EIN SYLT-KRIMI VERÖFFENTLICHUNG DEZEMBER 2027

Kapitel 1

Gestatten, Weiler, Georg Weiler, Supervisor. Auf Sylt geboren, verlasse ich am Ende der Schulzeit die Insel, ziehe nach Münster, studiere dies und das, Philosophie, Römische Rechtsgeschichte und auch ein bisschen VWL, finde die Frau fürs Leben und gründe mit ihr eine Familie.

Vor einem Jahr endet meine Ehe. Um Abstand zu schaffen, ziehe ich zurück auf die Insel – in das Haus meiner Eltern, das seit dem Tod meiner Mutter vor zwei Jahren die meiste Zeit unbewohnt ist.

Mit Blick aufs Meer, entlang des Flutsaums, klingelt mein Handy. Das Display zeigt Ellas Namen. “Moin Georg, es hat einen Mord gegeben,” sagt Ella. “Kennst du den Toten?”, will ich wissen. “Ja, der Tote ist Hanno Caspers”, ich hole dich mit dem Wagen, wir treffen uns am Hotel Tiramar; Susanne, Gilbert und Hans sitzen schon im Auto.”

Wir hatten als Team bei einem Heimaturlaub vor fünf Jahren den Mord an einem polnischen Masseur aufgeklärt. Seit diesem Erfolg kommen wir als Team zusammen, wann immer die Ermittler bei der Klärung einem Mordes unsere Hilfe brauchen.

Während ich auf die Getränkekarte im Aushang des Tiramar schaue, höre ich das Surren des VW-Busses. Der Bus hält. Nachdem ich die Seitentüre des Busses geöffnet habe und mich auf die Rückbank setzten will, fasst Ella bereits die bisherigen Erkenntnisse für mich zusammen: “Der Tote heißt Hanno Caspers, 75. Die ersten Untersuchungen haben ergeben, dass Hanno Caspers sehr wahrscheinlich mit einem Stein erschlagen wurde. Voraussichtlicher Todeszeitpunkt war die letzte Nacht zwischen 3 und 4 Uhr. Ein Rentnerpaar aus Oberstaufen hatte den Leichnam am frühen Morgen beim Spaziergang mit ihrem Hund am Tipkenhoog entdeckt und sofort die 110 gewählt.”

Ich kenne Hanno Caspers. Er war Lehrer, hier auf Sylt, und er war auch mein Lehrer. Hanno Caspers, ein kleiner rundlicher Mann mit fast schwarzem Haar, das er mit Pomade nach hinten gekämmt trug. Er war durchweg gut gelaunt und hatte für seine Schüler stets aufmunternde, verständnisvolle Worte. Vor fünf Jahren beendete er seine Arbeit an der Schule. Er kam als Referendar und ging als Oberstudienrat. Seine Fächer waren Physik und Mathematik. Auch nach Beendigung seiner Arbeit am Gymnasium blieb er als Lehrer tätig; als Privatlehrer im Einzelunterricht, vornehmlich für Schüler wohlhabender Eltern, die in den großen, schönen Häusern leben.

Zehn Jahre nach Beginn meiner Arbeit, ich war Schauspieler am Burgtheater geworden, trat Susanne unverhofft ein zweites Mal in mein Leben, Susanne von Stoltzenburg. Susanne ist zwei Jahre jünger als ich und war in den letzten beiden Schuljahren meine beste Freundin. Am Ende ihrer Schulzeit zog sie von Sylt nach München, sie hatte sich für ein Studium der Psychologie und Biologie an der Ludwig-Maximilians-Universität entschieden, war im zweiten Semester schwanger geworden, unterbrach ihr Studium, bekam ein zweites Kind, und nahm ihr Studium erst wieder auf, als die zwei Kinder das elterliche Haus verlassen hatten. Mit dem Auszug der Kinder endete auch Susannes Ehe. Sie zog in ein kleines Appartement nach Bogenhausen und konnte Strebsamkeit und wiedererlangte Freiheit aufs Beste miteinander verbinden, um ihr Studium erfolgreich zu einem schnellen Ende zu führen.

Neben Susanne sitzt Gilbert. Gilbert Gutenberg, der Charmeur. Er war im Saarland aufgewachsen. Wir lernten uns auf einer Erstsemesterparty in Münster kennen. Ich erinnere mich an die “Zwillinge und die Blechgang”. Gilbert hatte sich für Sozialwissenschaften, Geschichte und Politik eingeschrieben und wurde später – nach langen Reisen um die Welt – Chefredakteur bei der Münsterschen Zeitung.

Während ich den Sicherheitsgurt umlege, schaue ich in die Runde: Ella, schick wie immer, Susanne in ihrem eigenen, unverwechselbaren Stil, Gilbert, der mit seiner Kleidung an den jungen James Bond erinnert, im anthrazitfarbenen Anzug mit weißem Einstecktuch, schwarzem Hemd und schwarzen Schuhen, wobei Anzug und Schuhe handgemacht sind, und Hans, Hans Meinert, der nach der Schulzeit Stationen als Surflehrer, Barmann im Roten Riff und Veranstaltungsleiter beim ISTT durchlaufen hatte, um schließlich zum Hauptkommissar aufzusteigen, sitzt, nachdem auch er mich begrüßte, schweigend auf dem Beifahrersitz. Seine Kollegin Ella, Ella Mürrmann, die nach der Schule den direkten Weg zur Polizeihauptkommissarin gewählt hatte, lenkt den Wagen hinaus nach Keitum.

Kapitel 2

„Du siehst müde aus, Georg“, sagt Ella, während sie in den Innenspiegel schaut. „Schlecht geschlafen“, erwidere ich.

