Eltern zum Vorspiel einlud, zu dem ich bei meinem ersten und einzigen Auftritt das Lied „Auf der Reeperbahn nachts um Halbeins“ spielte und dazu sang. Ich wollte singen. Es war mein Wunsch.

Übung 2
Ich denke an Personen, die ich beneide und erstelle eine Liste der Dinge, die ich an deren Leben beneide. Ich male mir aus, wie mein Leben aussehen würde, wenn ich über diese von mir beneideten Dinge verfügen würde und überlege mir die ersten Schritte, die ich unternehmen könnte um sie zu verwirklichen.

An wen erinnere ich mich, wenn ich an die die ersten Jahre meines Lebens bis zur Grundschulzeit denke; die Jahre, in denen das Fundament meines Lebens gelegt wurde? Und mit welchem dieser Menschen verbinde ich das Gefühl von Neid? „Es gibt da ein Bild des wahren Selbst in uns, das nur darauf wartet, aus neidischen Impulsen zusammengesetzt zu werden.“ (Alain de Botton, Traumjob) Und ist es denn überhaupt möglich, mich nach einem langen Leben an ein neidisches Gefühl aus den Anfängen meines Lebens zu erinnern? Und sollte nicht meine Scham mich davon abhalten, dieses negative Gefühl öffentlich zu äußern, könnten doch die Menschen über mich lachen? Nein. Würde ich mich meiner neidischen Impulse wegen schämen, riskierte ich, ein mir gerechtes Leben nicht zu erreichen. „Statt unseren Neid zu unterdrücken, sollten wir jede Anstrengung unternehmen, ihn zu analysieren.“ (Alain de Botton, Traumjob) Der Duden definiert Neid als eine Haltung, bei der ich einem andern dessen Besitz oder Erfolg nicht gönne oder selbst haben möchte.

Übung 3
Warum ich meine Arbeit liebe?

Ist es die …
Freude am Geldverdienen
Freude an der Schönheit
Freude an kreativer Gestaltung
Freude am besseren Verstehen
Freude am Selbstausdruck
Freude an der Unabhängigkeit
Freude an der Technik
Freude, anderen zu helfen
Freude an Führungsaufgaben
Freude am Lehren
Freude an der Ordnung
Freude an der Natur?

Übung 4
Es gibt zwei Entscheidungen, die ich vor langer Zeit am Anfang meines Lebens traf, die mein heutiges Leben bestimmen, die möglicherweise falsch waren, da ich sowohl meine Mitgliedschaft in der Kammer der Rechtsanwälte vor ein paar Wochen beendet habe als auch vor ein paar Jahren aus der Ehe schied.

Auch wenn die Entscheidungen möglicherweise falsch waren, so kann ich doch aus Ihnen lernen, da ich von meinem Berufsziel nie abließ und erst nach mehr als 30 Ehejahren aus dem Haus und damit wohl auch aus der Ehe auszog. Welche Gründe hatten mich bewogen, den Beruf des Anwalts und Frau XY als Ehefrau zu wählen?
Warum fasste ich als 19-Jähriger den Entschluss, Anwalt zu werden? Wenn ich mich recht erinnere, wusste ich von der Arbeit, die ein Anwalt macht, nicht viel, ich kannte nicht einen einzigen Anwalt, ich hatte nie mit einem Anwalt gesprochen, und ob damals schon die Anwaltsserien populär waren, erinnere ich auch nicht. Was hätte mich also motivieren können, diesen Beruf zu wählen. Ich erinnere mich an die Aussage, dass das Studium der Rechtswissenschaften Grundlage für eine schier unbegrenzte Zahl von Berufsfeldern sein könne: Verwaltung, Versicherung, Banken, Rechtsabteilung größerer Firmen, Justiz. Aber ich wusste, dass ich weder in der Verwaltung irgendeiner Behörde, bei einer Versicherung oder Bank, noch in einer Rechtsabteilung einer Firma, noch als Staatsanwalt oder Richter oder als Professor für irgendeine Art von Recht arbeiten wollte. Ich wollte Anwalt werden, ohne als Anwalt zu arbeiten, einfach nur Anwalt sein. Vielleicht ähnlich dem Wunsch, das Sportabzeichen zu erlangen, und zwar das goldene Sportabzeichen. Ich wollte wohl einfach nur den Beweis erbringen, dass ich es schaffen kann. Ich wollte Anwalt werden, um Anwalt zu sein.
Aber warum wollte ich Anwalt sein? Warum war ich bereit, mich durch diesen riesigen Berg von Vorschriften, Gesetzestexten, Anwendungsregeln und Prüfungen zu quälen? Gründe waren die damalige gesellschaftliche Anerkennung und Achtung des Anwaltsberufs, das Desinteresse an jedem anderen Studiengang, der Glaube, dass nur ein Studium die Voraussetzung böte, die Möglichkeiten des Lebens, auch seine materiellen Möglichkeiten voll auszuschöpfen, die Selbstbestimmtheit und Unabhängigkeit des Berufs, die Lust am Wettstreit, die Lust am Gewinnen und ein schön gestalteter Arbeitsplatz, der Schreibtisch, der Stuhl, der Boden, die Regale, die Bücher, der Blick aus dem Fenster, die Bilder an den Wãnden, die Zigarette.

