“Alle meine Songs sind Selbsttherapie – wirklich alle. (…) Alle (…) handeln von der Liebe, die wir fühlen, der Liebe, die wir vermissen, der Liebe, die wir machen, und der Liebe, auf die wir hoffen.” Julian Lennon in ZEIT MAGAZIN, 8.9.2022
Ich war sechs oder sieben, als meine Eltern mir ein Akkordeon schenkten. Mein Lehrer, Herr Schwärmer, war Küster und Organist der Katholischen Kirchengemeinde. Mit seinem linken Fuß gab er die Zählzeiten 1 bis 4 an. Wie aus dem Nichts tauchte ein zweiter Lehrer auf. Herr Becker betrat das Wohnzimmer mit brennender Zigarre, die während der Unterrichtsstunde nicht ausging.(…) Ich war 17, als Freunde aus der Nachbarschaft mich fragten, ob ich Lust hätte, die Bassgitarre zu erlernen, um sie sodann in ihrer Tanzkapelle zu spielen. Ich hatte Lust und so spielten wir ein paar Jahre auf Vereins- und Familienfesten, Klaus am Schlagzeug, Erwin an der Orgel, Peter und Norbert an der Gitarre. Die Boxen, Verstärker und Instrumente wurden in den Anhänger meines Onkels geladen, gezogen von Klaus rotem GTI. Vor Ort ausladen, aufbauen, die Gage kassieren und manchmal auf dem Rückweg beim Bäcker vorbei, um die ersten frischen Brötchen des Tages fürs Frühstück zu kaufen. Jahrzehnte später setzte ich mich an ein kleines Keyboard; das erste eigene Lied war entstanden. Jedes Lied erinnert mich an Augenblicke meines Lebens. (…) Erwin traf ich das letzte Mal aus Anlass der Beerdigung seiner Mutter, zu Zeiten staatlich verordneten Abstands, nur eine stille Beileidsbekundung, nicht die Zeit, sich auszutauschen. Ich weiß nicht, ob er seinen Jugendtraum, ein Haus an der Atlantikküste Portugals, je realisierte. Peter, der Älteste unter uns, hatte, während Erwin und Klaus ihr Studium aufgenommen hatten, Norbert und ich noch in der Oberstufe festsaßen, schon eine Ausbildung bei der Sparkasse abgeschlossen. Peter konnte gut singen, sein “A whiter shade of pale” bleibt mir in Erinnerung. Ich traf ihn vor ein paar Jahren beim Einkauf in unserem Heimatort. Er sang jetzt im Kirchenchor; seine Ehe hatte noch immer Bestand. Norbert hatte nach dem Abitur, ebenso wie Peter, eine Ausbildung bei der Sparkasse begonnen, war dann aber nach Köln verzogen, um dort ein Lehramtsstudium aufzunehmen. Ich weiß nicht, wie sein Leben war, wie sein Leben ist. Das letzte Mal sind wir uns begegnet, als er für meine damalige Frau und mich zu unserer kirchlichen Hochzeit das “Ave Maria” auf der Trompete spielte, fehlerfrei. Klaus hatte ich das letzte Mal telefonisch erreicht, als ich 40 wurde. Er war nicht Sportlehrer sondern Steinmetz geworden. Sein Vater war verstorben, als Klaus noch minderjährig war. Wie es Klaus wohl heute geht?
