GEPLANTE VERÖFFENTLICHUNG DEZEMBER 2027

Kapitel 1

Gestatten, Weiler, Georg Weiler, Paartherapeut. Vor drei Stunden hatte mich Ella, Ella Murrmann, angerufen. Auf der Insel habe es einen Mord gegeben, sie brauche meine Hilfe und ich solle das Team zusammenrufen; es eile. Der Tote hieß Hanno Caspers, 75. Erste Untersuchungen hätten ergeben, dass Hanno Caspers sehr wahrscheinlich mit einem Findling erschlagen wurde. Voraussichtlicher Todeszeitpunkt war die letzte Nacht zwischen 3 und 4 Uhr. Ein Rentnerpaar aus Oberstaufen hatte den Leichnam am frühen Morgen in den Rantumer Dünen entdeckt und sofort die 110 gewählt.

Ich kannte Hanno Caspers. Er war Lehrer, hier auf Sylt, und er war auch mein Lehrer. Als Ella den Namen Hanno Caspers aussprach, erinnerte ich mich an die letzten Jahre meiner Schulzeit hier auf Sylt. Hanno Caspers,ein kleiner rundlicher Mann mit fast schwarzem Haar, das er mit Pomade nach hinten gekämmt trug. Er war stets gut gelaunt und hatte für seine Schüler stets aufmunternde, verständnisvolle Worte. Vor fünf Jahren beendete er seine Arbeit an der Schule. Er kam als Referendar und ging als Oberstudienrat. Seine Fächer waren Physik und Mathematik. Auch nach Beendigung seiner Arbeit am Gymnasium blieb er als Lehrer tätig; als Privatlehrer im Einzelunterricht, vornehmlich für Schüler wohlhabender Eltern, die in den großen, schönen Häusern lebten.

Mit Erwerb der Allgemeinen Hochschulreife verließ ich die Insel, zog nach Münster, nahm das Studium der Psychologie auf, ließ mich nach abgeschlossenem Studium zum Psychologischen Psychotherapeuten ausbilden und begann meine Arbeit als Therapeut in einer kleinen Praxis in Kampen.

Zehn Jahre nach meiner Praxisgründung kam Susanne, Susanne Freifrau von Stoltzenburg, zu mir in die Praxis. Der Schwerpunkt ihrer therapeutischen Arbeit waren Ängste und deren Überwindung. Susanne ist zwei Jahre jünger als ich. Während meiner zwei letzten Schuljahre waren wir ein Paar. Susanne zog am Ende ihrer Schulzeit nach München, sie hatte sich für ein Studium der Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität entschieden, war im zweiten Semester schwanger geworden, unterbrach ihr Studium, bekam ein zweites Kind, und nahm ihr Studium erst wieder auf, als die zwei Kinder das elterliche Haus verlassen hatten. Mit dem Auszug der Kinder endete auch Susannes Ehe. Sie zog in ein kleines Appartement nach Bogenhausen und konnte Strebsamkeit und wiedererlange Freiheit aufs Beste miteinander vereinbaren.

Vor drei Jahren hatte ich die Insel verlassen, um das letzte Drittel meines Lebens in Münster zu erleben.

Bereits eine Stunde nach dem Telefonat mit Ella saß ich im Zug. Wenn Ella mich rief, musste es wichtig sein, so dass alle Verpflichtungen nachrangig wurden.

Gleich zu Beginn meiner sechsstündigen Zugfahrt sagte ich alle Termine für den heutigen Tag und die laufende Woche ab. Dann rief ich Hanna, Dr. Hanna Berlin an. Hanna war die Älteste im Team. Die meiste Zeit ihres Lebens arbeitete sie als Kinderpsychologin in Kopenhagen. Als Sylter Kind hatte sie die dänische Schule in Westerland und später in Flensburg besucht.