„Fixierungen tauchen natürlich nicht nur im Zusammenhang mit der Berufsfindung auf. Auch in Beziehungen können wir uns auf einen bestimmten Menschen fixieren, den wir lieben und bewundern, so dass wir nicht aufhören können, um ihn zu kreisen – selbst wenn er kein Interesse zeigt, uns schäbig behandelt, oder wenn sich herausstellt, dass man sich nicht auf ihn verlassen kann. Trotz dieser schlechten Behandlungen reden wir uns ein, dass wir uns einfach kein Leben ohne diese ach so einzigartige Person vorstellen können. Um uns von solch einer Fixierung zu lösen, bedeutet nicht, uns einzureden, dass wir diesen Menschen nicht mögen oder versuchen sollten, zu vergessen, wie stark er uns fasziniert. Es bedeutet vielmehr, dass wir uns ganz ernsthaft und eingehend damit beschäftigen sollten, worauf diese Faszination beruhen könnte – um dann einzusehen, dass sich die von uns so sehr bewunderten Qualitäten auch bei anderen Menschen finden lassen, die nicht diese Probleme haben, die eine erfüllende Beziehung derzeit unmöglich machen. Die sorgfältige Erkundung dessen, was wir an jemandem lieben, zeigt uns – auf paradoxe, aber auch sehr befreiende Weiße-, dass wir tatsächlich auch jemand anderen lieben könnten. Zu verstehen, was wir mögen, was uns Freude bereitet, ist daher ein wesentlicher Schritt, uns von unseren Fixierungen zu lösen. Wenn wir unsere Bindung an bestimmte Eigenschaften verstärken, schwächen wir gleichzeitig unsere Bindung an bestimmte Personen oder Berufe. Wir begreifen dann, was genau wir an einem bestimmten Job so attraktiv finden, und können Qualitäten identifizieren, die sich auch in anderen Arbeitsfeldern finden lassen. Tatsächlich lieben wir nicht nur diesen einen Job, sondern eine ganze Reihe von Eigenschaften, die wir hier eben zuerst entdeckt haben, weil dieser Beruf normalerweise das auffälligste Beispiel dafür ist.“ Alain de Botton, Traumjob – Von der Berufung zum Beruf, Süddeutsche Zeitung Edition 2018, S. 69/70.
Und warum wählte ich mit 21 Jahren Frau XY als Ehefrau? Frau XY hatte positive Eigenschaften, vielleicht hatte sie auch negative Eigenschaften. Aber ist es mir und jedem anderen Menschen möglich, sich an die aus eigener Wertung positiven Eigenschaften einer jungen Frau zu erinnern – auch wenn es nur positive und keine negativen Eigenschaften gab-, wenn sich das eigene Leben dem Ende nähert und eine Scheidung die Sicht auf die Vergangenheit wahrscheinlich verändert hat. Wenn also die Sicht auf die vergangene Beziehung getrübt ist, vielleicht genügen dann die Gründe, die ich heute voraussetzen würde, um mit einer Frau die Ehe zu schließen, um mich sodann in meiner ganzen Person und in all meinen Bedürfnissen zu verstehen, um schließlich zu der klärenden Einsicht zu gelangen, dass mein Glück weder von einem einzigen Beruf noch von einer einzigen Frau abhängen.

Weiter zu Werbung