Ja, auch in dieser Nacht hatte ich wieder schlecht geschlafen, wie in den meisten Nächten des letzten Jahres. Und in fast jeder dieser Nächte weckte mich auch in dieser Nacht ein Alptraum, ein Traum, in dem ich wieder und wieder die Trennung von Charlotte erleben muss. Dabei war ich es doch, der die Trennung vollzogen hatte; nach einem wiederholten Streit eine Tasche mit dem Notwendigsten packte, das Haus verließ, sich in den Wagen setzte und bei Helmut, einem ehemaligen Schulfreund, vorläufig unterkommen konnte. Als ich das Haus verließ, lagen 30 Jahre Ehe hinter mir, ich war motiviert und freute mich auf ein neues Leben. Das alte Leben, aus dem ich so oft ausbrechen wollte und immer nur bis zur nächsten Kreuzung kam, hatte ein Ende. Als ich zwei Wochen später darüber informiert wurde, das Charlotte eine neue Beziehung eingegangen war, schlug jede positive Stimmung in ihr krasses Gegenteil um. Ich war handlungsunfähig. Ich hatte Schmerzen und ich schrie. In der Rückschau scheint es mir, dass nicht ich die Trennung vollzog, sondern Charlotte. Sie hatte eine Situation geschaffen, von der sie wusste, dass ich mich dieser Situation entziehen würde; ein von ihr gelenkter Auszug. Sie wollte die Trennung, auch weil sie nicht den kleinsten Versuch unternahm, mich an meinem Auszug zu hindern. Als ich durch die Haustür ging, teilten wir eine kurze Umarmung und je eine kleine Träne. Ich habe sie seit diesem Tag nie wieder gesehen, nie wieder gesprochen.

Mir Ellas Frage, wer von uns für den Mord an Hanno Caspers einen ersten, losen Verdacht hätte, holt sie mich zurück in die Gegenwart. Hans erinnert uns an allgemeines Wissen: “Wir müssen den Gründen nachgehen, die zum Tod von Hanno führten; die Möglichkeit, dass er von der Spitze des Tipkenhoog hinunterrollte, um sich selbst nach umfassender mathematischer Berechnung das Leben zu nehmen, können wir wohl ausschließen. Was wissen wir?” Susanne, die vor zehn Jahren auf die Insel zurückgekehrt war, auch um in Kampen ein Praxis für Psychotherapie zu eröffnen, ist bestens mit dem Inselgeschehen vertraut. Sie meldet sich mit den Worten: “Hanno war alleinstehend, Kinder hatte er keine, ein älterer Bruder lebte in England, eine jüngere Schwester im Schwarzwald. Wenn er bei örtlichen Veranstaltungen wie dem Ringreiten oder Bikebrennen erschien, war er stets in Begleitung einer Frau, nicht immer derselben Frau. Nach seiner Verbeamtung vor fast 50 Jahren zog er in ein Haus in Wenningstedt, in dem er bis zur letzten Nacht lebte.”

Wir erreichen den Tipkenhoog und werden von Fiete begrüßt. Fiete war unmittelbar nach Eingang des Notrufs mit seinem Kollegen Carlo zum Tipkenhoog gefahren, um den vermeintlichen Tatort zu sichern. Zuvor hatte er noch die KTU zum Tatort bestellt. Die Gerichtsmedizinerin Frau Dr. Oesterlein traf mit uns am Tatort ein. Nach Inaugenscheinnahme des Tipkenhoog und einem Erstgespräch mit allen Anwesenden übergibt uns Fiete Schlüsselbund und Handy, die er den Hosentaschen Hannos entnommen hatte. Wieder im Wagen bringt uns Ella zu Hannos Haus. Wir passieren die Zufahrt des Martins, kommen am Friesensaal und der SB-Filiale der Sparkasse vorbei und biegen ab auf den Gurtstig. Hier fahren wir in Richtung Tante Ulla.

Susanne schaut mich an: “Es war ein schöner Abend.” Seit meiner Rückkehr auf die Insel treffen wir uns einmal im Monat. Susanne schlägt das Restaurant, die Speisen und Getränke vor, ich bezahle die Rechnung. In der Regel treffen wir uns eine Stunde vor dem Essen zu einem Spaziergang, auf dem wir die wichtigsten Ereignisse der vergangenen vier Wochen miteinander besprechen. Ich erzähle von meinem Trennungsschmerz und der Arbeit, die ich leiste, den Schmerz zu heilen; Susanne erzählt von ihrer Arbeit als Therapeutin. Selbstverständlich haben wir einander gegenseitige Verschwiegenheit zugesichert.

Und während ich an den gestrigen Abend denke, sehe ich plötzlich Hanno Caspers vor meinem inneren Auge und rufe aus: “Hört mal, ich glaube, ich habe Hanno Caspers gestern Abend bei Tante Ulla gesehen. Und ich glaube, ich erinnere mich an zumindest eine Person, mit der Hanno Caspers am großen Tisch im Nebenraum zusammensaß.” Susanne bringt sich ein: “Ella bringt mich und Georg nach Kampen in meine Praxis, und ich werde dich,Georg, wenn du zustimmst, hypnotisieren, um deine Erinnerung an den gestrigen Abend zu verstärken, und ihr, Ella und Hans, ihr fahrt nach Wenningstedt und begebt euch in Hannos Haus.” “Sehr gut,” bringt sich Hans ein,” ich habe Fiete gebeten, beim Grundbuchamt des Amtsgerichts in Niebül einen Grundbuchauszug für das Grundstück Kosetal 55 zu beantragen und bei den Sparkassen und Banken der Insel eine Auflistung aller Vermögenswerte, Kontostände und Kontobewegungen zu erfragen.

Kapitel 3